Das Fahrrad-Blog

Fahrradplausch auf Mallorca

Von 13. Mai 2013 um 10:20 Uhr
© pd-f/ Gunnar Fehlau

© pd-f/ Gunnar Fehlau

“Coll de sa Batalla” hatte am Fuß der Steigung auf dem braunen Schild gestanden. 7,9 km sollte es hoch gehen, mit einem Anstieg von fünf Prozent. Der Schweiß perlt mir aus den Poren, aber das Tempo stimmt. Entspannt plaudernd rolle ich mit einem Mitfahrer im Schatten bergauf. Zeit spielt keine Rolle. Die Strecke ist traumhaft. Nur ist die Straße für mallorquinische Verhältnisse etwas voll. Überholen uns sonst in einer Stunde fünf Autos, sind es jetzt Radfahrer: alle paar Minuten ein Tross. Kein Wunder, das Kloster Lluc auf Mallorca ist ein beliebtes Etappenziel.

Jetzt im Frühjahr ist Hochsaison für Freizeitfahrer auf der Baleareninsel. An jedem Berg arbeiten sie sich auf ihren Rennrädern ab. Die Profis sind schon seit Januar weg. Deren Trainingslager beginnt bereits Mitte November. Im Sommer schließlich wird es leer. Dann ist es zu heiß zum Fahren.

Die Liste an Anbietern, die Radsportferien organisieren, ist lang. Die beiden Größten auf der Insel sind zwei ehemalige Radsportprofis, der Schweizer Max Hürzeler und der Niederländer Fred Rompelberg. Der hält bis heute mit 268,8 Stundenkilometern den Weltrekord im Radfahren, bei dem man hinter einem Motor-Fahrzeug fährt. Allein bei Rompelberg wohnen 500 Radfahrer pro Woche. In ihrem Ferienpaket sind neben Wohnen und Verpflegung auch Leihräder, Trikots, Gruppenfahrten und Fotos enthalten.

Mit sechs Kollegen aus der Branche habe ich das Kontrastprogramm gebucht. Wir sind alle privat hier. Wir wollen eine Woche lang Radfahren, möglichst bei Sonnenschein und möglichst in kurzen Hosen.

Unser Domizil liegt in der Mitte der Insel in Sineu. Hier hat der Olympiasieger und Steherfahrer Jan Eric Schwarzer eine kleine familiäre Unterkunft, im Stil einer Radsport-WG aufgezogen. Neben der Ruhe ist der große Vorteil der Standort. Kaum lässt man die schattigen Gassen mit ihren sandfarbenen Häusern hinter sich, breitet sich Mallorca mit seinem schönsten Radsport-Portfolio aus: Schmale Straßen streben in alle Himmelsrichtungen. Und das auf allen Niveaus: eben, wellig oder bergig.

Heute Morgen sind wir Richtung Norden aufgebrochen. Immer wieder bläst uns der Wind kräftig ins Gesicht. Ich bin Rennradnovizin. Erst am Vortag haben wir in Dreiergruppen das Windschattenfahren geübt. Das kommt mir jetzt zugute. Wie ein Kaugummi klebe ich am Hinterrad meines Vordermanns, einem erfahrenen Gruppenfahrer. Eigentlich gebe ich nicht gern Kontrolle ab. Aber sein ruhiger Fahrstil und seine frühzeitigen Kommandos vermitteln Sicherheit. Eine gute Basis, um sich an sein Hinterrad zu hängen.

Die asphaltierten Landstraßen sind perfekt für unseren Kurzflug. So viel Fahrkomfort hatte ich nicht erwartet. Selbst die Nebenstraßen, die von Steinmauern und Orangenbäumen gesäumt sind, präsentieren sich in einem erstaunlich guten Zustand.

Nach einer Fahrzeit von etwas über einer Stunde erreichen wir den Wegweiser “Coll de sa Batalla”. Noch schnell ein Gruppenfoto, dann trennt sich die Gruppe und jeder nimmt in seinem Tempo die Steigung in Angriff. Einer aus der Gruppe muss Höhenmeter sammeln, er wird mehrmals hinauffahren. Der Treffpunkt ist das Kloster Lluc.

