Das Fahrrad-Blog

Lernen vom Nachbarn

Von 23. November 2012 um 10:24 Uhr


Dieses Video von der Dutch Cycling Embassy zeigt die Verkehrsentwicklung in den Niederlanden von den 50er Jahren bis heute

In den Niederlanden gibt es mehr Fahrräder als Einwohner. Die Menschen dort fahren öfter, weiter und bedeutend entspannter Rad als die Deutschen. Um die Gründe ging es bei einem Erfahrungsaustausch in dieser Woche in Berlin. Der niederländische Botschafter hatte deutsche und niederländische Experten zu einem Symposium eingeladen.

Die Beiträge der niederländischen Redner zeigten recht schnell: Radfahren ist Bestandteil ihrer Kultur. Polizisten auf Velos gehören dort so selbstverständlich zum Stadtbild wie das Kreuz in Bayerns Klassenzimmern. Radfahren wird den Niederländern quasi in die Wiege gelegt. Lange vor Schulbeginn bringen Eltern es ihren Kindern bei.

Wie die Referenten berichteten, radeln in den Niederlanden die meisten Kinder zur Schule. Das geht in den Städten von Zwolle bis Amsterdam anscheinend problemlos, weil die Wege rund um Schulen sehr sicher sind. Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto bringen, haben vor dem Eingang keine Haltemöglichkeiten. Parken können sie nur im Umkreis von etwa 300 Metern. Wer mit dem Rad kommt, fährt auf Wegen, die klar von der Autospur getrennt sind.

Für Straßen mit Tempo 50 ist das erklärte Ziel der Niederländer, Rad- und Autospur strikt voneinander zu trennen. In Amsterdam ist das Konzept bereits an 500 Radstraßen im Stadtgebiet umgesetzt worden. Regelmäßige Kontrollen sorgen laut Dirk Iede Terpstra von der dortigen kommunalen Verwaltung dafür, dass auf Radspuren keine Autos parken. Ein Schlaraffenland für Radfahrer?

Noch nicht. Wobei deutsche Radlobbyisten die Schwierigkeiten unserer Nachbarn wahrscheinlich als Luxusprobleme empfinden und gerne mit ihnen tauschen würden.

Ein Problem der Niederländer ist das Abstellen der Velos. Die 16 bis 17 Millionen Einwohner besitzen laut Joop Atsma, einem ehemaligen Staatsekretär aus dem Verkehrsministerium, 19 bis 20 Millionen Räder. Die Stellplätze in Fahrradparkhäusern reichen oft nicht aus. Es besteht Handlungsbedarf. Ebenso bei Diebstählen. 800.000 Räder verschwinden jedes Jahr. Neue Räder werden nun mit Chips verkauft, um sie lokalisieren zu können.


Parkmöglichkeiten für Fahrräder am Bahnhof in Groningen

Außerdem stieg die Zahl der Unfallopfer und -toten in den vergangenen drei Jahren. Die Niederländer investieren deshalb in Forschung und in Infrastruktur. Rund 30 Euro pro Einwohner geben sie jedes Jahr für ihre velophile Verkehrsstruktur aus.

Da kann Deutschland kaum mithalten. Dort bestimmen die Städte und die Kommunen, wie viel sie investieren wollen. In Berlin waren es im vergangenen Jahr 5 Euro. “Berlin ist arm”, erklärte Burkhard Horn von der Berliner Senatsverwaltung die knappen Ausgaben – mehr Mittel sind nicht drin. Die Niederländer kalkulieren bei ihrer Rechnung allerdings auch den gesundheitlichen Nutzen ein. “Untersuchungen zeigen: Radelnde Mitarbeiter sind seltener krank”, sagte Atsma. Außerdem beuge Radfahren Übergewicht vor, einem neuen Problem in vielen westlichen Gesellschaften.

Wenn die Regierung Radfahren in der Gesellschaft verankern will, sei eine aktive Rolle gefragt, meinte Ex-Staatssekretär Atsma. “Ihr Verkehrsminister redet von Kampfradlern, von Fahrradfahrern als Plage”, sagte er und fügte ironisch hinzu: “Für mich ist das eine ganz neue Sicht.” Atsma ist passionierter Rennradfahrer und war Mitglied einer Kommission des Radsportweltverbandes UCI.

Damit ist er keine Ausnahme in den Niederlanden. Dort ist das Velo das Verkehrsmittel der Wahl. Es ist sicher, schnell, gesund und klimafreundlich – das signalisierte jeder Redner aus dem Land. Und diese Erkenntnis hat sich durchgesetzt,  in allen sozialen Schichten. Das ist der entscheidende Unterschied zu Deutschland. Die Redner zeigten immer wieder Fotos von Mitgliedern der Königsfamilie, die ihren Nachwuchs selbstverständlich mit dem Transportrad oder im Kindersitz durch die Gegend kutschieren. Radfahren ist positiv besetzt in diesem Land, es ist ein Aushängeschild, mit dem man sich gerne schmückt.

In Ansätzen gibt es das auch in Deutschland, ab und an zeigt sich ein Bürgermeister auf dem Rad. Aber das sind Ausnahmen. Wenn Deutschland wirklich fahrradfreundlicher werden will, kann es noch viel von seinem Nachbarn lernen.

Update: Im vergangenem Jahr hat der Berliner Senat nur 1,6 Euro pro Einwohner für den Radverkehr ausgegeben. Eigentlich soll  das Budget bis 2015 auf 5 Euro pro Einwohner aufgestockt werden, aber das ist noch umstritten.

