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Marx oder Marienthal?

 

„Immer mehr führende Köpfe warnen nun vor sozialen Unruhen“, schreibt Spiegel Online heute unter der Überschrift „Wirtschaftseinbruch schürt Angst vor sozialen Konflikten“. Thesen zum Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Lage (und insbesondere Wirtschaftskrisen) und sozialen Unruhen (bis hin zur Stabilität des politischen Systems) sind ein Evergreen. Die hohe Arbeitslosigkeit etwa ist eine Standarderklärung für den Niedergang der Weimarer Republik. Das empirische Eis, auf dem solche Behauptungen stehen, ist allerdings vergleichsweise dünn. In seiner epochalen Studie zu den Arbeitslosen von Marienthal konnte Paul F. Lazarsfeld eher feststellen, dass die Menschen im österreichischen Marienthal – einem von der Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre besonders hart getroffenen Ort – im Zuge der Krise eher „müde“ geworden waren. Betrachtet man heute die Absicht etwa von Arbeitslosen, sich an bevorstehenden Wahlen zu beteiligen oder auch in anderer Form politisch aktiv zu werden, bestätigt sich dieses Bild. Arbeitslose gehen im Vergleich zu Erwerbstätigen seltener zur Wahl, sie interessieren sich auch eher weniger für Politik. Das Bestreiten des (schwierigen) Alltags steht für sie eher im Vordergrund als distante Phänomene wie Politik und Wahlen. Das macht soziale Unruhen (zumindest ausgehend von direkt Betroffenen) weniger wahrscheinlich, die Situation allerdings keinen Deut besser.

9 Kommentare

  1.   Erich Gengerke

    Sehr geehrter Herr Faas,

    auf die Mariental-Studie gestützt kommen Sie zu dem Schluss, soziale Unruhen seien derzeit eher unwahrscheinlich.

    Wenn wir uns die Wirklichkeit in Europa anschauen, dann haben wir diese Unruhen bereits in erheblichem Masse.

    In Frankreich waren zuletzt 3 Millionen Menschen auf der Strasse, Manager werden festgehalten, in Athen wurde Jugendlichen aus der Mittelschicht ohne berufliche Perspektive für eine Nacht die Innenstadt überlassen und weitaus wesentlicher – die kleine Gruppe Superreicher, die ihre masslosen Interessen durch willfährige Politiker vertreten laßt, denkt gar nicht daran, von einer weiteren Konzentration des der Allgemeinheit entzogenen Kapitals abzulassen.

    Diese durch und durch im eigentlichen Wortsinn asoziale Politik der Superreichen wird soziale Unruhen provozieren;
    vor dieser Entwicklung hat kürzlich auch DB-Banker Ackermann gewarnt.

    Auf deutschen Strassen finden Sie dann junge Menschen ohne Perspektive mit andern Mentalitäten aus anderen Kulturkreisen, die nichts zu verlieren haben; allerdings mit deutschen Pass.


  2. Sehr geehrter Hr. Faas,

    Dazu zitiere ich erstmal aus Wikipedia:

    „Die Französische Revolution (1789 bis 1799) gehört zu den folgenreichsten Ereignissen der neuzeitlichen europäischen Geschichte. Als der Generalkontrolleur der Finanzen Jacques Necker 1781 erstmals die Zahlen des französischen Staatsbudgets veröffentlichte, war dies als Befreiungsschlag zur Herstellung allgemeiner Reformbereitschaft in einer ansonsten ausweglosen Finanzkrise gemeint. Seine Amtsvorgänger hatten da bereits vergebliche Anläufe zur Stabilisierung der Staatsfinanzen unternommen. Neckers Zahlenwerk schockierte: Einnahmen von 503 Millionen Livres (Pfund) standen Ausgaben von 620 Millionen gegenüber, wovon allein die Hälfte auf Zins und Tilgung für die enorme Staatsverschuldung entfiel. Weitere 25% verschlang das Militär, 19% die Zivilverwaltung und ca. 6% die königliche Hofhaltung. Dass für höfische Feste und Pensionszahlungen an Höflinge eine Summe von 36 Millionen Livres anfiel, wurde als besonders skandalös angesehen. Der Großteil der Bevölkerung war an Aufklärungsdenken und Politisierung wenig interessiert, am Brotpreis umso mehr. Die Bauern, die vier Fünftel der Bevölkerung stellten, hatten 1788 eine schlimme Missernte erlitten und danach einen harten Winter durchlebt. Während es ihnen am Nötigsten fehlte, sahen sie die Speicher der weltlichen und geistlichen Grundherren, denen sie Abgaben zu entrichten hatten, noch gut gefüllt.“

    Kommt Ihnen das bekannt vor? Wenn Sie ein paar Daten und Namen geringfügig ändern, könnten sie das heute wieder in die Zeitung bringen, den Unterschied merkt keiner, weil es keinen gibt.

