Das Fahrrad-Blog

Auf der Suche nach dem guten Kinderrad

Von 17. Oktober 2012 um 10:51 Uhr

© 2soulcycles

Kinderfahrräder sind teuer, schwer und häufig mit minderwertigen Komponenten ausgestattet. Das ist ein alter Hut, und genau das ist das Problem. Hersteller von Kinderrädern verändern wenig – außer Farbe und Dekor. Seit Jahrzehnten suchen velophile Eltern robuste, leichte und bezahlbare Räder für ihren Nachwuchs. Das ist schwierig, aber machbar.

Laut Herstellerliste wiegen Kinderräder zwischen 10 und 15 Kilogramm. Juliane Neuß lacht. “Haben sie die Räder gewogen?”, fragt die Ergonomieexpertin und Fahrradhändlerin. Sie weiß, dass Hersteller die Gewichtsangaben gerne ohne Gepäckträger und weitere Anbauteile machen – sofern sie das Gewicht überhaupt nennen. Zehn Kilo klingt recht wenig, ist für einen Fünfjährigen, der selbst gerade 20 Kilogramm auf die Waage bringt, aber ein ziemlicher Brocken. Auf das Gewicht eines Erwachsenen übertragen, würde ein vergleichbares Rad 40 Kilogramm wiegen.

Leichte Kindervelos zu bauen ist eine echte Herausforderung. Schließlich ist die Ausstattung dieselbe wie bei einem Erwachsenenrad. Rahmenbauer Ingo Brantl hat die Pflicht zur Kür gemacht und für seine Tochter ein 20 Zoll großes Sportrad aus Stahl gebaut. Das wiegt 5,9 Kilo.

Brantl hat dafür konsequent Gewicht reduziert. Er hat es mit leichten BMX-Teilen ausgestattet, statt der häufig verwendeten Erwachsenenkurbeln kindgerechte 130er verwendet und vorne wie hinten nur ein Kettenblatt eingebaut. Seine Tochter fährt nun Eingangrad, ein Singlespeed.

Das Eingangrad hat Brantl auf das Wesentliche reduziert© 2soulscycles

“Kinder sind in der Lage, hochfrequent zu treten”, sagt Brantl. Sie brauchen nicht unbedingt eine Gangschaltung. Der Rahmenbauer wohnt in Schwäbisch Gmünd. Seine Tochter kommt hier prima zurecht. Steigungen pedaliert sie im Stehen. “Das ist gut und schult die Bikebeherrschung”, sagt er.

Wie viele Eltern, definiert Brantl Sicherheit etwas anders, als es die StVO vorsieht. Speichenreflektoren setzt er nicht ein. “Die verliert man leicht”, sagt er. Stattdessen hat er reflektierende Mäntel gekauft und den Rahmen mit einem reflektierenden Lack gestrichen. Passive Beleuchtung nennt er das. Ist es dunkel, schlingt seine Tochter eine helle LED-Leuchte um Lenker und Sattelrohr. Die ist nicht zugelassen, aber bedeutend heller als herkömmliche Fahrradlampen.

So helle Leuchten brauchen die Kinder nicht, sie dürfen bis zum vollendeten siebten Lebensjahr sowieso nur auf dem Bürgersteig fahren, werfen hier Kritiker ein. Aber selbst dort werden sie von Autos, die aus Ausfahrten rollen, schnell übersehen. Außerdem fallen die völlig veralteten Seitenläuferdynamos regelmäßig aus.

Glaubt man Brantl, könnte er noch leichter bauen. “Aber dann wäre das Rad nicht mehr bezahlbar”, sagt er. Schon jetzt kostet es rund 600 Euro. Auf den ersten Blick ist das ein Witz. Schließlich geben Deutsche im Durchschnitt rund 500 Euro für ein Erwachsenenrad aus.

Betrachtet man aber das Konzept genauer, wird es logisch und sogar günstig. Denn auf Grund einer speziellen Rahmengeometrie wächst Brantls Rad mit. Tauscht er Vorbau und Lenker, kann seine Tochter es fahren, bis sie zehn Jahre alt ist. Anschließend plant er, es für 80 bis 90 Prozent des Neupreises zu verkaufen.

“Das funktioniert”, sagt Juliane Neuß. Sie hat bereits vor 20 Jahren ein mitwachsendes Rad für Kinder entwickelt. Der Trick ist, den Sitzrohrwinkel flach zu halten. Dadurch wächst der Sattel mit zunehmender Höhe leicht Richtung Heck, der Abstand zwischen Sattel und Lenker wird geringfügig vergrößert – auch ohne Komponententausch.

