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Wie verständlich sind unsere Wahlprogramme?

 

Morgen – am 7. Juni – sind die Bürgerinnen und Bürger in sieben deutschen Bundesländern aufgerufen, das europäische Parlament und die Gemeinderäte neu zu wählen. Die Wahlprogramme der Parteien können bei diesen Wahlen durchaus eine wichtige Entscheidungshilfe darstellen. In ihnen informieren die Parteien den Wähler darüber, welche Ziele sie in der nächsten Legislaturperiode verfolgen wollen. Doch: Kommunizieren die Parteien hierbei überhaupt so verständlich, dass der „normale“ Wähler sie verstehen kann? Diese Frage wurden nun in zwei Analysen der Uni Hohenheim (in Kooperation mit der Ulmer Kommunikationsberatungsagentur Communication Lab) untersucht.

Ausgangspunkt der beiden Studien war zum einen die Vermutung, dass die immer wieder kritisierte Bürgerferne und Komplexität der EU und ihrer Institutionen sich möglicherweise auch auf die Verständlichkeit der Europa-Wahlprogramme auswirkt. Im Gegensatz dazu sollten die Kommunalwahlprogramme aufgrund der unmittelbaren Alltagsrelevanz der Kommunalpolitik für den Bürger verständlicher formuliert werden können. Beide Vermutungen konnten durch die Analysen der Uni Hohenheim bestätigt werden: Die Verständlichkeit der Europawahl-Programme aller untersuchten Parteien fällt – mit Ausnahme der CDU – im Vergleich zu den Kommunalwahlprogrammen deutlich geringer aus (exemplarisch wurden die Wahlprogramme zur Stuttgarter Gemeinderatswahl untersucht). Die Programme der SPD und der Grünen erreichen hierbei eine (Un)Verständlichkeit, die sich mit politikwissenschaftlichen Dissertationen vergleichen lässt. Die einzige erwähnenswerte Ausnahme stellt das Wahlprogramm der CSU dar: Dessen Verständlichkeit liegt deutlich über den restlichen Parteien, wobei auch hier noch zahlreiche Verstöße gegen zentrale Regeln des verständlichen Schreibens zu verzeichnen waren.

Die Verständlichkeit der Wahlprogramme im Vergleich

Am besten lassen sich diese Defizite anhand einiger weniger Beispiele aus den Europawahlprogrammen demonstrieren. So versucht die SPD ihren Wählern die Bedeutung europäischer Politik mit folgendem Satzungetüm näher zu bringen: „Dort wo die Gestaltungskraft der Nationalstaaten in unserer zusammenwachsenden Welt mit neuen Abhängigkeiten und vernetzten Problemen an ihre Grenzen stößt, kann und muss Europa den Primat der Politik gegenüber den freien Kräften des Marktes behaupten und dem Wirtschaften im europäischen Binnenmarkt wie weltweit soziale und ökologische Regeln geben.“ Auch das verwendete Vokabular der Parteien dürfte so manchen Leser der Wahlprogramme zur Verzweiflung treiben: So finden sich neben dem „Primat der Politik“ im eben zitierten Satz auch zahlreiche weitere Beispiele in den Wahlprogrammen der Parteien. Begrifflichkeiten und Fachausdrücke wie „Lissabon-Strategie“, „prekäre Beschäftigung“, „effektiver Multilateralismus“, „EU-weite Einspeiseregelung“ werden immer wieder verwendet – und das vollkommen ohne erläuternden Kommentar oder Klammerzusatz. Spätestens hier wird der Anspruch, die Wahlprogramme richteten sich an den „normalen“ Bürger, äußerst fraglich. Die Stuttgarter Kommunalwahlprogramme schneiden im direkten Vergleich deutlich besser ab als die Europawahlprogramme. Allerdings kann man auch hier keineswegs von allgemeiner Verständlichkeit sprechen. Als Vergleichswert wurde die Verständlichkeit von Politik-Beiträgen aus der Bild-Zeitung herangezogen: Von diesen Werten, auch wenn sie einen zugegebenermaßen hohen Verständlichkeitsanspruch darstellen, sind alle Parteien meilenweit entfernt.

