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Utrecht baut das weltgrößte Fahrradparkhaus

 

Je attraktiver die Infrastruktur für Radfahrer ist, umso leichter und lieber nutzen Menschen das Velo. Diesem Prinzip folgt nun die niederländische Stadt Utrecht: Am dortigen Hauptbahnhof (Utrecht Centraal) soll ein riesiges Fahrradparkhaus entstehen. Läuft alles wie geplant, wird es 2018 fertig sein und in drei Untergeschossen Stellplätze für 12.500 Fahrräder bereithalten.

Das Projekt – und der direkte Vergleich mit Deutschland – zeigt, wie unterschiedlich Radverkehrsförderung aussehen kann. Utrecht ist die viertgrößte Stadt der Niederlande, dort leben rund 310.000 Menschen, etwa 20.000 mehr als in Münster. Die deutsche Studentenstadt hat einen Radverkehrsanteil von etwa 38 Prozent, in Utrecht werden etwa 60 Prozent der Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt.

Ein Parkproblem für Fahrräder haben beide. Utrecht allerdings hat im Sommer 2009 Ideen unter anderem der Bürger gesammelt, um den notorischen Mangel an Fahrradstellplätzen zu beheben. Jetzt soll das Fahrradparkhaus mit drei Geschossen entstehen, mit einer durchgehenden Route, über die alle drei Ebenen radelnd erreicht werden können. Aus deutscher Radfahrersicht ist das purer Luxus, den Autofahrer seit Jahren völlig selbstverständlich genießen.

Die vorbereitenden Arbeiten haben in Utrecht bereits begonnen. Der erste Teil des Radparkhauses soll 2016 fertig sein, der zweite Teil im Jahr 2018. Wenn es wirklich so umgesetzt wird, haben die Niederlande ein weiteres Vorzeigeprojekt, das Maßstäbe setzt für Projekte in aller Welt. Der Stadt zufolge soll das neue Radparkhaus das größte weltweit werden. Zum Vergleich: Das Radparkhaus in Münster hat 3.300 Stellplätze.

Das oben stehende Video zeigt, wie der Eingangsbereich von Utrecht Centraal komplett umgestaltet werden soll. Die Sequenz zum Fahrradparkhaus beginnt bei Minute 1:07.

Weitere Infos hier oder auf Niederländisch hier.

9 Kommentare

  1.   Zeitiges Klingeln ist Bürgerpflicht

    Szüperkühl. In meinen Augen auch das Schrecklichste an Deutschland: Die Unfähigkeit gute Lösungen für eigene Probleme einfach auch mal von anderen zu übernehmen.

    Persönlich finde ich die Fahrrad-Tiefgaragen in Japan aber viel besser. Da sind die Räder gleich vor Diebstahl sicher und das Gebäude besser vor Graffiti geschützt.

  2.   Rasmus Richter

    Danke, Frau Reidel. Endlich mal ein Artikel, der zeigt, wie sehr Münster Einäugiger unter den Blinden ist. Anstatt für Abhilfe zu sorgen und das Problem an der Wurzel zu packen, diskutiert die hiesige Dilettantentruppe von der Straßenverkehrsbehörde lieber, wie man möglichst viel Fläche um den anstehenden Bahnhofsneubau als Rettungsweg deklarieren kann, um dann möglichst großflächig Fahrräder einsammeln zu können.

    Von nichtmal einem Meter breiten Hauptrouten des Radverkehrs (benutzungspflichtig und natürlich blutüberströmt), völlig inakzeptablen Verkehrsführungen und den katastrophal abgesicherten Promenadenquerungen und völlig unkritischen Provinzblättern will ich hier gar nicht erst anfangen…

    Kann man Sie irgendwie dazu einladen, sich diese Scheiße hier vor Ort mal anzusehen und darüber im Blog zu schreiben? Denn was die StVB Münster hier abzieht, kann durchaus mit dem Versagen der Duisburger bei der Loveparade konkurieren, nur dass es immer unterhalb der journalistischen Wahrnehmungsschwelle geschieht…

    Mit dem Mut der Verzweifelung,

    Rasmus Richter

  3.   AP

    @ Rasmus Richter:
    Was hätten sie denn gerne an den „katastrophal abgesicherten Promenadenquerungen“? Etwa eine Ampel? Damit der relativ flüssige Fahrradverkehr völlig zum Stillstand kommt? Super Idee.

