Der süße Igel

(nach Christian Morgenstern: Das aesthetische Wiesel)

Ein Igel
saß in einem Tiegel
inmitten Schokoladenriegel.

Wisst ihr,
wozu?

Die Mondkuh
verriet es mir
im Lauten:

Das Tier saß dort
am süßen Ort
Reklame für van Houten.

Volker Unruh

 

Was mein Leben reicher macht

Säter Winter. Ich fahre zur Weide, um meine Lieblinge zu besuchen – erst die Rinder, dann die Kinder, wie meine Tochter einst durchaus versändnisvoll bemerkte – , die eine oder andere langhaarige Schönheit vielleicht zu kämmen, den mir entgegen gereckten Hals zu kraulen. Die Kuhkulleraugen sind dabei voll Wonne weggedreht und sehen nicht den finster bewölkten Himmel. Doch eh ich so recht loslege mit der Highland-Pflege sehe ich das Wunder aus der etwas abseits liegenden Gefährtin: ein frisch geborenes Kalb, noch feucht und klebrig in der Nähe der wärmenden Mutter. Hinrennen, ja -fliegen, nach dem Geschlecht sehen, gleich anfangen, einen Namen zu ergrübeln, ach, welch eine Freude, welcher Jubel in mir!

Und abends der Begrüßungswhisky, einer für einen Bullen, zwei für ein Rind. Geschlechtergerechtigkeit gibt es auch hier nicht, auf meiner Weide in den Düsseldorfer Highlands.

Dr. Annemarie Neumann-Kleinpaul, Düsseldorf

 

Was mein Leben reicher macht

In einem ambulanten Hospizdienst begleite ich Menschen und deren Angehörige auf ihrem letzten Weg. Die Wegstrecken sind unterschiedlich lang, es wird gesprochen, geschwiegen, geweint und auch gelacht. Ein junger Mensch nimmt mit beeindruckender Gefasstheit Abschied, und beim Sterben einer Mutter mit kleinen Kindern bleibt tiefe Trauer im Raum. All die Dinge, die ein Menschenleben ausmachen, können geschehen. Daran Anteil nehmen zu dürfen, das macht mein Leben reicher.
Anne Stoess, Karlsruhe

 

Winterspaziergang

Noch längst nicht befreit sind Strom und Bäche
Vom Eise durch holden Frühlingsblick;
Denn Kälte trübt das Hoffnungsglück.
Noch zeigt der Winter keine Schwäche,
Zieht sich auch nicht aus der Heide zurück.
Noch glänzt es weiß auf den Feldern nur,
Noch sind die Wege voll glatten Eises
Und nichts ist zu sehen von grünender Flur.
All unsre Bildung, all unser Streben
Lässt sich noch nicht mit Farben beleben.
Ich zieh mich zurück in mein Revier
Und mache diese Parodie dafür.

– nach Johann Wolfgang von Goethe, Faust I, »Osterspaziergang« –

Horst Mantzel, Suhlendorf, Lüneburger Heide

 

Liebe Nofretete,

© JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

vor zwei Wochen fragte an dieser Stelle ein Leser den ägyptischen Minister für die Altertümer, ob er nicht froh sei, dass Ihr wunderbares Abbild noch immer in Berlin sei. Hinter Panzerglas! Ich aber meine, dass es nach Ägypten gehört, und ich wünsche den Rückgabeforderungen des Ministers Hawass viel Erfolg. Ich bin sicher, dass er und das ägyptische Volk wissen, wo sie Sie am besten ausstellen werden. Wer einen Diktator friedlich in die Knie zwingt, weiß auch, wie man eine schöne Königin schützt!

Michael Swienty, Velbert

 

Was mein Leben reicher macht

Im Hochatlas Marokkos haben wir vor fast zwei Jahren einen Kindergarten für rund 25 Berber-Kinder errichtet. Die sechsjährige Naima sagte kuürzlich: »Ich moöchte, dass ihr bei mir bleibt, bis ich alt bin!« Das hat uns sehr geruührt und gab uns Kraft für die weitere Arbeit. Wir sind naämlich beide schon 72.
Helga und Jürgen Münstermann, Marrakesch

 

Wiedergefunden: Die Mann-Novellen

Als ich zwölf Jahre alt war, 1949, schenkte mir mein Großvater das Büchlein Ab- rechnungen – sieben Novellen von Hein- rich Mann. Wenige Jahre später floh ich mit meinen Eltern aus der DDR. Unser Hausstand blieb in Markkleeberg bei Leip- zig und fiel dem Staat anheim. 1993 – ich war längst verheiratet – bat meine Schwes- ter meinen Mann, ihr bei der Suche nach einem ländlichen Anwesen zu helfen. Im Angebot war unter anderem ein Bauernhof in Bellings, Hessen. Beim Gespräch mit dem Eigentümer entdeckte mein Mann einen Berg alter Bücher, die verbrannt wer- den sollten. Mein Mann fand das unmöglich und erbat sich die Bücher. Wieder gingen einige Jahre ins Land, bis wir dazu
kamen, die neuen alten Bücher einzusortieren. Und da fand ich jenes grün gebundene Bändchen, das mich an meine Kindheit erinnerte. Was für eine Überraschung, als ich sogar meinen handschriftlichen Eintrag fand, der das Büchlein als mein Eigentum auswies. Es ist ein Rätsel geblieben, wie das Buch von Markkleeberg auf diesen hessischen Bauernhof gelangen konnte.
Christel Breustedt, Neuberg, Hessen

 

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Wolfgang Lechner
Redakteur ZEIT der Leser

Frida Thurm
Redakteurin ZEIT-der-Leser-Blog