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Deutschlands oberste Tigerente, oder: Zur (Aus-)Wahl des Bundespräsidenten

 

AndreaChristian Wulff wird – aller Voraussicht nach – der zehnte Bundespräsident Deutschlands. Das scheint eine gute Wahl zu sein, der Kandidat ist über die Parteigrenzen hinweg beliebt. Darüber hinaus gilt er als überaus kompetent und seriös, kurzum: Man traut ihm zu, ein guter Präsident zu sein. Und auch parteipolitisch hat er Rückenwind: Als Ministerpräsident in Niedersachen führt er seit sieben Jahren eine erfolgreiches schwarz-gelbes Bündnis, das der angeschlagenen „Tigerenten-Koalition“ (Maybritt Illner) auf Bundesebene als Vorbild dienen kann. Soweit die gute Nachricht.

Die schlechte Nachricht aber ist, dass die Kandidatensuche das eklatante Nachwuchs- und Rekrutierungsproblem der deutschen Politik sehr deutlich gemacht hat. Nach dem kurzen Experiment, mit Horst Köhler einen Kandidaten abseits der Parteipolitik zu wählen, kommt nun wieder ein Parteisoldat zum Zuge. Solche Erfahrung sei wichtig in diesem Amt, heißt es allerorten. Es lässt sich also festhalten, dass auch der Karriereweg des Staatsoberhauptes unweigerlich über die Partei führt.

Warum das problematisch ist, zeigt ein Blick auf den „Ausbildungsgang Berufspolitiker“: In den Parteien lernen angehende Politiker das Handwerkszeug, durch die zu absolvierende „Ochsentour“ entwickeln sie entscheidende Qualitäten wie Durchsetzungskraft und Durchhaltevermögen. Mittlerweile haben über 40% der Parlamentarier keinen anderen Beruf erlernt als den des Politikers. Während man früher nach einer Tätigkeit jenseits der Politik quasi als zweite Karriere in die Politik ging, führt jetzt mehr und mehr der Weg direkt dorthin.

Mediale oder integrative Kompetenzen sind für das Hocharbeiten innerhalb einer Partei nicht erforderlich; für das Amt des Bundespräsidenten sind sie gleichwohl zentral. Er muss die Medien bedienen können und seine Popularität in der Bevölkerung wird zum entscheidenden Maßstab für Erfolg oder Misserfolg. Dafür muss er einen Stil entwickeln, der das beinhaltet, was Max Weber in seinen Ausführungen als Charisma bezeichnet hat. Denn in den Worten Webers qualifiziert sich ein Politiker in erster Linie durch Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß. Dies sind allerdings Qualitäten, die man sich nicht in einem Crash-Kurs antrainieren kann und die eine moderne Parteikarriere auch nicht unbedingt fördern.

Christian Wulff hat die persönliche Ausstrahlung und das Charisma, das ein Bundespräsident braucht, um sich Gehör zu verschaffen. Dennoch muss seine Nominierung als vertane Chance gesehen werden. Nicht nur wird somit abermals ein männlicher Kandidat aus einem westdeutschen Bundesland ins Rennen geschickt; es ist insbesondere schade, dass der enge Karrierepfad zum Bundespräsidialamt, der mit der Wahl Horst Köhlers ein Stück weit aufgebrochen wurde, nun wieder zuzementiert wird. Die erste Reaktion von Angela Merkel nach dem Rücktritt Horst Köhlers war viel versprechend: Sie wolle einen Kandidaten suchen, der von allen Parteien getragen werden könne. Die Entscheidung für Wulff ist jedoch eindeutig parteipolitisch motiviert und so wird ihm nun das Image des schwarz-gelben Präsidenten anheften. Damit könnte die Wahl zugleich Signalwirkung für die kommenden Jahre haben: Das Staatsoberhaupt könnte zunehmend parteipolitisch vereinnahmt werden. Dadurch könnte es auch Amtsträgern, die über die nötigen Qualitäten verfügen, zukünftig schwerer fallen, über der Parteipolitik zu stehen.

Literaturhinweise:

Max Weber: Politik als Beruf. München, 1919.

Thomas Leif: Angepasst und ausgebrannt. Die Parteien in der Nachwuchsfalle. Gütersloh, 2009.

Andrea Römmele: Elitenrekrutierung und die Qualität politischer Führung. Zeitschrift für Politik (3), 2004, S.

