{"id":2113,"date":"2009-10-14T15:08:32","date_gmt":"2009-10-14T13:08:32","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/wahlen-nach-zahlen\/?p=2113"},"modified":"2011-02-15T11:46:04","modified_gmt":"2011-02-15T10:46:04","slug":"das-kanzlermodell-bei-der-wahl-2009-diesmal-kein-volltreffer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/zweitstimme\/2009\/10\/14\/das-kanzlermodell-bei-der-wahl-2009-diesmal-kein-volltreffer\/","title":{"rendered":"Das Kanzlermodell bei der Wahl 2009: Diesmal kein Volltreffer"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/wahlen-nach-zahlen\/files\/2009\/03\/gschwend.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-79\" src=\"http:\/\/altesblog.zeit.de\/wahlen-nach-zahlen\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/gschwend-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"100\" height=\"67\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/zweitstimme\/files\/2009\/03\/gschwend-300x200.jpg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/zweitstimme\/files\/2009\/03\/gschwend-1024x682.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 100px) 100vw, 100px\" \/><\/a>In den Tagen nach der Bundestagswahl haben mein Kollege <a href=\"http:\/\/www.primarymodel.com\/Biography%20.html\">Helmut Norpoth<\/a> und ich das Abschneiden unseres Kanzlermodells n\u00e4her untersucht. Die nachfolgende Analyse ist das erste Ergebnis unserer gemeinsamen Bem\u00fchungen.<\/p>\n<p>Das Wahlergebnis vom 27. September zeigt eines ganz deutlich: Der Regierungswechsel wird kommen. CDU\/CSU haben zusammen mit der FDP eine Mehrheit im neuen Bundestag erreichen k\u00f6nnen. Im Gegensatz zu einigen Kommentatoren und Umfragen, die noch kurz vor dem Wahltag einen solchen Ausgang f\u00fcr unwahrscheinlich hielten und stattdessen eher eine Wiederauflage der \u201eGro\u00dfen Koalition\u201c voraussahen, hat das Kanzlermodell erneut den richtigen Sieger vorhergesagt. Schwarz-Gelb. Trotz der zugegebenen schwierigen Ausgangssituation im Jahr 2009 mit einer amtierenden Regierung, die eigentlich gar nicht wiedergew\u00e4hlt werden wollte, prognostizierte unser Modell wie bei allen anderen Wahlen zuvor wieder einmal den richtigen Sieger. Und das nicht erst am Wahlabend oder mit lauten Zweifeln, sondern schon lange vor dem Wahltag.<\/p>\n<p>Der tats\u00e4chlich erreichte Prozentsatz f\u00fcr Schwarz-Gelb von 48,4 % weicht von unserem am 20. August vorhergesagten Wert (52,9 %) um 4,5 Prozentpunkte ab. Obwohl wir den Ausgang richtig vorhergesagt haben, war das Modell offensichtlich gro\u00dfz\u00fcgiger zur Wunschkoalition der Kanzlerin als die W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler am Wahltag selbst. Nat\u00fcrlich ist nicht jedesmal ein Volltreffer zu erwarten wie 2002 oder nur eine geringf\u00fcgige Abweichung wie 2005, als unsere Modellprognosen besser abschnitten als die Umfrageergebnisse vor und am Wahltag selbst. Allerdings irrte sich dieses Mal unser Modell weit mehr als die Umfragen.<\/p>\n<p>Warum wurde der Stimmenanteil von Schwarz-Gelb derart \u00fcbersch\u00e4tzt? Wir k\u00f6nnen nat\u00fcrlich nicht in die K\u00f6pfe der W\u00e4hler hineinschauen, vermuten aber Folgendes: Die Umsetzung von Popularit\u00e4t vor der Wahl in Stimmen am Wahltag hat f\u00fcr die schwarz-gelbe Wunschkoalition der Kanzlerin nicht so funktioniert, wie wir das von den anderen Bundestagswahlen her kannten. Leider sind bisher noch keine Umfragedaten, die eine genauere Analyse erm\u00f6glichen w\u00fcrden, \u00f6ffentlich zug\u00e4ngig. Trotzdem gibt es Anzeichen, die diese Vermutung st\u00fctzen.<\/p>\n<p><strong>Popularit\u00e4t von Merkel und Steinmeier bei ihren eigenen Anh\u00e4ngern im Jahr 2009<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<table BORDER=\"1\">\n<tr>\n<th>2009<\/th>\n<th>Merkel wird bevorzugt von CDU\/CSU-Anh\u00e4ngern<\/th>\n<th>Steinmeier wird bevorzugt von SPD-Anh\u00e4ngern<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"center\">Juli I<\/td>\n<td align=\"center\">89<\/td>\n<td align=\"center\">62<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"center\">Juli II<\/td>\n<td align=\"center\">91<\/td>\n<td align=\"center\">50<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"center\">Aug I<\/td>\n<td align=\"center\">93<\/td>\n<td align=\"center\">53<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"center\">Aug II<\/td>\n<td align=\"center\">92<\/td>\n<td align=\"center\">55<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<p><em>Quelle: Ver\u00f6ffentlichte Werte im Bericht zum Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen<\/em><\/p>\n<p>Die Anh\u00e4nger der SPD standen nicht deutlich hinter ihrem Kanzlerkandidaten. Die Unterst\u00fctzungswerte von Steinmeier lagen nur bei rund 55 %. Offensichtlich hat die hypothetische Entscheidung \u201eMerkel oder Steinmeier?