Das Fahrrad-Blog

Vier Wochen ohne Auto: Es regnet und regnet und regnet

Von 26. November 2012 um 11:41 Uhr

Fertig für den ersten Wocheneinkauf © Reidl

Vier Wochen autofrei, die ersten Erfahrungen

Die erste Woche ohne Auto liegt hinter uns und mit ihr die ersten Fahrten mit dem e-Lastenrad. Wir sind häufig nass geworden, und der Wocheneinkauf ist noch verbesserungswürdig.

Unter normalen Umständen würde ich das Auto nehmen. Es ist dunkel, es regnet in Strömen und es ist kalt. Aber mittlerweile ist das Lastenrad angekommen. Jetzt soll es das erste Mal unseren Wocheneinkauf transportieren. Beim Anbringen der Fahrradtaschen erlebe ich allerdings eine Überraschung. Der Gepäckträger wirkt nicht nur extrem stabil, seine Rohre sind tatsächlich voluminöser als die herkömmlicher Räder. Erst ohne die Reduzierstücke an den Haken rasten die Fahrradtaschen ein. Mit zwei großen Gepäcktaschen und zwei Lowrider-Taschen fahre ich los: Ein leerer Wasserkasten hängt an zwei praktischen Haken.

Übers Gewicht muss ich mir keine Gedanken machen. 160 Kilo Zulast soll der Gepäckträger tragen. Davon erreiche ich gerade mal einen Bruchteil. Interessant ist für mich eher das Volumen, das die vier Taschen fassen. Schon jetzt ist klar: Das Einkaufssystem muss perfektioniert werden. Taschen sind für Flaschen und Gläser unpraktisch. Ich bin vorsichtig und kaufe nur das ein, was wir wirklich brauchen. Das nächste Mal werde ich eine Box an den beiden Haken befestigen. Nach einem Zwischenstopp daheim, um die Taschen zu leeren, geht’s weiter zum Gemüsehändler und zum Bioladen.

Simpel und effektiv: Haken für den Wasserkasten © Reidl

Schlussendlich war die Regentour weniger mühsam als erwartet und hat genauso lange gedauert wie üblich. Das anstrengende Anfahren unter Mehrlast spürte ich dank des Motors überhaupt nicht. Die Nuvinci-Schaltung arbeitet mit dem Bosch-Motor sehr harmonisch. Man kann vier Unterstützungsbereiche wählen, die sich dann nochmal stufenlos per Drehgriff variieren lassen. Der unangenehme Nebeneffekt bei Regenwetter – außen nass, innen nass – blieb aus. Man tritt zwar mit, aber das Gros der Arbeit erledigt der Motor.

Schon nach wenigen Tagen zeigt sich: Das Lastenrad ist eine große Erleichterung. Alltagsmobilität muss einfach, sicher und bequem sein und sie muss Spaß machen, damit sie sich durchsetzt. Neue Verkehrskonzepte wie Bike-Share-Systeme oder diverse elektrifizierte Fahrrad-Typen, die in den vergangenen Jahren auf den Markt gekommen sind, erweitern den Handlungsspielraum. Viel wichtiger noch: Sie senken die Hemmschwelle, das Rad zu nutzen.

Wenn es dunkel und kalt ist, fahre ich abends lieber mit dem Auto zum Sport in den Nachbarort. Die Landstraße verläuft einige Kilometer durchs Moor und am Deich entlang, der größte Teil der Strecke ist unbewohnt und unbeleuchtet. Im Wagen fühle ich mich sicherer, außerdem ist es bequemer. Mit Motorunterstützung entfallen diese Gründe. Ohne sonderliche Anstrengung pedaliere ich mit 27 km/h die Landstraße entlang. Die Geschwindigkeit gibt mir Sicherheit, es kurbelt sich leicht.

Ähnlich erging es mir ein paar Tage später auf dem Weg zu einer Party auf dem Land, gleicher Weg, gleicher Ort. Der feine beständige Sprühregen hätte uns normalerweise den Griff zum Autoschlüssel leicht gemacht. Jetzt nahmen wir die Räder. Mit dem Lastenrad bin ich recht guter Dinge angekommen. Mein Mann war dagegen weniger begeistert. Er fand es nass und anstrengend. Wir waren die einzigen Gäste, die mit dem Rad gekommen sind.

Die Idee, unsere Fahrzeugflotte für die Testphase mit einem e-Lastenrad zu erweitern, hat mehrere Gründe. Sicher, man kann alles mit Fahrrädern erledigen, sofern der Wille vorhanden ist. Meinen Respekt haben die Kommentatoren des ersten Artikels dieser Reihe, die komplett oder teilweise auf ihr Auto im Alltag verzichten. Ich stoße mit den Kindern schnell an meine Grenzen. Oft sind es banale Gründe – wie starker Wind, der uns in den Wagen zwingt.

