{"id":2686,"date":"2010-12-01T11:39:22","date_gmt":"2010-12-01T10:39:22","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/politik-nach-zahlen\/?p=2686"},"modified":"2010-12-01T11:39:22","modified_gmt":"2010-12-01T10:39:22","slug":"wikileaks-und-offene-daten-%e2%80%93-zwei-seiten-einer-medaille","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/zweitstimme\/2010\/12\/01\/wikileaks-und-offene-daten-%e2%80%93-zwei-seiten-einer-medaille\/","title":{"rendered":"Wikileaks und offene Daten \u2013 zwei Seiten einer Medaille?"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/zweitstimme\/files\/2010\/12\/cb_portrait_2007.jpg\"><\/a><em>Gastbeitrag von Christoph Bieber<\/em><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/zweitstimme\/files\/2010\/12\/cb_portrait_2007.jpg\"><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/internetundpolitik.wordpress.com\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-2687\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/zweitstimme\/files\/2010\/12\/cb_portrait_2007.jpg\" alt=\"\" width=\"102\" height=\"145\" \/><\/a>Was haben die \u201eEnth\u00fcllungsplattform\u201c Wikileaks und die scheinbar nur f\u00fcr Verwaltungsexperten und Programmierer interessanten E-Government-Angebote wie data.gov, data.gov.uk oder bund.offenerhaushalt.de miteinander gemein? Auf den ersten Blick nicht viel, doch bei einem Vergleich der Konstruktionsprinzipien zeigen sich durchaus \u00c4hnlichkeiten: In beiden F\u00e4llen geht es um \u201eoffene Daten\u201c, die Verf\u00fcgbarmachung und Verbreitung gro\u00dfer Informationsmengen, ganz gleich ob als subversive Enth\u00fcllung oder kontrolliertes Leck.<\/p>\n<p>Folgerichtig entwickelt sich in den USA bereits eine Debatte um die Frage, ob Wikileaks in das Modell des \u201eOpen Government\u201c passt (vgl. Alex Howard, <a href=\"http:\/\/gov20.govfresh.com\/is-wikileaks-open-government\" target=\"_blank\">Is Wikileaks Open Government?<\/a>). In Deutschland dominieren dagegen die Best\u00fcrzung \u00fcber die unverbl\u00fcmten Einsch\u00e4tzungen des politischen Spitzenpersonals sowie eine diffuse Emp\u00f6rung \u00fcber das Internet als sprudelnder Datenquelle. Immerhin, in der \u00f6ffentlichen Debatte wird Wikileaks als Akteur nun etwas mehr Respekt entgegengebracht \u2013 in den Aff\u00e4ren um die Publikation geheimer Milit\u00e4rdokumente galt das Netzwerk um Julian Assange eher als medialer Empork\u00f6mmling mit unklarem Antrieb. Besonders pointiert vorgetragen wurde die Frage nach dem Bedeutungsverlust der alten Medien durch den New Yorker Journalismus-Forscher Jay Rosen, der Wikileaks als neuartige <a href=\"http:\/\/archive.pressthink.org\/2010\/07\/26\/wikileaks_afghan.html\" target=\"_blank\">\u201estateless news organization\u201c<\/a> bezeichnet hatte.