Das Fahrrad-Blog

Gut durch den Winter

Von 24. Oktober 2012 um 09:45 Uhr

© pd-f.de Holger Heinemann

In den “Radhauptstädten” Münster, Amsterdam oder Kopenhagen sind viele Radfahrer ganz selbstverständlich das ganze Jahr mit ihrem Velo unterwegs. Doch auch andernorts gibt es immer mehr, die auch in der kalten Jahreszeit ihr Fahrrad nicht einmotten. Wer gut durch den Winter kommen will, sollte seinem Rad in den kommenden Wochen etwas Pflege gönnen.

Autos müssen bei Schnee und Eis mit Winterreifen fahren – die gibt es inzwischen auch für Fahrräder. Die Mäntel sollen bei tiefen Temperaturen besser haften, und für vereiste Strecken gibt es sie sogar mit Spikes. Ob man wechselt oder nicht, hängt davon ab, wie viel man fährt. Normalerweise reicht einem Stadtfahrer auch im Winter ein intakter Mantel mit ausreichend Profil. Ich fahre allerdings auch in der Stadt gerne breitere Mäntel mit Profil. Sie greifen bei Nässe besser, bei Schnee sowieso. Oft liegt das Problem mit den Reifen aber ganz woanders.

© pd-f.de Holger Heinemann

“Die meisten Leute fahren mit zuwenig Luft im Reifen”, sagt Dirk Sexauer vom Verbund Service und Fahrrad (VSF). Damit machen sie sich das Leben unnötig schwer. Nichts kostet Radfahrer so viel Energie wie ein schlapper Schlauch. Bis zu 30 Prozent mehr Kraft muss der Fahrer dann aufbringen, um voranzukommen. Ein schwergängiges Tretlager kostet gerade mal drei Prozent zusätzliche Kraft. “Da Luft langsam entweicht, spüren gerade Pendler, die täglich unterwegs sind, den langsamen Druckverlust kaum. Deshalb sollte man Reifen spätestens nach vier Wochen wieder aufpumpen”, rät Sexauer.

Die einzige Ausnahme: Wenn es etwas glatt ist, lohnt es sich, ein wenig Luft abzulassen. Das erhöht die Bodenhaftung, und man fährt sicherer. Weniger als der angegebene  Minimaldruck sollte es aber nicht sein. Der Druckbereich steht auf der Reifenflanke. Je geringer er ist, umso höher sind zwar Komfort und Haftung des Reifens,  es steigt aber auch die Wahrscheinlichkeit, einen Platten zu bekommen. Je höher der Druck ist, umso geringer sind Rollwiderstand und Verschleiß.

Die Bremsschuhe müssen ersetzt werden, sobald das Profil abgebremst ist. Wer seine Bremse selbst einstellen will, aber nicht weiß, wie es geht, findet im Internet in Toms Bikecorner nützliche Tipps und Anleitungen für verschiedene Bremstypen.

Eltern sollten außerdem alle paar Wochen eine kurze Probefahrt mit den Rädern ihrer Kinder machen. Kinder und Jugendliche registrieren es oft nicht, wenn die Bremsen nachlassen. Alternativ können die Kinder auch untereinander die Räder tauschen und es ausprobieren. Den Unterschied – im positiven wie im negativen Sinn – bemerken sie schon.

Kettenpflege ist ein beliebtes Streitthema unter Radfahrern, angefangen von der Wahl des Öls bis zur Menge. Nur in einem sind sich alle einig: Nie einen Hochdruckreiniger verwenden! Ich halte es in etwa so: Ist es im Winter trocken, reicht es, etwa einmal pro Woche die Kette durch ein öliges Tuch zu ziehen. Sobald es matschig wird, muss die Kette nach jeder Fahrt gut gereinigt werden. Denn Dreck und Kettenfett verbinden sich schnell zu einer zähen Paste, die bei jeder Pedalumdrehung die Zähne der Kettenblätter abschleift. Deshalb Kette und Kassette mit einem Lappen säubern und anschließend neu fetten. Dafür eignen sich Kettenöl, Silikonöl oder auch Graphitöl. Wichtig ist, dass es nicht zu dünnflüssig ist, denn dann wird Fett aus den  Kettengelenken herausgespült. Das überflüssige Öl immer mit dem Lappen aufnehmen, sonst zieht es prima den Schmutz an.

