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Plausch beim Radfahren?

 

Das Verkehrsrecht ist nicht immer eindeutig. Das hat erst kürzlich die lebhafte Debatte zur ACE-Studie hier im Blog gezeigt, die falsche Infos zur Zebrastreifen-Nutzung enthielt. Deshalb stellen wir in den kommenden Wochen mithilfe des Rechtsanwalts Christoph Krusch die größten Irrtümer und Legenden zum Thema Radfahren vor. Krusch arbeitet in Berlin und hat sich aufs Radrecht spezialisiert.

Teil 3: Der Plausch beim Nebeneinanderfahren

§ 2 Abs. 4 Satz 1 StVO: Radfahrer müssen einzeln hintereinander fahren; nebeneinander dürfen sie nur fahren, wenn dadurch der Verkehr nicht behindert wird.

Grundsätzlich ist Nebeneinanderfahren also erlaubt – man darf nur niemanden behindern. Dieser Paragraf lädt Auto- und Radfahrer geradezu zum Diskutieren auf der Fahrbahn ein. Christoph Krusch führt jedoch einen Aspekt an, der klar zeigt, dass Radfahrer eigentlich meist nebeneinander fahren dürfen. Dabei geht es um das korrekte Überholen von Radfahrern auf der Straße, insbesondere dort, wo das aufgrund der geringen Fahrbahnbreite nicht möglich ist.

Kruschs Argument geht so: Radfahrer sollten mindestens einen Meter Abstand zum rechten Fahrbahnrand halten, erst dann sind sie sicher auf der Straße unterwegs. “Radfahrer müssen beispielsweise Schlaglöchern auf der Fahrbahn ausweichen können und plötzlich auftauchende Hindernisse am Fahrbahnrand befürchten”, erklärt der Rechtsanwalt. “Hinzu kommen die Lenkbewegungen, die jeder macht, um das Gleichgewicht auf dem Rad zu halten.” Addiere man dazu die 0,6 Meter Platz, die der Radler selbst brauche, sowie die 1,5 Meter Abstand, den ein überholender Pkw zum Radfahrer einhalten soll, ergibt sich ein Gesamtabstand von 3,1 Metern – soweit muss der Kraftfahrer beim Überholen eines einzelnen Radfahrers vom Fahrbahnrand entfernt sein. Für sicheres und legales Überholen in einer Spur ist da meist nicht genügend Platz.

“Wenn also ohnehin die Spur komplett gewechselt werden muss, dann kann es in vielen Fällen auch keine Behinderung sein, wenn zwei Radfahrer nebeneinander fahren”, schlussfolgert Krusch und ergänzt: “Es ist in einigen Fällen sicherer, in anderen Fällen zumindest keine Behinderung und oft zumindest nicht offensichtlich verboten.”

Wenn Radfahrer sich gegenseitig überholen, ist das im Übrigen kein Nebeneinanderfahren. Dabei darf natürlich niemand gefährdet werden, aber Behinderungen für noch schnellere Überholwillige sind nicht immer auszuschließen.

Generell erlaubt ist das Nebeneinanderfahren in Fahrradstraßen und für größere Gruppen auch auf der Fahrbahn: dann nämlich, wenn Radler in einem Verband von mindestens 16 Mann unterwegs sind. Sie dürfen und sollen sogar nebeneinander fahren. “Das ist sinnvoll, da das Überholen einer langen einreihigen Schlange bedeutend länger dauern würde und gefährlicher ist”, sagt Krusch. Hier entfällt auch die Regel, dass der Verkehr durch das Nebeneinanderfahren nicht behindert werden darf. Außerdem gelten im Verband Sonderrechte. “Der Verband wird dann wie ein einziger Verkehrsteilnehmer betrachtet”, sagt Krusch. Fährt der Anführer der Gruppe also bei Grün über die Ampel, folgt ihm der geschlossene Verband – selbst wenn die Ampel bereits auf rot umgesprungen ist.

