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Maßarbeit: Radeln in der Stadt

 
© Reidl
© Reidl

Braucht Berlin zwei Fahrradmessen? Auf jeden Fall. Obwohl beide Veranstalter das Radfahren in der Stadt in den Mittelpunkt stellen, unterscheiden sich die Velo Berlin und die Berliner Fahrrad Schau sehr in ihrer Machart. Die Velo Berlin ist breiter aufgestellt und spricht mit ihrem Mix aus Vorträgen, Radreiseanbietern, Ausstellern von Rädern und alternativen Mobilitätskonzepten eher den Alltagsradler, Familien und auch ältere Radfahrer an.

Die Macherin der Velo Berlin, Ulrike Saade, hat ihre Fahrradkarriere vor 30 Jahren in einem alternativen Fahrradladen gestartet. Seitdem sucht sie nach Alternativen zum Auto in der Stadt. Deshalb gehören zu ihren Messen stets auch verkehrspolitische Vorträge. Dieses Mal hat unter anderem der grünen EU-Abgeordnete Michael Cramer die Radförderung durch die EU vorgestellt. Außerdem erklärte Holger Tumat, wieso es sich für Arbeitgeber lohnt, Dienstfahrräder  anzuschaffen. Tumat ist Geschäftsführer von LeaseRad, einem Unternehmen, das moderne Fahrräder mit und ohne Elektroantrieb als Firmenfuhrpark vermietet.

Neben verschiedenen Car Sharing Modellen zeigte die Velo Berlin am vergangenen Wochenende eine recht umfangreiche Ausstellung an Lastenrädern und Kindertransportern. „Gerade die Nachfrage nach Rädern für den Kindertransport steigt in den Städten“, sagt Lorand Sebestyen, der in Frankfurt Lastenräder für verschiedene Zwecke baut. Aus seiner Werkstatt kommt auch das Lastenrad Musketier, das über die Firma Radkutsche verkauft wird und eindeutig in die Kategorie LKW fällt. Das Rad ist mit einem Eigengewicht von 60 Kilogramm ein ziemlicher Brocken. Den will niemand in Bewegung setzen, vor allem nicht, wenn der Transporter mit der erlaubten Zulast von 200 bis 300 Kilo bestückt ist. Deshalb wird es mit einem Elektromotor geliefert. „Das Rad ist für gewerbliche Nutzer gedacht“, sagt Sebestyen. Auf die Musketier-Ladefläche passt eine Europalette – mehr Raum geht kaum.

Wie die Lastenräder werden auch die Anhänger immer passgenauer auf die Wünsche der Kunden zugeschnitten. So hat die Firma Aidoo einen Anhänger für Faltboote zu Messe mitgebracht. Der Anhänger kommt ausgeklappt auf eine Länge von 1,20 Metern, zusammengefaltet passt er in den Bug des Faltboots, das Faltrad je nach Modell aufs Heck. Der Aidoo-Anhänger ist hochwertig verarbeitet und konsequent zu Ende gedacht. Die Räder sind einzeln aufgehängt und torsionsgefedert. Das dämpft die Stöße und erhöht den Fahrkomfort.

 

Bootsanhänger von Aidoo © Reidl
Bootsanhänger fürs Fahrrad von Aidoo © Reidl

Neben großen Markenanbietern wie Cannondale, Kettler oder Rose waren verschiedene Berliner Fahrradhändler und -manufakturen auf der Messe. RadKunst verkauft ausschließlich Rennräder aus Stahl – neue wie gebrauchte. Viele der alten Räder bekommen sie von Sammlern, die sie jahrzehntelang zusammengetragen haben, nun aber zu alt sind, um sie zu fahren und zu pflegen. So haben die beiden Betreiber von RadKunst in Berlin unter anderen ein Gazelle Team-Rennrad von 1988 in ihrem Fundus. Normalerweise werden diese Räder an Nachwuchsfahrer weitergereicht. Mit etwas Glück findet man ein passendes Rad bei den beiden Rennrad-Liebhabern. Eines verkaufen sie allerdings nicht: ein Cinelli-Brügelmann-Rennrad. Das ist von 1971. Dafür wurden ihnen im Herbst 3.500 Euro auf der L’Eroica geboten.

Begehrtes Cinelli-Brügelmann-Rad © Reidl
Begehrtes Cinelli-Brügelmann-Rad © Reidl

Eine sehr schöne Eigenmarke bringt die Berliner Fahrradmanufaktur Radspannerei unter den Namen Paripa auf den Markt. Das sehr schlichte, durchdachte Rad ist in seiner Bauart eng ans Rennrad angelehnt. Allerdings ist es als sportliches Reiserad oder als wendiges Stadtrad konzipiert. Das heißt in der Praxis, dass die Winkel zwar den Abmessungen eines Rennrads entsprechen, der Abstand zwischen Tretlager und Zahnkranz aber etwas größer ausfällt. Wäre das nicht so, würde man beim Fahren mit Gepäck mit der Ferse an die Tasche stoßen. Jedoch ist das Paripa ein sportliches agiles Rad, das man für seine Tour eigentlich auch nicht zu sehr beladen möchte.

Paripa-Fahrrad © Reidl
Paripa-Fahrrad © Reidl

Gestern wurden auch die Gewinner des Film Awards bekannt gegeben, über den ich kürzlich geschrieben habe. Der erste Platz ging an „The man who lived on his bike“. Der Film zeigt einen Mann, der sein Leben komplett auf dem Fahrrad verbringt. Auf Platz zwei folgte „Autum(n) – der Tanz“ von Camilo Gutierrez mit seinem BMX-Rad, Platz drei ging an „Pak Becak“, der das Leben eines des Rikscha-Fahrers in Yogyakarta auf Java zeigt.

3 Kommentare

  1.   BikeBlogger

    Sehr schöner Artikel ohne den leider oft zu hörenden „VELOBerlin ist nur Kommerz“-Unterton. Bei jeder (Fahrrad-)Messe geht es ums Geld. Das Drumherum ist jedoch wichtig. Da ist die VELOBerlin noch nicht am Ziel, aber auf einem guten Weg, für ein sehr breites Publikum eine sehr spannende Messe anzubieten.

  2.   Rad-Recht

    Ein schöner Artikel zur Velo Berlin, die mir wieder sehr gefallen hat. Die Auswahl unter den vielen Ausstellern, Programmpunkten und der ausgestellten Technik ist bei der Berichterstattung natürlich immer Geschmackssache.

    Beide Fahrradmessen bieten im Gegensatz zu den ganz großen Messen m.E. Startups und auch kleineren Geldbeuteln noch ein Forum. Das Rahmenprogramm wird auch zunehmend besser.

  3.   Dollarslider

    Es fällt aber aber leider zunehmend auf, dass die wenigsten neuen Fahrräder noch eine Straßenverkehrszulassung haben, bzw. nicht verkehrssicher sind und eigentlich im öffentlichen Straßenverkehr nicht betrieben werden dürfen.
    LG