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Das Interesse am Lastenrad wächst nur langsam

 
© Alex Slota/VCD
© Alex Slota/VCD

Lastenräder passen in unsere Zeit: Sie sind umweltfreundlich und leise – und vor allem in der Stadt kommt man auf ihnen schnell voran. Dennoch sind sie bis auf wenige Ausnahmen kaum auf den Straßen zu sehen. Das Lastenrad ist noch lange nicht in der Gesellschaft angekommen. Warum eigentlich nicht?

Viele Menschen kommen gar nicht auf die Idee, dass sie eine Getränkekiste mit dem Fahrrad transportieren könnten. Oder dass Lastradboten voluminöse oder schwere Lasten abholen. Dabei ist das in der Innenstadt heute häufig die bessere Option als das Auto.

Diese Erfahrung hat im vergangenen Jahr auch der klassische Brief- und Paketdienstzusteller Go Express in Stuttgart gemacht. Das Unternehmen hat ein Lastenrad angeschafft und war von seinem Potenzial überrascht. Im Berufsverkehr brauche es für Aufträge etwa zur Königstraße, der Einkaufsstraße von Stuttgart, nur die Hälfte der Zeit, sagt Jürgen Braunstein von Go Express. Kunden wie die Unternehmensberatung Ernst & Young hätten nachgefragt, ob Go Express nicht den kompletten Briefverkehr im Zentrum mit dem Lastenrad abdecken könne.

Interessant ist der Transport mit dem Lastenrad im Wirtschaftsverkehr vor allem mit der Elektrifizierung der Fahrzeuge geworden. Von der Entwicklung der Antriebe hat die Branche in den vergangenen Jahren stark profitiert. Welche Fortschritte die Modelle gemacht haben und wie vielfältig und bedarfsorientiert Lastenräder heute gebaut werden, konnte man in dieser Woche beim Verkehrsclub Deutschland (VCD) in Berlin sehen. Dort waren zur Abschlussveranstaltung des Projekts „Lasten auf die Räder“ etwa ein Dutzend Hersteller und Nutzer mit ihren Rädern vorgefahren.

© Alex Slota/VCD
© Alex Slota/VCD
© Reidl
© Reidl
© Alex Slota/VCD
© Alex Slota/VCD

Die Flotte im Innenhof des VCD war eindrucksvoll. Zu sehen waren Lastenräder, die aussahen wie kleine Lastwagen; Lastenräder, die ihren Strom über Solarzellen zum Teil selbst produzieren; stabile Bäckerräder, die bereits von Pizzadiensten eingesetzt werden; ein Leichtbau-Lastenrad vom Institut für Leichtbau und Kunststofftechnik (ILK) der TU Dresden.

Jedes Modell für sich war ein Hingucker. Bei manchen fragt man sich, wie und in welchem Umfang das Fahrzeug eingesetzt wird. Und genau das ist der Knackpunkt.

Zu jeder Kickstarter-Kampagne gehört heute ein kurzer Imagefilm, der zeigt, wie das Produkt funktioniert und wofür man es braucht. Warum gibt es so etwas nicht für Lastenräder? Die Hersteller haben häufig tolle Produkte, die potenziellen Kunden kennen sie aber nicht. Vor allem ahnen sie nicht, für welche Zwecke welches Lastenrad geeignet ist. Hier ist noch viel Öffentlichkeitsarbeit nötig.

Einen Beitrag dazu hat der VCD mit seiner Website geleistet. Wer sich erstmals über Lastenräder informieren will, findet hier Infos. Interessant ist der Kostenrechner, der das Einsparpotenzial der verschiedenen Räder im Vergleich zum Auto berechnet.

Wasilis von Rauch und Arne Behrensen, die VCD-Projektmanager von „Lasten auf die Räder“, waren im vergangenen Jahr im Rahmen des Projekts sehr umtriebig und haben viel Basisarbeit in Städten und Kommunen geleistet. Sichtbar auf den Straßen hat sich in dem Zeitraum allerdings wenig verändert. Es gibt immer wieder kleine Projekte – wie jetzt in München, wo für ein Jahr 13 Lastenräder an Gewerbetreibende ausgegeben wurden. Das ist ein Anfang, aber es ist wenig. Insbesondere wenn man sich die Erfahrungen aus dem Projekt „Ich ersetze ein Auto“ ansieht.

Hier wurde bereits festgestellt, dass es durchaus funktioniert, einen Teil des innerstädtischen Warenverkehrs auf Lastenräder zu verlagern. Damals waren deutschlandweit 40 Elektro-Lastenräder im Einsatz. Der nächste Schritt wäre ein umfassendes wegweisendes Projekt in einer Modellregion, wo innerstädtischer Warenverkehr im größeren Stil auf Lastenräder verlagert wird und in das die Erfahrungen aus dem Projekt „Ich ersetze ein Auto“ einfließen. Damit könnten auch die Planer und Verwalter von Fuhrparks erreicht werden.

