{"id":3966,"date":"2012-12-12T12:19:46","date_gmt":"2012-12-12T11:19:46","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/zweitstimme\/?p=3966"},"modified":"2012-12-14T11:39:36","modified_gmt":"2012-12-14T10:39:36","slug":"machst-du-peer-mal-auf-die-wahlkampfstrategie-der-spd-auf-dem-prufstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/zweitstimme\/2012\/12\/12\/machst-du-peer-mal-auf-die-wahlkampfstrategie-der-spd-auf-dem-prufstand\/","title":{"rendered":"Machst du Peer mal auf? Die Wahlkampfstrategie der SPD auf dem Pr\u00fcfstand"},"content":{"rendered":"<p>Die SPD stellt die Weichen f\u00fcr den Wahlkampf 2013. Hierbei gilt es, zwei zentrale Botschaften zu vermitteln: Peer Steinbr\u00fcck muss als Person f\u00fcr W\u00e4hler attraktiv(er) dargestellt werden; dabei m\u00fcssen jedoch auch die Inhalte in den Vordergrund gestellt werden. Der j\u00fcngste\u00a0<a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/deutschlandtrend1602~magnifier_pos-3.html\">DeutschlandTrend hat klar gezeigt<\/a>, dass W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler die SPD prim\u00e4r aufgrund ihrer inhaltlichen Ausrichtung w\u00e4hlen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Steinbr\u00fcck hat die soziale Gerechtigkeit, das \u201eWir-Gef\u00fchl\u201c in der Gesellschaft, in den <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2012-12\/steinbrueck-kanzlerkandidat-nominierung-2\">Mittelpunkt seiner Parteitagsrede<\/a> gestellt. Angegriffen hat er die regierende Koalition gleich in mehreren Punkten: Familienpolitik, Betreuungsgeld, Frauenquote, Rente und die Europapolitik. Hieraus ergibt sich im Umkehrschluss das Programm, f\u00fcr das Steinbr\u00fcck und die SPD in den Wahlkampf ziehen als klare inhaltliche Alternative zu Union und FDP.<\/p>\n<p>Nun m\u00f6chte Steinbr\u00fcck sich und sein Programm den W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hlern am liebsten pers\u00f6nlich vorstellen. Die SPD setzt auf Sofagespr\u00e4che: Peer bei uns zu Hause, im Wohnzimmer. Wie ist das aus sozialwissenschaftlicher Perspektive zu beurteilen? Wir wissen aus der Wahlkampfforschung, dass die interpersonale Kommunikation verglichen mit anderen Instrumenten den gr\u00f6\u00dften Effekt auf die W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler haben kann. Dies wurde in einer nach wie vor beeindruckenden Studie von Paul Lazarsfeld, Bernard Berelson und Hazel Gaudet aus dem Jahr 1944 nachgewiesen, zahlreiche neuere Studien best\u00e4tigen dies. \u00dcber pers\u00f6nliche Gespr\u00e4che k\u00f6nnen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger am ehesten f\u00fcr Politik begeistert werden, ihre Meinungen zu bestimmten Themen bilden oder gar ihre Meinung \u00e4ndern \u2013 und dann wiederum andere \u00fcberzeugen. In Zeiten, in denen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger weniger \u00fcber Politik sprechen, sich weniger daf\u00fcr interessieren und auch in den Massenmedien weniger Politik verfolgen, kann das eine gewinnbringende Strategie sein.<\/p>\n<p>Genau hier lag auch der Schl\u00fcssel zum Erfolg des Obama-Wahlkampfs in diesem Jahr: Das \u201eget out the vote\u201c war eine Priorit\u00e4t der Kampagne, also die direkte Ansprache von W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hlern, die m\u00f6glicherweise noch nicht entschieden hatten, ob (und wenn ja, f\u00fcr wen) sie zur Wahl gehen w\u00fcrden. In einem ausgefeilten \u201eground game\u201c, das in den letzten vier Wochen vorbildlich orchestriert wurde, nahm das Obama-Team pers\u00f6nlichen Kontakt auf \u2013 sei es telefonisch, via E-Mail oder eben auch durch Hausbesuche. So hatte das Obama Team beispielsweise in den Regionen, in denen die Wahl vermutlich entschieden werden w\u00fcrde, eine deutlich breitere Organisation in Form von \u201efield offices\u201c\u00a0vorzuweisen. In Ohio standen den 123 der Obama-Kampagne gerade einmal 40 aus dem