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Mehr Fragmentierung denn je – trotz maximaler Mehrheit: Das deutsche Parteiensystem im Lichte der Bundesversammlung

 

Dass das Parteiensystem der Bundesrepublik in Bewegung ist, sieht man derzeit allerorten: Das Jamaika-Experiment im Saarland ist gescheitert, die rot-grüne Minderheitsregierung stand vergangene Woche plöztlich ohne Mehrheit und Haushalt da. Klare Mehrheitsverhältnisse sind keine Selbstverständlichkeit mehr. Letztlich spiegelt das auch die heutige Bundesversammlung wider, denn auch die übergroße („überparteiliche“) Koalition kann als Reaktion auf zunehmend knappe Merheiten verstanden werden.

Ein häufig verwendetes Maß zur Beschreibung des Parteiensystems (aus der Perspektive der Fragmentierung) ist die effektive Zahl der Parteien, die neben der Zahl der Parteien auch deren relatives Gewicht berücksichtigt. Wie die folgende Grafik zeigt, ist die heutige Bundesversammlung auch aus dieser Warte betrachtet eine sehr besondere: Mit 3,8 war die effektive Parteienzahl in der Bundesversammlung noch nie höher als heute. Noch nie also war die Fragmentierung höher als heute! Seine Ursache hat dies vor allem in der Schwäche der beiden großen Parteien: Der relative Anteil der SPD in der Versammlung stagniert auf niedrigem Niveau; der Anteil der Union an den Wahlpersonen der Versammlung war nur 1949 niedriger als heute. Umgekehrt muss logischerweise der Anteil anderer Parteien wachsen – und damit auch die Zahl effektiver Parteien.

Man mag darüber streiten, welche „Signale“ von einer Bundesversammlung und ihrer einzigen Funktion – der Wahl des Staatsoberhaupts – ausgehen. Aber klar ist doch. Die Entwicklungen des Parteiensystems spiegelt die Versammlung wider. Und dass damit Herausforderungen für die Parteien verbunden sind, wissen nicht nur all jene, die gerade in Wahlkämpfen aktiv sind.

4 Kommentare

  1.   hirmer

    Nach Laakso und Taagepera (1979) wird die effektive Anzahl der Parteien gemäß der bei Wahlen erhaltenen Stimmenzahl mittels folgender Formel berechnet:[4]:

    N = \frac{1}{\sum_{i=1}^n p_i^2}

    Dabei ist n die Anzahl aller Parteien und pi ihr relativer Stimmenanteil (als Bruchteil von 1).

    Die Berechnungsmethode ist jedoch in Wahlsystemen mit Sperrklauseln (wie der Fünf-Prozent-Klausel in Deutschland) problematisch, da auch Parteien, die an dieser Hürde scheitern, in die Berechnung mit einfließen. Hier kommt eine Berechnung anhand der errungenen Mandate in Frage.

  2.   Mike_E

    Eine Frage (bitte wenn möglich ohne Formel beantworten *g*):

    Wenn wie zu erwarten die Piraten bei den drei anstehenden Landtagswahlen (wie zu erwarten) stärker würden, dh. mehr Prozent/Mandate bekommen, würde dann die effektive Anzahl der Parteien steigen?

    Und Zusatzfrage: wie wird sich das (wenn es bei der momentanen Stimmungslage bleibt) das weitere Sinken der FDP-Stimmen auswirken? Würde dann die effektive Anzahl der Parteien sinken?

    Und spontan fällt mir noch was ein: Gibt es Modelle, die vielleicht die Regierungsbeteiligung einer Partei mit einbeziehen, sozusagen wie relevant eine Partei ist?

    Danke vorab.

  3.   Thorsten Faas

    Wenn es zwei gleich starke Parteien im Parlament gibt, ist die effektive Parteienzahl gleich 2. Wenn es drei gleich starke Parteien im Parlament gibt (mit je 33%), ist die Zahl gleich 3 usw. Wenn es dagegen eine kleine Partei (mit zB einem Sitz) und eine zweite große Partei (mit den restlichen 99 Sitzen zB gibt), dann ist die effektive Parteienzahl sehr nahe bei 1. Dass die effektive Parteienzahl derzeit steigt, liegt v.a. daran, dass die Parteien auch in ihrer Größe gleicher werden. Wenn ein neuer Akteur (klein!) hinzukommt, kann das zunächst sogar dazu führen, dass die Zahl sinkt.

 

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