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Stimmung und Stimmen sind zwei paar Stiefel: Das Elend mit der sogennanten „Sonntagsfrage“

 

Jetzt kommt sie wieder, die Zeit der Balken- und Kuchendiagramme. Die Berichterstattung zu Umfragen wird sich in den kommenden Wochen drastisch erhöhen. Man wird darüber lesen dürfen, wie viele Prozentpunkte eine Partei in den Umfragen zulegen konnte und wie viel eine anderen Partei dafür gesunken ist (siehe auch den Beitrag von Thorsten Faas). Grundlage dieser Berichterstattung bildet die sogennante „Sonntagsfrage“, die in repräsentativen Bevölkerungsumfragen den entsprechenden Zielpersonen regelmäßig gestellt wird. Der Fragetext ist der folgende: „Welche Partei würden Sie wählen, wenn am kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre?“ Der alte Sponti-Spruch als Antwort auf diese Frage „Woher soll ich das wissen? Heute ist erst Montag!“, hat durchaus auch einen ernsten Hintergrund. (Wir haben in diesem Blog schon einiges über die zunehmend spätere Wahlentscheidung der Wählerinnen und Wähler lesen können.) Eigentlich soll mit dieser Frage die Wahlabsicht der Befragten bei der nächsten Bundestagswahl gemessen werden. Allerdings kann aus der jetzigen Absicht die eine oder die andere Partei im September zu wählen noch nicht unmittelbar auf das tatsächliche Verhalten der Wähler geschlossen werden. Das wäre dann doch zu einfach.

Das Hauptproblem damit: Kommenden Sonntag ist gar keine Bundestagswahl! Wie sollen Befragte, die womöglich eher an den nächsten Urlaub als an die kommende Bundestagswahl denken, auf so eine Frage antworten? Selbst wenn sie sich für Politik interessieren und den Wahlkampf intensiv verfolgen, so geht es doch in dieser Frage um kein reales Verhalten, sondern um eine Absicht zu einem rein hypothetischen „Was wäre, wenn…“. Solche Fragen sind immer schwierig zu beantworten.

Und man stelle sich bitte auch immer die Interviewsituation vor. Mich selbst hat es schon bei der Essenszubereitung erwischt. „Guten Abend, haben Sie einen Moment Zeit für ein paar Fragen?“ Kurze Überlegung, während Kind 1 im Kinderstuhl sitzt und lauthals schreit, Kind 2 auf dem linken Arm zappelt und ich mit der rechten Hand die Tomatensoße umrühre, den Telefonhörer zwischen Ohr und Hals eingeklemmt. Aber als Umfragen-Junkie kenn ich keine Gnade und habe natürlich eingewilligt.

Viele Befragte bemühen sich genau wie ich damals, trotzdem eine Antwort auf jede noch so schwierige Frage zu geben. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass dieselbe Frage von ein und demselben Befragten zu einem späteren Zeitpunkt durchaus anders beantwortet würde. Es ist daher kein Wunder, dass die Antworten auf solche Fragen von einem Zeitpunkt zum nächsten variieren ohne sich dabei wirklich geändert zu haben.

Die sogenannte „Sonntagsfrage“ – obwohl sie eigentlich treffender als „Wahlabsichtsfrage“ bezeichnet werden sollte – kann aber zumindest die aktuelle Stimmungslage der Menschen wiedergeben. Allerdings sollte auf jeden Fall auf den Beipackzettel zu Nebenwirkungen im Umgang mit Umfragen geschrieben stehen, dass auf Basis der Wahlabsichtsfrage alleine noch keine Vorhersage darüber gemacht werden kann, wie viele Stimmen eine Partei am Wahltag tatsächlich am Wahltag erzielen kann. Stimmungen sind eben noch keine Stimmen am Wahltag. Wahlprognosen können anders gemacht werden. Mehr dazu später.

12 Kommentare

  1.   Andreas

    Werden sie in einem ihrer nächsten Beiträge ihr modifiziertes Michigan-Modell vorstellen? Wie sind die Koeffizienten für diese Wahl? Wie reagiert das Modell auf eine große Koalition (und zwei Kanzler(kandidaten)) als Prognosebasis? Haben sie vor eine Prognose für die diesjährige Wahl zu veröffentlichen, wie bereits bei den letzten beiden Bundestagswahlen mit Erfolg geschehen?

    Mit freundlichem Gruß
    Andreas H.