Auch bei starkem Wind ist das Kind sicher platziert © Reidl

Heute wäre so ein Tag gewesen. Der Wetterdienst  hat für den Landkreis Stade Sturmböen gemeldet. Statt ins Auto setzen wir heute unsere Tochter in den Kindersitz auf den Gepäckträger, um mit ihr bis ans andere Ende der Stadt zu radeln. Sicher, das ginge auch mit einem herkömmlichen Rad. Das ist für mich aber in vielen Fällen nicht praktikabel, weil ich mir im Alltag diverse Aufgaben mit anderen Eltern teile. Das heißt unter anderem: Ich muss befreundete Kinder abholen. Die sind meistens nicht so sattelfest wie unsere. Sie radeln mit mir keine drei Kilometer durch die Stadt, schon gar nicht, wenn es regnet. Außerdem sind die Zeitfenster oft sehr eng. Deshalb brauche ich praktikable Alternativen, um getroffene Absprachen einhalten zu können.

Also fiel meine Wahl auf das Lastenrad blueLABEL TRANSPORTER hybrid. Auf seinem langen Heck finden zwei Kindersitze Platz. In der kommenden Woche werden wir das erste Mal zu dritt so unterwegs sein. Außerdem muss ich dringend zur Mülldeponie. Ein kleiner Tisch, Elektroschrott und Grünabfälle sollen entsorgt werden.

Andrea Reidl und ihre Familie wollen vier Wochen ohne Auto auskommen – in einer Kleinstadt (hier stellt sie ihren Selbstversuch vor). In den kommenden Wochen wird sie regelmäßig über ihre Erfahrungen bloggen.

Kategorien: Abgefahren, E-Bike
Leser-Kommentare
  1. 57.

    Das ist mal eine ehrliche Antwort aus der Realismus und Pragmatismus spricht! Der Mensch ist bequem und statusbewußt. Das Auto erfüllt beide Bedürfnisse in hervorragender Weise. Und die Fahrradfraktion zeigt sich ja auch gern auf Modellen, die so viel, wie ein gebrauchter Kleinwagen kosten. Und man kann dann seinen Öko-Status richtig schön demonstrieren. Das schlechte Wetter redet man sich einfach schön!

    • 28. November 2012 um 10:13 Uhr
    • Ingo Meyer
  2. 58.

    Gegen schlechtes Wetter kann man entweder teure Fahrradkleidung aus dem Radshop oder einen Bundeswehr Tarnanzug mit Kapuze, 100% wasserfest, Timberland Boots wasserfest und Bundeswehr Handschuhe wasserfest tragen.

    • 28. November 2012 um 14:23 Uhr
    • gn42
  3. 59.

    Sie schreiben “Fazit: In größeren Städten braucht man eigentlich für den Privatgebrauch gar kein Auto, in kleineren Städten wohl schon eher.”
    Es sollte heissen: In großen Städten (>0,5 Mio) geht es ganz gut ohne. In der Provinz (0,1-0,5 Mio) ist das Angebot oft erschreckend dünn. Wenn man es dumm erwischt, dieselt der Bus nur alle 60+ Min durch die Stadt vom Industrie bis ins Wohngebiet – Sofern man nicht sowieso Umsteigen und 30 min warten muss. In der Zwischenzeit steht man sich an der Haltestelle im Regen (Ein Dach an der Haltestelle, das groß genug ist, ist im Industriegebiet keine Selbstverständlichkeit) die Füße platt. Alternativ könnte man auch laufen – 5km/h.
    Die Öffis sind nur dann wirklich sinnvoll, wenn Takt und Fahrzeiten dafür sorgen, dass man “öffentlich” deutlich schneller als zu Fuß unterwegs ist.

    • 28. November 2012 um 14:45 Uhr
    • rws
  4. 60.

    Die Artikel von Frau Reidl verfolge ich mit großem Interesse, weil sie interessante und intelligente Alternativen zu unserem gewohnten Mobilitätsverhalten aufzeigen. Allein wenn man die Kosten betrachtet, kann man sich im Vergleich mit dem Auto sehr teure Fahrräder leisten, zuzüglich ÖPNV-Tickets, Taxi etc. Meinen Firmenwagen habe ich vor ca. einem Jahr zurückgegeben und fahre seitdem (ich wohne auf einem Dorf, 5 km zur nächsten Kleinstadt, 50 km zur Großstadt) zur Arbeit zuerst mit dem Rad, zur Bahnstation in der Kleinstadt, dann mit der Vorortbahn ins Zentrum der Großstadt. Die Fahrzeit ist deutlich kürzer, mit dem Auto war die Zeit nicht planbar, es ist wesentlich billiger, und die Viertelstunde an der frischen Luft morgens und abends ist einfach sehr gesund. Seit dieser Woche habe ich auf mein Fahrrad Spikesreifen aufgezogen, damit ich endlich auch bei völlig vereisten und zugeschneiten Straßen mit dem Fahrrad vorankomme. Ich bin gespannt und hoffe auf den bevorstehenden Kälteeinbruch.

