Felix Lee über Roten Kapitalismus und chinesische Online-Phänomene

Der Werkbank der Welt gehen die Arbeitskräfte aus

Von 15. Februar 2013 um 10:13 Uhr

Das chinesische Neujahrsfest stellt die Unternehmer in der südchinesischen Provinz Guangdong schon länger vor Probleme. Die Gegend um das Perlflussdelta gilt als Werkbank der Welt, mehrere hunderttausend Fabriken stehen hier, auch viele ausländische Konzerne lassen in der Region produzieren. Weil die geschätzt rund 40 Millionen Einwohner nicht ausreichen, um den Bedarf an Arbeitskräften zu decken, ist die Region abhängig von Millionen von Wanderarbeiterinnen und Wanderarbeitern aus den chinesischen Nachbarprovinzen.

Das Problem: Je stärker aber sich das chinesische Binnenland wirtschaftlich entwickelt, desto mehr Wanderarbeiter beschließen nach dem Frühlingsfest nicht mehr nach Guangdong zurückzukehren. Der Werkbank der Welt gehen die Arbeitskräfte aus. In diesem Jahr hatte China Daily bereits vor Beginn des Frühlingsfestes gewarnt: Rund 1,2 Millionen Wanderarbeiter würden dauerhaft ihrem Arbeitsplatz in Guangdong den Rücken kehren und in ihrer Heimatregion bleiben. Die Zeitung beruft sich auf Zahlen des Guangdong Human Ressources and Social Security Departments, der zentralen Arbeitsbehörde der Provinz.

In Guangdong gibt es offiziellen Angaben zufolge rund 16 Millionen Wanderarbeiter. Zehn Millionen haben in den vergangenen zwei Wochen die Provinz für das Frühlingsfest verlassen. Rund 10 Prozent von ihnen haben angekündigt, nicht mehr zurückzukehren. Dabei hatte die Arbeitsbehörde bereits im Januar einen Mangel von rund 400.000 Arbeiterinnen und Arbeitern berechnet. Wenn kommende Woche das Arbeitsleben wieder offiziell beginnt, wird sich der Arbeitskräftemangel damit auf mindestens anderthalb Millionen summieren. Auch immer mehr ausländische Unternehmen klagen, dass sie nicht genug Mitarbeiter finden.

Arbeitsmarktexperten hatten die Entwicklung bereits vor Jahren für Südchina vorausgesagt. Die Zeiten von billig billig sind vorbei. Vor allem die Folgen der Ein-Kind-Politik machen sich bemerkbar. Der Internationale Währungsfonds (IWF) geht davon aus, dass irgendwann zwischen 2020 und 2025 ganz China unter dem Arbeitskräftemangel leiden wird. Hinzu kommt, dass in besonders prosperierenden Städten wie Guangzhou, Shenzhen und Shanghai die Lebenshaltungskosten zuletzt kräftig gestiegen sind. Für viele Wanderarbeiter rentiert sich die Arbeit in diesen Städten nicht mehr.

Um ihre Mitarbeiter zu halten, haben viele Unternehmen in Guangdong die Löhne bereits kräftig angehoben. Auch die Provinzregierung hat reagiert. Das Guangdonger Arbeitsministerium erhöhte 2012 den Mindestlohn für die Provinzhauptstadt Guangzhou um 10 Prozent auf rund 1.300 Yuan im Monat, was rund 160 Euro entspricht. Der Durchschnittslohn liegt inzwischen bei 4.500 Yuan (540 Euro). China Daily zitiert einen Unternehmer, der von einem weiteren Anstieg um durchschnittlich 10 Prozent nach den Feiertagen ausgeht, damit die Firmen ihren derzeitigen Stand an Arbeitskräften halten können. Viele Unternehmer wollen ihre Produktionsabläufe stärker automatisieren.

Doch nicht nur die Provinz Guangdong hat mit Arbeitskräftemangel zu tun, auch andere Provinzen wissen um das langfristige Problem. Sie werben ebenfalls kräftig mit mehr Geld und besseren Arbeitsbedingungen. Der Wettlauf um Arbeitskräfte in China ist in vollem Gange.

Kategorien: Roter Kapitalismus
Leser-Kommentare
  1. 1.

    “…irgendwann zwischen 2020 und 2025 [wird] ganz China unter dem Arbeitskräftemangel leiden.”

    Hm…

    “viele Unternehmen in Guangdong [haben] die Löhne bereits kräftig angehoben”

    beruhigend. Es haben also doch genug Leute die Sache mit dem Angebot, der Nachfrage und dem Preis verstanden. :D

    • 15. Februar 2013 um 12:59 Uhr
    • a.bit
  2. 2.

    Absolut richtig so. Vielleicht hört dann 1.) Die Ausbeutung der Arbeiter-Klasse in China auf und 2.) werden hoffentlich auch die einfacheren Arbeiter besser ausgebildet.

    • 15. Februar 2013 um 13:08 Uhr
    • pengyou
  3. 3.

    Man stelle sich vor. Fachkräftemangel in China.