\u201c die eigenen SPD-Reihen nicht so fest geschlossen wie das \u00fcblicherweise der Fall ist. Viele w\u00fcnschten sich Frau Merkel anstelle des eigenen Kandidaten als Bundeskanzler(in), ohne jedoch f\u00fcr die Union zu stimmen. So war Frau Merkel vor der Wahl popul\u00e4rer als die Bundeskanzler bei fr\u00fcheren Wahlen. Das lag haupts\u00e4chlich an der besonderen Situation der amtierenden \u201eGro\u00dfen Koalition.\u201c Die SPD geh\u00f6rte einer Regierung an, die nicht von einer Pers\u00f6nlichkeit aus der eigenen Partei, sondern aus der Gegenpartei geleitet wurde. Es gab offenbar SPD-Anh\u00e4nger, die es ohne weiteres mit sich vereinbaren konnten, einerseits lieber die Amtsinhaberin anstelle des eigenen Kandidaten als Kanzler zu bevorzugen, aber am Wahltag doch der eigenen Partei ihre Stimme gaben statt ihrer Wunschkanzlerin ins Amt zu verhelfen. Vermutlich waren viele W\u00e4hler derart an die \u201eGro\u00dfe Koalition\u201c gew\u00f6hnt, dass sie trotz gegenseitiger Konfrontationen im zur\u00fcckliegenden Wahlkampf zu solch einem gef\u00fchlten Spagat f\u00e4hig waren. Dieser Umstand bescherte 2009 der amtierende Kanzlerin bei SPD-Anh\u00e4ngern Sympathien, einen \u201eGro\u00dfer Koalitions-Bonus\u201c sozusagen, die bei Wahlen ohne Grosse Koalition nicht zu erwarten sind. Ein Vergleich von Kanzlerpopularit\u00e4t in den Reihen der Parteianh\u00e4nger mit Kanzlerpopularit\u00e4t vergangener Wahlen beweist das eindeutig.<\/p>\n<p>Wir haben uns daraufhin die ver\u00f6ffentlichten Berichte der Forschungsgruppe Wahlen zum Politbarometer angesehen, auf deren Basis wir unser Ma\u00df f\u00fcr die Kanzlerpopularit\u00e4t konstruierten. Zudem haben wir auch die von der Forschungsgruppe Wahlen dankenswerterweise archivierten Daten f\u00fcr 2002 reanalysiert.<\/p>\n<p><strong> Popularit\u00e4t von Stoiber und Schr\u00f6der bei ihren eigenen Anh\u00e4ngern im Jahr 2002<\/strong><\/p>\n<table BORDER=\"1\">\n<tr>\n<th>2002 Ost<\/th>\n<th>Stoiber wird bevorzugt von CDU\/CSU-Anh\u00e4ngern<\/th>\n<th>Schr\u00f6der wird bevorzugt von SPD-Anh\u00e4ngern<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"center\">Feb<\/td>\n<td align=\"center\">81<\/td>\n<td align=\"center\">95<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"center\">M\u00e4r<\/td>\n<td align=\"center\">85<\/td>\n<td align=\"center\">96<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"center\">Apr<\/td>\n<td align=\"center\">82<\/td>\n<td align=\"center\">95<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"center\">Mai<\/td>\n<td align=\"center\">83<\/td>\n<td align=\"center\">93<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"center\">Jun<\/td>\n<td align=\"center\">81<\/td>\n<td align=\"center\">93<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"center\">Jul<\/td>\n<td align=\"center\">81<\/td>\n<td align=\"center\">95<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"center\">Aug<\/td>\n<td align=\"center\">78<\/td>\n<td align=\"center\">97<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"center\">Sep<\/td>\n<td align=\"center\">87<\/td>\n<td align=\"center\">99<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table BORDER=\"1\">\n<tr>\n<th>2002 West<\/th>\n<th>Stoiber wird bevorzugt von CDU\/CSU-Anh\u00e4ngern<\/th>\n<th>Schr\u00f6der wird bevorzugt von SPD-Anh\u00e4ngern<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"center\">Feb<\/td>\n<td align=\"center\">91<\/td>\n<td align=\"center\">96<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"center\">M\u00e4r<\/td>\n<td align=\"center\">89<\/td>\n<td align=\"center\">93<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"center\">Apr<\/td>\n<td align=\"center\">89<\/td>\n<td align=\"center\">95<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"center\">Mai<\/td>\n<td align=\"center\">87<\/td>\n<td align=\"center\">96<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"center\">Jun<\/td>\n<td align=\"center\">89<\/td>\n<td