Trotz allem besteht durchaus Anlass zur Hoffnung: Denn zumindest die Grünen scheinen das Problem mittlerweile erkannt zu haben: Auf ihrer Bundesdelegiertenkonferenz Anfang Mai 2009 stellten einige Delegierte den Antrag, dass die grünen Wahlprogramme in Zukunft auch als leicht verständliche und bebilderte Kurzfassung erscheinen sollten. Es bleibt zu hoffen, dass die anderen Parteien diesem Beispiel folgen werden.

6 Kommentare


  1. Wie ich gerade entdeckt habe, hat auch die CDU vor, die Verständlichkeit politischer Kommunikation zu steigern. Hierbei setzen die beteiligten Unions-Abgeordneten v.a. auf eine Vermeidung von Anglizismen…


  2. […] der im Bundestag vertretenen Parteien ihr Wahlprogramm für die Bundestagswahl vorgelegt. Wie schon bei der Europawahl haben Kommunikationswissenschaftler der Uni Hohenheim in Kooperation mit der Ulmer […]

  3.   endonyx

    Was ist ein Wahlprogramm? Kann man das essen? Das benutzt doch eh keine Sau. Es ist doch viel zu anstrengend, sich durch diese durchzulesen und dann zu entscheiden, anstatt nach Gefühl zu gehen oder gar zu wählen, was alle anderen wählen. Schade eigentlich.

    Vielleicht ist diese Unverständlichkeit der Programme ja wirklich Schuld an dem oben genannten Dilemma oder aber auch nur die Politverdrossenheit, nach der es ja gänzlich irrelevant sei, was man wähle, es käme eh der gleiche Konsenseinheitsbrei heraus. An letzterem ist wohl mehr dran, wenn man sich so die Diskussionen über „Wahlversprechen“ anhört – also, die Programme liest sowieso keiner.

    Und ich wusste gar nicht, dass es nur 5 Parteien in Deutschland gibt – oh wunder.

  4.   Jan Kercher

    Vielen Dank für das Feedback! Ich bin allerdings nicht der Meinung, dass man die Parteien einfach mit der Entschuldigung, dass die Wahlprogramme doch sowieso niemanden interessieren würden, durchkommen lassen sollte. Ebenso wenig, wie man die Wähler mit der Ausrede davonkommen lassen sollte, dass die Wahlprogramme doch sowieso viel zu lang und zu unverständlich seien. Denn: Beides lässt sich empirisch widerlegen.

    Zum einen wurde in Befragungen immer wieder ein relativ hohes Interesse der Befragten an Wahlprogrammen nachgewiesen. Hier mag man zwar einwenden, dass es sich bei diesen Ergebnissen um die Folgen sozialer Erwünschtheit handelt (d.h. dass die Befragten nur Interesse bekunden, weil sie sich nicht trauen, ehrlich zu antworten), aber es ist leider schwierig, das Interesse der Wähler an den Wahlprogrammen auf eine andere Weise zu ermitteln. Auch Studien, die nach der konkreten Nutzung von Wahlprogrammen fragten, kamen immer wieder zu dem Ergebnis, dass diese durchaus genutzt werden, zumindest von den politisch interessierten Wählern. Hinzu kommt: Durch Angebote wie den Wahl-O-Maten der Bundeszentrale für politische Bildung oder auch Kurzdarstellungen der Wahlprogramme durch Zeitungen und andere Medien werden durchaus auch Wähler von den Programminhalten erreicht, die niemals die Langfassung eines Wahlprogramms in die Hand genommen hätten. Hinzu kommt: Durch die mittlerweile gängigen Kurzversionen der Programme, die von den Parteien selbst veröffentlicht werden sowie den Versionen in leichter Sprache, die seit kurzer Zeit ebenfalls immer mehr zum Standard werden, kann zudem kein Wähler mehr behaupten, dass die Parteien keine kurzen und relativ verständlichen Versionen ihrer Programme veröffentlichen würden. So belegen unsere Ergebnisse eindeutig, dass die Kurzprogramme in Baden-Württemberg ausnahmslos verständlicher sind als die Langfassungen und teilweise eine Verständlichkeit erreichen, die dem der Bild-Zeitung ähnelt (inwiefern auf diesem Niveau noch eine angemessene Informationstiefe gewährleistet werden kann, ist ein anderes Thema, auf das ich an dieser Stelle aus Platzgründen nicht näher eingehen will).

