{"id":3252,"date":"2012-01-02T09:11:54","date_gmt":"2012-01-02T08:11:54","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/zweitstimme\/?p=3252"},"modified":"2012-01-02T21:29:33","modified_gmt":"2012-01-02T20:29:33","slug":"das-wars-herr-wulff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/zweitstimme\/2012\/01\/02\/das-wars-herr-wulff\/","title":{"rendered":"Das war&#8217;s, Herr Wulff"},"content":{"rendered":"<p>Politische Aff\u00e4re nehmen f\u00fcr gew\u00f6hnlich einen erwartbaren Verlauf: Erst kommt eine Sache hoch, die einen bisher vermeintlich \u201esauberen&#8217;\u201c Politiker ins Zwielicht setzt. Der Politiker leugnet oder zeigt sich keiner Schuld bewusst. Dann kommen immer mehr Fragw\u00fcrdigkeiten ans Tageslicht, weil nun weitere Medien die Spur aufnehmen. Der betroffene Politiker gibt in einer Salamitaktik immer nur das zu, was schon bekannt ist, beharrt aber darauf, gegen kein Gesetz versto\u00dfen zu haben.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich tritt er, wenn der Druck zu gro\u00df wird, vor die \u00d6ffentlichkeit und <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2011-12\/wulff-praesident-auftitt\">gibt sich reum\u00fctig<\/a>. Damit hofft er, den Brand austreten zu k\u00f6nnen. Parteifreunde fordern daraufhin ein Ende der Debatte, \u201eaus R\u00fccksicht auf das Amt\u201c, und<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2012-01\/wulff-kredit-lammert\"> werfen den Medien eine \u201eHetzjagd\u201c vor<\/a>, obwohl die nur ihrer Pflicht nachgehen, die \u00d6ffentlichkeit aufzukl\u00e4ren. Und so weiter und so fort.<\/p>\n<p>Am Ende aber st\u00fcrzt der Angegriffene. Nicht \u00fcber seine tats\u00e4chliche oder vermeintliche Verfehlung. Sondern \u00fcber seinen Umgang mit der Aff\u00e4re. Und weil es selbst treuen Partei- und Koalitionsfreunden irgendwann zu viel ist und sie bei einem Fortgang Schaden f\u00fcr ihre Partei\/Koalition f\u00fcrchten.<\/p>\n<p>So war es zuletzt im Fall Guttenberg. Und so wird es auch im Fall Wulff wohl bald sein.<\/p>\n<p>Ungew\u00f6hnlich und erstaunlich selbst f\u00fcr einen, der schon viele Aff\u00e4ren erlebt hat, ist jedoch in diesem Fall das Ausma\u00df an politischer Instinktlosigkeit und Skrupellosigkeit, das Christian Wulff an den Tag legt. Denn nun kommt heraus, dass der Bundespr\u00e4sident offenbar auch noch versucht hat, die Ver\u00f6ffentlichung des Skandals um seinen Hauskredit und die Annahme sonstiger Gef\u00e4lligkeiten verm\u00f6gender Wirtschaftsfreunde mit allen Mitteln zu verhindern \u2013 <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2012-01\/wulff-medien-drohung\">durch Druck auf die <em>Bild<\/em>-Zeitung und deren Chefredakteur Kai Diekmann<\/a>.<\/p>\n<p>Genau dieses k\u00f6nnte in dieser Aff\u00e4re das \u201eZu-viel\u201c sein: Ein Bundespr\u00e4sident, der als vormaliger nieders\u00e4chsischer Ministerpr\u00e4sident das Landesparlament beschummelt hat; der die \u00d6ffentlichkeit noch immer hinters Licht f\u00fchrt und der Medien zu erpressen versucht, ist nicht haltbar. Denn er sch\u00e4digt das Ansehen der gesamten politischen Klasse.<\/p>\n<p>In den Augen vieler B\u00fcrger verst\u00e4rkt Wulff mit seinem Verhalten das Bild, das alle Politiker \u201eso sind\u201c: raffgierig, skrupellos, nur auf den eigenen Vorteil bedacht.<\/p>\n<p>So aber sind Politiker l\u00e4ngst nicht alle. Die meisten von ihnen sind \u2013 bis zum Beweis des Gegenteils \u2013 politisch integer. Sie handeln am Gemeinwohl oder zumindest dem Interesse ihrer Partei orientiert und sind nicht nur auf den eigenen materiellen Vorteil bedacht.<\/p>\n<p>Christian Wulff jedoch, das zeigt sich immer mehr, ist ganz offenkundig das Gegenteil davon. Sein Anruf bei Diekmann, sollte er tats\u00e4chlich so stattgefunden haben, offenbart, wie Wulff wirklich tickt: Er versuchte, eine Berichterstattung zu verhindern, in der es um Verfehlungen ging, die er sp\u00e4ter selbst einr\u00e4umte. Er drohte mit einem Strafantrag, obwohl die Fakten der Kreditgeschichte stimmten. Und das verr\u00fccktest: Er hinterlie\u00df all dies auf Diekmanns Mailbox. Ein zorniger, tumber Dorfschultheiss mag sich so verhalten k\u00f6nnen, ein Bundespr\u00e4sident nicht. Er wird zum Schaden f\u00fcr dieses Land.<\/p>\n<p>Wulff sollte daher, wenn er diesen Schaden abwenden will, wie er es im Amtseid geschworen hat, einsehen, dass seine Stunde geschlagen hat \u2013 und gehen. Nicht (nur), weil es sein hohes Amt gebietet. Sondern weil er politisch-moralisch gefehlt hat.<\/p>\n<p>Wenn Wulff aber uneinsichtig bleibt, m\u00fcssen ihm seine Parteifreunde und die Kanzlerin klar machen, dass er nicht l\u00e4nger tragbar ist. Sonst wird die Provinzaff\u00e4re dieses politischen Empork\u00f6mmlings zum Sprengsatz auch f\u00fcr sie.<\/p>\n<p><em>Diesen Text haben wir inzwischen auch auf der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2012-01\/wulff-anruf-bild-zeitung\">Homepage von ZEIT ONLINE<\/a> ver\u00f6ffentlicht. Bitte weitere Diskussionsbeitr\u00e4ge und Kommentare dort posten.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Politische Aff\u00e4re nehmen f\u00fcr gew\u00f6hnlich einen erwartbaren Verlauf: Erst kommt eine Sache hoch, die einen bisher vermeintlich \u201esauberen&#8217;\u201c Politiker ins Zwielicht setzt. Der Politiker leugnet oder zeigt sich keiner Schuld bewusst. Dann kommen immer mehr Fragw\u00fcrdigkeiten ans Tageslicht, weil nun weitere Medien die Spur aufnehmen. 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