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Grundschüler dürfen zur Schule radeln

 

“An der Schule, an der meine 10-jährige Nichte lernt, ist explizit verboten, dass die Kinder mit dem Fahrrad kommen: zu riskant”, hatte kürzlich ein Leser in einem Kommentar geschrieben. Diese und ähnliche Begründungen kennen viele Eltern. Tatsächlich raten Grundschulleiter Eltern immer wieder davon ab, ihr Kind mit dem Rad zur Schule zu schicken. Einige sprechen gar Verbote aus.

Dabei überlässt der Gesetzgeber diese Entscheidung den Eltern.

Das Radfahrverbot einiger Grundschulen ist willkürlich, ihm fehlt die gesetzliche Grundlage. Die Aufsichtspflicht der Schule erstreckt sich nicht auf den Schulweg. Wie die Kinder zur Schule kommen, entscheiden die Eltern. Das erklären einstimmig die Sprecher der Schul- und Bildungsministerien der einzelnen Bundesländer. Versichert sind die Kinder auf dem Weg über die gesetzliche Unfallversicherung.

Dennoch verlangen immer wieder Grundschullehrer an den Elternabenden nach den Sommerferien, die Schüler dürften erst nach der Radfahrausbildung alleine zur Schule radeln. Fakt ist: Die Lehrer dürfen das nur als Empfehlung aussprechen.

Letztlich ist selbst die bestandene Radfahrprüfung kein Garant für die Verkehrstüchtigkeit der Kleinen. Mit Sicherheit ist die Prüfung wichtig, aber man sollte sie nicht überbewerten.

Auch an der Schule unseres Sohnes galt und gilt offiziell das Radfahrverbot bis zur Prüfung. Die war allerdings erst für die vierte Klasse geplant. Am Ende der zweiten Klasse haben wir mit seiner Lehrerin gesprochen und bekamen im Anschluss vom Schulleiter die Sondergenehmigung, dass er mittags allein mit dem Rad heimfahren durfte.

Das war ein bisschen mühsam, aber für uns die einfachste Lösung. Da bekannt war, dass er seit einem Jahr den Weg gemeinsam mit uns zurücklegte und auch ansonsten viel mit dem Rad fuhr, war die Schulleitung kooperativ.

Mit Sicherheit hängt es vom Schulweg und dem jeweiligen Kind ab, ob und wann es mit dem Rad zur Schule fahren kann. Allerdings sollten die Schulleiter den Eltern mehr Vertrauen schenken und statt Verboten Empfehlungen aussprechen. So würde manche(r) versierte Schüler oder Schülerin vielleicht früher von Auto oder Bus aufs Fahrrad umsteigen und sehen, dass Radfahren selbst für sehr junge Menschen mit der richtigen Vorbereitung möglich ist – bevor sich Kinder ans “Mama Taxi” gewöhnen.

Wer seine Kinder selbst radeln lässt, muss allerdings Paragraf 2 der Straßenverkehrsordnung beachten:

(5) Kinder bis zum vollendeten achten Lebensjahr müssen, ältere Kinder bis zum vollendeten zehnten Lebensjahr dürfen mit Fahrrädern Gehwege benutzen. Auf zu Fuß Gehende ist besondere Rücksicht zu nehmen. Beim Überqueren einer Fahrbahn müssen die Kinder absteigen.

 

 

13 Kommentare


  1. So etwas habe ich noch nie gehört…und es erscheint mir, die ich in einer ländlichen Kleinstadt großgeworden bin und seit dem 6. Lebensjahr meine kindliche Freizeit auf dem Rad verbracht habe, total absurd. “Mama-taxi” gab es schlicht und einfach nicht, mit der Einschulung fuhr man auch alleine zur Schule und ich kann mich nicht entsinnen, dass es da jemals Diskussionen über Gefahren gegeben hätte. Sicher ist die Situation in einer Großstadt noch einmal eine andere, aber diese regelrechte Dämonisierung scheint mir doch an den Haaren herbeigezogen. Ist das eine Folge der Überbehütung von Kindern?

  2.   Papa

    Als ich auf dem allerersten Elternabend nach der Einschulung meines Sohnes die Frage gestellt habe, ob mein Kind mit dem Fahrrad zur Schule fahren dürfte, blickte ich in 21 entsetzte Gesichter (einschließlich Lehrerin). Wie konnte ich nur eine solche Frage stellen, schließlich weiß ja jeder, dass das natürlich nicht erlaubt ist… Interessant, dass das offenbar doch nicht so ganz eindeutig ist.

  3.   Max Schneider

    “Als ich die Frage gestellt habe ob mein Kind mit dem Fahrrad zur Schule fahren dürfe”

    Wieso fragen? Sie hätten sicher nicht gefragt wenn Sie vorgehabt hätten Ihren Sohn mit dem Auto zu bringen…Außerdem ist “Kind mit Auto bringen” viel gefährlicher als wenn es mit dem Fahrrad fährt, schon allein wegen all der anderen Elternautos die direkt vor dem Schuleingang kopflos hin- und herfahren….

