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Gut durch den Winter

 
© pd-f.de Holger Heinemann

In den „Radhauptstädten“ Münster, Amsterdam oder Kopenhagen sind viele Radfahrer ganz selbstverständlich das ganze Jahr mit ihrem Velo unterwegs. Doch auch andernorts gibt es immer mehr, die auch in der kalten Jahreszeit ihr Fahrrad nicht einmotten. Wer gut durch den Winter kommen will, sollte seinem Rad in den kommenden Wochen etwas Pflege gönnen.

Autos müssen bei Schnee und Eis mit Winterreifen fahren – die gibt es inzwischen auch für Fahrräder. Die Mäntel sollen bei tiefen Temperaturen besser haften, und für vereiste Strecken gibt es sie sogar mit Spikes. Ob man wechselt oder nicht, hängt davon ab, wie viel man fährt. Normalerweise reicht einem Stadtfahrer auch im Winter ein intakter Mantel mit ausreichend Profil. Ich fahre allerdings auch in der Stadt gerne breitere Mäntel mit Profil. Sie greifen bei Nässe besser, bei Schnee sowieso. Oft liegt das Problem mit den Reifen aber ganz woanders.

© pd-f.de Holger Heinemann

„Die meisten Leute fahren mit zuwenig Luft im Reifen“, sagt Dirk Sexauer vom Verbund Service und Fahrrad (VSF). Damit machen sie sich das Leben unnötig schwer. Nichts kostet Radfahrer so viel Energie wie ein schlapper Schlauch. Bis zu 30 Prozent mehr Kraft muss der Fahrer dann aufbringen, um voranzukommen. Ein schwergängiges Tretlager kostet gerade mal drei Prozent zusätzliche Kraft. „Da Luft langsam entweicht, spüren gerade Pendler, die täglich unterwegs sind, den langsamen Druckverlust kaum. Deshalb sollte man Reifen spätestens nach vier Wochen wieder aufpumpen“, rät Sexauer.

Die einzige Ausnahme: Wenn es etwas glatt ist, lohnt es sich, ein wenig Luft abzulassen. Das erhöht die Bodenhaftung, und man fährt sicherer. Weniger als der angegebene  Minimaldruck sollte es aber nicht sein. Der Druckbereich steht auf der Reifenflanke. Je geringer er ist, umso höher sind zwar Komfort und Haftung des Reifens,  es steigt aber auch die Wahrscheinlichkeit, einen Platten zu bekommen. Je höher der Druck ist, umso geringer sind Rollwiderstand und Verschleiß.

Die Bremsschuhe müssen ersetzt werden, sobald das Profil abgebremst ist. Wer seine Bremse selbst einstellen will, aber nicht weiß, wie es geht, findet im Internet in Toms Bikecorner nützliche Tipps und Anleitungen für verschiedene Bremstypen.

Eltern sollten außerdem alle paar Wochen eine kurze Probefahrt mit den Rädern ihrer Kinder machen. Kinder und Jugendliche registrieren es oft nicht, wenn die Bremsen nachlassen. Alternativ können die Kinder auch untereinander die Räder tauschen und es ausprobieren. Den Unterschied – im positiven wie im negativen Sinn – bemerken sie schon.

Kettenpflege ist ein beliebtes Streitthema unter Radfahrern, angefangen von der Wahl des Öls bis zur Menge. Nur in einem sind sich alle einig: Nie einen Hochdruckreiniger verwenden! Ich halte es in etwa so: Ist es im Winter trocken, reicht es, etwa einmal pro Woche die Kette durch ein öliges Tuch zu ziehen. Sobald es matschig wird, muss die Kette nach jeder Fahrt gut gereinigt werden. Denn Dreck und Kettenfett verbinden sich schnell zu einer zähen Paste, die bei jeder Pedalumdrehung die Zähne der Kettenblätter abschleift. Deshalb Kette und Kassette mit einem Lappen säubern und anschließend neu fetten. Dafür eignen sich Kettenöl, Silikonöl oder auch Graphitöl. Wichtig ist, dass es nicht zu dünnflüssig ist, denn dann wird Fett aus den  Kettengelenken herausgespült. Das überflüssige Öl immer mit dem Lappen aufnehmen, sonst zieht es prima den Schmutz an.

Ist das Rad im Winter sehr schmutzig, muss ordentlich geputzt werden. Mit viel warmem Wasser, das mit etwas Spülmittel versetzt ist, wäscht man Dreck und vor allem das Streusalz weg. Eine sehr verdreckte Kette kann man gut mit einer Zahnbürste reinigen. Anschließend muss das Rad trocken gewischt und danach am besten mit einem Pflegeöl eingerieben werden. Das gilt auch für bewegliche Teile und Schrauben. Für sie nimmt man am einfachsten ein Sprühöl. Damit grenzt man auch den Ansatz von Flugrost ein.