Dorthin kommen die wenigsten Radfahrer. Viele sparen sich den Abstecher von der Hauptstraße, rasten nur kurz an einem Straßencafé am Bergsattel, um dann weiter ins Gebirge vorzudringen.

An dem Straßencafé geht es zu, wie auf vielen mallorquinischen Plätzen um zwölf Uhr Mittags. Für ein bis zwei Stunden verwandeln sich die beschaulichen und spärlich besuchten Cafés in bunte Fahrerlager. Jetzt im Frühjahr haben die Gastronomen ihren Service für Radsportler perfektioniert. In Kooperation mit den Radreiseanbietern stellen sie breite Ständer vor die Cafés, an denen die Fahrer ihre leichten Renner wie Kleiderbügel aufhängen. Wenn alle satt sind und ihre Trinkflaschen gefüllt haben, geht es zurück auf die Straße – auf zur nächsten Stadt, zum Meer, dem nächsten Gipfel und bis zum nächsten Stopp beim Kuchenessen um drei.

Rennradfahren auf Mallorca ist eine sehr überschaubare und erholsame Art, Urlaub zu machen. Die größten Aufgaben bestehen darin, die Abzweigung nicht zu verpassen und beim Bergfahren den richtigen Tritt zu finden. Die Kondition kommt mit jedem weiteren Tag auf dem Rad fast von alleine. Vorausgesetzt die Regeneration ist mit viel Essen und viel Schlaf sichergestellt. In diesem Modus hat Rennradfahren etwas Meditatives. Immer wieder wundert man sich an den Ortsschildern: Wie schon da? So geht es uns auch nach 50 Minuten Fahrradplausch vorm Kloster Lluc. Wie, das war’s? Ja genau. Und jetzt gibt es erstmal was zu essen!

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Muessen Sie uns hier unbedingt neidisch machen? Mittlerweile Mitte Mai, draussen 10 Grad, grau und windig. – Eifel-Wetter
    Als leidlich tranierter Freizeitfahrer war ich bereits etliche Male auf der Insel.
    Gerne auch schon Anfang Maerz bei 15 Grad mit kurzer Hose und kurzen Handschuhen. Dann zurueck in D meist ein paar Tage erkaeltet. Form zurueck auf fast Null….

    • 13. Mai 2013 um 16:12 Uhr
    • Dick Hendrix
  2. 2.

    Ich bitte um Aufklärung: wie kommt man denn auf 268,8 km/h Höchstgeschwindigkeit?! Bergab und im Windschatten auf einer eigens dafür präparierten Strecke mit einem eigens dafür vorausfahrenden Fahrzeug? Kann die Infos auf Wikipedia nicht so recht entschlüsseln bzw. es mir nicht wirklich vorstellen. Danke :)

  3. 3.

    Ein Video sagt mehr als tausend Worte:

  4. 4.

    Die verd****** Radfahrer sollen bloß von der Insel verschwinden. Sie fahren zu dutzenden die Hügel herauf und wie die Irren herab. Sie sind eine Bedrohung für den Straßenverkehr.
    Radfahren sollte auf ganz Mallorca verboten sein.
    Ich kennen keinen (außer Radfahrer selbst), der sie nicht hassen würde.

    • 13. Mai 2013 um 17:33 Uhr
    • JS
    • 13. Mai 2013 um 17:41 Uhr
    • Ecky
  5. 6.

    Zu #1:

    Bergab muss nicht sein, Windschatten reicht. Der Rekord wurde wie so viele Geschwindigkeitsrekorde in der Ebene auf einem Salzsee aufgestellt.