“Kinder haben im Alter von vier bis fünf Jahren proportional sehr kurze Beine, aber fast die Oberkörperlänge eines Zehnjährigen”, erläutert Neuß. Zwischen dem fünften und zehnten Lebensjahr wachsen Kinderbeine etwa 20 Zentimeter, ihr Oberkörper aber nur 5 Zentimeter.

Deshalb hat Juliane Neuß von vornherein den Rahmen länger gebaut, als es normalerweise üblich ist. “Bei Kinderrädern bekannter Hersteller ist der Abstand oft zu kurz und die Lenker zu hoch”, sagt sie. Infolgedessen fahren die Kinder mit rundem Rücken. Dabei brauchen sie eine gewisse Neigung nach vorne, um dynamisch fahren zu können.

Juliane Neuß’ Rad ist mit 12 Kilogramm deutlich schwerer als Brantls. Dafür ist es mit Licht, Nabenschaltung und einem soliden Gepäckträger ausgestattet. Der Preis ist der gleiche. Die Ergonomieexpertin sagt: “Die Idee, hochwertige Kinderräder weiterzuverkaufen, geht auf.” Sie kennt Kunden, die nach fünf Jahren noch 480 Euro für das Rad bekamen.

Das Skippy von Juliane Neuß wächst mit seinen Fahrern © Patria

Rahmenbauer, Ergonomie-  und ADFC-Experten sind sich einig: Die Hersteller von Kinderrädern können viel verbessern. Die Velos sollten robust, leicht und sicher sein und im besten Fall mitwachsen. Aber auch Eltern müssen bereit sein, mehr Geld für hochwertige Räder auszugeben, mit ihrem Nachwuchs zu üben und ihnen mehr zutrauen.

Es gibt bereits eine Handvoll Anbieter, die sehr hochwertige Kinderräder anbieten. Es lohnt sich, die Jungs und Mädchen mal ein Velotraum, Kaniabike oder Skippy testen zu lassen, damit sie den Vergleich erfahren. Grundsätzlich gilt: Kinder müssen beim Fahrradkauf dabei sein. Der ADFC hat in diesem Jahr ein neues Faltblatt herausgebracht, “Fahrradkauf kinderleicht”. Dort finden Eltern einige nützliche Tipps.

Kategorien: Räder
Leser-Kommentare
  1. 33.

    Das ist genau das Thema, mit dem ich mich die letzten Wochen beschäftigt hatte, denn zufällig wachsen meine beiden Lütten gerade aus den bisherigen Rädern heraus und deshalb wurde es einmal Zeit, sich da grundsätzlich mit zu beschäftigen.

    Dank des Puky Z6er-Laufrads konnten beide spätestens mit 3 problemlos das Gleichgewicht halten, nur das Erlernen des Radfahrens auch einem alten 16er-Puky fiel etwas schwerer, weil:
    1.) Vorher mangels guten Dreirad nicht eingeübt war, wie man pedaliert.
    2.) Die Rücktrittbremse beim Erlernen des Pedaltretens sich als ziemlich hinderlich erwies.
    3.) Das Fahrrad war doppelt so schwer wie das Laufrad und damit halb so schwer wie das Kind selbst.

    Dennoch: Mit jeweils 3,5 und 4 J. konnten die beiden Radfahren.

    Als die Große ein 20er-Puky (mit Dreigang) bekam, war mir das relative Gewicht (12,8 kg lt. Puky) noch nicht ganz klar. Zwar wiegt mein Trekkingrad in Vollausstattung auch nicht mehr, aber das kostete mich auch etwas.

    Zuerst stand für mich ‘logischerweise’ das Skyride 24-7 als Nachfolgerin auf dem Plan. Die Waage sollte dann aber bis 15,6 kg hochschnellen – und hier machte ich nicht mehr mit.
    Das Nachdenken und recherchieren setzte ein…

    Wenn ich hier so die Beiträge der anderen lesen, dann fällt unwillkürlich auf, dass eine ganz unterschiedliche Vorstellung bei vielen zu sein scheint, was Radfahren für sie bedeutet.
    Ich selbst bin als Ganzjahresfahrer (ja, auch die letzten zwei Schnee- und Eiswinter jeden Tag) sicherlich auch anders gepolt als einige, aber das ist hier nicht der Ansatzpunkt.

    Denn es geht hier um Kinder. Richtig, nicht (nur) um Räder von Kindern, sondern zunächst um Kinder selbst. Nicht um Versicherungen, nicht um Tuningtipps für Bastelväter (und -mütter), nicht um Markt & Technik – später, ja, da geht es um all das.
    Zunächst aber geht es einmal um Kinder.

