Das Fahrrad-Blog

Radfahrer vergeben schlechtere Noten

Von 4. Februar 2013 um 10:10 Uhr
© Adam Berry/Getty Images

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Im vergangenen Jahr haben 80.000 Radfahrer ihre Städte bewertet. Das sind dreimal so viele wie bei der Befragung im Jahr 2005. Insgesamt fällt ihr Urteil beim 5. ADFC-Fahrradklima-Test etwas schlechter aus als sieben Jahre zuvor. Lag die Durchschnittsbewertung damals bei 3,5 auf einer Schulnotenskala, liegt sie heute bei 3,9.

Münster, der ewige Spitzenreiter bei den Großstädten (über 200.000 Einwohner), ist zurückgefallen. Beim Fahrradklimatest 2005 erhielt die Stadt noch eine glatte 2 – dieses Mal gab es nur noch eine 2,6. Die ersten fünf Großstädte von 2005 verschlechterten sich alle um mindestens eine halbe Note.

Der ADFC-Bundesvorsitzende Ulrich Syberg hat dafür diese Erklärung: “Wir nehmen an, dass sich in den letzten Jahren ein stärkeres Bewusstsein für die Probleme von Radfahrern gebildet hat. Schlechte Bedingungen für den Radverkehr werden nicht mehr als normal und unveränderlich hingenommen. Radfahrer entwickeln ein neues Selbstbewusstsein und fordern ihre Rechte ein.”

Tatsache ist: Der Anteil an Radfahrern steigt. Kein anderes Verkehrsmittel hierzulande kann mit dem Fahrrad mithalten, wenn man dessen Zuwachs am Anteil an allen zurückgelegten Wegen betrachtet. Die Menschen geben immer mehr Geld für gute Räder aus und wollen auch auf angemessenen Wegen unterwegs sein.

Über den Test teilen die Radfahrer jetzt ziemlich deutlich ihre Meinung mit: Infrastruktur und Fahrradklima müssen besser werden. Außerdem erwarten sie eine kontinuierliche Steigerung des Fahrkomforts, der neben guten Radwegen eben auch einen Winterdienst sowie sichere Abstellmöglichkeiten umfasst. Was die Verkehrsplaner ihnen zurzeit anbieten, kommt eher schlecht weg. Sie benoten die unterschiedlichen Angebote im Schnitt in allen befragten Städten mit einer 4,4 (Winterdienst) beziehungsweise mit einer 3,9 (Abstellmöglichkeit). Positive Veränderungen werden aber sofort registriert und honoriert.

So hat Karlsruhe sich von Platz 10 auf Platz 3 vorgearbeitet. Das Umfrageergebnis stellt den Radexperten, die sich dort um die Velo-Infrastruktur kümmern, schon mal ein ganz gutes Zeugnis aus. Die Stadt verfolgt seit einiger Zeit ein klares Ziel: Sie will “Fahrradstadt Nummer eins in Süddeutschland” werden. Den Anteil des Fahrrads am Verkehr will sie bis 2015 auf 23 Prozent steigern. Bis 2020 soll er bis auf 30 Prozent steigen. Das ist ehrgeizig und erfordert ganz klar Investitionen.

Die Umfrage ist nicht repräsentativ, da sie keinen Querschnitt der Bevölkerung abbildet. Dennoch kann man durchaus mit diesen Ergebnissen arbeiten, weil man davon ausgehen kann, dass in erster Linie Vielfahrer und radaffine Menschen daran teilgenommen haben. Die Detailergebnisse der 27 Fragen sind ein guter Anzeiger für die Kommunen. Anhand dessen können sie sehen, ob ihre Maßnahmen greifen oder nicht und wo sie dringend nachbessern müssen. Die Münchener haben in jüngster Zeit ordentlich die Werbetrommel fürs Radfahren gerührt (Stichwort “Radlhauptstadt”). Das spiegelt sich in der Umfrage beim Notensprung von 4,1 (2005) auf 2,9 (2012) recht deutlich wider.

