{"id":2611,"date":"2010-10-20T12:33:15","date_gmt":"2010-10-20T10:33:15","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/politik-nach-zahlen\/?p=2611"},"modified":"2010-10-20T12:33:15","modified_gmt":"2010-10-20T10:33:15","slug":"paradoxes-wahlerverhalten-in-wien-warum-punktet-eine-rechtsextremistische-kampagne-bei-wahlern-mit-migrationshintergrund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/zweitstimme\/2010\/10\/20\/paradoxes-wahlerverhalten-in-wien-warum-punktet-eine-rechtsextremistische-kampagne-bei-wahlern-mit-migrationshintergrund\/","title":{"rendered":"Paradoxes W\u00e4hlerverhalten in Wien: Warum punktet eine rechtsextremistische Kampagne bei W\u00e4hlern mit Migrationshintergrund?"},"content":{"rendered":"<p><em>Gastbeitrag von Felix Lill<\/em><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2613 alignleft\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/zweitstimme\/files\/2010\/10\/Foto-Felix-quer.jpg\" alt=\"\" width=\"100\" height=\"88\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/zweitstimme\/files\/2010\/10\/Foto-Felix-quer.jpg 2736w, https:\/\/blog.zeit.de\/zweitstimme\/files\/2010\/10\/Foto-Felix-quer-300x263.jpg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/zweitstimme\/files\/2010\/10\/Foto-Felix-quer-1024x899.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 100px) 100vw, 100px\" \/>\u201eEigentlich hab&#8216; ich ja nichts gegen Ausl\u00e4nder, aber&#8230;\u201c In Wien ist dieser Satz nicht selten zu h\u00f6ren. Dann werden die klassischen Argumente aufgez\u00e4hlt, obwohl keine empirische Evidenz f\u00fcr sie spricht: \u201eDie nehmen unsere Arbeitspl\u00e4tze weg\u201c, \u201edie fressen unsere Renten auf\u201c, \u201edie sind kriminell\u201c, \u201ejetzt d\u00fcrfen sie auch noch in den Gemeindebauten wohnen, die wir von unseren Steuern bezahlen\u201c&#8230;<\/p>\n<p>Bei den Wiener Gemeinderatswahlen am 10. Oktober hat die Freiheitliche Partei \u00d6sterreichs (FP\u00d6) nicht durch Zufall \u00fcber 26% gewonnen. Eigentlich ist das Ergebnis nichts Neues: Erst vor zwei Jahren, bei den \u00f6sterreichweiten Nationalratswahlen, gewannen die rechtspopulistischen Parteien, FP\u00d6 und die Splitterpartei BZ\u00d6 (B\u00fcndnis Zukunft \u00d6sterreich), zusammen sogar leicht \u00fcber 28%. Zu Lebzeiten J\u00f6rg Haiders, dessen Tod erst zwei Jahre her ist, war Rechtspopulismus ohnehin salonf\u00e4hig. Haider konnte vor knapp zehn Jahren sogar mit der konservativen \u00d6VP auf Bundesebene koalieren. Aber nach J\u00f6rg Haiders Tod glaubten viele, das Thema sei so langsam vom Tisch.<\/p>\n<p>Der j\u00fcngste Wahlkampf, den der FP\u00d6-Spitzenkandidat Heinz Christian Strache gef\u00fchrt hat, ist der bisher wohl rechtsextremistischste gewesen. Wahlslogans lauteten: \u201eMehr Mut f\u00fcr unser Wiener Blut \u2013 Zu viel Fremdes tut niemandem gut\u201c oder \u201eSarrazin statt Muezzin\u201c. So weit ging es, dass Neonazis auf Websites ihr Gefallen an Strache bekundeten, der ihnen sonst immer zu milde gewesen war. Aber auch in breiten Teilen der \u00f6sterreichischen Bev\u00f6lkerung, beobachtet das Nachrichtenmagazin \u201eprofil\u201c in seiner aktuellen Ausgabe, herrscht ein durch Tatsachen nicht zu begr\u00fcndendes Gef\u00fchl der st\u00e4ndigen Benachteiligung vor. Ein beliebter S\u00fcndenbock sind immer wieder \u201edie Ausl\u00e4nder.