34 Kommentare

  1.   Kai

    „Warum das problematisch ist, zeigt ein Blick auf den „Ausbildungsgang Berufspolitiker“: In den Parteien lernen angehende Politiker das Handwerkszeug, durch die zu absolvierende „Ochsentour“ entwickeln sie entscheidende Qualitäten wie Durchsetzungskraft und Durchhaltevermögen.”

    Mit Verlaub: Was genau ist daran problematisch? Jede Tätigkeit erfordert eine Ausbildung, innerhalb derer zum einen die Inhalte vermittelt werden, die man dafür braucht, und zum anderen die Möglichkeit besteht, sich ohne Gefahr darin zu üben. Jeder Bäcker, Metzger, Arzt muss sein Handwerk lernen, um darin vernünftig arbeiten zu können. Abgesehen vielleicht vom Spargelstecher oder Erdbeerpflücker erfordert jede Tätigkeit eine Ausbildung. Genau das Gleiche gilt für die Demokratie und das Wahrnehmen von Ämtern, sei es ehrenamtlich in der Kommune oder hauptberuflich im Bundestag. Wie man mit anderen Menschen vernünftig auskommt, Lösungen findet und letztlich konstruktiv zusammenarbeitet, kann man sich nicht anlesen — das muss man ganz praktisch lernen.

    Insofern sehe ich da erstens kein Problem und zweitens auch keine Alternative. Ich sehe vielmehr ein Problem bei Bürgern, die sich nicht mehr langfristig irgendwo engagieren wollen. Sei es in Parteien, Sportvereinen, der Freiwilligen Feuerwehr oder anderswo: „Toll, dass es andere machen, aber ich doch bitte schön nicht”.

    Und warum „Mediale oder integrative Kompetenzen” für das „Hocharbeiten” in einer Partei nicht notwendig sein sollten, erschließt sich mir auch nicht. Gerade solche integrativen Fähigkeiten sind es, die jemanden besonders positiv erscheinen lassen und mehrheitsfähig machen.


  2. @Kai: „Mit Verlaub: Was genau ist daran problematisch? Jede Tätigkeit erfordert eine Ausbildung, innerhalb derer zum einen die Inhalte vermittelt werden, die man dafür braucht, und zum anderen die Möglichkeit besteht, sich ohne Gefahr darin zu üben. Jeder Bäcker, Metzger, Arzt muss sein Handwerk lernen, um darin vernünftig arbeiten zu können. Abgesehen vielleicht vom Spargelstecher oder Erdbeerpflücker erfordert jede Tätigkeit eine Ausbildung. Genau das Gleiche gilt für die Demokratie und das Wahrnehmen von Ämtern, sei es ehrenamtlich in der Kommune oder hauptberuflich im Bundestag. Wie man mit anderen Menschen vernünftig auskommt, Lösungen findet und letztlich konstruktiv zusammenarbeitet, kann man sich nicht anlesen — das muss man ganz praktisch lernen.“

    – Ich finde dass einem gelrnten Berufspolitiker die Weitsicht fehlt. Könnte es sein, dass diese Entwicklung zur Politikverdrossenheit geführt hat? Dass das Hocharbeiten in einer Partei nicht die besten Kandidaten zur Vertretung des Volks findet?
    Dass das Volk als solches kaum mehr im Parlament vertreten ist? Wo sind dort die Handwerker, wo die richtigen Mütter (keine Aristokratentöchter), wo die richtigen Metzger, Bäcker, Ingenieure, Putzfrauen, Arbeitslosen, Bauern…? (Es sind nur noch Juristen, Lehrer und Banker drin, so scheint es)

  3.   Rolf

    hoderlump hat Recht. Runter von der Uni und rein ins Berufspolitikertum ist nicht das, was gebraucht wird. Gebraucht werden Frauen und Männer, die Lebenserfahrung gesammelt haben, sei es an der Werkbank und am Schreibtisch oder auch als (alleinerziehende?) Mütter oder Väter. Nur so kann man Gesetze schaffen und verabschieden, die sich an der Lebenswirklichkeit orientieren und nicht an den Einflüsterungen von Lobbyisten.