    Richtig ist, panem et circenses, der kleine Mann interessiert sich nicht wirklich für Politik. Wie sollte er auch, das Tohuwabohu wird nur von den wenigen wirklich Interessierten, die genügend Freizeit übrig haben, einigermaßen durchblickt. Sobald aber Brot und Spiele für den kleinen Mann unerreichbar werden, während die da oben bis zum Erbrechen prassen, dann geht er auch auf die Barrikaden. Nun gut, wenn die Deutschen eine Revolution im Bahnhof beginnen, dann kaufen sie sich erstmal eine Bahnsteigkarte, hat schon Lenin gesagt. Aber es wird ganz sicher anders aussehen, als im bescheidenen Alpenkaff Marienthal.

    Thesen zum Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Lage und sozialen Unruhen sind ein Evergreen, weil sie ständig wiederkehren seit dem Untergang Roms. Denn es ist die Akkumulationstendenz von Vermögen, die immer irgendwann das BIP erdrücken. Das ist quasi naturgesetzlich so (http://www.genreith.de/9646/index.html).

    Denn die Ursache der Kreditklemme ist nicht das Fehlen von Geld, sondern das Fehlen von Renditen! Langfristig kommt man daher nur mit einer Vermögens- und/oder Währungsreform aus der Klemme. Sei es gesteuert von der Politik oder unkontrolliert durch den Druck der Strasse und des Marktes.

    Lesen Sie dazu ggf. meinen Blog
    http://tandemvipera.blogspot.com

    Insbesondere das Label:
    http://tandemvipera.blogspot.com/search/label/VWL

    Hier speziell die Beiträge:
    http://tandemvipera.blogspot.com/2009/04/krieg-und-frieden-der-wahrungen.html
    http://tandemvipera.blogspot.com/2009/02/die-mutter-aller-blasen-warum-diese.html
    http://tandemvipera.blogspot.com/2009/02/futurologie-i-wat-nu.html
    http://tandemvipera.blogspot.com/2009/01/und-ewig-grut-die-talsohle.html

    Vielen Dank


  3. Thorsten,

    „Das macht soziale Unruhen (zumindest ausgehend von direkt Betroffenen) weniger wahrscheinlich, die Situation allerdings keinen Deut besser.“

    Sehe ich auch so. Glücklicherweise ist „die Situation“ aber deutlich besser als in den 30ern. Heute wird niemand zu Sozialproduktsrechnungen in Kilokalorien zurückgehen. Wir sind insgesamt deutlich reicher und damit besser in der Lage mit solchen Schocks umzugehen. Ich halte soziale Unruhen als wirkliches grass-roots-Phänomen für sehr unwahrscheinlich, aber es könnte, wie in den 30ern zu einer Radikalisierung des politischen Klimas basierend auf einer derartigen Wahrnehmung kommen. Aber da die davon vor allem profitierende Partei vermutlich die SPD wäre, wäre das möglicherweise eine systemstabilisierende Radikalisierung.

  4.   Thorsten Faas

    Tobi – ja und nein. Arbeitslosigkeit ist und bleibt ein (das?) Armutsrisiko, die Lebenszufriedenheit geht enorm zurück. „Keeping body and soul together“ ist das primäre Ziel, daher wenig politische Reaktion.

  5.   Cardoso

    Sehr interessant, dass ein Zahlenmystiker auf einmal, wenns gerade passt, die „Marienthal“-Studie ins Feld führt. Diese Studie ist eher qualitativ als quantitativ angelegt. Bemerkenswert auch, dass Marie Jahoda, die grosse Teile der Studie erstellt und geschrieben hat, mal eben unter den Tisch fällt, vom dritten Autor Hans Zeisel mal abgesehen.
    Wirklich interessant ist aber das unhistorische Denken des Herrn Fass: Die sozialen Unruhen kommen nämlich NACH dem Zeitpunkt der Studienerstellung: Austro-Faschismus bzw. die Nazis, die genau an der „Müdigkeit“ anzusetzen wussten.

