Das Fahrrad-Blog

Der Winter stellt uns auf die Probe

Von 10. Dezember 2012 um 10:12 Uhr

Bei dem Wetter radelt es sich in Hamburg am besten auf der Straße © Reidl

Seit drei Wochen ist unsere Familie in der autofreien Zeit. Eine Erkenntnis daraus ist: Ich brauche mehr Licht am Fahrradlenker. Mein Reiserad ist mit einer 40-Lux-Leuchte ausgestattet. Im Stadtverkehr reicht das völlig. Ganz anders ist das abends auf der Landstraße. Auf vielen meiner Alltagsstrecken ist es dann stockdunkel. Es gibt keine Straßenbeleuchtung, kilometerweit kein Haus und nur ab und an ein Auto, das überholt. Dafür lebt hier jede Menge Getier, das die Straße kreuzt. 

Jetzt habe ich mir eine Helmlampe zugelegt, die ich auch an den Lenker klemmen kann. Nun erkenne ich frühzeitig, was aus Wald und Moor vor mir auf die Fahrbahn springt. In der vergangenen Woche war es ein Fuchs.

Unerwartet nützlich war die neue Leuchte Freitagmorgen um sechs Uhr auf einem verschneiten Radweg. Die Mischung aus Schnee, Laub, Eis und Wegeschäden stellt auf dieser Strecke fiese Fallen. Mit dem Scheinwerfer erkennt man eher die kritischen Stellen. Mit dem Mountainbike überrollt man sie recht problemlos, mit meinem Alltagsrad möchte ich hier allerdings lieber nicht lang fahren.

Für die Kinder war das Fahren im Schnee anstrengend, anstrengender als bei Regen. Sie fragen jetzt öfter, wann wir wieder Auto fahren dürfen. Normalerweise wären wir bei dem Wetter rodeln gegangen. Zum Rodelberg kommen wir nur mit dem Wagen. Allerdings war die Kleine vergangene Woche krank, so kam ich um die Diskussion herum. Zum Arzt mussten wir glücklicherweise nicht. In der Regel sind die Radwege im Zentrum von Buxtehude überwiegend recht gut geräumt, für die Stecke hätten wir also das Lastenrad nehmen können.

Dennoch ist uns Kopenhagen hinsichtlich geräumter Radwege im Winter um einiges voraus. Dort werden Radwege im Winter meist vorrangig geräumt. In den Niederlanden wird derzeit sogar ein Konzept für beheizte Radwege im Winter diskutiert – quasi die Fußbodenheizung für die Radspur. Ein Architekturbüro hat das Modell entwickelt. Es besteht aus einem Röhrensystem, das unter dem Asphalt verlegt wird. In die Rohre wird Grundwasser gepumpt, das über Erdwärme erhitzt wird. Wie das aussehen könnte, zeigte das ZDF hier. Ob so etwas realisierbar und finanzierbar ist, sollen nun Gutachter prüfen.

Fußbodenheizung für Radwege © Screenshot ZDF Mediathek

Ob die Idee eher in die Kategorie Witz oder Vision gehört, wird sich herausstellen. Immerhin prüfen die Niederländer ungewöhnliche Radverkehrskonzepte. So weit ist Deutschland noch nicht. Statt Radfahrer zu unterstützten, wollen einige Politiker sie gern zur Kasse bitten. “CDU fordert Fahrrad-Maut für E-Bikes”, titelten vergangene Woche die Stuttgarter Nachrichten. Die Südwest-CDU habe die Maut in einem offiziellen Antrag gefordert. Das Geld solle dann in den Radwege-Etat des Landes fließen, hieß es.

Es gibt durchaus gute Gründe für eine City-Maut. Allerdings fallen mir keine für Elektroradfahrer ein. Eher für Autofahrer und dann heißen die Argumente: Stau, Abgase und Parkdruck. Aber warum sollen Fahrer von klimafreundlichen Verkehrsmitteln zahlen?

Zudem will die Bundesregierung doch die E-Mobilität steigern. Da wird gemeinhin gefördert, nicht gefordert. Und ein Blick auf die Zahlen zeigt: Deutsche kaufen und fahren Elektroräder, der Verkauf von E-Autos hinkt hinterher. Gerade mal 12.622 Hybrid-Autos und 2.154 Elektroautos wurden 2011 laut Kraftfahrt-Bundesamt zugelassen. Von den elektrifizierten Rädern wurden 300.000 gekauft, in diesem Jahr werden es noch mal rund 100.000 mehr sein.