align=\"center\">94<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"center\">Jul<\/td>\n<td align=\"center\">88<\/td>\n<td align=\"center\">95<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"center\">Aug<\/td>\n<td align=\"center\">88<\/td>\n<td align=\"center\">98<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"center\">Sep<\/td>\n<td align=\"center\">88<\/td>\n<td align=\"center\">99<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<p><em>Quelle: Erhebungen der Forschungsgruppe Wahlen<\/em><\/p>\n<p>Vor der Wahl 2002, als die eine Gro\u00dfpartei (SPD) im Amt und die andere (CDU\/CSU) in der Opposition war, erfreuten sich Kanzler Schr\u00f6der wie auch Kanzlerkandidat Stoiber nahezu voller Unterst\u00fctzung in den eigenen Reihen. In Ost wie West. Zwischen 80 und 90 % der CDU\/CSU- Anh\u00e4nger w\u00fcnschten sich lieber Stoiber als Schr\u00f6der als Kanzler. \u00dcber 90 % der SPD-Anh\u00e4nger w\u00fcnschten sich lieber wieder Schr\u00f6der.<\/p>\n<p>F\u00fcr 2005 ergibt sich im Wesentlichen dasselbe Bild. Hier berufen wir uns auf die ver\u00f6ffentlichten Werte im Politbarometer. Beide Kanzlerkandidaten konnten unter den jeweiligen Parteianh\u00e4ngern klar polarisieren. W\u00e4hrend die damalige Herausforderin sich auf rund 80 % Zustimmung im eigenen Lager verlassen konnte, konnte der Amtsinhaber auf rund 90 % seiner Anh\u00e4nger z\u00e4hlen. Ein solches Muster ist typisch f\u00fcr den Normalfall einer Bundestagswahl, wo CDU\/CSU und SPD auf entgegengesetzten Seiten der Macht stehen.<\/p>\n<p><strong>Popularit\u00e4t von Merkel und Schr\u00f6der bei ihren Anh\u00e4ngern im Jahr 2005<\/strong><\/p>\n<table BORDER=\"1\">\n<tr>\n<th>2005<\/th>\n<th>Merkel wird bevorzugt von CDU\/CSU-Anh\u00e4ngern<\/th>\n<th>Schr\u00f6der wird bevorzugt von SPD-Anh\u00e4ngern<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"center\">Jul I<\/td>\n<td align=\"center\">79<\/td>\n<td align=\"center\">92<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"center\">Jun II<\/td>\n<td align=\"center\">75<\/td>\n<td align=\"center\">89<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"center\">Jun I<\/td>\n<td align=\"center\">83<\/td>\n<td align=\"center\">88<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"center\">Mai<\/td>\n<td align=\"center\">81<\/td>\n<td align=\"center\">91<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<p><em>Quelle: Ver\u00f6ffentlichte Werte im Bericht zum Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr den seltenen Fall einer Wahl wie der in 2009, wo diese beiden Parteien gemeinsam im Amt sind, w\u00e4re es ratsam, die Variable \u201eKanzlerpopularit\u00e4t\u201c im Prognosemodell entsprechend zu bereinigen. Insbesondere dann, wenn die Wahlprognose auf eine andere Parteienkombination abzielt, also Schwarz-Gelb statt Schwarz-Rot. Nehmen wir also den typischen Fall, in dem sich die beiden Gro\u00dfparteien gegen\u00fcberstehen: Hier finden die beiden Kanzlerkandidaten etwa die gleiche Zustimmung in den eigenen Parteilagern. Unter dieser Annahme erhielten wir f\u00fcr 2009 einen vom \u201eGro\u00dfen Koalitions-Bonus\u201c bereinigten Wert f\u00fcr die Kanzlerpopularit\u00e4t von 61 % f\u00fcr die amtierende Kanzlerin. Mit einem solchen Popularit\u00e4tswert h\u00e4tte unser Modell sodann eine Prognose von 49,1 % Stimmen f\u00fcr Schwarz-Gelb geliefert. Bei einem solchen Sonderfall wie in 2009, ist eine solche Korrektur sicherlich zu rechtfertigen. Die Kanzlerpopularit\u00e4t eignet sich ohne weiteres als Prognosefaktor bei Wahlen, in denen sich die Kanzlerkandidaten wie auch die hinter ihnen stehenden Parteien auf entgegengesetzten Seiten befinden. Wenn beide Gro\u00dfparteien jedoch zusammen im Amt sind und mit eigenen Kanzlerkandidaten antreten, dann hat die Kanzlerpopularit\u00e4t nur bedingte Prognosekraft f\u00fcr eine andere Kombination von Parteien.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Tagen nach der Bundestagswahl haben mein Kollege Helmut Norpoth und ich das Abschneiden unseres Kanzlermodells n\u00e4her untersucht. Die nachfolgende Analyse ist das erste Ergebnis unserer gemeinsamen Bem\u00fchungen. Das Wahlergebnis vom 27. September zeigt eines ganz deutlich: Der Regierungswechsel wird kommen. CDU\/CSU haben zusammen mit der FDP eine Mehrheit im neuen Bundestag erreichen k\u00f6nnen. 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