  4.   Vorstadt Strizzi

    @ Andrea Reidl
    „Je attraktiver die Infrastruktur für Radfahrer ist, umso leichter und lieber nutzen Menschen das Velo.“
    Die Fahrrad-Diskussion in Deutschland ist dermaßen verratzt, so von Einzel- und Kfz-Interessen bestimmt, dass man sich wirklich schon freut, wenn man solch einen Satz, solch eine simple Wahrheit in einem einflußreichen deutschen Fahrrad-Blog lesen darf! Danke schön!
    Und Sie schaffen es sogar, solch einen Satz zu schreiben ohne das die VC-Meute aufheult!
    Meine Hochachtung! Respekt.

    Oder liegt das an Ihrem folgenden, relativierenden: „Diesem Prinzip folgt nun (!) die niederländische Stadt Utrecht“
    Das „nun“ ist mir unverständlich, denn dem Prinzip der attraktiven Radinfrastruktur und der Verkehrsentflechtung folgt Utrecht schon sehr lange, seit mind 1992, sonst hätte Utrecht nie und nimmer 60% Radverkehrsanteil.
    http://www.nationaler-radverkehrsplan.de/termine/dokumente/2008-exkursion-utrecht/2008-06-11-utrecht_city_document-ditewig.pdf

    Aber sei’s drum, ich will nicht meckern.


  5. @ Vorstadt Strizzi (3):

    Aufgrund unterschiedlicher Wahrnehmungen, Meinungen und Gewichtungen sind sicher viele Themen auch unter Radfahrern umstritten. Ich habe aber tatsächlich noch keinen Radfahrer erlebt, der grundsätzlich etwas gegen Radabstellanlagen gehabt hätte. Bisher kenne ich nur Kritik (vermeintlicher) Schwächen von Anlagen oder Wünsche nach prioritärer Verwendung der knappen Mittel für (vermeintlich) vorrangige Projekte.

    Eine Meute höre ich bei dem Thema eigentlich nur bei Nicht-Radfahrern aufheulen bei jeder Förderung des Radverkehrs, insbesondere bei erheblichem finanziellen Aufwand oder „zu Lasten“ des Autoverkehrs. Bis auf die Reizthemen „Radweg“ und „Fahrradhelm“ sind m.E. eigentlich die meisten Diskussionen zwischen Radfahrern recht gesittet.

  6.   rt

    Die Holländer haben schon früh erkannt, dass eine lebenswerte Stadt nur realisiert werden kann, indem man ihr (Lebens-)Raum läßt.
    Dies widerspricht einer Auto gerechten Stadt nach deutschem Vorbild – zumal, wenn Platz nur begrenzt vorhanden ist.
    Die Kombination Rad – Bahn kann diesem Anspruch viel besser gerecht werden.
    Natürlich gibt es auch in NL Autos. Diese werden dort jedoch sehr viel emotionsloser eingesetzt als bei uns – manchmal geht es halt nicht ohne.
    Vorrang genießt jedoch überall das Rad – sehr häufig übrigens auch mit elektrischer Unterstützung, pragmatisch halt.
    Mal sehen, welche Philosophie langfristig mehr Erfolg hat – die Deutsche oder die Holländische.

  7.   Jaheira

    Es gibt auch in Deutschland an manchen Bahnhöfen Fahrradparkhäuser, z.B. in Göttigen. Hier haben Radler und Autofahrer mal was gemeinsam: die Parkhäuser kosten Gebühren. Die meisten Menschen würden sich verrenken, wenn sie dafür kostenlos parken können – ich auch.

    Der Artikel schweigt über die Parkgebühren in Utrecht.

  8.   tin-pot

    @7 Jaheira:

    Ich weiss nicht, was das in Göttingen kostet – die Fahrradstation im Hauptbahnhof Darmstadt verlangt für das Einstellen eines Fahrrads 1 € pro Tag, das finde ich in Ordnung (z. B. in Relation zu den Bahnfahrkarten nebenan ;-)

    Auf dem Vorplatz gibt es auch etliche kostenlose Freiluft-Stellplätze für Fahrräder, da braucht man sich nicht für verrenken.

  9.   wurbel68

    Bekanntlich machen auch die Münsteraner Verkehrsplaner gerne Dienstreisen nach Utrecht und anderswohin, z.B. auch nach Kopenhagen. Man müsste eigentlich annehmen, dass sie sich vor Gram entleiben wenn sie das dort Gesehene mit der Realität Münsters vergleichen. Sie könnten es aber auch als Aufforderung und Antrieb verstehen dem MünsterMarketing „Fahrradhaupstadt“ eine reale Basis zu verleihen. Statt dessen präsentieren sie einen Entwurf für ein „Radverkehrskonzept 2025“, der sich durch Unfachlichkeit und Halbherzigkeit auszeichnet und den Bürgerwillen „zukunftsorientierter Ausbau des Radverkehrs“ wie die ERA 2010 negiert. Es ist ein Trauerspiel…