Statt die Radler zur Kasse zu bitten, sollte das Potenzial der E-Bikes besser ausgeschöpft werden. Ein Verkehrsbetrieb aus dem Münsterland hat zu einem ungewöhnlichen Konzept gegriffen und seinen Jahreskartenkunden ein paar Dutzend Elektrofahrräder kostenlos für sechs Monate zur Verfügung gestellt. Langfristig wollen sie damit Lücken im ÖPNV-Netz schließen. Viele Mobilitäts- und Zukunftsforscher sehen das Elektrofahrrad als wichtigen Bestandteil des Modal Split.

Vor diesem Hintergrund klingt die E-Bike-Maut wie ein schlechter Witz. Aber wahrscheinlich würden die Hamburger, die an diesem Sonntagmorgen in der Hansestadt mit dem Rad unterwegs sind, sofort ihren Geldbeutel zücken, wenn dafür ihre Fahrspur geräumt würde. In der Nacht auf Sonntag hat es wieder geschneit. Die Straßen im Stadtteil Eimsbüttel sind mit einer dicken Schneeschicht bedeckt. An Radfahren ist hier nicht zu denken.

Gut, dass wir unsere Räder zu Hause gelassen haben. Wir sind in Buxtehude mit dem Taxi zum Bahnhof gefahren. Eigentlich nur aus einem Grund: Wir wollten unsere Räder nicht am Bahnhof abstellen – aus Sorge vor Diebstahl und Vandalismus. Wir Erwachsene haben zwar Bahnhofsräder, aber die Kinder nicht. Es gibt sogar abschließbare Abstellplätze, aber die muss man mindestens für zwölf Monate mieten. Deshalb haben wir heute geschummelt und das Taxi genommen. Die Entscheidung fiel uns leicht, schließlich ist unsere Benzinkasse noch gut gefüllt.

Fahrradboxen am Buxtehuder Bahnhof © Reidl

Andrea Reidl und ihre Familie wollen vier Wochen ohne Auto auskommen – in einer Kleinstadt (hier stellt sie ihren Selbstversuch vor: Teil 1,  Teil 2, Teil 3). Sie bloggt regelmäßig über ihre Erfahrungen.

Kategorien: Abgefahren, E-Bike, Forschung
Leser-Kommentare
  1. 25.

    Hier sind die meisten Radwege geteert. Was gut funktioniert ist, wenn der Schnee nicht geräumt, sondern plattgewalzt wird, dann kommt man im Zweifelsfall auch mit Ski oder Schlitten gut klar. Ich nehme Spikes, trotz Rollwiderstand, aber vielleicht ist das auch eine Frage der Übung. Was mich wirklich ärgert, ist, dass hier überall Salz gestreut wird, auch auf Gehwegen, wo das im Prinzip verboten ist. Zum Teil laufe ich auf der Straße, weil ich die Salzpampe nicht an meinen (teuren) Wanderschuhen haben möchte – am Rad im übrigen genauso wenig. Warum walzt man den Schnee nicht platt? Das geht schneller und es würden sich auch weniger Leute den Rücken dabei verrenken. – Dann noch eine schmale Gehspur gründlich mit Splitt einstreuen – perfekt, der drückt sich auch durch, wenns drauf schneit, und an der Seite könnte man noch einen Schlitten ziehen. Das Salz macht die Sache in dem Fall gemeingefährlich “seifig”, ich wäre schon ein paar Mal fast hingesegelt deswegen! Mit Plattwalzen würde man auch die hässlichen Schneematschberge verhindern, über die kein Mensch mit Rad, Anhänger, Kinderwagen, Rollstuhl oder Rollator mehr drüber kommt.

  2. 26.

    Thema verfehlt? 4877 Zeichen Text, davon lediglich 2308 zum eigentlichen Thema …

  3. 27.

    Ich mag gar nicht mehr die Kommentare lesen, weil ,,die Redaktion” scheinbar heute (und auch sonst immer häufiger) in Zensierlaune ist (das wird bestimmt auch gleich zensiert, weil ,,die Redaktion” nur respektvolle Kommentare respektiert).
    Immerhin aber lobt sie in anderen Artikeln ja die Presse- und Minungafreiheit als kostbares Gut (fraglich jedoch nur, ob ,,die Redaktion” diese auch liest?).

    Anmerkung: Wir lassen durchaus andere Meinungen zu und respektieren insofern die Meinungsfreiheit – nur sollte die Meinung sachlich und respektvoll vorgetragen werden. Die Autorin zu beleidigen, hat mit Meinungsfreiheit nichts zu tun. Die Red.

