{"id":3905,"date":"2011-04-21T12:30:27","date_gmt":"2011-04-21T10:30:27","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/zeitmagazin\/?p=3905"},"modified":"2011-04-20T14:59:40","modified_gmt":"2011-04-20T12:59:40","slug":"der-letzte-mad-man","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/zeitmagazin\/2011\/04\/21\/der-letzte-mad-man\/","title":{"rendered":"Der letzte Mad Man"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_3928\" aria-describedby=\"caption-attachment-3928\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-3928\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/zeitmagazin\/files\/2011\/04\/Jerry-dell-Femina.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"406\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/zeitmagazin\/files\/2011\/04\/Jerry-dell-Femina.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/zeitmagazin\/files\/2011\/04\/Jerry-dell-Femina-111x84.jpg 111w, https:\/\/blog.zeit.de\/zeitmagazin\/files\/2011\/04\/Jerry-dell-Femina-220x165.jpg 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3928\" class=\"wp-caption-text\">(c) Privat<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Jerry della Femina\u00a074, eine Ikone der Werbebranche, leitet seit den fr\u00fchen 60er Jahren eine erfolgreiche Agentur in New York City. 1970 plauderte er in seinem Buch, \u201eFrom Those Wonderful Folks Who Gave You Pearl Harbor\u201c, erstmals \u00fcber das freiz\u00fcgiges Leben in der Werbewelt, zwischen Sex, Martinis und teuren Restaurants. Sp\u00e4ter inspirierten diese Erz\u00e4hlungen die Sch\u00f6pfer der <a href=\"http:\/\/www.amctv.com\/shows\/mad-men\" target=\"_blank\">Kult-Serie Mad Men<\/a>. K\u00fcrzlich erschien das Buch unter dem Titel \u201e<a href=\"http:\/\/www.berlinverlage.com\/bucher\/bucherDetails.asp?isbn=9783833307690\" target=\"_blank\">Der Letzte Mad Man<\/a>\u201c erneut und ist jetzt auch in Deutschland erh\u00e4ltlich. Della Femina leitet seine Agentur Della Femina Rothschild Jeary and Partners nach wie vor aus Manhatten.<\/p>\n<p><strong>ZEITmagazin:<\/strong> Herr Della Femina, Ihr Buch \u201eDer Letzte Mad Men\u201c ist gerade in Deutschland erschienen. Wovon handelt es?<br \/>\n<strong>Jerry della Femina:<\/strong> Was ich beschreibe, ist f\u00fcr Eure Generation ein M\u00e4rchen. Ich erz\u00e4hle aus unserem Leben in der Werbebranche in den 60er Jahren. Es war eine paradiesische Zeit. Wir waren frei und ungez\u00e4hmt. Schauen Sie sich \u201eMad Men\u201c an. Genau so sahen wir damals aus. Ich war ein junger Don Draper. Blo\u00df ein Scherz. Aber im ernst, wir trugen tolle Anz\u00fcge, konnten uns kreativ ausleben, sa\u00dfen stundenlang mit Kunden in den teuersten Restaurants, tranken unz\u00e4hlige Martini und hatten dauernd Sex. Es war einfach alles m\u00f6glich. Das klingt doch aus heutiger Perspektive wie frei erfunden.<\/p>\n<p><strong> ZEITmagazin:<\/strong> Allerdings. Jetzt verstehe ich auch, warum Sie ihr Buch nochmal ver\u00f6ffentlicht haben. Es erschien ja bereits in den 70ern unter dem Titel &#8222;From Those Wonderful Folks Who Gave You Pearl Harbor&#8220;.<strong> <\/strong>Damals war es wahrscheinlich nicht ganz so erfolgreich, oder?