Felix Lee über Roten Kapitalismus und chinesische Online-Phänomene

Ein Warnschuss für Chinas Banken

Von 21. Juni 2013 um 13:08 Uhr
An employee of Industrial and Commercial Bank of China walks past a logo at an ICBC branch in Beijing

Filiale der ICBC in Peking

Die Nachrichten aus Chinas Bankensektor sind beunruhigend. Seit Monaten verlangsamt sich das Wachstum in der Volkrepublik, auch die Aussichten sind schlechter. Seit Donnerstag kursieren nun Berichte, dass Chinas Banken nicht über ausreichend Liquidität verfügen.

Zwischenzeitlich war sogar davon die Rede, dass die Industrial and Commercial Bank of China (ICBC) und die Bank of China, zwei der größten Banken der Welt, zwischenzeitlich zahlungsunfähig waren. Beide Geldhäuser dementierten zwar sofort. Dennoch löste die Meldung auf den chinesischen Finanzmärkten Panik aus. Die Zinsen im Interbanken-Geschäft stiegen kurzfristig auf 25 Prozent, so hoch waren sie zuletzt nach der Lehman-Pleite im Jahr 2008. Was genau war passiert?

Schon seit Längerem gibt es die Befürchtung, Chinas Staatsunternehmen und Provinzregierungen könnten es in den vergangenen Jahren mit ihren Investitionen übertrieben haben. Chinas Führung hatte in der Krise 2009 den Geldhahn kräftig aufgedreht, Firmen wie Lokalregierungen sollten massiv in die Infrastruktur investieren. Das sollte die Konjunkturdelle ausgleichen, die die ausbleibende Nachfrage in aller Welt hinterlassen hätte.

Das hat zwar Chinas hohe Wachstumsraten stabil gehalten. Doch viele Bauprojekte entpuppen sich nun als Fehlinvestition. Das exzessive Kreditwachstum hat gewaltige Überkapazitäten geschaffen und vor allem den Immobiliensektor aufgebläht. Zugleich ist der Schuldenstand der meisten Kommunen und Provinzen stark in die Höhe geschossen.

Die neue Führung um Premierminister Li Keqiang, seit Anfang März im Amt, versucht das Problem einzudämmen. Die unterstellte Zentralbank hat mehrfach angekündigt, das rasante Kreditwachstum im Land bremsen zu wollen, sollten sich die Banken nicht selbst disziplinieren und ihre Schuldenlast reduzieren. Zwar befinden sich Chinas Banken allesamt in staatlicher Hand. Dennoch sollen sich weitgehend selbstständig auf dem Markt behaupten können.

Die Drohung zeigte kaum Wirkung. Die Banken konnten sich meistens darauf verlassen, dass die Zentralbank im Notfall schon einspringen wird. Das wollen die Währungshüter offenbar nicht auf sich sitzen lassen. Als einige Banken Anfang der Woche wiederholt Liquiditätsengpässe beklagten und die Zentralbank um Hilfe baten, öffnete sie den Geldhahn diesmal nicht. Im Gegenteil: Die Zentralbank verknappte die Geldmenge. Gleichzeitig teilte sie den Geldhäusern mit, sie sollten künftig nicht mehr auf zu viel Liquidität verlassen.

Seither herrscht unter den Bankern Panik. Zwar sanken die Zinsen für kurzfristige Notkredite zwischenzeitlich wieder auf rund acht Prozent. Seit diesem Freitag aber steigen sie wieder und liegen mehr als dreimal so hoch wie sonst.

Droht womöglich ein Banken-Crash à la Lehman auch in China? Eher nicht. Der entscheidende Unterschied zu 2008 ist: Die Turbulenzen sind staatlich gewollt. Sie sollen dazu dienen, die Banken zu disziplinieren. Einige von ihnen zocken mittlerweile mit zweifelhaften Anlageprodukten, mit gebündelten Kreditforderungen, die hohe Erträge versprechen, aber wenig transparent sind. Solche Papiere stürzten 2009 die Banken im Westen in den Abgrund. Chinas Regierung tut gut daran, die Banken zu zähmen.

