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Chance zum wirklichen Dialog verpasst: Angela Merkels Bürgersprechstunde auf RTL

 

Gestern Abend fand es also statt, das erste „Townhall-Meeting“ mit Angela Merkel – und sie hat das Kind auch gleich beim Namen genannt: Bürgersprechstunde. Die Bundeskanzlerin steht mit Rat und Tat zur Seite. Das ist sicherlich gut und schön, zumal Angela Merkel Bodenständigkeit und Humor bewiesen hat. Allerdings ist sehr fraglich, ob die Veranstaltung wirklich ihr Ziel erreicht hat. Als Bundeskanzlerin muss es Frau Merkel ein Anliegen sein, das Interesse und die Teilnahme der Bürger an der Politik zu fördern. In Ihrer Rolle als Vorsitzende und Spitzenkandidatin der CDU muss sie zudem die Inhalte ihrer Partei transportieren und Stimmen für sich gewinnen. Für beide Zwecke ist ein Townhall-Meeting eine ideale Umgebung: Es erlaubt die direkte Ansprache aller Zuschauer, die durch die Fragesteller repräsentiert werden. Viele dieser Wähler sind bislang unentschlossen, das Potenzial einer solchen Sendung ist groß: Noch weiß ca. ein Drittel der Deutschen nicht, welche Partei sie wählen würden; knapp 30 Prozent sind gemäß einer aktuellen Befragung nicht sicher, ob sie überhaupt an der Bundestagswahl teilnehmen werden.

Diese Gruppe der Unentschlossenen anzusprechen, ist ein Hauptanliegen von Formaten wie dem Townhall-Meeting. Überzeugend war die Veranstaltung allerdings nicht. Das Spontane, das Lebendige und das Flexible fehlten völlig. Die Antworten wirkten vorformuliert – und das waren sie sicherlich auch. Frau Merkel hatte wohl genügend Zeit, sich auf die Fragen in den Videobotschaften einzustellen. Die Bürger aber möchten mehr Authentizität und mehr Spontaneität, sie sind diese hochpolierten, bis an die Grenze durchprofessionalisierten und damit austauschbaren Polit-Köpfe leid. Mehr Emotionalität, mehr Empathie, bitte schön!

Verantwortlich für den Ablauf und den Zuschnitt der Sendung ist natürlich auch der Sender. Er wäre zu fragen, wie viele Botschaften überhaupt eingesandt wurden und nach welchen Kriterien sie ausgewählt wurden? Alles in allem haben beide, Angela Merkel und RTL, die Chancen, die eine solche Veranstaltung bietet, nicht genutzt.

6 Kommentare

  1.   Katrin Wolter

    Ist es nicht typisch deutsch, dass wir immer gleich alles kritisieren müssen? Die Bürgersprechstunde war ein Experiment und ich hätte mich gefreut, wenn man einen pfiffigeren deutschen Titel als das amerikanische Original gewählt hätte. Wir waren gestern Zeugen einer Fernsehpremiere, die eine Chance auf Entwicklung verdient.

    Ja, auch ich empfand die Fragestunde als inszeniert und vermisste die spontane Komponente. ABER: Man beachte doch auch bitte die Platzierung der Sendung in der Hauptsendezeit (in Konkurrenz zu Anne Will) und die Zielgruppe des Senders RTL. Angesichts dieser beiden Komponenten kann man den Sender für seine Experimentierfreudigkeit eigentlich beglückwünschen.

    Führt man sich nämlich die Gruppe der sonst RTL sehenden Zuschauer vor Augen, dann halte ich die genaue Vorbereitung und Auswahl der Fragen für legitim. Dass auch die Kanzlerin die Fragen vorher kannte, glaube ich nicht. In diesem Fall, wenn man unentschlossene RTL-Zuschauer für Politik interessieren will, ist die Strukturierung der Sendung sicher zielführender als eine spontane Frage-Antwort-Stunde.

    Ich bleibe also dabei, wir sollten nicht alles gleich durch Kritik klein machen, nur weil es unseren akademischen Vorstellungen nicht entspricht. Formate dieser Art sind ganz bestimmt ausbaufähig und könnten, von anderen TV-Sendern übernommen, sicher auch mehr Spontanität und Emotionalität zulassen.


  2. […] Angela Merkel. Das ist einerseits nicht schlecht, andererseits aber doch bescheiden (siehe auch den Beitrag von Andrea Römmele) – gerade im Vergleich zu den Zuschauerzahlen, die 2002 und 2005 die TV-Duelle erreichten: 2x 15 […]

  3.   Zuschauer

    Tja, auch der Podcast der Kanzlerin kommt ja eher rüber wie eine Regierungserklärung. Er bietet damit nicht unbedingt das, was man von diesem Medium erwartet, nämlich eine andere Perspektive und etwas mehr Lockerheit als die üblichen Stellungnahmen. Dass auch die Bürgersprechstunde wenig persönlich oder emotional ansprechend war, liegt sicher auch am Naturell der Kanzlerin. Da sie mit Steinmeier allerdings einen ähnlich „zugeknöpften“ Gegenspieler hat, wird sie das wohl nicht die entscheidenden Punkte kosten. Politisches Personal, das zu begeistern weiß und Vertrauen nicht nur durch zur Schau gestellte Seriosität, sondern auch durch „echte“ Persönlichkeit schafft, ist rar.


  4. Townhall Meeting: Merkel hält sich wacker vor wenig Zuschauern…

    Das mit Spannung erwartete Townhall Meeting auf RTL wurde zum Flop. Nur 5,9% Marktanteil bei den Fernsehzuschauern sprechen für sich. Hier nochmals eine Zusammenfassung des Merkel-Auftritts bei RTL….


  5. […] das Zuschauerinteresse an der Sendung „Jetzt reden wir” ist das Townhall-Meeting mit Angela Merkel eine Woche zuvor auf RTL ein guter, aktueller Maßstab. Das Format war ähnlich und der Sendeplatz […]

  6.   DH

    Nachdem Angela Merkel und RTL mit dem ersten „Townhall-Meeting“ weit hinter den Erwartungen und Chancen eines solchen Formates geblieben sind, bekommt die Kanzlerin schon in dieser Woche eine zweite Chance.
    So wird A. Merkel am 11. Juni zu Gast bei Maybrit Illner sein (22.15 Uhr) und sich erneut den Fragen der Bürger stellen. Die Zuschauer sind aufgerufen ihre Fragen, aufgenommen per Handy oder Kamera, auf youtube einzustellen. Ein Bruchteil der Beiträge wird es dann in die Sendung schaffen.
    Abzuwarten bleibt, ob es der Kanzlerin dieses Mal gelingen wird ihre Hölzernheit abzulegen und einen Auftritt als Politikerin mit überzeugenden Lösungsstrategien hinzulegen. Abzuwarten bleibt auch, wie das ZDF und die Moderatorin Illner das Konzept der Sendung umsetzen.
    Der Talk am Donnerstag wird es zeigen – und dieser Blog sicherlich kommentieren.

 

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