    • 29. November 2012 um 09:59 Uhr
    • SBreitkreuz
  5. 61.

    @ #57 Ingo Meyer

    Genau solche Miesmacher wie Sie sollten sich eigentlich eher über jeden Radfahrer freuen, der Ihnen deutlich weniger Platz auf der Straße streitig macht, als würde er mit dem Auto fahren.

    Für die meisten Kommentatoren hier, die ihr autofreies Leben beschreiben, kann ich keine Ökomacke oder dergleichen erkennen. roland_s bspw. hat sein Auto sogar aus ökonomischen Gründen abgeschafft.

    Wer zeigt sich auf Modellen, die so viel wie ein gebrauchter Kleinwagen kosten? Der überwiegende Teil der Radfahrer fährt auf ganz normalen Rädern. Wer ganz aufs Auto verzichtet, hat natürlich mehr Ressourcen, die er in ein vernünftiges Rad und entsprechende Kleidung stecken kann. Dann braucht man sich das schlechte Wetter auch nicht schönzureden.

    Fortbewegung als Statussymbol betrifft ja wohl doch eher die Autofahrerfraktion.

  6. 62.

    Auch ich habe auf mein Auto aus vornehmlich ökonomischen Gründen “verzichtet”, hinzu kam der Faktor genervt-sein vom Stop and Go im täglichen Verkehr. Jetzt kann ich kleine Seitenstraßen fahren, Abkürzungen über Parkwege oder beispielsweise eine Eisenbahnbrücke mit Fuß-/Radweg nehmen etc. Den täglichen WEg zur Arbeit (9 km) fahre ich manchmal komplett mit meinem normalen Fahrrad oder kombiniert mit Klapprad (nein, werde brompton noch dahon oder ähnlich Teures!) und Zug. Was soll ich sagen? Der vermeintliche “Verzicht” entpuppt sich als großes Glück! Bewegung, Spaß, Gespräche, Wind und Wetter – ich lebe!

    • 29. November 2012 um 14:52 Uhr
    • Piffpaff
  7. 63.

    Muhaha! Wer heute noch Auto fährt ist entweder ne Pussy, verkalkter Rentner oder beides ;-) Schön das es regnet, da ist die Luft wenigstens sauberer und die Radwege frei von Wellnessradlern. Endlich kann man mal ordentlich reintreten und um die Kurven triften, vorbei an den neidglotzenden Staufetischisten. Ach Gottchen, habt ihr euch etwa vom bequemen Autolein und den hohen Benzinpreisen “abhängig” gemacht? Selber Schuld! Ich lach über eure Speckröllchen und eure Werbeleichtgläubigkeit… jaja! Und dann mit dem Auto zum Sport fahren um der körperlichen Bewegungsarmut entgegenzuwirken… tztztz… doppelt Zeit und Geld investiert – sehr effektiv ;-)! Aber euer Status-Quo-Wohlstandsdenken sichert mir “freie Fahrt für freie Radler” :-)

    Lastenrad braucht man nicht unbedingt. Man muss nur öfters auf dem Nachhauseweg einen Zwischenstopp einlegen. Dann kauft man auch bewusster und weniger Überflüssiges aus dem Wochenendkauf landet im Müll!

    • 29. November 2012 um 19:29 Uhr
    • Kampfradler
  8. 64.

    Ich bin gar kein Miesmacher , sondern ein fröhlicher Mensch! Und Statussymbole gibt es viele in unserer Gesellschaft. Fahrräder gehören ab einer bestimmten Preisklasse bestimmt dazu! Manche müssen ja mit doppelten Stahlketten an Laternenpfählen festgebunden werden.Diebstahl ist der einzige Grund für den Verzicht auf sehr teure Fahrräder. Ein Auto <100.000 € ist kein Statussymbol mehr. Ein Firmenparkplatz direkt neben dem Haupteingang schon! Beschäftigen Sie sich mal mit Statussymbolen! Sie werden staunen für was alles sich Menschen verbiegen (lassen). Wie war es heute übrigens bei diesem Wetter auf dem Fahrrad?

    • 29. November 2012 um 20:47 Uhr
    • Kauri
  9. Kommentar zum Thema

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