  2.   Tobias Schwarz

    Ja, aber Stimmungen machen eben auch Stimmung und ggf. Stimmen. Wenn man das nicht als Zielschießübung begreift sind Stimmungen aus meiner Sicht doch ein recht nützlicher Indikator. Klar kann es manchmal Überraschungen geben, wie ja auch 2005, aber wenn man alles zusammen nimmt, dann hat man halt nichts anderes, um den Markt ernsthaft zu beobachten. Und daß die SPD bei der Wahl nicht so gut abschneiden wird, weiß doch mittlerweile jeder, mit oder ohne Stimmungsumfrage…

  3.   Jörg

    Was ist eigentlich mit der Wahlstreet? Gibt’s die wieder?

  4.   Wolfgang M.

    Richtig ist, dass die Umfragen nicht das Ergebnis widerspiegeln. Der Trend ist aber erkennbar.

    Umfragen können aber sogar das Ergebnis beeinflussen:
    Wahlkämpfer können den Elan verlieren, wenn sie das Gefühl haben, dass es sowieso nichts nutzt. Wähler können der Wahl fernbleiben, wenn sie das Gefühl haben, dass die Wahl schon gelaufen ist.

  5.   Thomas Gschwend

    Besten Dank für Ihre Reaktionen. Ein paar erste Antworten auf Ihre Fragen und Kommentare.

    Andreas:
    Auch wenn ich nicht richtig verstehe, was sie mit „modifiziertes Michigan-Modell“ genau meinen so ist richtig, Helmut Norpoth und ich haben ein Vorhersagemodell für Bundestagswahlen entwickelt, was in 2002 und 2005 schon früh den späteren Wahlausgang vorweggenommen hat. Vielen Dank für ihr Interesse daran. Natürlich werden wir auch etwas für den Herbst machen. Mehr dazu sehr bald u.a. hier in diesem Blog. Stay tuned!

    Tobias Schwarz:
    Sie sprechen indirekt die zentrale Frage für Analysten an: Wenn es wirklich stimmt, dass Stimmungen auch Stimmung machen, wie werden dann diese systematisch in Stimmen umgemünzt? Statt sich auf die hypothetische Wahlabsichtsfrage zu kaprizieren verwenden finde ich die Frage nach dem gewünschten Bundeskanzler viel aussagekräftiger. Gerade im von ihnen interessanterweise angeführten Wahlkampf 2005 haben wir immer wieder betont (wie auch übrigens vor der Wahl 2002), dass die in den Umfragen führende Parteien sich nicht auf einen populären Kanzlerkandidaten (bzw. eine Kanzlerkandidatin) zurückgreifen können und von daher auch keine Mehrheit bei der Wahl bekommen werden.

    Lesetipp
    • Gschwend, Thomas, und Helmut Norpoth. 2005. “Prognosemodell auf dem Prüfstand: Die Bundestagswahl 2005“ Politische Vierteljahresschrift 46(4): 682-688.

    • Gschwend, Thomas und Helmut Norpoth. 2001. “ ’Wenn am nächsten Sonntag …’: Ein Prognosemodell für Bundestagswahlen.” In Wahlen und Wähler: Analysen aus Anlass der Bundestagswahl 1998, eds. Hans-Dieter Klingemann and Max Kaase. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag. Pp. 473-499.

    Wolfgang M.:
    Sie schreiben: „Umfragen können aber sogar das Ergebnis beeinflussen“. Vielleicht können meine Kollegen helfen mein Gedächtnis in dieser Hinsicht aufzufrischen, aber im Wesentlichen handelt sich dabei um einen Mythos für den es keine Evidenz gibt. Eher das Gegenteil ist der Fall. Die umfassendste Studie die mir gerade präsent ist, kommt von William C. Adams (2005). Umfragen sind dagegen etwas für political junkies. Die werden von Umfragen nicht beeinflusst. Leute ohne feste politische Einstellungen, die prinzipiell beeinflussbar wäre, interessieren sich nicht dafür.

    Lesetipp
    • William C. Adams. 2005. Election-night News And Voter Turnout: Solving The Projection Puzzle. L. Rienner Publishers: Boulder, CO.