  4. Betrachtet man die Kandidaten einmal rein wirtschaftlich, dann wird uns wegen seines um 19 Jahre geringeren Alters Herr Wulff als Präsident bei heute 199.000 Euro Jahresvergütung bzw. Ehrensold auf Lebenszeit um voraussichtlich ca. 4 Millionen (plus Nebenkosten) teurer kommen als Herr Gauck. Dabei ist noch konservativ angenommen, beide würden einmal das gleiche Lebensalter erreichen, während laut Statistik Herr Wulff ja eine längere Lebensspanne erwarten darf als Herr Gauck. Darf man im Zeitalter der Schuldenkrise auch diesen Gesichtspunkt einmal ins Gespräch bringen oder würde das die Würde des Amtes verletzen?

  5.   Brigitte Ernst

    Haben und hatten wir in der deutschen Politik nicht schon genug von diesen aalglatten CDU-Karrieristen? Ein Bundespräsident muss meiner Ansicht nach andere Qualitäten mitbringen als Machtgier und Profilierungssucht, nämlich so altmodische Tugenden wie Menschlichkeit, Anstand, Sensibiltität und Taktgefühl. All das vermisse ich bei Christian Wulff, einem Mann, der erst das Familienleben mit seiner ersten Ehefrau wahlkampfstrategische vermarktet und dann, noch bevor er von dieser geschieden ist, die Nächste als zukünftige Landesmutter präsentiert. Ein solcher öffentlicher Affront gegen Frau und Tochter ist geschmacklos und zeugt nicht nur von schlechtem Stil, sondern auch von mangelnder Integrität. Merkwürdig, dass das keinem der ach so christlichen Mitstreiter aufgefallen ist.
    Der Kandidat Gauck dagegen hat durch seinen öffentlichen Kampf gegen das DDR-Regime gezeigt, dass es ihm in seinem Leben nicht um die persönliche Karriere gehr, sondern dass er übergeordnete Werte und dass es ihm um das Wohlergehen seiner Landsleute geht. Deshalb kommt nur er als Bundespräsident in Frage.

  6.   Alban

    Herr Wulff mag ehrenwert und redlich sein, aber meines Erachtens kommt es auf etwas ganz Anderes an:
    Herr Wulff ist ein demokratisch legitimierter Ministerpräsident in einem Amt. Wieso sollte er das Recht haben, es wegen Machtgeschachere vorzeitig verlassen zu können? Zeugt es nicht von mangelndem Respekt gegenüber unserer Verfassung, wenn die personelle Besetzung der Verfassungsinstitutionen der Willkür der sog. Macht“elite“ überlassen wird?
    Gerade in der jetzigen Situation wäre die Besetzung des obersten Amtes im Staate mit einer landesweit geachteten Persönlichkeit, die Ihren Aufstieg und öffentliche Bekanntheit nicht einem Parteiapparat zu verdanken hat, ein Zeichen von Achtung gegenüber dem „Wahlvolk“ gewesen.

  7.   alkyl

    Na ja, die Devise „wir brauchen den ältesten Politiker, der noch gerade vor der Kamera stehen kann, damit uns der lebenslange Spaß nicht zu teuer wird“ ist sicher auch keine wirkliche Lösung.

  8.   alkyl

    ad #7

    Das sollte eine Antwort auf #4 sein.

  9.   dersepp

    Ein Parlamentarier, der nicht direkt sondern über die Liste in ein Parlament kommt, ist anfälliger gegenüber einem Fraktionszwang, wenn er nichts als Politiker gelernt hat. Was soll aus ihm werden, wenn er nicht immer brav der Partei, sondern ab und zu auch mal seinem Gewissen folgt und deshalb auf der nächsten Liste nicht mehr auftaucht?
    Das ist problematisch an Berufspolitikern. Das hat weniger was mit dem Thema Bundespräsident zu tun, als dass es ein grundsätzliches Problem unserer Demokratie ist.

  10.   Krumm Denken

    „Mit Verlaub: Was genau ist daran problematisch? Jede Tätigkeit erfordert eine Ausbildung, innerhalb derer zum einen die Inhalte vermittelt werden, die man dafür braucht, und zum anderen die Möglichkeit besteht, sich ohne Gefahr darin zu üben.“

    http://www.wahlrecht.de/lexikon/aktives-passives-wahlrecht.html

    Mit Verlaub! Wo steht hier etwas von „Ausbildung“? Passives Wahlrecht ist – mit Einschränkungen – ein deutsches Jedermannsrecht.

    Da benötigt es KEINER parteilichen Ausbildung. Man möge mir anderweites bitte mitteilen.

 

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