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All the news that’s fit to print? Die Verständlichkeit der Berichterstattung zur Bundestagswahl 2009 in ausgewählten Print- und Online-Medien

 

Die Verständlichkeit der politischen Medienberichterstattung ist eine zentrale Voraussetzung für das Funktionieren und die Legitimität moderner Demokratien. Dieser Zusammenhang wurde von Toni Amstad im Rahmen seiner Verständlichkeitsanalyse von Schweizer Tageszeitungen bereits Ende der 1970er Jahre treffend auf den Punkt gebracht: „Was nützt Entscheidungsfreiheit, wenn über Dinge entschieden werden soll, über die ein erheblicher Teil der Bürger nicht in verständlicher Weise – und damit nur schlecht oder überhaupt nicht – informiert ist?“

Das Problem stellt sich dabei als umso relevanter dar, je wichtiger die betreffende Berichterstattung für die Wahlentscheidung der Bürger ist. Eine Studie der Universität Hohenheim hat deshalb nun die Verständlichkeit der Berichterstattung von drei wichtigen Meinungsführermedien (BILD, Der Spiegel, Süddeutsche Zeitung) in den vier Wochen vor der letzten Bundestagswahl analysiert. Hierbei wurden nicht nur die Print-, sondern auch die jeweiligen Online-Ausgaben der drei Medien untersucht.

Betrachtet man die Ergebnisse der Hohenheimer Studie, so lässt sich zunächst feststellen, dass die BILD-Zeitung erwartungsgemäß verständlicher abschneidet als die beiden anderen Medien. So erreichen die BILD-Artikel auf einer Skala von 0 (kaum verständlich) bis 100 (sehr verständlich) im Durchschnitt einen Wert von 61 Punkten, die übrigen Artikel hingegen einen Wert von 54 (Spiegel) bzw. 53 (Süddeutsche). Auch die hiermit verbundenen Bildungsvoraussetzungen wurden von den Hohenheimer Forschern prognostiziert: Demnach dürfte etwa ein Viertel der Artikel aus Spiegel und Süddeutscher Zeitung für Hauptschul-Absolventen eine Überforderung darstellen, bei der BILD-Zeitung hingegen nur fünf Prozent der Artikel.

Ähnliche Befunde ergeben sich für die Online-Portale der drei Medien. Auch hier schneidet die bild.de (57 Punkte) verständlicher ab als spiegel.de (51) und sueddeutsche.de (53). Entgegen den ursprünglichen Erwartungen der Forscher fiel die Verständlichkeit von zwei der drei Online-Portale damit jedoch geringer aus als die ihrer jeweiligen Print-Varianten. So lag selbst bei bild.de der Anteil an Artikeln, für deren Verständnis die Hohenheimer Forscher eine Mittlere Reife als Mindestvoraussetzung ansehen, bei 12 Prozent, bei spiegel.de sogar bei einem Drittel.

Einen wichtigen Grund für die teilweise geringe Verständlichkeit der untersuchten Artikel sehen die Forscher in unnötig komplexen Satzstrukturen. So lag die mittlere Satzlänge bei Spiegel und Süddeutscher Zeitung bei etwa 15 Wörtern pro Satz. Die Empfehlung der dpa für eine optimale Verständlichkeit liegt jedoch bei nur neun Wörtern pro Satz. Es lässt sich zudem nachweisen, dass Leser in einer Verarbeitungseinheit maximal neun Wörter aufnehmen können. Sätze, die diese Länge überschreiten, müssen demnach zwischengespeichert werden und führen so zu einer höheren kognitiven Belastung, insbesondere bei komplexen Themen wie Politik.

„All the news that’s fit to print”? Überträgt man das Leitmotiv der New York Times auf die hier betrachteten deutschen Medien, so lässt sich festhalten: Für einen nicht unbedeutenden Teil der deutschen Wahlbevölkerung dürfte die Berichterstatttung zur Bundestagswahl teilweise überwindbare Verständlichkeitshürden enthalten haben. Dass sich dieser Befund nicht nur auf Spiegel und Süddeutsche Zeitung beschränkt, sondern in abgeschwächter Form auch für die BILD-Zeitung gilt, sollte deren Machern zu denken geben.

Weiterführende Links

PolitMonitor: http://www.polit-monitor.de

Homepage des Hohenheimer Fachgebiets: http://komm.uni-hohenheim.de

6 Kommentare

  1.   Ein Zeitungsleser

    Interessant: Mehr als neun Worte machen einen Satz schwer verständlich. Warum hält sich der Autor aber selbst nicht daran? Wäre doch viel verständlicher. Müsste man nichts zwischenspeichern! Ein guter Text sollte kurz und knapp sein. Ohne Füllsel und Schnörkel! Und die Aussage dennoch voll rüberbringen!
    Ist das auch bei komplexen Sachverhalten verlustfrei möglich?
    Probieren Sie´s doch selber mal, lieber Leser: Redigieren Sie den Artikel oben im dpa-Stil. Aber lassen Sie nichts weg und verallgemeinern Sie nicht. So kurz wie möglich und so lang wie nötig.
    Und danach: Augen auf beim nächsten Zeitungskauf.
    Viel Spaß!


