Das Fahrrad-Blog

Helm, ja bitte, aber nicht immer!

Von 20. Juni 2013 um 15:10 Uhr

Ich bin Helmträgerin, meistens – und ich bin gegen die Helmpflicht. Für mich ist das kein Widerspruch. Es gibt Situationen, in denen ich selbstverständlich einen Helm überstreife, aber es gibt ebenso viele Fahrrad-Momente, in denen ich nie auf die Idee käme, einen Helm zu tragen.

Vielleicht liegt es an meiner Sozialisation. In den 1970ern, als ich Radfahren lernte, gab es keine Helme. Wir fuhren mit dem Rad zur Schule, zum Sport und ins Schwimmbad. Ich kann mich an diverse Fahrradstürze erinnern, die wir zu Hause nie erwähnten. Warum auch? Stürze beim Radfahren oder Rollschuhfahren oder beim Spielen auf dem Schulhof gehörten damals zum Alltag. Es war eindeutig besser, wenn das Knie blutete, aber dafür die Hose heil blieb.

Heute ist das anders. Eltern sind vorsichtiger, behütender geworden. Natürlich tragen meine Kinder auf dem Fahrrad einen Helm. Ich auch: beim Mountainbiken, auf dem Rennrad und je nachdem, wo und in welchen Städten ich unterwegs bin. Aber auf vielen Strecken, die ich mit meinen Kindern in gemächlichem Tempo zurücklege, begleite ich sie ohne Helm. Ich bin dann langsam unterwegs, und ich fühle mich sicher auf den Straßen und Radwegen.

Aus Sicht der Richter des Oberlandesgerichts in Schleswig verhalte ich mich in diesen Momenten fahrlässig oder, wie sie es ausdrücken, als nicht-verständiger Mensch. Der Grund: “Der gegenwärtige Straßenverkehr ist besonders dicht, wobei motorisierte Fahrzeuge dominieren und Radfahrer von Kraftfahrern oftmals nur als störende Hindernisse im frei fließenden Verkehr empfunden werden.”

Die Richter bewerten den Verkehr für Radfahrer grundsätzlich als gefährlich. Die logische Konsequenz für sie ist, dass die Velofahrer in jedem Augenblick ihres Radfahrerlebens mit einem Sturz rechnen müssen und sich dementsprechend zu wappnen haben.

Ich sehe das anders. Allerdings empfinde ich den Straßenverkehr, im Gegensatz zu den OLG-Richtern, nicht per se als gefährlich.

Mit der Auffassung bin ich anscheinend nicht allein. Denn in Deutschland tragen nur etwa zehn Prozent der Radfahrer Helm. Auch in den Radfahrvorbildern Niederlande und Kopenhagen sind sie die Ausnahme. Allein die Idee erscheint den meisten Alltagsradlern dort absurd. Allerdings ist die Infrastruktur für sie auch bedeutend fahrradfreundlicher als in den meisten Städten Deutschlands. Nun will die Bundesregierung hierzulande ebenfalls den Radverkehr steigern. Um das Ziel zu erreichen, soll die Infrastruktur ausgebaut und das Verkehrsklima verbessert werden. Beides steigert die Sicherheit für die Radfahrer wahrscheinlich effektiver und nachhaltiger als ein Fahrradhelm.

Die Helmfrage wird unter Vertretern der Branche immer wieder kontrovers diskutiert. Je nach Gusto werden die Studien zitiert, die den eigenen Standpunkt – pro oder contra Helm – untermauern. Da den Studien die Kontrollgruppe fehlt, sind sie allesamt nur eingeschränkt aussagekräftig.

Die Folgen einer Helmpflicht zeigt allerdings das Beispiel Australien. Dort ist seit ihrer Einführung der Anteil der Radfahrer in den Städten von etwa 40 auf 20 Prozent gesunken. Und der positive Nebeneffekt des Radfahrens gleich mit.

Ich glaube, dass mich ein Helm bei einem Sturz schützt. Ich bin aber nicht bereit, jede einzelne Fahrt mit dem Rad als grundsätzlich gefährlich einzustufen. Der Ort und die Geschwindigkeit spielen eine Rolle für meine Entscheidung. Und die Entscheidung für oder gegen den Helm möchte ich auch weiterhin selbst treffen können.