    Das erste Rad. Oder das zweite. Das ist das erste größere, weil man gewachsen ist. Ist man dann auch schneller mit, so wie die großen Kinder, die einen sonst im Staub zurück gelassen hatten.
    Oder vielleicht ist es das erst in der Wunschfarbe. Möglicherweise ist die auch nicht mehr die gleiche wie damals, vor ewig langen 14 Monaten.
    Oder es ist jetzt eines – mit Schaltung! So, wie das von Marcus. Oder Anne.

    Ich denke, es ist klar, worauf ich hinaus will. Ein Fahrrad ist mehr als die zwei Räder und die Stangen dazwischen, erst recht für ein Kind. Was anfing mit Krabbeln und Laufen setzt sich im Fahren fort. Es ist Freiheit, Körpererfahrung, und und und.
    Wer spricht hier jetzt schnöde von “Überbewertungen” und “lohnt sich nicht” etc. pp.? Wofür gebt ihr denn Geld aus? Bieten diese Investitionen dem Kind gleiche Erlebnis- und Erfahrungsmöglichkeiten?

    Nach diesem Gedankenlauf (dem ich zu folgen empfehlen) nun zurück dazu, wie es technisch zu Lösen ist.

    (A) Ein Kind bis acht darf nicht auf die Straße. Insofern sind die sog. Kinderspielräder von der StVzO ausgenommen. Bitte mal nachlesen, für alle, die meinen, es bräuchte da einen vollständigen Satz an Regelbefolgungen. Es braucht einen vollständigen Satz an Fahrfreunde.

    Andererseits: Es darf nicht, tut es aber trotzdem, richtig?
    Reflektoren sind gefährlich und ineffektiv. Die Scotchlight-Speichenröhrchen (auf alle Speichen!), (durchgängig!, nicht nur das Label) reflektierende Reifen (oder gar Felgen) sind erlaubt – und sogar besser.
    Für die Ästheten ein Vorteil: Im Gegensatz zu den Standard-Reflektoren brauchen sie auch auch nicht gelb zu sein.

    Durch den Fortschritt (LiIon-/LiPol- & Eneloop-Akkus, LED-Leuchten) sind Batterielampen heute etwas anderes als noch vor zehn Jahren.
    Sind für gewisse Einsatzzwecke (Taschenlampe) bei Abenteuerkindern auch multifunktionaler, andererseits ist das auch ihr Problem.

    Wer also zusätzlich oder grundsätzlich ein festinstalliertes Licht möchte, findet vielleicht mit den neuen Induktionsleuchten (z.B. Reelights) eine geeignete Nachrüstalternative.

    Bei den Leichträdern gibt es heute durchaus schon etwas Auswahl: Islabikes Beinn 20, Kaniabikes twenty, Kokua Lighttobike 20, Orbea MX 20 Team, Stevens Kid Sport SL, MTB Cycletech Moskito liegen alle nach Anpassungen von Reifen und Pedalen etwa auf gleichem Niveau, sind aber jeweils durchaus für unterschiedliche Charaktere gedacht.

    Teuer muss es nicht sein, das Kokua gibt’s z.B. gerade für EUR 300,- im Angebot inkl. kostenlosem Versand aus Österreich (mal googlen).

    Man muss sich die Fragen stellen:
    * Was braucht mein Kind? (Man kann auch ruhig das Kind selbst mal fragen: Meine Kleine wollte vor allem – eine Trinkflasche am Rad.)
    * In welchen Situationen fährt mein Kind (Abends? mit Gepäck? Auf matschigen Wegen? Im Regen? Über Stock und Stein? Mit mir oder allein?)

    Und dann klärt sich schnell, an welches Rad Licht gehört, ein Gepäckträger, Schmutzfänger, welche Reifen. Apropos Reifen: die machen selbst gern mal ein halbes Kilo aus und sind wesentlich für das Fahrerlebnis; mein Tipp: unbedingt anpassen und nicht die montierten einfach nehmen!

    (B) Das größere Schulkind (ab ca. 8/9 J., Klasse 3, Größe 135cm, 60cm Schritt-/Innenbeinlänge fährt ein 24-Zöller, gern mit mehr als nur drei Gängen.
    Hier sind die Anforderungen nicht mehr so spezifisch, weil das Rad grundsätzlich was taugen muss. Oder aber noch genauer zu definieren, weil das Kind vielleicht einen Radsport ausübt. Im letzteren Fall ist die Sachlage eindeutig und das Kind wird aktiv darauf hinwirken, was angeschafft werden soll. Möglicherweise spielt langsam auch schon die Gruppenwirkung eine Rolle – Sie wissen schon, die soziale Komponente, wegen der Erwachsene (neben der Verwirklichung des Selbstbildes) ganz wesentlich ihre Entscheidung beim Kauf eines Autos fällen…