  6.   Hans M.

    Nur ein kurzer Hinweis:
    Die Umfrageergebnisse (Sonntagsfrage) haben keinen Wert, wenn man nicht gleichzeitig das sogenannte „(Wähler-) Potential“ mit betrachtet.
    Was bedeutet „(Wähler-) Potential“?:
    Empirisch erwiesen ist, dass jeder Wahlbürger 2 bis 2,5 (Durchschnitt) Optionen im Kopf hat, welche Partei er bei den nächsten Wahlen wählen wird. Eine Option kann auch sein, keine Partei zu wählen, also Nichtwähler zu sein, oder seinen Stimmzettel ungültig zu machen.
    Nehmen wir zum Beispiel mal das Wählerpotential der Partei „die Linke“, welches momentan bei rund 20% liegt. Das vergleichen wir mit der Meta-Anlayse der diversen Sonntagsfragen (momentan 9,8 %) und kommen zu dem Ergebnis, dass die Partei die Linke ihr Potential zu 50% ausschöpft.
    Stellen wir jetzt das Potential vom Bündnis90/Die Grünen dagegen. Das liegt momentan bei knapp 40%. In der Meta-Analyse erreichen die Grünen 11,8%. Das sind knapp 30% Ausschöpfung. Bei der FDP ist es ähnlich: 45% Potential gegenüber 14,3% bei der Meta-Analyse. Das Entspricht einer Ausschöpfung von ca. 32%.
    CDU (51% Potential, 36% Sonntagsfrage = 70% Ausschöpfung)
    SPD (51% Potential, 23,8% Sonntagsfrage= 47% Ausschöpfung)
    Im Hinblick auf den Wahltermin haben die Parteien, die ihr Potential am geringsten ausgeschöpft haben, die größten Chancen, noch deutlich hinzu zu gewinnen (gegenüber den Umfragen) und umgekehrt genauso. Dieses passiert dann in der sogenannten „heißen Phase“ des Wahlkampfes, in der die Parteien dann sowohl programmatisch aber leider auch personell zuspitzen.
    Insofern sind jedwede „Sonntagsfragen“ außerhalb dieser letzten sechs Wochen vor einer Wahl absolut untauglich, etwas über das Wahlergebnis auszusagen. Im Besonderen, wenn man die Potentiale nicht mit berücksichtigt. Sie dienen nur dem „Politikmarketing“ und denjenigen, die diese „Sonntagsfragen“ publizieren.

    MfG

    Hans M.

  7.   Hans M.

    Sorry, ich habe einenkurzen Absatz (vor der Betrachtung der einzelnen Parteipotentiale) vergessen zu schreiben. Also bitte (gedanklich) einfügen:
    Das Potential setzt sich also zusammen aus all jenen, die zumindest die Option im Kopf haben, eine Partei wählen zu können. Daher sind alle Potentiale zusammengenommen auch größer 100%.

    MfG

    Hans M.

  8.   Fred

    Jo die Wahlstreet gibts wieder!!
    Und wenn ich oben alles richtig verstanden habe, dann wird sie dringend benötigt…

  9.   Gerhard Seifert

    Mich würde mal interessieren, welcher Personenkreis denn in der Realität auf die diversen Anfragen der Telefoninterviewer überhaupt noch positiv reagiert. Meine persönlichen Erfahrungen sind so, dass ich nach unzähligen Anrufen von angeblichen Umfrageinstituten, die nach 5 banalen Fragen dann doch nur „Finanzprodukte“ verkaufen wollten, sowie echten Marktforschern, die dann wahnsinnig spannende Dinge wissen wollen (z.B. ob einem kürzlich die Werbung des Bestatters XY aufgefallen sei), mittlerweile alle Anfragen mit einem kurzen „Nein danke“ abwehre. Ich denke, dass die Mehrzahl derer die wie ich relativ viel Zeit mit Ihrem Berufsleben zubringen müssen, keine Lust hat sich – trotz politischen Interesses – die Zeit für eine Umfrage von ohnehin fragwürdigem Wert stehlen zu lassen. Und selbst die die antworten, dürften wie von Herrn Gschwend sehr schön beschrieben, häufig eine eher unzuverlässige Aussage abgeben.

    Also kurz und überspitzt gesagt: „erwischt“ man mit den heutigen Umfragen nicht bevorzugt Arbeitslose, Rentner und andere mit ausreichend viel Zeit? Und falls diese These stimmt, ist es dann nicht klar, dass dieser zwangsläufig ganz anders als bei der „echten“ Wahl zusammengesetzte Bevölkerungsquerschnitt dann gar nicht „repäsentativ“ sein kann – und die Umfragewerte entsprechend schlecht zutreffen?

    Zu Ende gedacht, könnte man sich in dem Fall die Umfragerei gleich komplett ersparen und hätte damit noch den unbedingt positiven Nebeneffekt, dass Politiker Ihr Handeln plötzlich nicht mehr ausschließlich (wie Seehofer) oder größtenteils (alle anderen) an der scheinbaren aktuellen Stimmungslage in der Bevölkerung ausrichten, sondern vielleicht gar mal wieder so etwas wie ein zumindest mittelfristiges Konzept für Ihre Politik entwickeln würden …
    Ist nur ein schöner Traum, ich weiß …


  10. Sonntagsfrage Bundestagswahl…

    und trotzdem ist es interessant und aufschlussreich, wie sich das Wählerverhalten und die Stimmung über die Zeit verändert. So scheint zB Krümmel den Grünen eher zu nützen als der SPD, obwohl diese das Thema ebenso für sich nutzen will…

 

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