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Mönchengladbach war 200 Tage Fahrradstadt

 
© Stefan Völker
© Stefan Völker

“Wenn du lebensmüde bist, fährst du in Mönchengladbach Fahrrad” – diesen Spruch kennt Norbert Krause, seit er denken kann. Er findet diese Aussage allerdings übertrieben. Der freischaffende Künstler fährt regelmäßig Rad in seiner Heimatstadt und sogar recht gern. Verbessern könnte sich in Mönchengladbach trotzdem einiges, fand er. Da Krause am liebsten auf seine ihm eigene Art aktiv wird und dann gerne gemeinsam mit anderen, startete er das Projekt 200 Tage Fahrradstadt.

Es folgte dem Prinzip: vormachen, nachmachen, selbermachen. Neben klassischen Aktionen wie Rundfahrten oder einem gemeinsamen Frühjahrsputz nebst Grundüberholung der Fahrräder gab es immer wieder ungewöhnliche Veranstaltungen wie Speeddating auf Tandems, Poetry Slam auf dem Heimtrainer oder seine Aktion “Bicycle Piece for Orchestra”.

Die Idee stammt von der Künstlerin Yoko Ono, die einst mit John Lennon verheiratet war. Sie hat 1962 aufgeschrieben: “Ride bicycles anywhere you can in the concert hall. Do not make any noise.” (Fahre überall, wo es geht, in der Konzerthalle Fahrrad. Mache keinen Lärm.) Krause hat Yoko Ono per Twitter um Erlaubnis gefragt, ihre Aufforderung als Performance in Mönchengladbach umsetzen zu dürfen.

Er bekam sie. Deshalb radelten im Juli 40 Musiker der Niederrheinischen Sinfoniker Mönchengladbach/Krefeld zweieinhalb Stunden in Abendkleidung zunächst durch den Konzertsaal und später durchs Foyer und die Studiobühne. Doch anders als Yoko Ono mahnte, rollten sie nicht leise dahin. Laut Krause machten die Fahrräder viel Krach auf dem Parkettboden.

Warum man so etwas macht? Vielleicht weil man Alltagsgegenstände manchmal in eine ungewohnte Umgebung platzieren muss, um den Ort oder den Gegenstand bewusster wahrzunehmen oder überhaupt erst zu registrieren. Für die Musiker war es, wie Krause sagt, eine interessante Erfahrung, mit dem Rad durch den Konzertsaal zu fahren. Sie haben ihren Arbeitsplatz, den Raum ganz anders erlebt als bisher.

© Marius Müller
© Marius Müller

Den Standpunkt zu wechseln, darum ging es dem Künstler immer wieder bei 200 Tage Fahrradstadt. Beim Speeddating auf dem Tandem war das Outfit weniger wichtig als das Vertrauen, das man dem Vordermann entgegen bringt; der Poetry Slammer kam auf dem Hometrainer mehr ins Schwitzen als durch seinen Vortrag, weil die Belastungsstufe permanent gesteigert wurde.

Die Resonanz auf die Aktionen hat Krause immer wieder erstaunt. Zwischen 50 und 100 Leute kamen zu den Terminen, die immer über Facebook, Blog und Twitter angekündigt wurden. Museen, die Stadtbücherei, eine Architektenvereinigung, aber auch die Stadt selbst haben sich immer wieder an Veranstaltungen beteiligt, eigene Aktionen begonnen oder Hilfe angeboten. Für die Abschlussveranstaltung am kommenden Sonntag (22. September) wird laut Krause die Hauptverkehrsstraße Mönchengladbachs sieben Stunden lang gesperrt.

Damit  enden dann  200 Tage Fahrradstadt. Der Termin fällt nur zufällig mit der Bundestagswahl zusammen. Krause hat ihn gewählt, weil an diesem Tag europaweiter Aktionstag autofreier Innenstädte ist.

Ob diese Aktion schlussendlich etwas bringt? Sicherlich nicht in messbaren Zahlen. Aber in positiven Erfahrungen. Der Künstler hat Radfahren in vielen Aktionen in erster Linie mit Spaß verbunden – die beste Voraussetzungen überhaupt, um öfter aufs Velo zu steigen.

Bicycle Piece For Orchestra – Homage to Yoko Ono (Trailer) from Norbert Krause on Vimeo.

Den kompletten Film zeigt Krause am kommenden Samstag, 21.9., um 14 Uhr, in seinem Atelier in der Marienkirchstr. 1 in Mönchengladbach.

3 Kommentare

  1.   Boris Schneider

    Sehr schöne Aktion. Leider muss man immer wieder für das Fahrradfahren werben, weil die Leute nicht selbst merken, dass es gut für sie ist. Unglaublich ^^

  2.   Clemens Pelz

    @Boris:

    Das ist halt einfach nötig in unserer Gesellschaft. Den Meisten fällt nicht mal ein, dass sie Fahrrad fahren könnten. Deshalb ist es gut die Leute daran zu erinnern.

    LG

    Clemens
    http://stylexa.de/


  3. @ Boris und Clemens
    aus Sicht eines Münchners: Man muss keineswegs für das Fahrradfahren werben, weil bei guten Wetterbedingungen sowieso jeder Fahrrad fährt der das Gleichgewicht halten kann. Drei oder vier Ampelphasen an hochfrequentierten Stellen sprechen eine klare Sprache. Plus: Die Zahl der Ganzjahresradler hat ebenfalls deutlich zugenommen.
    Plus: stylexa nervt!!!