  2. Mein Kommentar steht hier: http://free1words.wordpress.com/2010/11/22/sprachsoe/

    Mehr als einmal schon habe ich die ‚gequirlte Scheiße‘, die oft genug abgesondert wird, angeprangert.

  3.   Meinungsmache

    Irgendwie lese ich immer nur das gleiche/ähnliche Beiträge von Ihnen Herr Kercher. Das Thema wird nicht spannender, wenn man sich immer wieder wiederholt…


  4. Lieber Zeitungsleser,

    Sie haben recht: Die Länge der Sätze in meinem Beitrag liegt tatsächlich über neun Wörtern. Wie kann man das erklären bzw. entschuldigen? Zunächst einmal bin ich Wissenschaftler und nicht Journalist. Zwar ist eine möglichst verständliche Sprache auch bei wissenschaftlicher Kommunikation wünschenswert und erstrebenswert (insbesondere auf einem Blog wie diesem). Trotzdem sind Wissenschaftler – im Gegensatz zu Journalisten – keine professionellen Kommunikatoren und haben (im Normalfall) vollkommen unterschiedliche Zielgruppen. Die (sprachlichen) Ansprüche, die an journalistische und wissenschaftliche Kommunikatoren gestellt werden, können deshalb nur schwerlich dieselben sein. Dies gilt umso mehr, wenn man wissenschaftliche Kommunikatoren mit BILD-Zeitungsjournalisten vergleicht.

    Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Dies soll keine billige Ausrede sein. Auch ich bin für eine verständliche Wissenschaftskommunikation, insbesondere im Austausch mit Nicht-Wissenschaftlern (sog. Experten-Laien-Kommunikation). Auch ich werde mich deshalb in Zukunft bemühen, bei meinen Beiträgen noch mehr auf unnötig lange Sätze zu achten. Trotzdem bleibt es wichtig, sich klar zu machen, dass Verständlichkeit auch immer abhängig von der jeweiligen Zielgruppe ist. Und die BILD-Zeitung hat zweifellos eine andere Zielgruppe als dieser Blog. Dies ist auch der Grund dafür, dass die dpa neben der Obergrenze für „optimale Verständlichkeit“ (neun Wörter pro Satz) auch eine Obergrenze des „Erwünschten“ (20 Wörter pro Satz) und eine Obergrenze des „Erlaubten“ (30 Wörter pro Satz) angibt. Auf diese Weise ermöglicht sie ihren Mitarbeitern, sich an der jeweiligen Zielgruppe auszurichten. Dass aber für BILD-Zeitungsjournalisten (um deren Zielgruppe angemessen anzusprechen) eher die Obergrenze von neun Wörtern gelten sollte als die Obergrenze von 20 oder 30 Wörtern pro Satz, liegt dabei ebenfalls auf der Hand.

    Mit besten Grüßen
    Jan Kercher


  5. Lieber namenloser Kommentator „Meinungsmache“,

    schade, dass Sie mir keine Möglichkeit geben, mich per E-Mail direkt an Sie zu wenden. So kann ich nur hoffen, dass Sie nochmal in diesen Beitrag reinklicken und sich meine Antwort auf Ihren Kommentar anschauen.

    Sie haben recht: Meine Beiträge für diesen Blog drehen sich (bislang) alle um das Thema Verständlichkeit von politischer Kommunikation. Das liegt daran, dass es sich bei diesem Thema um mein Promotionsthema handelt und ich mich deshalb naturgemäß in den letzten drei Jahren schwerpunktmäßig mit diesem Thema beschäftigt habe. Im Gegensatz zu Ihnen finde ich das Thema trotzdem nach wie vor spannend und auch facettenreich genug, um mich nach wie vor gerne damit zu beschäftigen. Das liegt v.a. daran, dass man das Thema immer wieder auf neue Untersuchungsobjekte (Wahlprogramme, Homepages, Zeitungen, Wahl-O-Mat usw.) anwenden kann, wodurch immer wieder neue, relevante Perspektiven beleuchtet werden.

    Wenn es Ihnen anders geht, ist das natürlich vollkommen in Ordnung, ändert aber nichts an meiner Einschätzung, dass es nach wie vor genug Bereiche der poltischen Kommunikation gibt, bei denen sich eine Verständlichkeitsbetrachtung lohnt (und bisher nicht durchgeführt wurde). In diesem Punkt stimme ich, nebenbei bemerkt, auch mit den Herausgebern dieses Blogs überein, die ich vor der Erstellung von jedem meiner Beiträge frage, ob nach wie vor Interesse an diesem Thema besteht.

    Mit besten Grüßen
    Jan Kercher

  6.   Monex

    Dies erh ht hoffentlich die Verst ndlichkeit o a und wirkt damit auch einheitlicher. Auf viel Verst ndnis sto en sie mit so einem a Verhalten bei ihren K ufern sicher nicht und a potentielle Kunden werden h chstens abgeo schreckt da sie damit rechnen m ssen das u Ger t irgendwann vielleicht nicht mehr so a wie sie es wollen benutzen zu k nnen. Die Men eintr ge sind u a verst ndlich und auch die Einstellungen una ter Bearbeiten Einstellungen sind gr teno teils selbsterkl rend.

 

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