Felix Lee über Roten Kapitalismus und chinesische Online-Phänomene

China ist Weltmeister der Erfindungen

Von 3. September 2012 um 09:50 Uhr

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat während ihres China-Besuchs am vergangenen Freitag einen bemerkenswerten Satz gesagt: Erst gab es die Sorge, dass es in China gar keine Patente gegeben habe. “Jetzt wird alles patentiert. Immer auf Nummer sicher”, sagte die Kanzlerin.

China, das Land der Fälscher und Kopierer – das gehört wohl zunehmend der Vergangenheit an. Jetzt fürchten viele westliche Unternehmen eine Patentschwemme aus Fernost. Die Angst kommt nicht von ungefähr. In der Volksrepublik selbst, aber auch weltweit werden die Ämter derzeit mit Patentanmeldungen überflutet. 

Allein im vergangenen Jahr erfolgten in China 1,1 Millionen Patentanmeldungen, 90 Prozent davon von Chinesen selbst. Auf eine Million Einwohner kommen damit 740 Erfindungen. Das ist gut ein Drittel mehr als im Jahr zuvor. Zum Vergleich: In Europa kamen im selben Zeitraum auf eine Million Einwohner lediglich 152 Anmeldungen. Der Spiegel berichtet in seiner aktuellen Ausgabe, dass die Chinesen sogar die USA überholt haben. Damit ist die Volksrepublik der weltgrößte Innovator.

Diese Entwicklung erfüllt ganz die Erwartungen der Zentralregierung. Nach Ansicht von Chinas Premierminister Wen Jiabao gibt es für eine Nation nur dann Hoffnung, wenn sie sich auf Intelligenz stützt. Sie habe dagegen keine Hoffnung, “wenn sie nur kopiert und abschreibt”. Der aktuelle Fünfjahresplan setzt seinen Schwerpunkt ganz explizit auf Forschung und Entwicklung.

Der Präsident des Österreichischen Patentamtes hat denn auch vor einer Woche gewarnt, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis diese “übervoll gefüllte Pipeline” nach Europa fließt. Auch das ein bemerkenswerter Satz: “Wir sind gewohnt, die Chinesen nur als Kopiervolk zu sehen und übersehen, dass dort eine gewaltige Innovationsmacht entsteht.”

Nun ist jedoch nicht alles Gold was glänzt. Denn zugleich ist zumindest nach Ansicht der Leiterin der Abteilung geistiges Eigentum beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag, Doris Möller, in China auch die Zahl der junk patents stark gestiegen. Viele Firmen würden keine wirklich neuen Erfindungen anmelden, sondern bloß die Rechtsunsicherheit auf dem chinesischen Markt vergrößern, sagte sie der Nachrichtenagentur Reuters.

Tatsächlich ist es in China zum Volkssport geworden, alles mögliche patentieren und schützen zu lassen. Besonders beliebt: Namensrechte. Der Streit um den Namen iPad mit Apple ist das bekannteste Beispiel. Eine chinesische Minifirma hatte sich den Namen bereits vor einigen Jahren gesichert, nachdem mit dem iPod überhaupt die Idee aufkam, vor einem Produkt den Buchstaben “i” zu setzen. Viele Chinesen haben vorsorglich bereits auch alle möglichen anderen Buchstaben-Produkt-Kombinationen schützen lassen. Wer seinem neuen Produkt bei der Bezeichnung etwa ein “e” vorsetzen möchte, sollte prüfen, ob nicht schon irgendeine chinesische Firma den Namen bereits gesichert hat.

Ganz neu ist das Phänomen nicht. Schon Volkswagen hatte in den neunziger Jahren bei Einführung des Jetta Probleme, einen chinesischen Namen zu finden, der so ähnlich klingt. Auch da hatte eine chinesische Firma in weiser Voraussicht die meisten Möglichkeiten bereits schützen lassen. Audi erging es ähnlich. Häufig enden die Auseinandersetzungen mit einem Vergleich.

Dennoch sollten Merkel und die deutsche Wirtschaft nicht allzu laut klagen. Denn alles in allem ist das ja eine positive Entwicklung. Dass in China nun so viel patentiert wird, hängt damit zusammen, dass auch chinesische Firmen in den vergangenen Jahren zunehmend unter Produktpiraterie und Markenklau gelitten haben – und nicht nur westliche Unternehmen. Siemens-Chef Peter Löscher, zugleich auch Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, stellte bereits im Februar fest: Seitdem Chinesen selbst verstärkt Patente anmelden, wird sehr viel weniger kopiert. Tatsächlich verklagen sich in der Mehrzahl mittlerweile chinesische Firmen gegenseitig.

