{"id":1527,"date":"2009-07-16T14:18:11","date_gmt":"2009-07-16T12:18:11","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/wahlen-nach-zahlen\/?p=1527"},"modified":"2011-02-15T12:29:11","modified_gmt":"2011-02-15T11:29:11","slug":"warum-ist-der-ausgang-von-wahlen-trotz-schwankender-umfrageergebnisse-vorhersagbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/zweitstimme\/2009\/07\/16\/warum-ist-der-ausgang-von-wahlen-trotz-schwankender-umfrageergebnisse-vorhersagbar\/","title":{"rendered":"Warum ist der Ausgang von Wahlen trotz schwankender Umfrageergebnisse vorhersagbar?"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"about#gschwend\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-122\" src=\"http:\/\/altesblog.zeit.de\/wahlen-nach-zahlen\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/gschwend-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"100\" height=\"67\" \/><\/a>Umfragen vor oder zu Beginn eines Wahlkampfes sind notorisch ungenau und meist erst kurz vor dem Wahltag relativ aussagekr\u00e4ftig. Paradoxerweise ist der Ausgang einer Wahl bereits Wochen bzw. Monate vor dem Wahltag vorhersehbar, zumindest so genau, wie es Umfragen am Tag vor der Wahl ermitteln k\u00f6nnten. Warum fluktuieren Umfragewerte so stark, wenn Wahlen dann doch vorhergesagt werden k\u00f6nnen? Ist der Wahlkampf somit unn\u00f6tig? Nein. In einem Bundestagswahlkampf wird normalerweise keines der jeweiligen Lager eindeutig vom Wahlkampf profitieren k\u00f6nnen, sofern nicht einer Seite das Geld ausgeht (bei weniger wichtigen Landtags- oder Kommunalwahlen ist das anders). Im Wahlkampf werden der W\u00e4hlerschaft Informationen und Handreichungen gegeben, mit Hilfe derer sie ihre Wahlentscheidungen treffen k\u00f6nnen. Die &#8222;\u00dcberzeugungst\u00e4ter&#8220; m\u00fcssen motiviert werden zur Wahl zu gehen, die &#8222;Unparteiischen&#8220; mit politischen Angeboten \u00fcberzeugt und die &#8222;Apathischen&#8220; auch mit unpolitischen Image-Kampagnen politisch &#8222;verf\u00fchrt&#8220; werden. Aus der akademischen Wahlforschung wissen wir, dass Wahlentscheidungen nicht beliebig fabriziert werden k\u00f6nnen wie der Absatz von Zahnpasta, sondern sich aus <em>fundamentalen Bestimmungsfaktoren<\/em> zusammensetzen, wie z. B. der Bewertung von politischen Parteien, Kandidaten sowie politischen Themen.<\/p>\n<p>Die Handreichungen im Wahlkampf helfen den W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hlern, sich wieder politisch ins Tagesgesch\u00e4ft einzuschalten und sich zu orientieren. Dabei lernen sie den Wert dieser fundamentalen Bestimmungsfaktoren erneut kennen, falls sie es in der wahlkampfarmen Zeit vergessen haben sollten. Neben dieser Erinnerungsfunktion, die der Wahlkampf f\u00fcr die &#8222;\u00dcberzeugungst\u00e4ter&#8220; bietet, biete sich hier eine weitere M\u00f6glichkeit, durch die Ausgestaltung der Kampagne bei den &#8222;Unparteiischen&#8220; eine Gewichtsverschiebung dieser fundamentalen Bestimmungsfaktoren zu erreichen. F\u00fcr den einen kann ein politisches Thema vorrangig sein, f\u00fcr andere kann die Bewertung eines Kandidaten wichtiger sein als die der zugeh\u00f6rigen Partei. Erst wenn politische Kampagnen bestimmte, einfach verf\u00fcgbare Bewertungskriterien liefern, die bei den noch unentschiedenen