<\/p>\n<p>Die ersten beiden Publikationswellen waren deutliche Hinweise darauf, dass die technologisch ver\u00e4nderten M\u00f6glichkeiten zur Dokumentenerstellung, -vervielf\u00e4ltigung und -weitergabe f\u00fcr eine \u201eKonjunktur des Lecks\u201c sorgen. Hier liegt im \u00dcbrigen eine bislang noch kaum beachtete Differenz zu den \u201eWar Logs\u201c aus Afghanistan und Irak: Waren damals auch multimediale Dokumente ver\u00f6ffentlicht worden, handelt es sich bei den diplomatischen \u201eKabeln\u201c bislang offenbar um pures Textmaterial. Gerade hier sind gemeinschaftliche Anstrengungen notwendig, um sich mit der immensen Materialmenge \u00fcberhaupt besch\u00e4ftigen zu k\u00f6nnen. Profiteure sind hier nicht allein Journalisten und interessierte B\u00fcrger, sondern auch Wissenschaftler. So ger\u00e4t der britische Historiker Timothy Garton Ash angesichts dieser Quellenflut <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/commentisfree\/2010\/nov\/28\/wikileaks-diplomacy-us-media-war\" target=\"_blank\">regelrecht ins Schw\u00e4rmen<\/a>:<\/p>\n<p>&#8222;In den n\u00e4chsten Wochen k\u00f6nnen wir uns auf ein mehrg\u00e4ngiges Festmahl zur Geschichte der Gegenwart freuen. Ein Historiker muss normalerweise 20 bis 30 Jahre warten, um solche Sch\u00e4tze zu finden. Hier sind die j\u00fcngsten Berichte kaum \u00e4lter als 30 Wochen. Diese Fundgrube enth\u00e4lt mehr als 250.000 Dokumente. (\u2026) Wie alle Archivforscher wissen, er\u00f6ffnet die Untersuchung gro\u00dfer Datenmengen neue Einsichten \u2013 seien es die Briefe eines Schriftstellers, Unterlagen aus einem Ministerien oder diplomatischer Schriftverkehr. Das gilt auch dann, wenn vieles nur Routinematerial ist, denn ein langes Eintauchen in den Stoff sch\u00e4rft den Sinn f\u00fcr Priorit\u00e4ten, Charakter und Denkmuster.&#8220;<\/p>\n<p>Eine zweite Unterscheidung liegt in der Verortung des geleakten Materials innerhalb des politischen Systems: Aus politikwissenschaftlicher Perspektive k\u00f6nnen die ersten beiden \u201eDatenhaufen\u201c als ein Leck im policy-Bereich verstanden werden, denn im Mittelpunkt stand die Einflussnahme auf konkretes au\u00dfenpolitisches Handeln mit dem Ziel der Diskreditierung der milit\u00e4rischen Konflikte als legitimes politisches Mittel. Die dritte durch Wikileaks ge\u00f6ffnete Material-Fundgrube enth\u00e4lt (sofern man das bisher sagen kann) dagegen eher Informationen aus dem politics-Bereich und wirft Licht auf die Art und Weise, wie innerhalb und zwischen politischen Organisationen und Institutionen kommuniziert worden ist. Die Orientierung auf den politischen Prozess verschiebt auch die Bedeutungsebene dieses dritten Lecks \u2013 die ersten beiden Ver\u00f6ffentlichungswellen d\u00fcrften sich in der R\u00fcckschau als die brisanteren erweisen.<\/p>\n<p><em>Offene Daten-Plattformen als kontrollierte Lecks?<\/em><\/p>\n<p>Man darf also vermuten, dass das \u201eLeck\u201c als Standardsituation \u00f6ffentlicher Kommunikationsprozesse vor einer gro\u00dfen Karriere steht. Nicht zuletzt, weil daf\u00fcr auch einige Projekte sorgen, die auf Regierungsseite vorangetrieben werden und sich ebenfalls mit der gezielten Ver\u00f6ffentlichung gro\u00dfer Datenmengen befassen \u2013 gewisserma\u00dfen ein bewusstes \u201eleaking\u201c durch staatliche Stellen. Beispiele f\u00fcr diese \u201eOpen Data\u201c-Initiativen sind Portale wie data.gov in den USA oder data.gov.uk in Gro\u00dfbritannien. <a href=\"http:\/\/carta.info\/35958\/borrow-recycle-reinvent-open-data-und-johnsons-naturgeschichte-der-innovation\" target=\"_blank\">In Deutschland <\/a>zielt offenerhaushalt.de in eine \u00e4hnliche Richtung, ist im Gegensatz zu den vorgenannten jedoch kein offizielles Regierungsprojekt.