Wichtig ist auch, Verbindungsstücke zu fetten, zum Beispiel die Sattelstützen. Hier verwendet man ein gut anhaftendes Fett, wie etwa eine Montagepaste. Ebenso für Pedalgewinde oder Gabelabdeckkappen. Hier verhindert es, dass Feuchtigkeit eindringt, und beugt so Korrosion vor. Hochwertige Stahlrahmen haben einen inneren Korrosionsschutz, aber das ist nicht die Regel. Im Extremfall rostet der Rahmen von innen, wenn Wasser eindringen kann.

Seit Nabendynamos zur Standardausstattung von Stadträdern gehören, sind ausfallende Leuchten Vergangenheit. Die modernen Nabendynamos mit zweiadriger oder Koaxial-Verkabelung sind eigentlich wartungsfrei und zuverlässig. Flackert dennoch mal das Licht, liegt es in der Regel an der Steckverbindung.

Etwas mehr Licht am Rad schadet aber nie. Vor allem nicht, wenn es die Silhouette des Rads sichtbar macht. Das geht passiv mit reflektierenden Mänteln. Außerdem hat die Firma Xoude beleuchtete Lenkergriffe auf den Markt gebracht. Die matt leuchtende LED-Einheit steckt im Griffende. Noch sind die Leuchten nicht amtlich laut StVO zugelassen, alle anderen batteriebetriebenen Lampen auch nicht. Letztere werden bei Verkehrskontrollen aber meist von der Polizei geduldet. Zurzeit erarbeitet der Sonderausschuss Lichttechnik – eine Initiative des Bundesverkehrsministeriums – einen Gesetzentwurf, damit auch batteriebetriebene Beleuchtungen im Straßenverkehr zugelassen werden. Solche dürfen offiziell zurzeit nur die Fahrer von Rennrädern benutzen.

Wer seinen Wintercheck nicht selbst machen will, kann ihn beim Händler erledigen lassen. Viele Fachgeschäfte bieten ihn ab November an. Die Angebote variieren sehr stark im Preis und Service. Deshalb sollte man genau darauf achten, welche Leistungen das Paket enthält. Manche Händler erstellen nur eine Mängelliste und legen selbst keine Hand an. Bei anderen sind das Nachstellen der Bremse und der Schaltung sowie das Zentrieren der Laufräder im Preis inbegriffen. Preisnachlass für Wintercheck und Service bieten Händler und Verbände wie der VSF über Gutscheine an, die es im Netz gibt. Deshalb lohnt sich vor dem Besuch beim Händler auf jeden Fall eine kurze Internetsuche.

24 Kommentare

  1.   Jens Schwoon

    Als Radfahrer aus Münster erinnere ich mich noch mit Grauen an den Winter in dem die Fahrradwege für 3 Wochen nicht gestreut wurden… Eisesglätte und viele Unfälle. Da half auf kein gutes Material mehr.

    Ich denke, dass man vor allem „gutes Licht“ und ordentliches Profil auf den Reifen haben sollte. Bei manchen Radfahrern frage ich mich regelmässig ob es mangelnde Gefahrenbewußtsein ist, oder ob sie sich soviel zutrauen beim Fahren. Gerde im fortschreitenden Alter sind Stürze auf dem Rad nicht mehr so einfach wegzustecken.

  2.   Michel

    Ich liebe einen Zahnriemen :-)


  3. Sehr hilfreich ist auch eine Nabenschaltung mit Kettenschutz zu fahren. Dann braucht man nämlich nicht nach jeder Fahrt oder einmal die Woche seine Kette zu schmieren, sondern vielleicht mal alle 3 Monate. Wenn man das Rad mit dem Hochdruckreiniger oder dem Gartenschlauch absprüht. Aus entsprechender Entfernung schadet das nicht nur nichts sondern ist auch eine der wenigen praktikablen Methoden, um den Schmodder unter den Schutzblechen wegzubekommen. Ach, und batteriebetriebene Leuchten sind natürlich zugelassen, wenn das Rad weniger als 11 kg wiegt – dann hat es auch meist eine Kettenschaltung :-).


  4. Kette nach jeder Fahrt reinigen? Was soll das für eine Fahrt sein, Berlin-Paris? Ohja, ich kenne ich sogar jemanden, der alle paar Monate seine Kette abbaut und in Benzin wäscht… aber sorry, da hört es bei mir auf, das könnte man schon als Kettenfetischismus bezeichnen.

    Als Jugendlicher bin ich jährlich Tausende von Kilometern gefahren und nur wenn die Kette quitschte wurde sie abgewischt und ordentlich geölt, also etwa alle 2-3 Monate. Und das auch bei Schnee und Eis. War aber natürlich die gute alte 6er Kette, kein neumodischer Kram für 10 Ritzeln.