    Deshalb würde es mich sehr freuen, wenn unsere Ergebnisse dazu beitragen, mit zwei immer wieder verbreiteten Vorurteilen aufzuräumen:
    1. Dass man als Partei behaupten kann (oder sich zumindest insgeheim denken kann), dass verständliche Programme aufgrund der so komplexen Themen ohnehin nicht möglich sind (unsere Ergebnisse belegen das Gegenteil). Diese Ausrede wurde u.a. von der FDP als Reaktion auf unsere Ergebnisse zu den Wahlprogrammen in Baden-Württemberg verwendet, wie man in diesem Artikel nachlesen kann: http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.wahlprogramme-der-laengste-satz-hat-90-woerter.29a0377c-ebe3-4a45-963d-afcf9c6b8657.html
    2. Dass man als Wähler behaupten kann, dass die Wahlprogramme ja sowieso viel zu lang und unverständlich sind, um sie als normaler Mensch verstehen zu können (auch hier belegen unsere Ergebnisse das Gegenteil, zumindest in Bezug auf die Kurzversionen und die Versionen in leichter Sprache).

    Dazu kommt aus meiner Sicht noch ein weiterer wichtiger Aspekt: Die Information der Wähler über die Wahlziele der zur Wahl antretenden Parteien gehört zu den Grundlagen unserer Demokratie. Ganz ähnlich könnte man ja sonst auch sagen: Den Wahlzielen der Parteien glaubt ja sowieso niemand, lassen wir sie also lieber gleich ganz weg. Dann könnte man sich eigentlich aber auch jeden Wahlkampf (und die damit verbundenen Kosten) sparen, so ein Vorschlag fände gerade aufgrund des Sparpotenzials sicherlich einige Anhänger. Nur: Dann kann man sich eigentlich auch gleich die Wahlen sparen, wenn niemand mehr versucht, den Wählern klar zu machen, warum man diese und nicht jene Partei wählen sollte.

    Wenn man davon ausginge, dass sich niemand dafür interessiert, was die Parteien vor der Wahl versprechen, weil sowieso alles gelogen ist, dann wäre das schon ein sehr bedenklicher Befund. Und dazu noch einer, der ebenfalls dem Forschungsstand widerspricht: So lässt sich nachweisen, dass die Wahlprogramme eine relativ gute Grundlage sind, um das Regierungshandeln der jeweils gewählten Parteien vorherzusagen. So verlogen, wie sie manchmal dargestellt werden, sind die Parteien bzw. ihre Programme also nicht. Ein Blick ins Wahlprogramm könnte deshalb durchaus lohnen, wenn man sich ernsthaft über die zur Wahl stehenden Alternativen informieren will.

  5.   endonyx

    Mein Kommentar war nicht ganz sachlich und auch nicht gänzlich ernst gemeint; Ihren ersten Absatz hingegen stimme ich voll und ganz zu.

    Kein Interesse der Wähler an Wahlprogrammen wäre ja auch nicht zuträglich für eine Demokratie. Ihr Ergebnis, dass die Wahlprogramme „durchaus“ genutzt werden, „zumindest von den politisch interessierten Wählern“, lässt wohl den Schluss zu, dass der Anteil der Wähler, die wirklich Wahlprogramme nutzen, eher gering ist. Das deckt sich auch mit meinen persönlichen Erfahrungen.

    Die Kurzversionen der Wahlprogramme und Wahl-O-Maten hatte ich wiederrum vergessen. Sie mögen wohl eine ‚Alternative‘ sein, doch ob sie ein wirklicher Ersatz sind, bleibt mir verschleiert; ich denke eher nicht (eine Inhaltsangabe zB hat auch nicht den gleichen Informationsgehalt wie das dazugehörige Werk).
    Doch wie viele wissen von den Wahl-O-Maten und den Kurzversionen eigentlich? Meine Großmutter sicher nichts. Es ist auch fraglich, wie Internetnutzung und Demographie zukünftig zusammenhängen.

