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Der tote Winkel wird unterschätzt

 
Kinder und Polizist im toten Winkel © Round Table Deutschland
Kinder und Polizist im toten Winkel © Round Table Deutschland

Seit Jahren sinkt die Zahl der Verkehrstoten langsam, aber stetig. Experten führen das auf verbesserte Sicherheitssysteme im Auto wie den Airbag zurück. Radfahrer profitieren von dieser positiven Entwicklung wenig – jedenfalls geht hier die Zahl der Todesopfer nicht zurück. Weiterhin sterben jedes Jahr etwa 400 Radfahrer im Straßenverkehr. Viele, weil sie von abbiegenden Auto- und Lkw-Fahrern schlichtweg übersehen werden.

Erst vergangene Woche ist in Berlin wieder ein Radfahrer von einem abbiegendem Lkw überfahren worden. Der 30-Jährige war laut Polizeiangaben sofort tot. Der Schuttlaster hatte ihn anscheinend übersehen, obwohl der Radler zuvor neben ihm auf der Straße fuhr.

Das Unfallmuster ist bekannt. Zwei von drei Unfällen zwischen einem abbiegenden Kraftfahrzeug und einem geradeaus fahrenden Radler passieren beim Rechtsabbiegen. 80 Prozent dieser Fälle, die fast ausschließlich vom Autofahrer verursacht werden, enden mit Verletzten.

Das Problem des toten Winkels wird von vielen Verkehrsteilnehmern unterschätzt. “Radfahrer sind an der Kreuzung für Lkw-Fahrer kaum zu sehen”, sagt der Sprecher des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR). Zwar sind für Lastkraftwagen sechs Außenspiegel vorgeschrieben, doch der tote Winkel besteht weiterhin und mit ihm das Risiko für Radfahrer, überrollt zu werden.

Zwar gibt es sogenannte Trixi-Spiegel, tellergroß und gewölbt. Sie werden an Ampeln angebracht und sollen den Fahrern von Lastwagen eine Rundumsicht ermöglichen. Allerdings findet man sie nur sporadisch, sodass Lkw-Fahrer sie schnell vergessen oder übersehen können. Weitere Möglichkeiten sind zum einen Fresnel-Linsen, die im Fenster der Beifahrertür aufgeklebt werden und mit denen der Fahrer des Sattelschleppers quasi um die Ecke schauen soll, und zum anderen die gläserne Beifahrertür. Die lehnen aber viele Fahrer ab.

Die technischen Hilfsmittel sind umstritten, die elektronischen Abbiege-Assistenten noch nicht ausgereift. Von einer gesetzlichen Regelung ist man erst recht noch weit entfernt. Ein ernüchterndes Fazit bei jährlich Hunderten totgefahrenen Radfahrern – zumal das Problem seit Jahren bekannt ist. Schon 2011 hat die Regierung bekannt gegeben, dass sie bis 2020 die Zahl der Verkehrstoten um 40 Prozent reduzieren will. Da ist es enttäuschend, dass die Entwicklung eines funktionierenden Abbiegesystems, das bei Lastwagen den toten Winkel beseitigt, so langwierig ist.

Abstand zum Lkw halten

So lange die Technik fehlt, ist es vor allem an den Radfahrern, Vorsicht walten zu lassen. Untersuchungen haben gezeigt, dass sie auf der Straße am sichersten unterwegs sind. Dort werden sie von Pkw-Fahrern wesentlich besser gesehen als auf dem separat geführten Radweg. Darum sinkt verschiedenen Studien zufolge das Unfallrisiko. Der getötete Radfahrer in Berlin war auf einem sicheren Schutzstreifen auf der Straße unterwegs. Der Fahrer des Schuttlasters hat ihn offensichtlich dennoch nicht wahrgenommen oder ihn im toten Winkel nicht gesehen.