Kategorien: Roter Kapitalismus
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Was hat China, was Russland derzeit nicht hat?
    Ein Nationalbewußtsein und den nicht zu kleinen Stolz darauf.
    Bedauerlicherweise scheint es nicht möglich, Länder wie Tibet frei in den Strahlenglanz zu entlassen.
    Chinas Entwicklung ist sowohl für den Westen Chinas – im weitesten Sinne Europa – als auch den Osten Chinas – Nordamerika interessant.
    In der Wirtschaft steht es China “frei” Fehler zu machen in Bezug auf ein Gebiet vergleichbar der EU oder Russland – eigentlich viel zu groß.
    Der Westen hat diese Freiheit nicht, wohl aber den wirtschaftlichen Sachverstand, entsprechende Modelle zu entwickeln.
    Vor allem die USA könnten Aversionen gegen Strukturpolitik abbauen.
    China sollte sich des weltweit angehäuften Sachverstandes “bedienen”, ohne Angst internationaler werden. Auch im Inneren dem Respekt vor der Würde des anderen.

    • 21. Juni 2013 um 14:12 Uhr
    • Ochsenhorn
  2. 2.

    Es versteht sich fast von selbst, dass Felix Lee im letzten Absatz diese Turbulenzen als “staatlich gewollt” verharmlosen würde. Aber wer will schon Turbulenzen?

    • 21. Juni 2013 um 14:14 Uhr
    • dunnhaupt
  3. 3.

    Eine “Zähmung der Banken” wird es nicht geben. Dazu müsste sich die Moral der gesamten Menschheit auf einen Schlag ändern. Und das ist wohl eher unwahrscheinlich. Undurchsichtige Kreditvergabe und damit einhergehende Profite sind das Tagesgeschäft jedes Bankers.

  4. 4.

    Einer unserer Haus-Ökonomen hatte im letzten Frühjahr gesagt: “Der ganze chinesische Markt ist “überbläht” – eine große FInanzblase. die spätestens in einem Jahr platzt. Alles auf Pump finanziert und falsch investiert. Dazu 200 Millionen (!) Arbeitslose.”

    Sollte er Recht behalten???

    • 21. Juni 2013 um 15:15 Uhr
    • Matthias Müller
  5. 5.

    “Einige [der chinesischen Banken] zocken mittlerweile mit zweifelhaften Anlageprodukten, mit gebündelten Kreditforderungen, die hohe Erträge versprechen, aber wenig transparent sind. Solche Papiere stürzten 2009 die Banken im Westen in den Abgrund. Chinas Regierung tut gut daran, die Banken zu zähmen.”

    Herr Lee, also sind diese Zockerpapiere doch ein Problem, diesmal ein chinesisches.

    Als Versuch der Zähmung würde ich die Reaktion der BIC nicht unbedingt umdeuten. Wenn schon, dann war es ein Schreckschuss, damit die Problembanken aufgescheucht und leichter identifizierbar werden.

    Aber: Sie stehen damit dennoch vor der Entscheidung, zu retten, oder das Pleitekarussell anlaufen zu lassen.

  6. 6.

    Kann man regional die Zinsen festlegen?

    • 21. Juni 2013 um 16:18 Uhr
    • Ochsenhorn
  7. 7.

    Zu der Bemerkung des Foristen Bill Mollison:

    “Als Versuch der Zähmung würde ich die Reaktion der BIC nicht unbedingt umdeuten. Wenn schon, dann war es ein Schreckschuss, damit die Problembanken aufgescheucht und leichter identifizierbar werden.”

    fällt mir das folgende Strategem ein:

    Auf das Gras schlagen, um die Schlangen aufzuscheuchen

    http://de.wikipedia.org/wiki/36_Strategeme#Auf_das_Gras_schlagen.2C_um_die_Schlange_aufzuscheuchen

    Harro von Senger hat diese ausführlichst als Teil von Entscheidungsprozessen in China thematisiert & versucht sein Bestes, den Westen an diesen Erfahrungen teilhaben zu lassen.

    Ansonsten hatte es mich in dem Zusammenhang erstaunt, daß Zeit Online an anderer Stelle über eine drohende Pleite der chinesischen Staatsbank spekulierte & mich dort zu entsprechender Reaktion gereizt. Der Artikel war von jemand anderem als Felix Lee verfasst:

    http://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2013-06/china-bank-zahlungsunfaehigkeit?commentstart=9#cid-2857107

    Ja, und da gefällt mir der Gedanke von einem Versuch der Zähmung der Geschäftsbanken durch die chinesische ZB schon viel besser.

    Xie Zeren

  8. Kommentar zum Thema

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