Der ADFC nennt den Fahrradklimatest die weltweit breiteste Erhebung dieser Art. Das Institut für Sozialforschung in Bonn (infas) hat die Interviews ausgewertet. Die Befragung wurde 1988, 1991, 2003, 2005 und 2012 durchgeführt. Im vergangenen Jahr wurde die Umfrage vom Bundesverkehrsministerium und der Zweirad Einkaufs Genossenschaft (ZEG) unterstützt. Die Ergebnisse von 2005 findet man hier.

Fahrradfreundlichste Städte über 200.000 Einwohner
Münster
Freiburg im Breisgau
Karlsruhe
Kiel
Oberhausen


Fahrradunfreundlichste Städte über 200.000 Einwohner

Wuppertal
Wiesbaden
Mönchengladbach
Bochum
Hamburg

Kategorien: Forschung, Umfrage
Leser-Kommentare
  1. 17.

    © hamburgize.com
    Es geht um den Punkt F4 Werbung für das Fahrradfahren, da hat München in diesem Jahr laut Liste eine 2,91 erreicht und im Jahr 2005 als Punkt 4 in der Tabelle eine 4,07. Das sind jedenfalls die Zahlen, die ich über die Listen finde, die der ADFC veröffentlicht.

    • 4. Februar 2013 um 18:05 Uhr
    • Andrea Reidl
  2. 18.

    Das ADFC-Ranking ist offen gesagt eine blanke Farce. Man kann daran nur ableiten, wie viel Kohle die jeweilige Kommune für’s Marketing rausdonnert.

    Münster ist als “Fahrradhauptstadt” eine einzige Katastrophe: Die Stadt hat sich seit über zehn Jahren nicht um die Umgestaltung der vollkommen veralteten Fahrradinfrastruktur gekümmert. Benutzungspflichtige und viel zu schmale Hochbordradwege finden selbst an Straßen, an denen die Radler eigentlich die Oberhand haben.

    Die Quittung kommt jedes Jahr mit der Unfallstatistik, in der die Fahrradunfälle seit zehn Jahren tendenziell steigen. Weder Straßenverkehrsbehörde noch Polizei wollen den Zusammenhang zwischen Hochbordradwegen und Unfallquote erkennen, lieber verteilt man Leuchtwesten und schimpft auf Rüpelradler.

    Für diejenigen, dies interessiert, hab ich’s hier zusammengefaßt:

    http://www.zukunft-mobilitaet.net/11804/analyse/fahrradstadt-muenster-probleme-radwegbenutzungspflicht-kritik/

  3. 19.

    Wenn ich mich recht erinnere, enthielt der Fragebogen keine Abfragen zu Ampel geregelten Straßenkreuzungen und -Einmündungen.
    Auch die Radführung an den mittlerweile vielerorts installierten Kreisverkehren wurde nicht explizit abgefragt.
    Bei beiden gibt es noch z. T. erheblichen Handlungsbedarf, wenngleich es hier auch sehr gute Ansätze gibt.
    Ein großes Problem ist bei den Kreisverkehren m. E. die sehr unterschiedlich gehandhabte Vorfahrtregelung.
    Die Fragebögen sollten zukünftig auch diese Verkehrselemente beinhalten, damit bestehende Unzulänglichkeiten erkannt, und die Anlagen dahingehend weiterentwickelt werden könnten.
    Davon abgesehen traue ich dieser Erhebung des ADFC ordentliches Gewicht für die Berücksichtigung der Belange der Radfahrer bei zukünftigen Verkehrsplanungen zu.
    Schließlich ist ein gutes Ranking auch Werbung für die Stadt!

    • 4. Februar 2013 um 21:02 Uhr
    • rt
  4. 20.

    Nach meiner Erfahrung ist es Glückssache, ob der tägliche Weg zur Arbeit per Fahrrad gut zu bewältigen ist.

    Aus Sicht der Stadtplaner, scheint ein Radfahrer im Allgemeinen als “schneller Fußgänger” angesehen zu werden. Diese Einstellung muss sich irgendwann in den 50ern gefestigt haben.
    Dies erklärt zumindest die teilweise kuriosen Wegführungen für Radfahrer.