Ist das Rad im Winter sehr schmutzig, muss ordentlich geputzt werden. Mit viel warmem Wasser, das mit etwas Spülmittel versetzt ist, wäscht man Dreck und vor allem das Streusalz weg. Eine sehr verdreckte Kette kann man gut mit einer Zahnbürste reinigen. Anschließend muss das Rad trocken gewischt und danach am besten mit einem Pflegeöl eingerieben werden. Das gilt auch für bewegliche Teile und Schrauben. Für sie nimmt man am einfachsten ein Sprühöl. Damit grenzt man auch den Ansatz von Flugrost ein.

Wichtig ist auch, Verbindungsstücke zu fetten, zum Beispiel die Sattelstützen. Hier verwendet man ein gut anhaftendes Fett, wie etwa eine Montagepaste. Ebenso für Pedalgewinde oder Gabelabdeckkappen. Hier verhindert es, dass Feuchtigkeit eindringt, und beugt so Korrosion vor. Hochwertige Stahlrahmen haben einen inneren Korrosionsschutz, aber das ist nicht die Regel. Im Extremfall rostet der Rahmen von innen, wenn Wasser eindringen kann.

Seit Nabendynamos zur Standardausstattung von Stadträdern gehören, sind ausfallende Leuchten Vergangenheit. Die modernen Nabendynamos mit zweiadriger oder Koaxial-Verkabelung sind eigentlich wartungsfrei und zuverlässig. Flackert dennoch mal das Licht, liegt es in der Regel an der Steckverbindung.

Etwas mehr Licht am Rad schadet aber nie. Vor allem nicht, wenn es die Silhouette des Rads sichtbar macht. Das geht passiv mit reflektierenden Mänteln. Außerdem hat die Firma Xoude beleuchtete Lenkergriffe auf den Markt gebracht. Die matt leuchtende LED-Einheit steckt im Griffende. Noch sind die Leuchten nicht amtlich laut StVO zugelassen, alle anderen batteriebetriebenen Lampen auch nicht. Letztere werden bei Verkehrskontrollen aber meist von der Polizei geduldet. Zurzeit erarbeitet der Sonderausschuss Lichttechnik – eine Initiative des Bundesverkehrsministeriums – einen Gesetzentwurf, damit auch batteriebetriebene Beleuchtungen im Straßenverkehr zugelassen werden. Solche dürfen offiziell zurzeit nur die Fahrer von Rennrädern benutzen.

Wer seinen Wintercheck nicht selbst machen will, kann ihn beim Händler erledigen lassen. Viele Fachgeschäfte bieten ihn ab November an. Die Angebote variieren sehr stark im Preis und Service. Deshalb sollte man genau darauf achten, welche Leistungen das Paket enthält. Manche Händler erstellen nur eine Mängelliste und legen selbst keine Hand an. Bei anderen sind das Nachstellen der Bremse und der Schaltung sowie das Zentrieren der Laufräder im Preis inbegriffen. Preisnachlass für Wintercheck und Service bieten Händler und Verbände wie der VSF über Gutscheine an, die es im Netz gibt. Deshalb lohnt sich vor dem Besuch beim Händler auf jeden Fall eine kurze Internetsuche.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 17.

    Wo ist das Problem bei nicht geräumten Radwegen? Radfahrer dürfen dann auf der Fahrbahn fahren. Wenn deutsche Städte sich im Winter so dämlich anstellen – im Gegensatz zu Kopenhagen z.B. – Radwege nicht zu räumen müssen Radfahrer im Winter auf Fahrbahnen radeln, selbst bei Radwegbenutzungspflicht. Die Frage ist, wozu Kommunen überhaupt Radwege anlegen und straßenverkehrsbehörden diese mit einem Benutzungszwang versehen, wenn sie dann nicht einmal benutzbar sind.

    Ich fahre seit mehr als 30 Jahren ganzjährig, und habe seit einigen Jahren im Winter auf Spikes umgestellt.

    Selbst auf achtspurigen Hauptstraßen geht es dann in Hamburg direkt nach links quer über mehrere Fahrspuren, weil die angeblichen “Radwege” irgendwo unter einer Schneedecke für mehrere Wochen oder Monate verschwunden sind. Die Fahrbahnen dagegen werden eingesalzen und bieten besten Fahrkomfort ;-)

    • 28. Oktober 2012 um 11:09 Uhr
    • cyclist
  2. 18.

    Wie macht man das, die Züge pflegen?