Kategorien: Forschung, Politik, Recht
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ich teile diese Ansicht. Außerdem finde ich folgende – wirklich sachlich formulierte – Darstellung zur Unfallschwere bei Helmträgern aus Sicht einiger Ärzte erwähnenswert: http://www.regensburger-orthopaedengemeinschaft.de/orthojournal/details-journal/artikel/sicherheit.html

    • 20. Juni 2013 um 15:17 Uhr
    • Christian
  2. 2.

    Hallo Andrea,
    absolut ok so. Ich handhabe das mit dem Helmtragenso in etwas wie du.

    Was mich so stört an der Sache, ist dass der Richter mit seiner Begründung seine eigene Meinung zum Radverkehr offenbart: Radfahrer sind störende Hindernisse im frei fließenden Verkehr!

    Dabei fließt bei uns in der Stadt gar nicht so viel frei. Außer auf der Fahrradspur! Damit ist die Begründung schon entlarvt.

    • 20. Juni 2013 um 17:44 Uhr
    • Quirinus
  3. 3.

    Ich war Helmträger, so vor knapp zehn Jahren als ich das Rad wiederentdeckt habe. Meine Kinder hatten ja auch einen auf.

    Ich fand das Ding recht schnell nervig, da es schon bei kleinen Geschwindigkeiten den Geräuschpegel erhöht und ich ausser Vogelgezwitscher und Bienengesumm eigentlich die Ruhe geniessen möchte. Also habe ich zur Selbst-Motivation mal nach guten Argumenten für den Helm gesucht und keine gefunden. Dazu muss ich sagen, dass es mein Job ist Risiken zu bewerten und zu minimieren. Ich habe ein recht gutes Physikverständnis und kann sehr gut mit Zahlen umgehen und Statistiken auswerten.

    Ne, wirklich, einen Helm setzt man sich auf, weil man Angst hat, diese Angst ist in den allermeisten Fällen unbegründet und kontraproduktiv. Vernünftige Gründe für den Helm gibt es eigentlich nicht,

    Was mich aber richtig erschrocken hat, ist die Falschheit, die für die Helmwerbung eingesetzt wird. Schönes Beispiel ist der Professor, der sich für eine Helmpflicht einsetzt, weil es in Deutschland 300000 Schädel-Hirn-Traumen im Jahr gibt und “vergisst” zu sagen, dass nur 1% davon Radfahrer waren, Oder die Polizei die von der Unverantwortlichkeit der Radfahrer redet, die Gefährdung durch Radwege unter den Tisch fallen lässt und natürlich nicht begreift, dass wenn zwei drittel der verletzten Radfahrer keinen Helm getragen haben, es bei 10% Helmträgeranteil keine gute Werbung für den Helm ist, etc pp

    Letztens in SPON war ein Artikel über Kanadas Helmpflicht. Das ging so: Pflicht eingeführt, viel mehr Helmträgeranteil, Risiko und Kopfverletzungsanteil sind nicht gesunken. Jeder gute Wissenschaftler schliesst, kein Hinweis für einen Helmnutzen zu finden. Und was wird geschrieben? “Trotzdem, aber, das kann doch nicht sein, wir wollen eine andere Messmethode” am besten war der Chirurg aus Münster, in Kanada benütze man das Rad eher als Sportgerät, aha, Frau Reidl sie machen es genau falschherum, wenn man dem Manne glauben darf!

    Nein, heute fahre ich Rad mit freiem Kopf und bin trotzdem vorsichtig. Meine Kinder brauchen den Hut natürlich auch nicht, aber aufpassen müssen sie und Gefahrenabschätzung lernen. Es ist halt doch besser den Kopf zum Schutze zu ntzen anstatt ihn einzupacken…

    • 20. Juni 2013 um 18:06 Uhr
    • georg_aus_MUC
  4. 4.

    Die Studien sollte man wohl etwas differenzierter betrachten. In dem dieser Diskussion zugrunde liegenden Urteil war das Ergebnis auch, dass trotz eines Helms wohl eine Kopfverletzung passiert wäre, allerdings eine geringfügigere. Deshalb ist nicht interessant ob sich die Zahl der Kopfverletzungen verringert, sondern ob die Folgen bei einer Kopfverletzung geringfügiger ausfallen. Dass ein Helm bei einem direkten Aufprall keinerlei Nutzen hat, hat nach meinem Wissen noch keine einzige Studie ergeben.