    Und Verschleiß? Welcher Verschleiß? Klar gab es denn, aber war nie ein Grund zum Wechsel der Kettenblätter, Chainsuck kam auch so gut wie nie vor.


  5. da stimme ich zu. Jedes mal Kette reinigen, da wird man ja verrückt.

    Selbst auf „Kettenpflegeforen“ wird hin und wieder die Strategie „Zu Tode Fahren“ empfohlen: Wenns quietscht, einfach Fett oder Öl drüber.

    in Frühjahr tausch ich dann die Kette. Bei 3000km Pro Jahr wäre das eh fällig.

  6.   Stephan Klöckner

    Als Fahrradnerd schwöre ich auf Spikes. Die letzten beiden Winter war dies die einzige Möglichkeit um halbwegs sicher über Eis und Schnee zu kommen. Selbst bei grobem Profil ist es schwer mit wechselnden Reibwerten zurecht zu kommen (Matsch, lockerer Schnee, fester Schnee, Eis,…).
    Auch ganz wichtig ist das pflegen der Züge am Rad. sonst kann schon mal die Bremse oder die Schaltung einfrieren.
    Der Winter kann kommen!

  7.   Christan Kirn

    Mein Mittel der Wahl für den Rahmen & Anbauteile: vor dem Winter kräftig & grosszügig mit Sprühwachs einsprühen & nicht abwischen. Sieht dann zwar in kürzester Zeit verboten aus – aber im Frühling reicht es einmal mit einem Lappen alles abzuwischen und der Rahmen sowie die Komponenten sehen aus wie neu.

  8.   porph

    Ich habe das mit der gründlichen Kettenpflege im Winter auch schon versucht. Das geht solange gut, wie man nach JEDER Fahrt durch Streusalz-Matsch eben diesen von der Kette entfernt (öliger Lappen reicht da). Vergisst man das aber ein oder zwei mal und lässt das Rad über Nacht stehn, geht das Rosten schon los…

    Stressfreier ist es, die Kette einfach direkt nachdem das letzte Streusalz von den Straßen gewaschen wurde (also ein paar mal Regen nach dem letzten Schnee) zu wechseln. Da ich mit dem Rad, welches ich im Winter bewege, im ganzen Jahr nur ca. 2000 km mache, ist es noch problemlos möglich, die Kette eben nur dieses eine Mal im Jahr zu wechseln (man könnte theoretisch auch noch länger mit der Kette fahren, aber soviel Luxus darf dann schon mal sein).

    Zur Reifenfrage: Bislang kam ich immer mit sehr grobstolligen Reifen (Schwalbe Fat Albert) und sehr vorsichtigem Fahren klar. Allerdings ist da bei wirklichem Eis auch Ende. Ich bin immernoch am überlegen, für den kommenden Winter endlich mal die 100€+ Investition für ordentliche Spikereifen zu tätigen (fährt man ja dann mehrere Jahre). Mal sehn…

    Ebenfalls sehr wichtig und im Artikel leider nicht erwähnt, ist die richtige Kleidung. Gerade im tiefsten Winter, wenn es eigentlich trocken und schön ist, fahren viele Menschen einfach nur wegen fehlender Kleidung nicht. Mit genug Schichten dünner, qualitativ hochwertiger Kleidung sind Fahrten bei -10 °C kein Problem. Ab -15 °C kommt dann aber irgendwann einfach zu kalte Luft in die Lunge, die man auch durch Kleidung nicht mehr aufwärmen kann. Da ist dann meine persönliche Schmerzgrenze erreicht. Das sind zum Glück meist nur so 5-10 Tage im Jahr, durch die man sich halt mal durchquälen muss.

    Winter ist also kein Argument gegen Radfahren!

  9.   Helmträger

    Auch im Winter. HELM AUF!
    Bei denen von BERN gibt es auch Winter-Inlay für warme Ohren.

  10.   SeppD

    Radfahren im Winter kann einen Riesenspaß machen. Bei Schnee und Eis sind Spikereifen natürlich Pflicht. Und es sollten nicht diese Zwitter sein, die in der Mitte keine Spikes haben. Ansonsten hat mein Winterrad eine Nabenschaltung (Nexus-8) und Rollenbremsen – die beste Bremse bei Schnee. Bei der Kette halte ich es so: wenns quietscht oder schwer geht naß schmieren mit Motoröl (reinigen lohnt eh nicht) und relativ früh wechseln (spätestens nach 2000km). Die Mehrinvestition für eine rostgeschützte Kette lohnt sich. Ein Helm ist im Winter keine schlechte Sache, es sollte dann aber schon ein stabiles Modell wie für BMXer sein und nicht nur ein dünnes Styroporhütchen. Ich freue mich schon auf den ersten Schnee.