    (Mir und meinem Sohn sind im vorletzten Winter bei -10 ° u. dergl. ständig die Züge eingefroren, und im Fahrradladen sagte man uns, da könne man nix machen, denn die Züge seien heute “wartungsfrei”.

    (Ich hatte erfolglos nach Schmiernippeln gesucht und dann wenigstens an den offenen Enden etwas Kettenöl draufgetan, aber das half auch nicht merklich.)

    Ein anderes Frost-Malheur: Fahrradschlüssel werden bei großer Kälte offenbar verflixt spröde und brechen kinderleicht ab. Sehr lästig, wenn das passiert…

    • 29. Oktober 2012 um 08:20 Uhr
    • Michaela
  3. 19.

    @Rod:

    Was hast Du mit den Spikes für Erfahrungen auf Asphalt gemacht?

    Der niedrige Luftdruck ist tatsächlich (m)ein Erfahrungswert, auf dessen Standpunkt ich auch beharre. Wie gesagt, die Relativität ist wichtig, irgendwann hat man dann natürlich auch keinen Seitenhalt mehr und der Reifen droht von der felge zu rutschen.
    ABER: die Sache verhält sich anscheinend auf Asphalt anders als im Gelände!! Hab gerade noch mal etwas gesucht und einen interessanten Testbericht dazu gefunden, der uns beide bestätigt… ;-)
    http://www.mountainbike-magazin.de/know-how/expertentipps/alles-ueber-rollwiderstand.35972.2.htm

    VG
    Phil

    • 29. Oktober 2012 um 14:32 Uhr
    • Phil
  4. 20.

    Hallo Michaela,
    die Züge an sich können nicht einfrieren, was da einfriert ist Wasser und da kannst du wenig dagegen tun, außer präventiv die beiden Enden besser abzudichten (was je nach Bauweise schwierig ist).

    Und Kettenöl ist auch viel zu zähflüssig, um weit in die Hülle einzudringen; dafür gibt es spezielles Kriechöl. Und auch das hilft nur für kurze Strecken. Die beste Lösung ist für mich noch immer der massive Einsatz von Schmierfett (frostfest, natürlich). D.h. Seile rausziehen, ordentlich einschmieren und wieder vorsichtig einführen, damit sich das Fett gut im Mantel verteilt. Warnung an dieser Stelle: wenn die Seile schon total zerfledert sind dann kriegst du sie unter Umständen nicht mehr hinein, evtl. nur sehr langsam mit Drehbewegung und ggf. mit einer Flachzange.

  5. 21.

    Eine sehr gute Lichtlösung gibt es von XFIRE. Man hat seinen eigenen Fahrradweg immer dabei. Wie die Polizei bei Kontrollen drauf reagiert weiß ich allerdings nicht…

    http://itstartedwithafight.wordpress.com/2012/10/30/bike-lane-safety-light/

    • 1. November 2012 um 16:05 Uhr
    • TheSecretCoAuthor
  6. 22.

    Eine weitere gute Idee ist das “BLAZE Bike Light”, Licht und Warnhinweis zugleich. Allerdings wird es hier wohl schwer, eine Zulassung für Deutschland zu bekommen, da es mit einem kleinen Laser arbeitet…

    http://itstartedwithafight.wordpress.com/2012/12/03/blaze-bike-light/

  7. 23.

    …und dann gibts da noch die beheizbaren Lenkergriffe:

    http://itstartedwithafight.wordpress.com/2013/01/17/heated-ergo-tri-grips/

    • 17. Januar 2013 um 15:19 Uhr
    • TheSecretCoAuthor
  8. 24.

    Fahrradfahren im Winter ist sicher nur etwas für hartgesottene oder für Leute, die auf kein anderes Fortbewegungsmittel zurückgreifen können. Grade bei nasskaltem Schmuddelwetter macht es auch weniger Spaß als bei sonnigem Winterwetter aber da muss man dann halt durch, ob man will oder nicht. Im Prinzip geht es schon und kann auch seinen Reiz haben, doch ein gewisses Risiko fährt halt auch immer mit. Einen schönen Artikel zum selben Thema habe ich hier noch gefunden: http://www.gebrauchte-mountainbikes.de/gebrauchtes-mountainbike-im-winter-fahren/

    • 6. November 2013 um 18:28 Uhr
    • mountainbiker79
  9. Kommentar zum Thema

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