    Früher mag das noch gegolten haben, als Rennräder noch 3 – Gänge hatten Räder noch 20+ kg wogen und Vorderradbremsen direkt auf die Lauffläche griffen.
    Doch in heutigen Zeiten mit der fortgeschrittenen Radtechnik, steigen auch die Durchschnittsgeschwindigkeiten der Radfahrer.
    20km/h erreichen viele untrainierte Radfahrer. >30km/h sind locker drin, wenn man z.B. in einer Gruppe fährt. Vom Turbo der E-Bikes möchte ich gar nicht erst anfangen.

    Bei Politik und Behörden ist dieses neue Zeitalter noch nicht angekommen. Vermutlich warten sie noch auf die Postkutsche.

    Grüße aus Hamburg (Platz 34 von 38)!

    • 5. Februar 2013 um 13:27 Uhr
    • mr
  5. 21.

    Karlsruhe auf Platz 3, toll. Aber… dafür wurden mindestens zwei wichtige Verkehrsadern verunstaltet. Statt engen zwei Spuren sind es Eine Spur plus Radweg, und vor den Kreuzungen werden es dann wieder doch zwei Spuren und der radfahrende Depp wird zwischen Parkplätzen auf enge Warteplätze vor den Fußgänger-Ampeln umgeleitet. Die alte Markierung ist auch nicht vollständig weg, bei Regen spiegelt sie wie blöd und die Autofahrer sind verwirrt, vor allem die die selten in die Stadtmitte kommen.

    Dass das für agile Rennradler total bescheuert und zuweilen sehr gefährlich ist, interessiert wohl niemanden. Hauptsache, DIE STADT hat was getan. Und es hat vermutlich auch nicht viel gekostet, das Geld brauchen wir schließlich für Karlsruhe 21 (wissenschon, die Jungs mit den Baggern).

  6. 22.

    Radfahrer kommen in den Überlegungen der meisten Verkehrsplaner schlicht nicht vor.Und wenn sie doch vorkommen,dann haben Handwerker,die z.B.Radwege bauen,von den Anforderungen der Radfahrer keine Ahnung.Radwege,die längs zur Fahrtrichtung gepflastert werden,machen jede Fahrt zu einem potenziellen Sturzvergnügen.
    Radwege,die von parkenden Kfz zugestellt werden,werten die tägliche fahrt zur Fahrradrallye auf.Abstellplätze für Räder sind mehr als selten.
    Allerdings sollte man auch konzedieren,dass Radler mehr als einmal als verkappte Kamikazes unterwegs sind,die Regeln für schlichten Unfug halten.Da wären ein paar Sheriffs mehr im Lande nicht zu verachten (zumal wenn sie mit’m Radl da wären…).

    • 5. Februar 2013 um 22:20 Uhr
    • Kladow
  7. 23.

    Als jemand, der aus Münster kommt, und nun in Hamburg lebt kann ich nur sagen, das die Kritik an der Münsteraner Infrastruktur berechtigt ist. Die Stadt hat wirklich lang nichts für Radfahrer getan.

    Aber Hamburg ist eine Katastrophe. Ja, es gibt eine Handvoll Radwege, aber die sind baulich nicht von den Bürgersteigen getrennt, und sie sind so eng und schlecht ausgebaut, das es natürlich keine Benutzungspflicht geben kann. Das führt dazu, dass Fußgänger eben diese Radwege genau wie Gehwege benutzen. Diese “Radwege” sind unbefahrbar.

    Auf der anderen Seite wird man ständig von Autos angehupt, die nicht verstehen, warum man diese “Radwege” nicht benutzen möchte.

    Im Endeffekt bin ich auf das Auto umgestiegen, und nehme alle negativen Konsequenzen für die Lebensqualität der Stadtbewohner in Kauf.

    Wer auch immer hier in Hamburg für die Planung der Infrastruktur für Radfahrer zuständig ist, sollte sich schämen.

  8. 24.

    Soweit darf es nicht kommen, dass der Radverkehr der zunehmenden Verstädterung geopfert wird!
    Wenn ich bedenke, welche Entwicklungsmöglichkeiten vor allem auch den Kindern und Jugendlichen vorenthalten werden.
    Die Stadt als menschenfeindlicher Raum?
    Das sollte die Stadtplaner wachrütteln.

    • 7. Februar 2013 um 19:45 Uhr
    • rt
  9. Kommentar zum Thema

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