    Nur im ersten Fall (Universalrad für ein Kind, dass aber auch noch nicht groß genug ist, sich selbst eines auszusuchen), da sind die Eltern wirklich gefordert.
    Äh, ja, und da bin ich eben wieder an dem Punkt, von dem ich oben ausgegangen war…

    Hm, das Puky Skyride 24-7 oder Kettler Layana 24 (ebenfalls 7 Gänge) sind mir mit über 15 kg unakzeptabel schwer. In der gleichen Preiskategorie (430-500 €) findet sich auch das Stevens Tour 24 mit 13,5 kg – auch das könnte deutlich leichter sein, wenn man einen besseren Dynamo (20 EUR Aufpreis, 300g weniger) und andere Reifen gewählt hätte (30 EUR, 400-600g). Und sich vorn auf einen Zahnkranz beschränkt hätte (-30 EUR, -150g).

    Ansonsten bleibt anscheinend nur ein Islabike 24 oder 26 small oder ein Kaniabike twentyfour und das dann anpassen.
    Lichttechnisch kommt da allerdings nicht wirklich ein Serienvorderrad in Frage und wieviel eines mit Shimano DH3N72 oder Shutter Precision SP8 (via CNC Bike) in Auftragsarbeit kostet, erfrage ich gerade noch.

    Vielleicht hat hier aber jemand noch gute Vorschläge für mich?

    Es grüßt,
    ein Radfahrer

    • 20. November 2012 um 13:59 Uhr
    • Radfahrer
  2. 34.

    Weil es noch nicht erwähnt wurde: muesing stellt sehr leichte und mit weit unter 300€ auch nicht zu teure Kinderräder her. Mein Kleiner hat seit er kurz vor 5 war das 20 Zoll große (http://www.muesing-bikes.com/fahrrad/details/aktionsrad-kinderrad-20.html) und schafft jetzt mit Fünfeinhalb schon locker seine 35km, auch Berge werden da mal im Wiegetritt hochgekurbelt. Die Geometrie bietet frühen Einstieg mit viel Spielraum nach oben, da die Sattelklemme verhältnismäßig niedrig sitzt. Klar, ist ein Sportgerät, kein vollausgestattetes Stadtrad.

    • 25. November 2012 um 16:01 Uhr
    • Martin Schuster
  3. 35.

    Von der Geo her sieht’s gar nicht mal schlecht aus: abgesenktes Tretlager, Winkel für’s Steuer- und Sitzrohr unterschiedlich. Aber mit 10,5 kg (lt. Hersteller) ist’s eben auch kein Leichtgewicht für einen 20-Zöller.
    Ähnlich übrigens ist das Cube Kid 200. Die beiden tun sich gegenseitig wenig im Preis, der Komponentenauswahl und eben auch im Gewicht.

    Für kleine Kinder sicherlich nicht schlecht, aber eben auch schneller rausgewachsen: der recht kleine Radstand. Da hat man vom Kokua oder Orbea Grow – oder preislich deutlich höher: Velotraum und Patria Skippy – für (eben leider) mehr Geld (dann aber auch) länger was davon. (Kalkulieren kann man außerdem, wenn auch mit etwas Risiko: teurere Räder, höherer Wiederverkaufswert.)

    Nochmal zum Muesing/Cube 20: Etwas darüber (preislich) bzw. (darunter) kommen das Orbea MX 20 Team oder Stevens Kid SL 20 (beide 9,0-9,1 kg) für rd. €370,- bis 400,-.
    (Als Zusatzinfo für diejenigen, die etwas zum Vergleich haben wollen.)

    Ein echtes Leichtgewicht dagegen das MTB Cycletech Moskito 20: 8,0 kg.
    Auch hier muss der Leichtbau natürlich bezahlt werden: € 479,- UVP.

    • 26. November 2012 um 09:03 Uhr
    • Radfahrer
  4. 36.

    Beruflich und privat bin ich von den Kokua und Kaniabikes überzeugt. Beide Hersteller gehen optimal auf die Bedürfnisse von Kindern ein, soll heißen sie überzeugen durch kindgerechte Geometrie und sehr geringes Gewicht. Für die ganz Kleinen gibt es z.B. das Kaniabikes Sixteen, das 7,5 kg wiegt (mehr Infos gibt es z.B. hier: http://blog.fernwegs.de/kaniabike-sixteen-das-leichte-16-zoll-kinderfahrrad-von-kaniabikes/). Ganz billig sind die zwei Hersteller natürlich auch nicht. Mit Preisen um die 300 bis 500 Euro muss man rechnen.

    • 29. April 2013 um 10:15 Uhr
    • Susanne Rößner
  5. Kommentar zum Thema

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