Felix Lee über Roten Kapitalismus und chinesische Online-Phänomene

China schwächelt nach Plan

Von 15. April 2013 um 14:13 Uhr

Bisher lief es mit Wachstumsschätzungen in China so: Die Regierung nannte ihre Prognose, eine Zahl, deren Haltbarkeit ziemlich begrenzt war. In der Regel boomte die Wirtschaft anschließend stärker, als die Parteiführung es angekündigt hatte. Die Regierung hielt trotzdem an dem Spiel fest. Sie fürchtete, die Wirtschaft könnte überhitzen.

In diesem Jahr läuft es nun anders. Die Wirtschaft Chinas wächst schwächer als gedacht. Im ersten Quartal diesen Jahres lag das Wachstum im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bei 7,7 Prozent. So gering war es zuletzt während der großen Krise 2008. Vor allem die Industrieproduktion schwächelt. Ökonomen hatten zuvor geschätzt, dass der Industriezweig im März mindestens zehn Prozent zulegt. Tatsächlich waren es nur 8,9 Prozent.

Die Gründe liegen auf der Hand. Die Krise in Europa macht der chinesischen Exportwirtschaft zu schaffen. Europa war bislang Chinas wichtigster Absatzmarkt. Auch die Geschäfte mit den USA laufen nicht mehr rund. Der anhaltende Streit in Washington um den Haushalt dämpft die Konsumlaune der Amerikaner. Es fehlt Chinas Firmen gleich in zwei Weltregionen an Käufern.

In China ist die Unruhe darüber allerdings begrenzt. Denn eigentlich passiert genau das, was die Regierung schon lange vorhat. Sie will bereits seit einiger Zeit ihre Industriestruktur umkrempeln. China will sich unabhängiger vom Export machen und seine Binnenwirtschaft stärken.

Diese Umschichtung scheint ihr nun zu gelingen. So trägt die Binnennachfrage inzwischen mehr als die Hälfte des Wirtschaftswachstums bei. Der Einzelhandel legte im März um 12,6 Prozent zu, die Bauwirtschaft wuchs im ersten Quartal sogar um 20,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. China übertrifft damit die Erwartungen von Ökonomen.

Wie schafft China diesen Strategiewechsel? Es hat vor allem die Staatsausgaben radikal erhöht. Auch in das Sozialsystem investiert die chinesische Regierung massiv. So baut China etwa erstmals eine flächendeckenden Gesundheitsversorgung auf, ein gewaltiger Kraftakt. Das kostet den Staat zwar Geld, senkt zugleich aber die Sparrate der Bürger. Das dürfte langfristig auch den Privatkonsum erhöhen.

Kategorien: Roter Kapitalismus
Leser-Kommentare
  1. 1.

    China spielt seine Vorteile aus: Sie sind keine Demokratie, die Regierenden müssen nicht auf die nächsten Wahlen schauen, können langfristig denken und planen.

    Die westlichen Demokratien müssen wirklich aufpassen, dass China nicht in ein paar Jahrzehnten besser dasteht als wir.

  2. 2.

    Es senkt die Sparrate, was langfristig den Konsum erhöht????? Wenn ich weniger sparen kann, gebe ich mehr Geld aus??? Das verstehe ich nicht!

    • 15. April 2013 um 21:03 Uhr
    • akrio
  3. 3.

    Dieser Pragmatismus der Chinesen. Echt beeindruckend. Da können wir noch viel von lernen.

    • 15. April 2013 um 21:32 Uhr
    • Karmus
  4. 4.

    Danke Felix Lee, für diese Hinweise. Es wurde mal wieder Zeit darauf hinzuweisen, daß jahrelang die Überhitzung und eine daraus resultierende Politik der Dämpfung angesagt war. Nun gibt es halt neue Herausforderungen anzugehen, aber warum nicht erstmal davon ausgehen, daß diese auch gemeistert werden können. Die Unkenrufer von Überhitzung und Inflationsgefahr haben ihren Tenor nunmehr unter der Hand geändert, anstatt ihre alten Prognosen als falsch einzustufen.
    Und dabei wollen sie nicht wahrhaben, daß ihr eigenes Schicksal mittlerweile an die Entwicklung in Mittelland gebunden ist. Man sollte also alle Instrumente, die man zur Verfügung hat auf diesen Aspekt ausrichten, soll heißen, die OECD-Länder sind ihrerseits gefordert, der durch die Führung angegangenen Steigerung des Binnenkonsums in China keine Steine in den Weg zu legen. Die Ökonomen der Weltbank haben das lang begriffen, deswegen sitzen Chinesen dort ja auch fest im Sattel. So hat man sich 2008 als Chef-Volkswirt Lin Yifu ins Boot geholt.

    • 15. April 2013 um 21:47 Uhr
    • xiezeren
  5. 5.

    Immer wieder verblüffend, wie wenig ich von Ökonomie zu verstehen scheine ;-) Ich kenne so viele Leute, die sich gerade in Zeiten der Unsicherheit viel Anschaffungen leisten, als es ansonsten der Fall wäre. Mich eingeschlossen. Wenn ich nicht weiß, ob mein Geld morgen noch einen Wert hat, dann spare ich es nicht, sondern gebe es aus, kaufe mir Designerjeans, eine Ersatzarmbanduhr und teure Ohrringe für eine flüchtige Liebschaft! Die Wirtschaft müsste eigentlich überall boomen.

  6. 6.

    Wenn immer die deutsche Wirtschaft schwächelt, dann ist das jedesmal
    “unvorhergesehen”. Aber wenn China schwächelt, dass ist es selbstverständlich “geplant”.

  7. 7.

    “So baut China etwa erstmals eine flächendeckenden Gesundheitsversorgung auf, ein gewaltiger Kraftakt.”
    Maos flächendeckende med. Grundversorgung war einst die Wiedereinführung der traditionellen chin. Medizin. Man brauchte keine teuren Unis, sondern nur billige Quacksalber.
    Muss sich wohl langsam rumgesprochen haben, dass die nichts taugen. Während man im Osten wieder mehr die westliche Medizin einführt, ist es komischer im Westen genau umgekehrt.
    Dort preist man die asiatischen Salben und Tränke sowie Nadelstiche mit viel Gedöns.
    Dagegen sind Globuli noch harmlos, zwar auch ineffektiv, aber wenigstens nicht toxisch.

  8. 8.

    Bis jetzt gibt es leider kaum Digitaltechnik, die fair produziert ist. Aber vielleich kann ich ja bald ein von Chinesen gebautes Smartphone kaufen und damit den Ausbau der Sozialsysteme in China unterstützen? Der Blog von Felix Lee läßt mich das ein wenig hoffen.

    Wolf Niese; Berlin-Lankwitz; 46 Jahre

  9. Kommentar zum Thema

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