Kategorien: Roter Kapitalismus
Leser-Kommentare
  1. 1.

    dann lassen wir Patente eben ganz sein?

    Ist doch eh nur Geldmacherei… als würds irgendjemanden intressieren wer, wann ,was erfunden hat.

  2. 2.

    Geschichte wiederholt sich halt doch. Das Label “Made in Germany” haben die Briten “erfunden”: quasi als Warnhinweis, um der ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzende Schwemme an minderwertigen deutschen Plagiatsprodukten Herr werden zu können. Genutzt hat es nix. Einige Jahrzehnte später wurden aus den deutschen Plagiatoren Erfinder, die aufgrund extrem niedriger Lohnkosten – in “deutschen Landen” gab es damals eine Bevölkerungsexplosion – und steigender Produkt-Qualität der Konkurrenz zusehends den Rang abliefen. Was dem damaligen deutschen “Emporkömmling” im innereuropäischen Wettbewerb gelang, scheinen die Chinesen im 21. Jahrhundert im globalen Rahmen anzusteuern.

    • 4. September 2012 um 10:45 Uhr
    • fse69
  3. 3.

    Gut dass sich hierzulande keine Software patentieren lässt, schon schrecklich wenn wie z.B. Sony den Ladebalken in Videospielen sein eigen nennen lässt. Aber es driftet ja auch ins lächerliche ab wenn man sich beispielsweise das Wort “Schland” patentieren lässt wie Raab es tat. Ich finde es kontraproduktiv und lässt die Entwicklung stagnieren wenn man inflationär alles patentiert was gerade noch ein ulkiger Gedanke war.

  4. 4.

    Es wird bald soweit sein dass einige der nächsten großen Innovationen aus dem Reich des Ostens kommen werden. Das ist sehr erfreulich weil es den generellen Fortschritt beflügelt.

    Was die Patentierwut angeht dürfen wir uns nicht beklagen. Westliche Firmen wie z.B. Apple haben da Vorbildfunktion geleistet. Wenn demnächst zwar viele Innovationen vorliegen aber nur begrenzt Fortschritt zustande kommt dürfen wir uns bei denen Beklagen welche die Prozesswut angestoßen haben.

    • 4. September 2012 um 11:38 Uhr
    • Lyaran
  5. 5.

    Mich wundert, dass man sich anscheinend Namen patentieren lassen kann, ohne dass ersichtlich ist, dass derjenige das auch benutzen und zB. ein Produkt mit diesem Namen machen will.

    Gab es da nicht mal so etwas wie eine “Unwichtigkeitsgrenze”?

    Ich kann doch nicht zum Patentamt gehen, und mir ein beliebiges Wort patentieren lassen, wenn ich nicht einen Plan habe, was ich aus dem Wort machen will…

    • 4. September 2012 um 12:17 Uhr
    • fre
  6. 6.

    Die Erfahrung aus Deutschland im 19. Jahrhundert zeigt: Zuerst findet eine Explosion des Wissens, der Forschung und der Wirtschaft statt, dann wird ein Patentsystem implementiert, weil die ersten Player so groß sind, dass sie Druck auf den Gesetzgeber ausüben können. Dann mit dem Patentsystem geht die Wirtschaft in das gemächliche Dahintreiben der durch Schutzrechte gefesselten Industrie über.

    So wie früher die Handelsbarrieren an Grenzen, dämpfen heute Schutzrechte die Entwicklung.

  7. 7.

    Hier wird eine hohe Anzahl an Patenten ständig als etwas Positives dargestellt. Dass Millionen (!) von Patenten jedes Jahr hauptsächlich Rechtsunsicherheit schüren (wer könnte schon zuverlässig prüfen, ob sein Produkt nicht irgendein Patent verletzt) wird nur am Rande erwähnt. Leider scheint China hier den gleichen Irrweg zu beschreiten, der im Westen schon lange Innovationsfähigkeit und Marktzugang für neue Ideen erschwert.

    • 4. September 2012 um 12:41 Uhr
    • GDH
  8. 8.

    Die Chinesen haben nichmal einen alfabet und patentieren Buchstaben…???
    Generell kann man das Alfabet Sprache oder worte ect…nicht Patentieren, sonst könnte man auch die sonne und Planeten Patentieren oder H2O Luft mit Wasser zusammen Patentieren wer beim trinken nicht die luft anhällt…..Es gibt einfach zuviel Menschen auf der Erde, 5 milliarden sind mehr als genug.

    • 4. September 2012 um 12:41 Uhr
    • AntiPatent
  9. Kommentar zum Thema

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