<br \/>\n<strong>Della Femina:<\/strong> Nein. Damals erschien es nur auf dem englischsprachigen Markt. Heute wurde es auch ins Italienische und Deutsche \u00fcbersetzt und verkauft sich gut. Weitere \u00dcbersetzungen sind geplant.<\/p>\n<p><strong>ZEITmagazin:<\/strong> Ist es nicht merkw\u00fcrdig f\u00fcr Sie zu sehen, wie erfolgreich Mad Men nach wie vor ist? Im Grunde erz\u00e4hlt ja diese Sendung ihr Leben.<br \/>\n<strong>Della Femina:<\/strong> Ja, es ist unglaublich. Jeder liebt diese Serie. Klar, dass deshalb auch das Buch gut ankommt.<\/p>\n<p><strong>ZEITmagazin:<\/strong> Haben Sie an den Drehb\u00fcchern der Serie eigentlich mitgearbeitet? Verdienen Sie Geld damit?<br \/>\n<strong>Della Femina:<\/strong> Nein, ich habe die Produzenten zwar beraten und mir wurde die Serie vorab gezeigt, aber mehr nicht.<\/p>\n<p><strong>ZEITmagazin:<\/strong> Warum ist sie so erfolgreich?<br \/>\n<strong>Della Femina: <\/strong>Die Serie geht zur\u00fcck in eine Zeit, in der die Werbewelt freiz\u00fcgig und lustig war. In einer Zeit, in der M\u00e4nner und Frauen miteinander sprechen und ausgehen und schlafen konnten, ohne dass sie Angst vor einem Prozess haben mussten. Heute kannst du in einem amerikanischen B\u00fcro einer Frau ja nicht mal mehr sagen, dass dir ihr Kleid gef\u00e4llt. Die 60er waren noch nicht \u201epolitisch korrekt\u201c. Viele, die bei mir in der Agentur arbeiteten, lernten ihre Partner dort kennen. Unser B\u00fcro war eine grosse Liebesb\u00f6rse!<\/p>\n<p><strong>ZEITmagazin:<\/strong> Haben Sie dort Ihre Frau auch kennengelernt?<br \/>\n<strong>Della Femina: <\/strong>Nein, ganz im Gegenteil, ich habe mich damals scheiden lassen. Ich habe meine Frau kennengelernt, als sie f\u00fcr ein Interview bei mir vorbeikam.<\/p>\n<p><strong>ZEITmagazin:<\/strong> Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass bei den allj\u00e4hrlichen Sex-Wettbewerben, die Sie in der Agentur veranstalteten, viele dieser Beziehungen sehr langlebig waren.<br \/>\n<strong>Della Femina:<\/strong> Das stimmt. Keine der Ehen hielt, aber das B\u00fcro war wie eine Bar, wo du st\u00e4ndig jemanden kennenlernen konntest. Es war herrlich. Einmal im Jahr durften alle anonym bestimmen, mit welchem ihrer Kollegen sie am liebsten Sex haben wollten. Die beiden Gewinner wurden auf Kosten der Firma f\u00fcr ein Wochenende ins Plaza Hotel eingeladen.<\/p>\n<p><strong>ZEITmagazin:<\/strong> Wenn man \u201eMad Men\u201c schaut, hat man wirklich das Gef\u00fchl, Sie h\u00e4tten nicht nur Spa\u00df gehabt, sondern es h\u00e4tte auch eine Art Gemeinschaft gegeben.<br \/>\n<strong>Della Femina:<\/strong> Wir waren einfach v\u00f6llig frei. In meiner Agentur habe ich nie darauf geachtet, wann meine Leute kamen und gingen. Schauen Sie sich Don Draper an. Auch er macht doch st\u00e4ndig, was er m\u00f6chte. Genau so waren wir. Obwohl, ich muss sagen, Draper sieht immer ein bisschen leidend aus, wenn er \u00fcber die Str\u00e4nge schl\u00e4gt. Er ist ein professioneller Leider, wir dagegen haben nie gelitten. Wir haben Spa\u00df gehabt, und unsere Kunden waren zufrieden. Unsere Ausschweifungen waren ihnen egal, solange unsere Arbeit gut war. Im Gegenteil, ich glaube sie mochten meine Agentur, gerade wegen der Freiz\u00fcgigkeit und Lebenslust, die dort herrschten. Aber nat\u00fcrlich haben wir ihnen auch nicht alles erz\u00e4hlt. Von den internen Sex-Wettbewerben wussten sie zum Beispiel nichts.