\u201c<\/p>\n<p>Laut einer Umfrage des Sozialforschungsinstituts SORA und des Instituts f\u00fcr Strategieanalysen ISA war f\u00fcr 68% der FP\u00d6-W\u00e4hler der Anti-Zuwanderung-Standpunkt ein zentraler Grund f\u00fcr ihre Stimmentscheidung; \u00fcber ein Drittel nannten auch explizit die islamophobe Haltung der Partei.<\/p>\n<p>Interessant ist aber, dass von den wahlberechtigten Wienern mit Migrationshintergrund, die rund ein Viertel aller Wahlberechtigten ausmachten, immerhin 16% die FP\u00d6 w\u00e4hlten \u2013 das sind 3% Stimmenanteil mehr als die Gr\u00fcnen und 2% mehr als die \u00d6VP von dieser Gruppe erhielten. Das ist zwar weniger als bei einigen vorigen Wahlen, aber angesichts des eindimensionalen und extrem ausl\u00e4nderfeindlichen Wahlkampfes der FP\u00d6 auf den ersten Blick erstaunlich.<\/p>\n<p>Werden W\u00e4hler mit Migrationshintergrund auf ein solches Stimmverhalten angesprochen, begr\u00fcnden\u00a0sie dies typischerweise\u00a0mit Selbstschutz: Weitere Zuwanderung vermeiden, mit harter Hand gegen die Klischees straff\u00e4lliger Migranten angehen, nicht in einen Topf mit den Fremden, den Zuwanderern geworfen werden. Definiert man Wahlberechtigte mit Migrationshintergrund als eine W\u00e4hlergruppe, ist hier bei einem betr\u00e4chtlichen Anteil ein adverses Verhalten beobachtbar: Anstatt sich gegen die Hetze von Straches FP\u00d6 stark zu machen, wollen jene 16% lieber zum (\u00f6sterreichischen) Kern der Gesellschaft geh\u00f6ren. Im Resultat d\u00fcrfte das auf Kosten aller Wiener B\u00fcrger mit Migrationshintergrund gehen, denn das Gros der FP\u00d6-W\u00e4hler wird nicht wissen oder gar unterscheiden, welcher T\u00fcrke oder Serbe nun sein Kreuz f\u00fcr die FP\u00d6 gemacht hat. Rechtsextremismus, von dem jene Wiener mit Migrationshintergrund am wenigsten profitieren, k\u00f6nnte so durch eigenes Zuarbeiten aufflammen.<\/p>\n<p>Zwar bleibt Michael H\u00e4upl (SP\u00d6) Wiener B\u00fcrgermeister, aber mehr als ein Viertel der Wiener wird nun von der FP\u00d6 repr\u00e4sentiert. Wom\u00f6glich werden bald auch von einigen T\u00fcrken, Polen, und Abst\u00e4mmigen des ehemaligen Jugoslawiens diese Spr\u00fcche zu h\u00f6ren sein: \u201eIch hab&#8216; ja nichts gegen Ausl\u00e4nder. Aber&#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-top: 30px\"><em>Felix Lill hat Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversit\u00e4t Wien sowie Philosophie der Sozialwissenschaften an der London School of Economics studiert und absolviert derzeit ein Master-Programm an der Hertie School of Governance in Berlin. Seit mehreren Jahren arbeitet er als freier Journalist, u.a. f\u00fcr Die Presse, Tages-Anzeiger, taz und Spiegel Online. In diesem Jahr wurde er mit dem \u00f6sterreichischen Sportjournalistenpreis in der Kategorie \u201ePrint\u201c ausgezeichnet.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gastbeitrag von Felix Lill \u201eEigentlich hab&#8216; ich ja nichts gegen Ausl\u00e4nder, aber&#8230;\u201c In Wien ist dieser Satz nicht selten zu h\u00f6ren. 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