<\/p>\n<p>Auch diese Leuchtturmprojekte dokumentieren einen ver\u00e4nderten Umgang mit \u00f6ffentlich verf\u00fcgbaren Daten und Informationsmaterial \u2013 und wie bei Wikileaks stehen dabei radikale Publizit\u00e4t und Transparenz im Vordergrund. In einem offenen, auf Kollaboration angelegten Arbeitsumfeld sollen neue Produkte und Dienstleistungen entstehen, die der Allgemeinheit zugute kommen und staatliche Akteure in der Aus\u00fcbung ihrer T\u00e4tigkeiten unterst\u00fctzen. Der Ansatz dieses \u201eOpen Government\u201c \u00fcbertr\u00e4gt die Ideen des auf Offenheit, Beteiligung und Rekombination ausgelegten Web 2.0 in die Umgebung regierungsgebundener Dienstleistungen. Und auch hier geht es um eine Verschiebung von Machtstrukturen, <a href=\"\/\/www.businessofgovernment.org\/article\/leveraging-web-20-government\" target=\"_blank\">schreiben die Management- und Verwaltungswissenschaftler Ai-Mei Chang und P. K. Kannan<\/a>: \u201eAus einer Perspektive der Regierungsinstitutionen zielen Fragen zur gemeinsamen Entwicklung von Services und Regulierungsfragen auf (1) die Machtverschiebung in Richtung der Nutzer sowie (2) das Verh\u00e4ltnis zwischen Nutzern und externen Organisationen, die als Vermittler f\u00fcr andere auftreten.\u201c<\/p>\n<p>Wesentliche Triebfeder f\u00fcr Projekte mit offenen Daten ist die Idee der Co-Creation neuer Inhalte im Rahmen flexibler, datengest\u00fctzter Kooperationen zwischen B\u00fcrgern und \u00f6ffentlichen Akteuren. Ziel ist dabei nicht etwa eine vertragsbasierte Zusammenarbeit, sondern die Hoffnung auf individuelle Weiterentwicklungen und Re-Kombinationen der \u00f6ffentlich verf\u00fcgbaren Daten durch Dritte. Auffallend ist dabei auch, dass bereits mehrere Non-Profit-Organisationen den Datenreichtum solcher staatlichen Repositorien systematisch auszusch\u00f6pfen versuchen. Dazu z\u00e4hlen die <a href=\"www.okfn.org\" target=\"_blank\">\u201eOpen Knowledge Foundation\u201c<\/a> mit Sitz in England und Wales, die US-amerikanische <a href=\"www.sunlightfoundation.com\" target=\"_blank\">\u201eSunlight Foundation\u201c<\/a>\u00a0und auch die deutschen Netzwerke <a href=\"www.opendata-network.org\" target=\"_blank\">\u201eOpen Data e.V.\u201c<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.gov20.de\" target=\"_blank\">Government 2.0 e.V.<\/a><\/p>\n<p>Sichtbar wird hier eine starke Verankerung in einer \u201edigitalen Zivilgesellschaft\u201c, deren Akteure als \u00dcbersetzer t\u00e4tig werden und mit Hilfe von Auswertungen und Visualisierungen die Informationen einem gr\u00f6\u00dferen Publikum zug\u00e4nglich machen. Zugleich stehen sie damit aber auch \u00f6ffentlichen Verwaltungsstrukturen helfend zur Seite, denn aufgrund begrenzter Ressourcen sind die Beh\u00f6rden oft nicht in der Lage, die enormen Datenmengen ausf\u00fchrlich zu erschlie\u00dfen und aufzubereiten.