  4. 28.

    @24

    “Woher kommt denn der Strom, der Ihr so ökologisches E-Bike antreibt?”

    Ökologisch ist eine relative Kategorie. Als Alternative zum Auto (wie es die Autorin nutzt) ist das E-Rad tatsächlich ökologisch, trotz Strombedarf und Akku.

    “da nun auch Leute radfahren, die normalerweise nicht mehr radfahren könnten”

    Wäre es Ihnen lieber, diese Leute würden statt E-Rad Auto fahren?

    • 11. Dezember 2012 um 11:31 Uhr
    • RL
  5. 29.

    Die Autorin soll sich mal nicht verrückt machen lassen. Das ganze ist ein Selbstversuch im ÖPNV-mäßig wohl gut erschlossenen Umland einer Metropole. Also dort, wo viele andere Menschen auch leben. Und genau da lohnt es sich über das persönliche Mobilitätskonzept nachdenken.

    Die Bewohner auf dem platten Land fernab von vernünftigen Bus und Bahn-Verbindungen machen das automatisch jeden Tag.

    Für die Bewohner einer Großstadt, vielleicht sogar mit U-Bahn vor der Haustüre erübrigt sich die Diskussion auch. Da ist der Verzicht aufs Auto keine Heldentat sondern spart Zeit bei der Parkplatzsuche.

    • 11. Dezember 2012 um 12:41 Uhr
    • rws
  6. 30.

    Keine Ahnung wie all diese hier kommentierenden Radl-Helden sich bei 20 cm Schnee auf nicht geräumten Strasse fühlen – bei dichtem Schneetreiben wie heute lasse ich trotz Spikes auch mal das Rad stehen und fahr mit der Bahn. Und mit kleinen Kindern würde ich das Fahren bei so einem Wetter weder als spassig noch als vernünftig bezeichnen. Meinen Respekt haben Sie und Ihre Familie, Frau Reidl.

    • 11. Dezember 2012 um 13:04 Uhr
    • Nutbush
  7. 31.

    Klima? Ein Franzose erzeugt statistisch nur halb so viel CO2 wie ein Deutscher. Und das liegt nicht daran, das die Franzosen mehr Fahrrad fahren, sondern an den vielen Kernreaktoren dort.
    Nun werden manche einwenden, das Fahrradfahren ungefährlicher sei als die Kernenergie.
    Im Zusammenhang mit Fahrrädern gab es aber zum Beispiel 2010 380 Tote, dagegen hat selbst der SuperGAU in Fukuschima noch kein einziges Menschenleben gefordert.

  8. 32.

    Der Begriff Velophil trifft es auf den Punkt. Unsere Gesellschaft ist so infiziert vom Virus Auto, das man als täglicher Radfahrer oft entsetzt angeschaut wird wenn man bei schlechter Witterung dennoch mit dem Rad unterwegs ist. (Prof. Hermann Knoflacher von der TU Wien schrieb einst ein Buch drüber. Kurze Beiträge dazu sind auch auf Youtube mit ihm zu finden.)

    Bei mir ist es so krankhaft, also aus Sicht der Mehrheit, das selbst bei solcher Witterung auf den Nahverkehr verzichtet wird. Mein Studium wurde auch mehere Jahre als Radkurrier finanziert. Meine Erfahrungen:

    Spikes sind was für glatte Eisflächen und Gelände ( allgemein für sportliche Aktivitäten.) Aber wer wird schon sportlich fahren wenn er dick eingekleidet zur Arbeit radelt?

    Wer mit einen E-bike fährt dem wird es egal sein. Zumal das Klientel vermutlich über schlechte kognitiven Fähigkeiten verfügt. Es passiert das selbe wie beim Auto, der Mensch wird geneigt sein sich zu überschätzen – Situationen falsch einschätzen.

    E-bikes sind nicht wirklich eine Lösung, denke im Schnitt werden die meisten Strecken unter 30km bleiben. Also eine Distanz die jeder Mensch eigentlich problemlos mit dem Rad schaffen “könnte”. Unsere Gesellschaft ist krank durchs Auto. Der Radfahrer wird auch nicht gesünder. Den Abgasen ausgesetzt wird er auch zu einer Last im Gesundheitssystem. Krebs ist ja bekanntlich auf dem Vormarsch und wird Herz- Kreislauferkranungen wohl bald ablösen als 1. Todesursache.

    • 11. Dezember 2012 um 13:45 Uhr
    • joti
  9. Kommentar zum Thema

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