unparteiischen W\u00e4hlern zu einer anderen Gewichtung der fundamentalen Bestimmungsfaktoren oder ihrer Erwartung \u00fcber den Wahlausgang f\u00fchrt, kann sich die Wahlentscheidung dieser W\u00e4hler bis zum Wahltag noch \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Die akademische Wahlforschung kann Angebote machen, wie ihre Expertise hinsichtlich der Erkl\u00e4rung individueller Entscheidungsprozesse sowie der Entwicklung von Vorhersagemodellen genutzt werden kann, um die <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/wahlen-nach-zahlen\/2009\/07\/14\/sind-umfragen-das-allheilmittel-zur-begleitung-politischer-kampagnen_1506\">Schw\u00e4chen von Umfragen als Mittel zur Beurteilung politischer Kampagnen<\/a> auszugleichen. Beispielsweise haben schon vor einem halben Jahrhundert die Autoren der \u201eBibel\u201c der Wahlforschung <em>The American Voter<\/em> mit ihren Modellen die tats\u00e4chliche Wahlentscheidung von Befragten vor einer Wahl genauer vorhersagen k\u00f6nnen, als es die Befragten selbst zu diesem Zeitpunkt konnten. Die Umfragen vor der Wahl lieferten also damals schon ein verschwommeneres Bild als die statistischen Modelle der <em>Godfathers<\/em> der Wahlforschung. Warum ist das so? Politikwissenschaftliche Modelle des Wahlverhaltens messen die fundamentalen Bestimmungsfaktoren und k\u00f6nnen daher prinzipiell Vorhersagen \u00fcber das Wahlverhalten treffen. Der einzelne Befragte hingegen muss sich die Antwort auf die Wahlabsichtsfrage in der Interviewsituation immer wieder selbst zusammenreimen. Erfahrungsgem\u00e4\u00df werden lange vor einer Wahl nicht unbedingt diese fundamentalen Bestimmungsfaktoren daf\u00fcr verwendet. Der einzelne lernt gewisserma\u00dfen diese Faktoren im Laufe des Wahlkampfes erst wieder kennen und wird sie dann f\u00fcr seine Wahlentscheidung heranziehen.<\/p>\n<p>Im Hinblick auf die Prognose von Wahlen gibt es mittlerweile auch eine Reihe vielversprechender Ans\u00e4tze, die nicht nur auf Interpretationen des Antwortverhaltens von Befragten auf die hypothetische <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/wahlen-nach-zahlen\/2009\/07\/13\/stimmung-und-stimmen-sind-zwei-paar-stiefel-das-elend-mit-der-sogennanten-%E2%80%9Esonntagsfrage%E2%80%9C_1498\">&#8222;Sonntagsfrage&#8220;<\/a> beruhen. Auf der Basis von nur drei Faktoren \u2013 Kanzler(innen)popularit\u00e4t, W\u00e4hlerr\u00fcckhalt der Regierungsparteien und Abnutzung einer jeweiligen Regierung im Amt &#8212; konnte ein von <a href=\"http:\/\/www.primarymodel.com\/Biography%20.html\">Helmut Norpoth<\/a> und mir entwickeltes Modell den Stimmenanteil der amtierenden Regierungskoalition bei den letzten beiden Bundestagswahlen 2002 und 2005 (in diesen F\u00e4llen also SPD\/Gr\u00fcne) einen Monat vor dem jeweiligen Wahltag genauer vorhersagen als es die Umfragen zum Teil noch mit ihren 18-Uhr-Prognosen am Wahlabend vermochten. Auch f\u00fcr diesen Herbst werden wir eine Prognose erstellen. Mehr dazu am kommenden Sonntag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Umfragen vor oder zu Beginn eines Wahlkampfes sind notorisch ungenau und meist erst kurz vor dem Wahltag relativ aussagekr\u00e4ftig. Paradoxerweise ist der Ausgang einer Wahl bereits Wochen bzw. 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