Teil 1 der Serie: Radfahrer dürfen Autoschlangen rechts überholen

Teil 2: Radfahrer zu Gast auf dem Gehweg

100 Kommentare

  1.   Quarkwade

    Für schmale Straßen (3,10 Meter + Autobreite) würde das ja konsequent bedeuten: Hier ist das Überholen ohnehin nicht zulässig.Von daher können Radfahrer auch nebeneinander fahren und das wutschnaubende Hupen der motorisierten Verkehrsteilnehmer im entspannten Plausch einfach abgleiten lassen…


  2. Die beiden nebeneinander fahrenden Radler sind auch kaum breiter als ein Auto: Der VW Golf VII z.B. ist 1,80 Meter breit. Ein solcher Golf wird auch mit etwas Abstand zum rechten Fahrbahnrand gefahren. Will dann ein anderer Autofahrer den überholen, müsste er wohl auch auf die andere Spur (Gegenverkehrsspur) wechseln. Allerdings fährt jemand im Golf in der Regel schneller als ein Radfahrer, was den “Bedarf” zum Überholen seltener macht.


  3. Und wie immer im Leben: man kann auch Rücksicht nehmen. Die Radfahrer zum Beispiel auf Autofahrer.
    Aber die schlimmsten sind in diesem speziellen Fall meist die Senioren, die das Rad einmal im Jahr im Urlaub rausholen und dann in Schlangenlinien nebeneinander fahren. Diese Sorte Radler denkt gar nicht daran, dass man auch mal Platz machen kann.
    Als Autofahrer hat man da absolut keine Chance. Beschweren geht gar nicht, schließlich sind die Herrschaften im Urlaub.
    Als Radfahrer ist es noch schlimmer, da darf man sich dann anhören, dass man nicht so rasen soll und und und…
    Mit ein wenig Rücksichtnahme auch der Radler lebt es sich aber einfach angenehmer…

  4.   Rad-Recht

    @pekkas sockenpuppe (3):
    Rücksicht ist natürlich immer erforderlich, allerdings von allen Seiten. Im Artikel geht es zunächst darum, was erlaubt ist. Sämtliches Verhalten im Straßenverkehr unterliegt aber dem Primat der Rücksichtnahme. Das gilt für nebeneinander fahrende Radfahrer, die an geeigneter Stelle Platz machen sollten und an ungeeigneten Stellen nicht nebeneinander fahren sollten. Dies gilt aber ebenso für überholende Kraftfahrer, die legales Nebeneinanderfahren akzeptieren sollten und selbst bei ordnungswidrigem Verhalten keinesfalls gefährden dürfen.

    Ich erlebe ohnehin selten Radfahrer nebeneinander auf der Fahrbahn, in den meisten Fällen machen sie dann selbständig oder auf freundlichen Hinweis Platz. Übrig bleiben Einzelfälle rücksichtsloser Radfahrer, die es zweifellos tatsächlich gibt. Auf der anderen Seite erfahre ich neben vielen rücksichtsvollen überholenden Kraftfahrern aber auch Rücksichtslose, die selbst bei zweifellos erlaubtem Nebeneinanderfahren (z.B. Fahrradstraße) Hupen, Drängeln oder Schneiden.

    Objektiv sind diese Rücksichtslosigkeiten wesentlich gefährlicher als Behinderungen durch zuweilen ordnungswidrig nebeneinande fahrende Radfahrer, zumal es sich meist wie beschrieben nur vermeintlich um eine Behinderung (legalen Überholens) handelt. Subjektiv sind nach meinen Erfahrungen gefährliche Überholmanöver um Welten häufiger als behinderndes Nebeneinanderfahren von Radfahrern.


  5. Jaja, unsere Stadtbewohner diskutieren mal wieder über Zeug das sie gar nicht verstehen. Dass auf einer übersichtlichen und gut ausgebauten Straße mit Stadtgeschwindigkeiten dies kein Problem ist, sollte klar sein. Aber ich möchte mal sehen was sie sagen, wenn sie auf dem Land in einer unübersichtlichen Waldkurve plötzlich so einen Pulk vor sich haben und ein anderes Auto entgegen kommt, welches vielleicht sogar noch zu schnell fährt. Oder sie in der Situation des entgegenkommenden Autos sind, und sich an die Verkehrsregeln halten, der Fahrer des anderen Autos aber nicht.