<\/p>\n<p>Das Konstruktionsprinzip der Plattformen, die in den USA und auch in Gro\u00dfbritannien sehr positiv aufgenommen wurden, weist also tats\u00e4chlich einige \u00c4hnlichkeiten mit der urspr\u00fcnglichen \u201eGesch\u00e4ftsidee\u201c von Wikileaks auf. Schlie\u00dflich hatte die Nicht-Regierungsorganisation ihre Arbeit zun\u00e4chst als offene Plattform zur Verbreitung von Informationen begonnen, von dem bereit gestellten Rohmaterial sollten Dritte profitieren und durch eine Weiterbearbeitung der Daten einen gesellschaftlich relevanten Mehrwert generieren \u2013 erst mit der Publikation der \u201eAfghan War Logs\u201c wandelte sich dieses Selbstverst\u00e4ndnis hin zu einem eher investigativ-journalistisch handelnden Akteur mit einer eigenen politischen Agenda.<\/p>\n<p>Dennoch basieren \u201eEnth\u00fcllungs-Website\u201c und \u201eVerwaltungs-Plattform\u201c auf ganz \u00e4hnlichen Funktionsprinzipien: Sie machen umfangreiche Datenmengen einer gr\u00f6\u00dferen Zahl von Menschen zug\u00e4nglich, und sie erlauben denjenigen, die \u00fcber die n\u00f6tigen Kompetenzen und eine individuelle Motivation verf\u00fcgen, einen kreativen Umgang damit. Somit entsteht in beiden F\u00e4llen die Grundkonstellation f\u00fcr eine innovative, online-basierte Politik- bzw. Gesellschaftsberatung.<\/p>\n<p>Interessanterweise scheinen die offiziellen Regierungs-Aktivit\u00e4ten einer offeneren Struktur zu folgen, als das weder hierarchiefreie noch transparent arbeitende Wikileaks-Netzwerk. Bei den Verwaltungsplattformen steht tats\u00e4chlich der Gedanke einer offenen, gleichberechtigten Kollaboration im Vordergrund. In einer sehr vorl\u00e4ufigen und durchaus paradoxen Schlussthese k\u00f6nnte man also festhalten: W\u00e4hrend die Regierungsplattformen eher als ein (ergebnis-)offener Prozess der Gesellschaftsberatung zu charakterisieren sind, lassen sich die Bem\u00fchungen von Wikileaks als eine in zielgerichtetes Beratungshandeln verkleidete Intervention verstehen, wobei eine bestehende Agenda unter Nutzung vernetzter medialer \u00d6ffentlichkeiten gegen\u00fcber politischen Akteuren durchgesetzt werden soll.<\/p>\n<p style=\"padding-top: 30px\"><em>Textnachweis<\/em><\/p>\n<p>Der Text ist eine gek\u00fcrzte, aktualisierte Fassung des Beitrags &#8222;Offene Daten &#8211; neue Impulse f\u00fcr die Gesellschaftsberatung? Die Online-Plattformen Wikileaks.org und Data.gov als internet-basierte Gestaltungs\u00f6ffentlichkeiten&#8220;, der in der kommenden Ausgabe der Zeitschrift f\u00fcr Politikberatung erscheint (Nr. 3\/4, 2010).<\/p>\n<p style=\"padding-top: 30px\"><em>Der Autor<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/internetundpolitik.wordpress.com\" target=\"_blank\">Dr. Christoph Bieber <\/a>ist Politikwissenschaftler an der der Justus-Liebig-Universit\u00e4t Gie\u00dfen, bei Twitter h\u00f6rt er auf den Namen <a href=\"http:\/\/www.twitter.com\/drbieber\" target=\"_blank\">@drbieber<\/a>. Im Oktober ist sein Buch <a href=\"http:\/\/www.katrin-blumenkamp.de\/home\/propoldi.html\" target=\"_blank\">\u201epolitik-digital. Online zum W\u00e4hler\u201c<\/a> im Blumenkamp Verlag erschienen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gastbeitrag von Christoph Bieber Was haben die \u201eEnth\u00fcllungsplattform\u201c Wikileaks und die scheinbar nur f\u00fcr Verwaltungsexperten und Programmierer interessanten E-Government-Angebote wie data.gov, data.gov.uk oder bund.offenerhaushalt.de miteinander gemein? 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