<\/p>\n<p><strong>ZEITmagazin:<\/strong> Wie lange geht so ein Leben gut, vor allem mit diesem Alkohol-Konsum? Leben Ihre Kollegen \u00fcberhaupt noch?<br \/>\n<strong>Della Femina:<\/strong> Da haben Sie Recht. Ich bin der Letzte dieser Generation. Die anderen sind zwar nicht tot, aber ihre Lebern sind am Ende. Ich trinke immer noch viel, aber ich habe aufgeh\u00f6rt zu rauchen. Ich habe fr\u00fcher 4 P\u00e4ckchen geraucht.<\/p>\n<p><strong>ZEITmagazin:<\/strong> Ist der Grund, warum wir \u201eMad Men\u201c so verschlingen, diese Freiheit, diese Ma\u00dflosigkeit, die Sie beschreiben?<br \/>\n<strong>Della Femina:<\/strong> Na klar. Heute sind wir durch das Mobiltelefon und den Computer st\u00e4ndig an einer Leine. Wenn wir in den Aufzug steigen, spricht niemand mehr mit uns, weil alle auf ihre Handys starren. Wenn ich Mittagessen gehe, bekomme ich w\u00e4hrenddessen unz\u00e4hlige Emails und Anrufe.<\/p>\n<p><strong>ZEITmagazin<\/strong>: Vermissen Sie das alte Leben?<br \/>\n<strong>Della Femina:<\/strong> Ja, nat\u00fcrlich, aber die Gegenwart hat auch ihre Vorteile. Mobiltelefon und Computer bedeuten, dass wir in wenigen Tagen, manchmal auch Stunden, hier im B\u00fcro eine Kampagne kreieren k\u00f6nnen, f\u00fcr die ich fr\u00fcher Monate gebraucht h\u00e4tte. Die Arbeit ist einfacher geworden, der Spa\u00df seltener. Mein Buch handelt von der Zeit, bevor Anw\u00e4lte und Banker die Welt dominierten und jeder noch sagen und tun konnte, was er wollte.<\/p>\n<p><strong>ZEITmagazin:<\/strong> Die Faszination von \u201eMad Men\u201c speist sich also aus der Tatsache, dass wir in einer Welt von Langweilern leben?<br \/>\n<strong>Della Femina:<\/strong> Wenn ich mich in meinem B\u00fcro umschaue, sehe ich alle nur noch arbeiten. Die kommen teilweise um 6 Uhr fr\u00fch  ins B\u00fcro und gehen sp\u00e4t abends  noch ins Fitnessstudio. Die Kids bei mir im B\u00fcro leben sich durch ihre Tattoos aus. Ich glaube, dass ist Ausdruck dieser Generation. Die sitzen den ganzen Tag an ihrem Schreibtisch und mittags holen sie sich einen Salat und arbeiten weiter.<\/p>\n<p><strong>ZEITmagazin<\/strong>: Sie sind nach wie vor in der Werbebranche erfolgreich. Ist diese Welt heute, nach so vielen wilden Jahren, \u00fcberhaupt noch ertr\u00e4glich f\u00fcr Sie?<br \/>\n<strong>Della Femina:<\/strong> Ja, auf jeden Fall. Ich liebe meinen Job. Ich sage am Ende meines Buches, dass man in der Werbebranche den gr\u00f6\u00dften Spa\u00df hat, den man angezogen nur haben kann.<\/p>\n<p>Die Fragen stellte <strong>Elisabeth von Thurn und Taxis<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jerry della Femina\u00a074, eine Ikone der Werbebranche, leitet seit den fr\u00fchen 60er Jahren eine erfolgreiche Agentur in New York City. 1970 plauderte er in seinem Buch, \u201eFrom Those Wonderful Folks Who Gave You Pearl Harbor\u201c, erstmals \u00fcber das freiz\u00fcgiges Leben in der Werbewelt, zwischen Sex, Martinis und teuren Restaurants. 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