    Wie schon so schön gesagt wurde: Jeder muss aufpassen. Nicht nur die Autofahrer!

    Aber wie ich schon sagte, das kennen die Stadtbewohner ja nicht, aber zum Glück die meisten unserer Land-Fahrradfahrer, denn die machen sowas nur sehr selten, weil sie wissen, dass es einfach nur dumm ist.

  6.   Atan

    Wenn man so rechnet, wie funktioniert denn dann überhaupt überholen für Fahrradfahrer? Die müssten dann doch den gleichen Sicherheitsabstand wahren, um sich nicht gegenseitig zu gefährden?
    Radwege wären dann in der Regel generell zu schmal zum gegenseitigen Überholen.


  7. “Addiere man dazu die 0,6 Meter Platz, die der Radler selbst brauche, sowie die 1,5 Meter Abstand, den ein überholender Pkw zum Radfahrer einhalten soll, ergibt sich ein Gesamtabstand von 3,1 Metern – soweit muss der Kraftfahrer beim Überholen eines einzelnen Radfahrers vom Fahrbahnrand entfernt sein. ”

    Wie breit sind denn ZWEI Radfahrer: für den zweiten Radfahrer brauchen wir noch einmal 0,6m sowie ca. 1m Sicherheitsabstand zu seinem Ratsch-Nachbarn. Und schwupps haben wir einen 3,1+0,6+1,0=4,7m breiten Sperrblock auf der rechten Seite. Bei vielen Ortstraßen ist dann ein Überholen gar nicht mehr möglich.

    Hm, klar kann man dann freundlich die Radfahrer aufmerksam machen. Das mache ich als Autofahrer wie? Fenster runterkurbeln, Kopf raus und nett bitten? Motor aufheulen lassen (nein!)? Runterschalten (auch nicht höflich). Hupen (ach nein, das soll ich ja nicht). Wie denn?

    Wichtig ist ein gemeinsames, höfliches Miteinander auf der Straße. Viele Autofahrer machen das schwer. Manche Radfahrer aber auch.

  8.   Kurt Schulze

    Mal rechnen:
    Pro Radfahrer 1,6m sowie ein seitlicher Abstand beim Überholen von 1,5m (mindestens). Dazu die Fahrzeugbreite 2,2m (inkl. Außenspiegel). Macht zusammen 6,9m. Die durchschnittliche Fahrbahnbreite liegt bei etwa 6,5m. Somit können nebeneinander fahren Radler also niemals von Autos überholt werden. Absurd!

  9.   Münchnerin

    … nun, da das der Herr Rechtsanwalt so abgesegnet hat mit dem Nebeneinanderherfahren, darf man also jetzt davon ausgehen, daß die radfahrende Community es von nun an als ihr Grundrecht betrachtet…

    Wundert sich die radelnde Zunft eigentlich noch, warum sie immer mehr zum Feinbild wird?

  10.   Hm

    “Addiere man dazu die 0,6 Meter Platz, die der Radler selbst brauche, sowie die 1,5 Meter Abstand, den ein überholender Pkw zum Radfahrer einhalten soll, ergibt sich ein Gesamtabstand von 3,1 Metern … “Wenn also ohnehin die Spur komplett gewechselt werden muss, dann kann es in vielen Fällen auch keine Behinderung sein, wenn zwei Radfahrer nebeneinander fahren”, schlussfolgert Krusch”
    Diese Schlussfolgerung ist doch nur bei sehr breiten Fahrspuren korrekt, oder? Wenn bei einem Radler der Abstand zum Rand 3,1 Meter beträgt, sind es bei zwei Radlern mindestens die 0,6 Meter “Radlerbreite” mehr. Demnach müsste der Autofahrer auf vielen Straßen in den Straßengraben fahren oder kann den Abstand zum zweiten Radler nicht einhalten.