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Schiebewurst: Mein Wort-Schatz

 

In der sowjetisch besetzten Zone gab es auf Lebensmittelkarten wie in allen anderen Besatzungszonen auch Abschnitte für Fett und Wurst. Aber die Zuteilungen waren mager, unregelmäßig und besonders im Hungerwinter eine Rarität. Aber wenn es Wurst gab, in den meisten Fällen handelte es sich um Dauerwurst, eine Art Plockwurst, war das für uns Kinder wie eine Feier.
Auf das abgeschnittene Brot wurde eine kleine Scheibe Wurst gelegt, ganz an den Anfang der Scheibe. Wir führten das Brot zum Mund, schoben mit den Lippen die Wurstscheibe ein Stück weiter, genossen den seltenen, würzigen Duft, bissen dann vom Brot ab, langsam und zögerlich, um so lange wie möglich im Wurstduft zu schwelgen, bis das Ende der Scheibe erreicht war. In die Wurst zu beißen, war dann der Kaiserbissen. Gab es Schiebewurst, war immer ein Festtag, deshalb gehört der Begriff bis heute zu meinem Wortschatz.

Bernd Januschke, Ratzeburg

1 Kommentar

  1.   Frauke Boggasch

    Große Freude, als ich die Schiebewurst unter „Mein Wortschatz“ fand – trotz des eher traurigen Anlasses dieser Wortschöpfung!
    Meine jüngere Schwester und ich (Jahrgang 1977 und 1975) haben als Kinder oft „Schiebewurst“ gespielt, nach den Erzählungen bzw. Anweisungen unseres Opas (Jahrgang 1920), der, aus dem heutigen Polen stammend, unter vielen Irrungen und Wirrungen über Berlin und den Spreewald letztendlich in Franken gelandet war. Ich erinnere mich an das gemeinsame Essen der gesamten Familie am Tisch im Garten – und meine Schwester und ich aßen jedes Brot glücklich mit Schiebewurst – zur Erheiterung aller.

 

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