    Sicher gehört die Kommunikation von Politik und dem Volke zur Demokratie. Ich fände auch, dass man den Wahlkampf wirklich herunterfahren sollte (nicht gänzlich). Denn was hat auch das hübsche Plakat von Merkel am Straßenrand mit der wirklichen Parteienpolitik zutun? Nichts, das ist Propaganda.
    Informationsveranstaltungen sind in Ordnung, doch braucht man eigentlich nur ein Wahlprogramm, um eine rationale Entscheidung zu treffen, ohne, dass man emotional/anderweitig beeinflusst wird. Aber dazu muss es verständlich sein. Ich finde es gut, dass Sie das mal unter die Lupe genommen haben.

    Des Weiteren ist es aber nicht von der Hand zu weisen, dass in Deutschland eine Art Politverdrossenheit vorherrscht (vgl. Wahlbeteiligung 2009). Da gibt es aber wohl noch andere Gründe, wie zB mangelnde Repräsentation.

    so long

  6.   Jan Kercher

    Was den Anteil der Wähler angeht, die ein Wahlprogramm wirklich intensiv lesen, stimme ich Ihnen zu: Dieser Anteil dürfte wirklich sehr gering sein, dafür sprechen auch Untersuchungen, bei denen nach den Inhalten der Wahlprogramme gefragt wurde und bei denen teilweise nicht mal die jeweiligen Parteimitglieder fundierte Antworten geben konnten.

    Was die Wahl-O-Maten angeht, so werden diese selbstverständlich v.a. von jüngeren Wählern genutzt. Allerdings lässt sich auch hier, ähnlich wie in der Internet-Gemeinde insgesamt, eine Zunahme älterer Nutzer feststellen (vgl. z.B. http://www.bpb.de/methodik/OXPXHA,2,0,Idee_und_Wirkung_des_WahlOMat.html). Was die Kurzwahlprogramme betrifft, so werden auch diese vermutlich eher von überdurchschnittlich interessierten Wählern genutzt (denn in den meisten Fällen muss man ja selbst aktiv werden, um an solch ein Programm zu gelangen). Ander sieht es allerdings bei den Flugblättern aus, die vor den Wahlen per Postwurf verteilt werden. Und diese enthalten häufig auch Auszüge aus den Kurzwahlprogrammen.

    Zu den Plakaten: Ich sehe diese nicht als reine „Propaganda“. Für den „normalen“ Wähler kann es durchaus relevant sein, zu wissen, wie die verschiedenen Kandidaten aussehen, die zur Wahl stehen. Die Themen-Plakate informieren die Wähler zu dem über die zur Wahl stehenden Themen und das unabhängig davon, ob man die jeweiligen Slogans nun für besonders informativ hält oder nicht. Die Plakate können damit also durchaus ein Ausgangspunkt für Meinungsbildung darstellen und sind deshalb aus meiner Sicht keineswegs überflüssig. Allerdings bin ich der Meinung, dass bei der Plakatgestaltung nach wie vor viel falsch gemacht wird und eine Menge Potenzial verschenkt wird. Warum begnügen sich beispielsweise die allermeisten Kandidaten lediglich mit einem Foto und ihrem Namen auf den Plakaten? Warum nicht auch ein paar kurze Worte dazu, für was man als Kandidat politisch steht oder was für einen Hintergrund man hat (Angaben zur Person, z.B. Beruf, Familie usw.). Das wären durchaus Informationen, die für den Wähler relevant sein könnten, bislang aber auf kaum einem Kandidatenplakat erscheinen. Auch bei der Gestaltung der Themenplakate wird nach wie vor sehr viel falsch gemacht, viele dieser Plakate sind schlicht und einfach ungeeignet für die äußerst flüchtige Betrachtungssituation (durchschnittlich ca. 1-2 Sekunden), da sie den Betrachter mit zu viel Informationen oder zu unübersichtlicher Gestaltung überfordern.

    Thema Politikverdrossenheit: Hier spielt ja die (Un)Verständlichkeit der Politik gerade eine zentrale Rolle, weshalb die Parteien gut beraten wären, hierauf in Zukunft mehr zu achten. Denn eine unverständliche Parteien- oder Politikersprache wird den Eindruck nur immer wieder verstärken, dass die Politiker den Bezug zu ihren Wählern verloren haben.

 

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