{"id":16194,"date":"2013-05-01T15:50:12","date_gmt":"2013-05-01T13:50:12","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/zeitmagazin\/?p=16194"},"modified":"2013-05-01T16:18:37","modified_gmt":"2013-05-01T14:18:37","slug":"mut-burger-und-die-kunst-des-neuen-demonstrierens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/zeitmagazin\/2013\/05\/01\/mut-burger-und-die-kunst-des-neuen-demonstrierens\/","title":{"rendered":"\u201eMut B\u00fcrger und die Kunst des neuen Demonstrierens\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-16198\" alt=\"FlorianKesslerBL4A1878(c)JulianeHenrich\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/zeitmagazin\/files\/2013\/04\/FlorianKesslerBL4A1878cJulianeHenrich.jpeg\" width=\"540\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/zeitmagazin\/files\/2013\/04\/FlorianKesslerBL4A1878cJulianeHenrich.jpeg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/zeitmagazin\/files\/2013\/04\/FlorianKesslerBL4A1878cJulianeHenrich-126x84.jpeg 126w, https:\/\/blog.zeit.de\/zeitmagazin\/files\/2013\/04\/FlorianKesslerBL4A1878cJulianeHenrich-220x146.jpeg 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">( c) Juliane Henrich<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1. Mai, traditionell der Tag der Arbeit \u2013 und des Protests. Der Journalist Florian Kessler, geboren 1981 in Heidelberg, hat sich mit der Protestkultur der Republik besch\u00e4ftigt und ein Buch dar\u00fcber geschrieben. \u201eMut B\u00fcrger. Die Kunst des neuen Demonstrierens\u201c, ist in diesem Fr\u00fchjahr bei Hanser Berlin erschienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>ZEITmagazin<\/b>: <b>Im Buchtitel sprechen Sie vom \u201eneuen Demonstrieren\u201c. Was soll denn neu am derzeitigen Demonstrieren sein?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Florian Kessler:<\/b> Klar, Proteste hat es schon immer gegeben. Mit den Massenprotesten auf dem Tahrir-Platz in Kairo, dem Aufkommen der Occupy-Bewegung oder auch dem Kampf gegen \u201eStuttgart 21\u201c sind sie in den letzten Jahren aber sehr auff\u00e4llig in die allgemeine Diskussion zur\u00fcckgekehrt. In meinem Buch vollziehe ich eine Vermutung des Internet-Theoretikers Clay Shirky nach, die besagt, dass das unter anderem an den sozialen M\u00f6glichkeiten der Netzkultur liegt: Durch das Internet kann jeder sehr einfach Gruppen bilden und zusammenhalten. Fr\u00fcher konnten das nur etablierte Organisationen, heute dagegen ist der Aufwand f\u00fcr die Selbstorganisation von Engagement \u00e4u\u00dferst gering. Das Internet erh\u00f6ht also die M\u00f6glichkeit, selbst\u00e4ndig zu protestieren \u2013 und genau diese M\u00f6glichkeit nutzen immer mehr Menschen.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>ZEITmagazin:<\/b> \u00a0<b>Und was ist die Kunst des neuen Demonstrierens?<\/b>\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Florian Kessler:<\/b> \u00a0Wer protestiert, der k\u00e4mpft um Aufmerksamkeit \u2013 um Aufmerksamkeit f\u00fcr Anliegen, die anders von der Politik nicht bearbeitet w\u00fcrden. Jede auf den ersten Blick noch so simple Stra\u00dfendemo zerf\u00e4llt beim genaueren Hinschauen in unz\u00e4hlige Techniken, mit denen Aufmerksamkeit erlangt werden soll. F\u00fcr mein Buch bin ich einmal quer durch die deutsche Protestlandschaft gereist, unter anderem war ich in den Occupy-Camps wie in Frankfurt vor der Europ\u00e4ischen Zentralbank. Eine solche Idee, inmitten der St\u00e4dte \u00f6ffentliche Pl\u00e4tze dauerhaft zu besetzen, hat es so fr\u00fcher nicht gegeben. Diese Zeltst\u00e4dte beispielsweise waren ein ganz neuer Kunstgriff.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>ZEITmagazin:<\/b> <b>Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Sachbuch \u00fcber Protestformen zu schreiben?\u00a0 <\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Florian Kessler:<\/b> Ich finde, dass die Ver\u00e4nderungen unserer Gesellschaft meistens viel zu pessimistisch beschrieben werden. Schon alleine dieses st\u00e4ndig gebrauchte Schimpfwort von den \u201eWutb\u00fcrgern\u201c, die angeblich verstockt und egoistisch nur f\u00fcr ihre eigenen Anliegen protestieren! Ich wollte mir einen anderen Blick auf die neue Demonstrationskultur verschaffen. Nat\u00fcrlich gibt es auch egoistische Anliegen, und ebenso auch undemokratische, reaktion\u00e4re, fundamentalistische Proteste. In ihrer Mehrheit aber stimmt mich pers\u00f6nlich die aktuelle Bereitschaft vieler Menschen zu Engagement und Protest optimistisch: Die Menschen wollen mitsprechen und k\u00f6nnen mitsprechen. Sieht man sich die Mehrzahl derzeitiger Proteste an, ergibt sich daraus eine positive, mutmachende Geschichte \u00fcber unsere Zivilgesellschaft.