    Der Rollwiderstand ist bei Schrittgeschwindigkeit noch der dominierende Widerstand bei einem Fahrrad, aber schon bei auch für Stadtradler eher gemäßigten Geschwindigkeiten (sagen wir mal 15 oder 20 km/h) ist der Luftwiderstand bereits deutlich größer. Je schneller man wird, desto überproportionaler steigt der Luftwiderstand.

    Mit dem richtigen Fahrrad kann man den reinen Rollwiderstand schon recht gut minimieren (da leistet ein stinknormales Rennrad schon viel – einfach mal ausprobieren: mit einem Rennrad vs. einem normalen Cityrad auf Schrittgeschwindigkeit beschleunigen und rollen lassen. Wer rollt länger? Sie werden aufgrund des enormen Unterschieds überrascht sein).

    Den Luftwiderstand zu überlisten ist schwieriger. Wenn man aber durch apparativen Aufwand den Luftwiderstand zu einem guten Teil aus der Gleichung herausnimmt (wie im Weltrekordversuch) bleibt fast nur noch der Rollwiderstand, der mit der Geschwindigkeit nicht außergewöhnlich stark ansteigt – und damit ist es eine Frage aus Technik, Übersetzung (!) und natürlich ein bisschen Power in den Beinen, geradezu aberwitzige Geschwindigkeiten per Fahrrad zu erreichen.

    Mich würde mal ein Diagramm Rollwiderstand vs. Luftwiderstand bei extrem hohen Geschwindigkeiten interessieren. Wie gesagt, bei etwas mehr als Schrittgeschwindigkeit überholt der Luftwiderstand den Rollwiderstand, und der Abstand vergrößert sich drastisch, je schneller man wird (weiß nicht genau ob der Zusammenhang quadratisch vs. linear ist, kann aber gut sein). Mal blind ins Blaue geraten: Vermutlich ist der reine Rollwiderstand bei 200 km/h niedriger als der Luftwiderstand bei 70 km/h.

    • 13. Mai 2013 um 17:46 Uhr
    • porph
  6. 7.

    Zu # 4
    Lieber JS, ich hoffe doch sehr, dass Ihr wirklich lustiger Kommentar ironisch gemeint war. Ich war bislang einmal als Radfahrer auf Mallorca und habe die extrem rücksichtsvolle Fahrweise der mallorquinischen Autofahrer sehr genossen (das meine ich jetzt nicht ironisch!). Wer so fährt, kann Radfahrer nicht hassen. Ein ähnlich radfahrerfreundliches Verhalten habe ich nur vor Jahren in Nordspanien erlebt. In Deutschland ist so etwas unvorstellbar, denn die hiesigen Autofahrer bekommen ja gleich einen Herzkasper, wenn sie einen Radfahrer mal wegen Gegenverkehr nicht sofort überholen können. Muss wohl eine Art Gendefekt sein. Nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie zu dieser Sorte gehören.

    • 14. Mai 2013 um 14:46 Uhr
    • Wolfgang Wagener
  7. 8.

    Vielen Dank allen für die Links und die Erklärung, besonders porph von #6. Vom Rennrad bin ich einige hohe Geschwindigkeiten eh schon gewohnt, vom Triathlonrad dann auch in der Ebene aber von solchen »Konstruktionen« hatte ich bislang nicht gehört, aber sehr interessant :)

    JS von #4 empfehle ich, einfach selbst mal Fahrrad zu fahren, z. B. mit dem Rennrad auf Mallorca. Das ist einfach eine so wunderbare Art der Fortbewegung, des Naturerlebnisses und zu reisen… macht Spaß, probieren Sie es mal aus! Oder, wenn Sie sich nicht trauen: messen Sie doch zumindest mal den vermeintlichen Zeitverlust mit und ohne Radverkehr auf einer Strecke. Wetten, dass es keinen Unterschied macht? Deshalb sollte Sie doch Ihren Blutdruck nicht so belasten :) Und: wer sich auf Mallorca als Autofahrer über Radsportgruppen aufregt, der macht – ganz ehrlich – irgendwas zur falschen Zeit am falschen Ort.

  8. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)