Romney-Lager gegen\u00fcber, auch in Colorado war der Unterschied mit 59 zu 15 deutlich. Korrespondierend damit waren in den letzten Wochen vor der Wahl Sozialwissenschaftler und Internet-Experten in der Wahlkampfzentrale damit besch\u00e4ftigt, gro\u00dfe Datenmengen zu analysieren\u00a0(Stichwort: \u201edata mining\u201c) und so\u00a0die unentschlossenen W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler auszumachen, um sie mit zielgruppengenauen Botschaften ansprechen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Kann das auch f\u00fcr die SPD funktionieren, k\u00f6nnen die angek\u00fcndigten Hausbesuche \u00e4hnlich viele Stimmen bringen? Die Situation hinsichtlich der Verf\u00fcgbarkeit von Daten und deren Nutzung ist in Deutschland sicher eine andere als in den USA. Somit sind die entscheidenden Haushalte schwieriger zu ermitteln. Auch die Finanzierung der Wahlk\u00e4mpfe funktioniert hierzulande anders. Aber: Deutsche Parteien punkten verglichen mit den amerikanischen Pendants ganz stark in Sachen Infrastruktur. Insbesondere die beiden gro\u00dfen Parteien sowie auch die Gr\u00fcnen sind fl\u00e4chendeckend organisiert \u2013 das \u201eground game\u201c l\u00e4sst sich somit ganz anders orchestrieren.<\/p>\n<p>Der entscheidende Vorteil hierbei sind die Parteimitglieder. Im Gegensatz zu Wahlkampfhelferinnen und -helfern in den USA, die vorzugsweise f\u00fcr bestimmte Personen und somit oft einmalig aktiv sind, bekennen sich Parteimitglieder in Deutschland dauerhaft. Nicht zuletzt zahlen sie jeden Monat einen Mitgliedsbeitrag. Das ist nicht unwichtig, ist doch aus der Partizipationsforschung bekannt, dass B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger deutlich eher bereit sind, sich zu engagieren, wenn sie bereits einen Einsatz gelistet haben und sodann eine klare Aufgabe zugeteilt bekommen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wird dies nicht ausreichen. Moderne Kampagnen m\u00fcssen unterschiedliche Instrumente integrieren: Hausbesuche, TV-Werbung, Plakate und Botschaften in den sozialen Medien m\u00fcssen aufeinander abgestimmt sein. Dann k\u00f6nnen sie die kommunikativen St\u00fctzen des Wahlkampfes sein, die Kernbotschaften vermitteln, welche die W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler mobilisieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Steinbr\u00fcck und der SPD kann\u00a0zugutegehalten\u00a0werden, dass sie in Zeiten medialer Dauerbeschallung den Wert des direkten Gespr\u00e4chs erkannt haben. Allerdings wird entscheidend sein, wie dieser Gedanke umgesetzt und in die Wahlkampfstrategie integriert werden kann. Hier ist mit Blick auf die doppelte Zielsetzung der pers\u00f6nlichen und thematischen Profilbildung ein kluges Vorgehen gefragt. Am Ende wird es darum gehen, zu mobilisieren um zu mobilisieren. Davor m\u00fcssen aber Botschaften entwickelt werden, die den Kandidaten und seine Partei unterscheidbar machen und im Wohnzimmer auf dem Sofa vermittelt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beck, P.\/Dalton, R.\/Greene S. und Huckfeldt, R. (2002): The social Calculus of Voting: Interpersonal, Media, and Organizational Influences on Presidential Choices, in: American Political Science Review 96, S. 57-74.<\/p>\n<p>Lazarsfeld, P.\/Berelson, B.\/Gaudet, H. (1944): People\u2019s Choice. How Voters Make up their Mind in a Presidential Campaign. Sloan and Pearce, New York.<\/p>\n<p>R\u00f6mmele, A. (2005, 2. Auflage): Direkte Kommunikation zwischen Parteien und W\u00e4hlern. Wiesbaden, Westdeutscher Verlag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die SPD stellt die Weichen f\u00fcr den Wahlkampf 2013. Hierbei gilt es, zwei zentrale Botschaften zu vermitteln: Peer Steinbr\u00fcck muss als Person f\u00fcr W\u00e4hler attraktiv(er) dargestellt werden; dabei m\u00fcssen jedoch auch die Inhalte in den Vordergrund gestellt werden. 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