  4.   Burger

    Ich (35 Jahre) bin in Hamburg mit dem Fahrrad mit meinen Eltern zum Kindergarten und ab Grundschule immer alleine zur Schule, zum Sport etc. gefahren. Ich finde diese Angst der heutigen Eltern einfach beangstigend….


  5. Bei aller sonstigen Kritik an unserer Grundschule, scheinen wir in dem Punkt wohl Glück zu haben. Bei uns wird explizit gefordert, dass die Kinder alleine, ohne Eltern zur Schule kommen, zu Fuß oder per Pedalo ist egal. Woran sich natürlich nicht alle Eltern halten.

    Das Angebot der Radprüfung gibt es jeweils in Klasse 2 und 4 (möglicherweise auch in der 3). Entsprechend haben wir das auch angenommen und ich sage aus Erfahrung, dass es bei unseren Kindern für einen enormen Entwicklungsschub gesorgt hat, hin zu mehr Eigenverantwortung. Wenn die anfänglichen elterlichen Sorgen verschwinden, ist das auch eine große Entlastung im Alltag.


  6. Die Fahrradprüfung darf man nicht nur nicht überbewerten, man sollte sich nichts davon erhoffen, sie in manchen Gegenden eher fürchten.

    Meine Tochter wollte seit der zweiten Klasse in die Schule fahren, vor allem, weil sie dann nach der Schule besser zu ihren Freunden gekommen wäre. Am Können hätte es nicht gemangelt, sie war sehr aufmerksam und konzentriert beim Fahren.

    Leider stellten sich die Lehrer immer wieder quer, auch damit, dass sie einfach die Gruppenversicherung fürs Fahrrad verweigerten (Wurde eigenmächtig auf dem Antrag gestrichen).

    Der Fahrradlehrgang in der Vierten war dann der Horror. Pädagogisch unterste Schublade (Befehlsunterricht) und fachlich teilweise falsch (die Kinder mussten zB. das kurveninnere Pedal unten lassen und scharf rechts fahren, beides gefährliches Fehlverhalten).
    Ergebnis: Das Fahrrad, vorher Inbegriff der Mobilität, landete kurz darauf im Keller – kein Interesse mehr.

    Daher bin ich mehr denn je der Ansicht, dass der bestehende Umgang mit Kindern und Fahrrad dazu dienen soll, die Kinder vom Fahren abzuhalten.
    Klappt ja auch zu mindestens 90%. In der fünften und sechsten Klasse war niemand mehr mit dem Fahrrad unterwegs.

  7.   sommer2013

    Ich möchte den Eltern keinesfalls absprechen, das fahrerische Können ihrer KInder anzuzweifeln bzw. nicht einschätzen zu können. Aber der Weg zum Kindergarten oder Fahrradtouren in der Freizeit absolvierte meine 6jährige Tochter schon lange konzentriert und souverän. Nun ist sie seit einer Woche Schulkind und ich gehöre (noch!) zur “Autobringfraktion”. Angestrebt ist diesbezüglich das Fahrrad als Verkehrsmittel. Jedoch ist für mich ganz klar: die jungen Schulkinder sind nach der Schule unkonzentriert, müde und selbst auf dem Fußweg abgelenkt und unsicher. Am Nachmittag stürzte meine Tochter heute das 2. Mal in meinem Beisein mit ihrem Fahrrad. Außer einer kaputten Lampe und dem Schreck ist nichts passiert, aber warnt mich auch davor, leichtsinnig – gar allein – mein Kind in die Schule oder von der Schule nach Hause fahren zu lassen. Auch die Fahrradprüfung ist kein Garant für sicheres Fahren auf der Straße. Und sicher dienen die Verbote seitens der Schule nicht dazu, die Eltern bzw. Kinder zu ärgern. Es ist besorgniserregend, wie viele Fahrräder nicht verkehrssicher sind bzw. wie viele junge Verkehrsteilnehmer nicht einmal richtig bremsen bzw. einhändig fahren können…. Ein Pauschalverbot ist übertrieben, aber Meldungen von verunglückten Schulkindern auf dem Schulweg sind auch keine guten Schlagzeilen!

  8.   heidezett

    Und natürlich lassen sich Eltern mal wieder einen Bären aufbinden und glauben Alles… .


  9. Immer das selbe, Schulen mischen sich immer mehr in die persönlichen Angelegenheiten der Eltern/Familie ein.
    Bei uns ‘durften’ Grundschüler auch erst ab Klasse 3 mit dem Fahrrad kommen, meine Kinder haben sich um dieses Verbot nicht gekümmert, zumal, wie im Artikel schon richtig vermerkt, für dieses Verbot jede Rechtsgrundlage fehlt.

  10.   KlausS

    Mein Schulweg in den 70ern betrug 4 Kilometer und wurde selbstverständlich vom ersten Schultag an alleine mit dem Rad zurückgelegt. Eine Fahrradprüfung gab es nicht…der Unterschied zu heute ist, dass damals sehr viele Kinder unterwegs waren und Autofahrer entsprechend vorsichtig fuhren.