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Die Zeitumstellung

 

(nach Friedrich Schiller, »Die Bürgschaft«)

Zum Winter, dem kalten Tyrannen, schlich
der Frühling, die Sonn im Gewande.
Doch sein Anschlag verlief leider im Sande.
»Was wolltest du mit der Sonne, sprich!«,
Fragt ihn gar finster der Wüterich.
»Die Welt von der Kälte befreien!«
»Das sollst du bei Hagel bereuen!«

»Ich bin«, spricht der Lenz, »zu frieren bereit,
Und flehte nicht um ein paar Tage,
Hätt ich nicht ’ne wichtige Frage …
In einigen Tagen ist es so weit,
Da wechseln die Menschen zur Sommerzeit,
Und ich muss die Uhren umstellen,
Und ihnen den Abend erhellen.
Ich lass als Garant dir die Sonne,
Schmeiß sie, wenn ich fehl, in die Tonne!«

Da lächelt der listige Winter und spricht:
»Die Zeit, die will ich dir schenken,
Da habe ich keine Bedenken.
Doch erscheinst du am Morgen bis acht Uhr nicht,
So erlebt diese Erde nie wieder das Licht,
Denn dann werd ich die Sonne vernichten
Und mit Schnee alles Leben beschichten!«

Und der Lenz spricht zur Sonne: »Verzweifele nicht,
Ich erscheine pünktlich am Morgen,
Da mach dir mal keinerlei Sorgen!«
Und derweil er zu seiner Reise aufbricht,
Erfüllt die Sonn ihre Bürgenpflicht
Und bleibt bei dem Winter, dem kalten,
Um den Menschen den Lenz zu erhalten.

Und nach einigen Tagen ist es so weit,
Und es erscheinen zum nächtlichen Feste
Herbst und Sommer als fröhliche Gäste.
Sie begrüßen voll Freude die Sommerzeit,
Denn sie sind dunkle Abende elendig leid!
Und so feiern die Freunde mit Hochgenuss,
Und der Lenz vergisst, dass zum Winter er muss,
Bis die Uhr schlägt zur achten Stunde …
Da erschallt es aus seinem Munde:
»Ach weh, ich trink auf das Morgenrot
Und bringe damit der Sonne den Tod!
Ich eile zurück, ich werde mich sputen
Und hoffe, es wendet sich alles zum Guten!«

Und der Lenz kommt zum Winter, und es ist ihm bang,
Sieht die Sonn, die am ganzen Leib zittert,
Sieht den Winter – verdutzt – ganz verbittert,
Wie er lugt um den Bettvorhang
und gähnet – heftig und lang …
»Es ist«, spricht der Winter, »erst kurz nach sieben,
Ich hoffte, du wärest länger geblieben,
Berauscht von der nächtlichen Feier,
So nimm halt die Sonn, hol’s der Geier!«

Und das Antlitz des Frühlings sich erhellt:
»Der Depp hat noch nicht die Uhr umgestellt!«
Und er schnappt sich die Sonne und rennt und rennt,
Derweil der Winter für Monate pennt …

Rotraud Hellhake, Berlin

 

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