Die Autorin war Mitglied im VCD-Beirat „Lasten auf die Räder“.

68 Kommentare

  1.   Rob

    Nun muss man noch überlegen weswegen die Kutsche abgeschafft wurde und hat die Lösung warum so etwas nicht funktionieren wird.

  2.   paul

    Warum? Scheint daran zu liegen, dass sie keinem fehlen, egal was eine Lobby sagt.

  3.   Jan

    Ich fahre mein Lastenrad, ein Bäckerrad, ich nenne es AutoF*ck, seit 35 Jahren. Ich lebe in der Stadt, jetzt im Hinterhof, ich muss mein Rad durch das Vorderhaus über zwei Treppen etwas heben.
    Die Räder die sie im Bild vorstellen sind sehr groß. Zu groß für manchen Hinterhof, zu groß sie alleine über ein paar Stufen zu heben. Auf der Straße zur Nacht würde ich diese Räder auch nicht abstellen
    Privat genutzt, in Vororten oder Kleinstädten mit mehr Platz sehe ich gute Möglichkeiten für diese Lastenräder.

  4.   Berthel

    Natürlich sollte und kann jeder ein Lastenrad ausprobieren-. Für den Biker ohne Liefergeschäft macht sich allerdings sofort die unhandliche Größe störend bemerkbar.
    Elektrifizierte Lastenräder kosten schnell an und über 10.000 Euro – angesichts der Kosten im Gewebe-Kfz-Leasing ist das recht ordentlich.
    Hauptproblem ist aber, dass das Rad auch bei schlechtestem Wetter benutzt werden muss – wenn man nicht einen Ersatz-Kfz bereithalten will. Vor allem macht aber der einegcshränkte Wirkungskreis zu schaffen – so Formeln wie 90 Proznet aller Fahrten verdecken eben, dass bei einem kleinen Laden jede zehnte Fahrt nicht möglich ist.
    Hinzu kommt die Handwerkerbesonderheit: Mit dem Klmepnerauto geht es nach dem letzten Kunden – Feierabend – direkt nach Haus. Das Rad hingegen muss in die Firma – der letzte Weg ist dann Arbeitszeit
    Lange Rede: mich wundert es nicht, dass sich nur wenige dafür begeistern können

  5.   Arno

    …wie das Lastenrad in den Keller der Mietwohnung kommt, ist auch noch nicht restlos geklärt. Daran scheitern in vielen Kellern schon Fahrrad-Anhänger.

    Draußen wird es schneller verrosten als es sich rentieren kann – eigene Erfahrung mit herkömmlichen Rädern.

    MfG, Arno

  6.   St-Pedali

    Meine Beobachtung ist anders. In Hamburg ist ein deutlicher Anstieg bei Lastenrädern zu sehen. Immer mehr Kuriere, Väter und Mütter, die Post, UPS fahren damit. Es liegt im Trend.

  7.   myahudi

    Mit der Motorisierung der Fahrzeuge wird die nächste sinnvolle Entwicklungsstufe erreicht.

  8.   Rainer S.

    Habe mich auch über ein Lastenrad informiert. Sie sind sicherlich sehr praktisch und ökologisch relevant. Aber, ja aber als Privatperson in der Stadt bleiben die sicheren Unterstellmöglichkeiten eine Herausforderung. Auch ist der tatsächliche Bedarf große Lasten zu transportieren nicht täglich da. Habe mich dann für einen klassischen Fahrradanhänger entschieden, der seine Zeit im Fahrradkeller verbringt.
    Als regionales Sharing Angebot im Stadtviertel ist ein Lastenfahrrad eine sehr gute Leihalternative. Kleine Ladengeschäfte im Stadteil, soziale Einrichtungen und Beratungsstellen vor Ort sind hier sicherlich die richtigen Adressaten als Ausleihanbieter. Ihr Mehrwert könnte neben neuen Kundenkontakten auch die eigene Werbung darauf sein.


  9. @Berthel: E-Cargobikes kosten über 10.000 Euro? Also in der VCD Datenbank findet sich nur ein einziges mit diesem Preis… Und nach meiner Erfahrung bekommt man ein wirklich luxoriöses Lastenrad mit E-Motor für maximal die Hälfte, also 5000 Euro, die meisten liegen eher darunter.

    Für uns lohnt sich ein Lastenrad noch nicht, wir können noch alles mit Radtaschen transportieren. Allerdings ist ein solches Rad fix für uns eingeplant, spätestens ab dem 1. Kind.
    In unserer Stadt (~150.000 Einwohner) sieht man immer mehr Lastenräder, man kann sie jetzt auch schon ausleihen. Ich sehe ständig Bullitts, einspurige Bakfiets und auch ältere zweispurige Modelle.


  10. Noch zu viel Überfluss

    Der systematische Aufbau einer breiten Unterschicht wird da schon Abhilfe schaffen.