    Gehe mal davon aus, das hier genau so viel heiße Luft dahinter steckt wie bei unserem.

    • 15. Februar 2013 um 13:09 Uhr
    • Guenni_1
  4. 4.

    War das, was hier als “Arbeitskräftemangel” beklagt wird, früher nicht einmal: “Hurra, Vollbeschäftigung”?
    Schön für die Chinesen, dass ihre Löhne steigen und – mit etwas Verzögerung – auch schön für uns.

    • 15. Februar 2013 um 13:23 Uhr
    • Nest
  5. 5.

    “Zehn Millionen haben in den vergangenen zwei Wochen die Provinz für das Frühlingsfest verlassen. Rund 90 Prozent von ihnen haben angekündigt, nicht mehr zurückzukehren…..Wenn kommende Woche das Arbeitsleben wieder offiziell beginnt, wird sich der Arbeitskräftemangel damit auf mindestens anderthalb Millionen summieren.”
    90% von 10 Millionen wären 9 Millionen, die nicht zurückkehren. Wieso fehlen dann am Ende “nur” 1,5 Millionen?
    Bitte mal nachrechnen, Herr Autor. Danke

    • 15. Februar 2013 um 14:03 Uhr
    • beb
  6. 6.

    Ja, so wie Guenni_1 sehe ich das auch.
    In den 1960-ern hatte Deutschland und Österreich auch ‘zuwenig Arbeitskräfte’.
    Es gab Arbeit für alle, wirklich alle.
    Die Arbeiter konnten gute Löhne verlangen.
    Die Unternehmer und Manager glaubten,
    dass dies so bliebe – und taten etwas dagegen:
    Man holte ‘GastArbeiter’ ins Land.
    http://www.zeit.de/2011/43/50-Jahre-Migration-Schmidt
    (Suchbegriff: Bedarf an Arbeitskräften)
    Der Boom verging und die Probleme wuchsen
    und sind heute ….
    Hoffentlich sind die Chinesen klüger.

    Die ‘Ein-Kind’-Politik Chinas ist m.E. richtig.
    China hat ein Problem mit seinem Agrarland.
    Die Daten aus Wikipedia:
    China: 0.08 ha Agrarland/Einwohner, 1.3 Mrd.Einwohner
    Europa: 0.12 ha Agrarland/Einwohner, {vorhanden 0.25 ha/E}
    China müsste die Bevölkerung auf (0.08/0.12)*1.3=0.87Mrd=879Mill. Einwohner
    {noch besser (0.08/0.25)*1.3=0.416Mrd=416Mill}
    Einwohner zurückführen,
    um westliche Verhältnisse zu erhalten,
    was sie ja augenscheinlich anstreben.
    Die westliche Wirtschafts- und Lebens-Weise ist aber wahrscheinlich eine Sackgasse, weil sie
    a) auf Erdöl basiert,
    b) schleichend die Böden zerstört, siehe
    http://www.sswm.info/sites/default/files/toolbox/UNEP%20et%20al%201997%20soil%20degradation.png
    c) nur minderwertige Nahrungsmittel liefert,
    http://www.chemievorlesung.uni-kiel.de/1992_umweltbelastung/dueng2.htm
    http://members.aon.at/goedheinz/GOD_Deutsch/Archiv/Ernaehrung/LebmittQual.html
    die schleichend krank machen, siehe
    http://members.aon.at/goedheinz/GOD_Deutsch/Zukunft/2069FaqD/2069FaqD_Nahr.html#Gesundheit&HochertragsSorten
    Die Chinesen hätten entsprechend ihrer langen Kulturtradition
    die Fähigkeit und Möglichkeit, einen eigenen – nachhaltigen – Lebensstil zu entwickeln – kommt vielleicht noch …

    • 15. Februar 2013 um 14:07 Uhr
    • Heinz Göd
  7. 7.

    Ich finde die Entwicklung in China sehr beunruhigend.

    https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesamtwirtschaftUmwelt/VerdiensteArbeitskosten/Mindestloehne/Tabellen/TariflohnEuropa.html

    Damit ist das Lohnniveau in Teilen von China inzwischen über dem von einigen EU Staaten. Trotzdem lohnt sich noch der Transport von China nach Europa und die Chinesen machen dabei prächtige Gewinne.

    Früher waren es die günstigen Löhne der Chinesen. Jetzt stehen uns bald hunderte Millionen gut gebildete Chinesen gegenüber, die ihre Produktivität ständig steigern und mit der Zeit die neuen Trends bestimmen werden.

  8. 8.

    Na ja, es wird ihn in der Hinsicht wahrscheinlich schon geben ,daß die “Fachkräfte” den Firmen einfach zu teuer sind.

    Die hier gezeigte Entwicklung war absehbar. Ich hab sogar einmal gelesen, daß die Lohnentwicklung in China bis 2015 die BiP Entwicklung deutlich nach unten korrigieren wird.

    • 15. Februar 2013 um 14:41 Uhr
    • Vineyard
  9. Kommentar zum Thema

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