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>ZEITmagazin: Was war Ihre erste Demonstration?\u00a0 <\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Florian Kessler:<\/b> Ich denke mal, im Wickeltuch bin ich nirgendwo mitgetragen worden. Aber meine Eltern haben durchaus so eine Art 68er-Programm mitgemacht, von den Studentendemos bis zu den Protesten gegen den Nato-Raketenbeschluss. Das habe ich nat\u00fcrlich mitbekommen, ich kann mich noch erinnern, wie wir in den achtziger Jahren zuhause Transparente gegen ein monstr\u00f6ses Infrastruktur-Projekt gemalt haben. Wenn ich mir jetzt heute die vielen unterschiedlichen demokratischen Proteste in Deutschland angucke, dann sehe ich, dass l\u00e4ngst nicht mehr nur eine einzige Generation wie die 68er protestiert, sondern viele unterschiedliche Altersstufen und Milieus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>ZEITmagazin:<\/b> <b>T\u00e4glich geistern diverse Aufforderungen, Petitionen zu unterschreiben, durch die sozialen Netzwerke. Was ist der Unterschied zwischen Pr\u00e4senzzeigen auf der Stra\u00dfe und dem Unterschreiben von Online-Petitionen?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Florian Kessler:<\/b> Ich w\u00fcrde weder die Stra\u00dfe noch das Internet vom ganz normalen Leben trennen, wir alle halten uns doch dort \u00fcberall ganz selbstverst\u00e4ndlich auf. Es ist logisch, dass sowohl im Netz als auch auf der Stra\u00dfe protestiert wird \u2013 und dass das Internet, wenn man das will, vor allem zum Austausch von Informationen und zur Mobilisierung genutzt werden kann. Eine wichtige Erkenntnis der letzten Jahre war allerdings, dass Onlineproteste alleine nicht unbedingt gro\u00dfe Ver\u00e4nderungen hervorrufen. Sichtbarkeit im Raum der St\u00e4dte ist zentral &#8211; das hat das Protestjahr 2011 mit seinen weltweit riesigen Demonstrationen und Platzbesetzungen sehr deutlich gezeigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>ZEITmagazin<\/b>: <b>Angesichts der Vielzahl von Petitionen und Demonstrationsaufforderungen: Wie wei\u00df man, f\u00fcr was es sich zu Demonstrieren lohnt?<\/b>\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Florian Kessler:<\/b>\u00a0 Ich finde, dass man eine Vielzahl von M\u00f6glichkeiten nicht als Belastung betrachten sollte. Der Soziologe Niklas Luhmann hat einmal gesagt, dass die Kritik von Protestgruppen wie ein \u201eImmunsystem\u201c der Gesellschaft funktioniere, das reagiert, wenn aufkommende Probleme ignoriert werden. In einer Demokratie ist es v\u00f6llig in Ordnung, sich f\u00fcr die Ziele einzusetzen, die man selbst unmittelbar wichtig findet. Ohne die kritische Meinung aufmerksamer B\u00fcrger zu zahllosen verschiedenen Einzelfragen w\u00fcrden sich Politik und Wirtschaft noch weiter verselbst\u00e4ndigen, als sie das ohnehin schon tun. Schon alleine deshalb sind m\u00f6glichst viele verschiedene Petitionen und Demonstrationen ein produktives Element f\u00fcr die gesamte Gesellschaft.\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>ZEITmagazin:<\/b> <strong>H<\/strong><b>eute ist der 1. Mai, seit den Arbeiter-Kundgebungen Ende des 19. Jahrhunderts traditionell ein Tag, auf die Stra\u00dfe zu gehen. Doch mit \u00fcber 20 angemeldeten gro\u00dfen Veranstaltungen alleine in Berlin ist der 1. Mai l\u00e4ngst auch un\u00fcbersichtlich geworden. Auf welche 1.Mai-Demonstration lohnt es sich, zu gehen?\u00a0 <\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Florian Kessler:<\/b> Das muss im Rahmen des Grundgesetzes wirklich jeder f\u00fcr sich selbst entscheiden, das ist Demokratie. Ich pers\u00f6nlich allerdings werde auf jeden Fall bei den Gegendemonstrationen gegen den demokratiefeindlichen, rassistischen Aufmarsch der NPD in Berlin-Sch\u00f6neweide mitmachen \u2013 wie hoffentlich auch viele tausende andere Berliner.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>( c) Juliane Henrich 1. Mai, traditionell der Tag der Arbeit \u2013 und des Protests. Der Journalist Florian Kessler, geboren 1981 in Heidelberg, hat sich mit der Protestkultur der Republik besch\u00e4ftigt und ein Buch dar\u00fcber geschrieben. \u201eMut B\u00fcrger. Die Kunst des neuen Demonstrierens\u201c, ist in diesem Fr\u00fchjahr bei Hanser Berlin erschienen. 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