Kategorien: Forschung, Politik
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Dazu noch eine interessante Zahl: In Deutschland gibt es laut Zweirad-Industrie-Verband insgesamt rund 70 Millionen Fahrräder, bei etwa 81,9 Millionen Einwohnern.

    • 23. November 2012 um 10:35 Uhr
    • Matthias Breitinger
  2. 2.

    Wenn die Regierung Radfahren in der Gesellschaft verankern will, sei eine aktive Rolle gefragt, meinte Ex-Staatssekretär Atsma. “Ihr Verkehrsminister redet von Kampfradlern, von Fahrradfahrern als Plage”, sagte er und fügte ironisch hinzu: “Für mich ist das eine ganz neue Sicht.”

    –> Das ist der eigentliche Skandal in Deutschland!

    Wann wird die Politik und die grosse Masse mal verstehen, dass ein Fahrrad eigentlich kein Sportgerät, sondern ein geniales Transportmittel ist?

    • 23. November 2012 um 11:14 Uhr
    • Gert
  3. 3.

    Und auch auf dem ofiziellen Viedo weit und breit kein Helm zu sehen. Und bei uns wird über Helmpflicht diskutiert.

    • 23. November 2012 um 12:49 Uhr
    • Markus
  4. 4.

    Die im Artikel genannten ohnehin schon mickrigen 5 EUR pro Einwohner sind leider sachlich falsch. 5 EUR ist das angestrebte ZIEL der Senatsverwaltung und der Grund dafür, dass Finanzsenator Nussbaum aktuell die Unterschrift unter die neue Radverkehrsstrategie verweigert…

    • 23. November 2012 um 15:47 Uhr
    • Tim
  5. 5.

    Ein bißchen sind unseren netten Nachbarn Trendsetter, da hier das Fahrrad beliebter ist. Deutschland könnte im Ausbau des Fahrradnetzes in den Städten über 60.000 Einwohner viel mehr dynamischer leisten. Es ist auch eine wichtige Investition in die Zukunft. Es betrifft niht nur die Infrastruktur, sondern auch die Krankenkassenausgaben. Wer sich bewegt wird schlicht – weniger krank.

    Schön an den Hollandrädern ist (a) der breite Lenker und (b) die trendige Transportkiste vorne, die ein bißchen vom sog. Bäckerfahrrad historisch abgeleitet wurde.

    Haben z.B. ebikes vorne so eine Transportkiste, können auch noch bequemer Einkaufsdinge transportiert werden. Das Auto kann ruhig auf Kurzstrecken häufiger stehenbleiben.

    Das Auto verliert deswegen ja nicht. Niemand mss auf den Luxus des Autofahrens verzichten, aber man kann es schon etwas lockerer sehen und durchaus mehr für Radfahrer und Radwege kommunal investieren. Das Engagement für das Auto schließt ja nicht ein Engagement für Fahrrad & Co. aus.

  6. 6.

    “Die CDU im Bezirk Hamburg Nord will Luft-Tankstellen am Straßenrand installieren, damit Fahrradfahrer ihre Reifen aufpumpen können. Damit soll die Attraktivität des Radverkehrs erhöht werden.”

    http://www.nahverkehrhamburg.de/auto/598-cdu-will-luft-tankstellen-fuer-fahrraeder-am-strassenrand

    • 25. November 2012 um 22:54 Uhr
    • Frank Unsinn
  7. 7.

    Radwege in Deutschland zu den Vororten sind oft so angelegt, als wolle man spazieren fahren oder zum Enten füttern. Große Schleifen, Umwege etc. Ich habe es nachgemessen. Mit dem Fahrrad ist der Weg sogar doppelt so lange wie mit dem Auto auf meiner Route. Dazu sinnlos geschaltete Ampeln die man nutzen müsse wenn man den Radweg benutzen würde, könnte. Wenn er nicht zugeparkt wäre. Kaum ist man dann umständlich auf der Straße (Mit Anhänger mit Kinder fast unmöglich zu schaffen) ist man der Kampffahrer der keinen Radweg nutzt.
    Fahrrad ist in vielen Fällen ein Transportmittel, ein sauberes und schnelles dazu. Platzsparend und leise. Was wollen wir mehr als moderne Räder mit u.U. E-Unterstützung.
    Man könnte sogar Radwege überdachen wenn das das Problem von, sagen wir 10 000 Berufstätige einer Firma in der Stadt wären und sie dafür die Autos vor der Stadt abstellen könnten. Wer will, kann.

    • 29. November 2012 um 15:50 Uhr
    • rollinger
  8. 8.

    Ich bin häufiger in NL mit dem Rad unterwegs. Da es in DE häufig keine oder nicht benutzbare Radwege entlang der Fahrbahn gibt, ist man in DE überland mit einem Fahrrad schneller unterwegs als in NL. NL ist nichts für Leute, die möglichst zügig überall hinkommen wollen.
    Da ist die Entwicklung in DE – da eh keine benutzungsfähigen Radwege gebaut werden, sind diese ratzfatz weggeklagt – eher im Sinne von zügigem Vorwärtskommen mit dem Rad.
    Und dieses Geblubbere, dass die Fahrbahn gefährlich sei, nervt. Ich erlebe bei jährlich 5.000 bis gelegentlich sogar 10.000 km pro Jahr auf Überlandstraßen, dass das definitiv nicht der Fall ist.
    Muss in Hamburg im Winter sogar täglich auf eine Straße mit 140.000 Fahrzeugen pro Tag, weil der zu schmale Rad-/Fußweg nicht von Schnee und Eis geräumt wird – und es geht.
    S.F.

    • 12. März 2013 um 15:59 Uhr
    • Severin Freischütz
  9. Kommentar zum Thema

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