    Statistisch nicht belastbar sind meine eigenen Erfahrungen als Radsportler: Schon mehrere meiner Freunde und Bekannten hatten zum Teil schwere Unfälle bei denen sie nach Angaben der behandelnden Mediziner ihr Helm vor wesentlich Schlimmerem bewahrt hat. Die dazugehörigen zertrümmerten Helme durfte ich zum Teil mit eigenen Augen betrachten. In so einem Fall ist eine Studie leider wenig hilfreich. Man könnte umgekehrt sagen wenn das Ergebnis einer Studie ist, dass von allen Kopfverletzungen eine weniger schlimm ausgefallen wäre und keine schlimmer, kann man einen Helm schon nichtmehr als nutzlos bezeichnen.

    Grundsätzlich sollte es aber jedem selbst überlassen bleiben ob man einen Helm trägt oder nicht. Im Vergleich zum Motorradfahren kann man für Radfahrer wohl ganz gut gegen eine Helmpflicht argumentieren.
    Allerdings muss man auch sagen, dass es auch bei der Gurtpflicht und der Helmpflicht für Motorräder mit vergleichbaren Urteilen und Diskussionen begonnen hat und mittlerweile stellt niemand mehr ernsthaft den Nutzen von Motorradhelmen und Anschnallgurten in Frage.

    Ich würde übrigens sehr gerne ein Foto von diesem Schallschutzhelm sehen. Meine Helme hatten diese Funktion weder vor 10 Jahren noch heute.Ich habe allerdings auf dem Fahhrad auch nie einen Integralhelm getragen.

    • 20. Juni 2013 um 19:01 Uhr
    • Zeitrad
  5. 5.

    Helmpflicht oder nicht – Sommerlochschwerpunktthema?

  6. 6.

    Die Physik kann man sich nicht zurecht reden, nur weil man zu faul ist, einen Fahrradhelm zu tragen., Was auf den Boden schlägt, geht kaputt. Und der Kopf ist nun mal ein schwéres Teil, das vorzugsweise Richtung Boden fliegt.
    Alles Geschwätz um eine Helmpflicht ist hinfällig, wenn man sich Unfallberichte in den Kliniken ansieht.

    • 20. Juni 2013 um 20:05 Uhr
    • Sam Kessel
  7. 7.

    Dass ich hier die Zeilen schreiben kann verdanke ich der Tatsache, dass ich vor knapp zwei Jahren bei einem Sturz einen Fahrradhelm auf dem Kopf hatte.

    Schöne Strecke und ich fuhr nicht schnell. Von schräg hinten hat mich ein unachtsamer Autofahrer schlicht umgekegelt – keine Chance dies zu erkennen geschweige denn darauf zu reagieren.

    So viel zu dem Thema: ich kann meinen Kopf einsetzen um Gefahren abzuwehren.

    • 20. Juni 2013 um 20:30 Uhr
    • Biker
  8. 8.

    Was sagte der Unfallchirurg zu mir, als er mein Schädel-CT ausgewertet hatte: Mit Helm hätten Sie sich das Genick gebrochen.
    Okay – es war ein Motorradunfall im fernen Ausland, wo keine Helmpflicht existiert – es gibt nicht einmal Helme dort zu kaufen – geschweige denn Lederschutzkleidung.. aber das nur nebenbei.

    Nein – ich trage keinen Fahrradhelm! Wenn der Bregen nicht in der Lage ist, einen Sturz bei 15 km/h wegzustecken, dann ist er eh nichts Wert und gehört in zwei Meter Tiefe. Der Sturz, den ich erlebte, geschah bei 60 km/h und demolierte mich ziemlich. Welcher Durchschnittsradler erreicht diese Geschwindigkeit?

    Nein – es kann nicht sein, dass Radfahrer, die sich mit (im Stadtverkehr) gerade mal doppelter Geschwindigkeit wie ein Fußgänger bewegen, sich mit einem Helm schützen müssen, um die Unfall-/Haftpflicht oder sonstige Versicherung zur Regulierung zu bewegen.

    Keine Helmpflicht! Nackt radelt es sich besser!

    • 20. Juni 2013 um 20:35 Uhr
    • Leo
  9. Kommentar zum Thema

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