  6.   Thorsten Faas

    Sehr geehrter Herr Cardoso,

    in aller Kürze: Warum „Zahlenmystiker“ keinen Bezug zu qualitativen (und noch dazu qualitativ höchstwertigen) Studien nehmen dürfen sollten, verstehe ich nicht – wobei ich ihre Zuordnung der Studie als qualitativ nicht teile. Richtig ist, dass das Buch „Die Arbeitslosen von Marienthal: Ein soziographischer Versuch über die Wirkung langdauernder Arbeitslosigkeit“ (klingt schon im Titel nicht wirklich qualitativ) von Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld und Hans Zeisel verfasst worden ist. Ebenso richtig ist, dass es etwa folgende frühere Publikation gibt: Paul F. Lazarsfeld: An Unemployed Village, in: Character and Personality 1 (1932), S. 147-151, in der es unter anderem mit Blick auf die Betroffenen heißt: „They resign from their political organizations, even when no member’s subscription is demanded, and they no longer debate with one another in the sparsely attended meetings“. Und was die historische Abfolge (und das Wissen darüber) betrifft: Wir wissen auch aus anderen Studien (etwa Jürgen W. Falter, Jan-Bernd Lohmöller, Andreas Link, Johann De Rijke: Hat Arbeitslosigkeit tatsächlich den Aufstieg des Nationalsozialismus bewirkt? Eine Überprüfung der Analyse von Frey und Weck, in: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik 200 (1985), S. 121-136), dass die Nationalsozialisten zumindest in Deutschland gerade in den Gebieten besonders gut abgeschnitten haben, in denen die Arbeitslosigkeit eher niedrig war, es daher wohl kaum die (im Lazarsfeld’schen Sinne „müden“) Arbeitslosen waren, die für die NSDAP gestimmt haben.


  7. Hallo Hr. Faas,

    Zitat Hr. Faas: „….dass die Nationalsozialisten zumindest in Deutschland gerade in den Gebieten besonders gut abgeschnitten haben, in denen die Arbeitslosigkeit eher niedrig war, es daher wohl kaum die (im Lazarsfeld’schen Sinne “müden”) Arbeitslosen waren, die für die NSDAP gestimmt haben….“

    Yep, genau. Aber was besagt das?

    Bei Ausländerfeindlichkeit stellte man das gleiche fest: Die ist an Stellen, wo es kaum Ausländer gibt (auf dem Land, im Osten), viel grösser als da , wo sehr viele Ausländer leben (etwa in den Grossstädten, isb. im Westen). Die Ursache dafür ist, das nicht so sher der Fakt zählt, sondern die Angst vor dem Eintritt des Fakts.

    So ist derjenige, der ständigen Kontakt mit Ausländer aller Nationen hat, nicht weiter beunruhigt, da dass i.a. gut klappt. Andere die diesen Umgang nicht kennen, haben aber ggf. Angst davor und gehen vorsorglich auf die Barrikaden.

    Genauso ist es mit der Arbeitslosigkeit. Diejenigen, die schon arbeitslos sind, sind meist völlig frustriert und antriebslos, „müde“ eben. Aber diejenigen, die um ihre Arbeit und Wohlstand ernsthaft fürchten müssen, die haben ganz viel Angst, und damit Anlass und Kraft wirklich etwas zu unternehmen. So waren es ja gerade die Bürgerlichen die Hitler ins Amt hievten, und nicht die Arbeiter!

    Das würde heute nicht anders sein, wenns hart auf hart geht, wird es vermutlich auch wieder genau diese bürgerliche Mitte sein, die den einen oder anderen Systemwechsel durchsetzt, ob nach links oder rechts ist da ehr Geschmackssache.

    Beste Grüsse, Heribert Genreith.

  8.   Cardoso

    Sehr geehrter Herr Fass,

    Herr Genreith argumentiert in die gleiche Richtung wie ich es tun würde, also lasse ich es.
    Nur: Ich habe nicht geschrieben, dass Sie irgendwas nicht „dürfen sollten“. Machen Sie, was Sie für richtig halten.

    Das der Titel nicht „qualitativ klingt“ ist fast egal: Die Methode(n), die bei der Studie angewandt wurden, sind es vorwiegend.
    Falter, Jürgen W.? Ist das nicht der lustige Herr, der bei Frau Christiansen im TV immer auf dem Sofa saß, dem es aber erst nach 23 Sendungen peinlich war?

    Beste Grüsse

    Andrew H. Cardoso


  9. Sehr geehrter Herr Faas,
    Ich bin selbst dem Harzer – Käse ausgesetzt, Mitte 50 und nicht mehr gesund. Was neben der deutlich zu niedrigen „erzieherischen“ Sozialleistung seitens des Jobcenters mit uns veranstaltet wird ist dieses Staates nicht würdig. Ich schäme mich für dieses Land. Meine Wut und Verzweiflung sind nur nach innen gerichtet d.h. ich zerstöre mich selbst. Mein mit Sicherheit verfrühtes Ableben halte ich für politisch angestrebt und gewünscht. Kostenfaktoren müssen reduziert werden. Ob ich vor meinem Ende „noch ein paar mitnehme“ glaube ich nicht. Aber ich bin nur einer von vielen die täglich mehr werden und ich sehe verdammt viel latente Gewaltbereitschaft.

 

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