Der DVR-Sprecher appelliert an die Radfahrer, immer einen sicheren Abstand zu Lastwagen einzunehmen. An einer Kreuzung sollten sie sich deshalb gut sichtbar vor dem Lkw platzieren. Falls das nicht geht, empfiehlt er Radfahrern, lieber hinter dem Lastwagen zu bleiben. Mit einem Sattelschlepper Seite an Seite auf eine Kreuzung zuzufahren, davon rät er ab.

Im fließenden Alltagsverkehr kann es schwierig werden, diesen Rat zu beherzigen. Auf jeden Fall sollten Radfahrer Lastwagenfahrer stets gut im Blick behalten, um notfalls reagieren zu können.

Zufriedenstellend ist das nicht, und eine Lösung ist nicht in Sicht. Bis es die gibt, ist mehr Aufklärungsarbeit dringend vonnöten. Den wenigsten Fußgängern wie Radfahrern ist präsent, wie weit sich der tote Winkel erstreckt. Aber auch die Lkw-Fahrer müssen für das Thema stärker sensibilisiert werden.

München hat bereits im vergangenen Jahr die Kampagne “Gscheid radln – aufeinander achten!” gestartet. Dabei ist auch das unten stehende Video entstanden, das ab Minute 1:50 das Problem noch mal deutlich darstellt.

118 Kommentare

  1.   rantanplan

    Jeden Tag sehe ich LKW Fahrer die mit vollkommen unangepasster Geschwindigkeit abbeigen und trotzdem lese ich immer wieder nur, dass Radfahrer aufzupassen haben, dass sie nicht von LKWs überfahren werden.
    Wenn diese Fahrzeuge doch eine so große Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer bedeuten und offensichtlich im Blindflug unterwegs sind, wieso wird ein solches Verhalten nicht geahndet oder zumindest angeprangert?
    Ein sehr einseitiger Artikel, wie ich ihn in diesem Blog eigentlich nicht gewöhnt bin.

  2.   Peter

    ein sehr peinlicher artikel. als wenn die problematik des toten winkels nicht schon ewig bestehen würde – aber jetzt sollen die radfahrer (mal so übergangsweise) wieder die verantwortung für das fehlverhalten der kraftfahrer übernehmen: musste halt abstand halten. es wäre nach 70 jahren evtl mal dran die verursacher zur verantwortung zu ziehen? 3 monate zeit um frenellinsen nachzurüsten, danach keine erlaubnis in geschlossene ortschaften zu fahren. geht schnell, kostet nich viel und rettet menschenleben.
    differenzierte perspektive:
    http://forum.helmuts-fahrrad-seiten.de/viewtopic.php?t=8305

  3.   Haveperti

    Wenn ich mich rechts zwischen LkW und Borstein durchquetsche, kann ich ja nur erwarten, überfahren zu werden. Anders ist es natürlich bei begleitenden Radwegen.

  4.   Radschwarzfahrer

    Man kann z.b. von meiner 80 Jahre alten Mutter nicht erwarten daß sie für jedes in Deutschland zugelassene Fahrzeug intuitiv die Schleppkurve und die Toten Winkel in abhängigkeite von Körpergröße und Aufmerksamkeit des Fahrers präsent hat. Man kann aber erwarten dass der Fahrer eines Fahrzeugs sich über dessen Eigenschaften im klaren ist.
    Der Ansatzpunkt um diese Unfälle zu vermeiden ist weniger das Opfer, sondern der Täter und natürlich die Verkehrsplanung.

  5.   Infamia

    “Weitere Möglichkeiten sind zum einen Fresnel-Linsen, die im Fenster der Beifahrertür aufgeklebt werden und mit denen der Fahrer des Sattelschleppers quasi um die Ecke schauen soll, und zum anderen die gläserne Beifahrertür. Die lehnen aber viele Fahrer ab.”

    Schon klar. Wer schon mal einen LKW-Fahrer gesehen hat, der sich während der Fahrt einen Porno angeschaut und sich dabei einen von der Palme gewedelt hat, der versteht, warum viele Fahrer das ablehnen. Sie wollen einfach ungestört Dinge während der Fahrt tun, die eine Gefahr für die Allgemeinheit bedeuten.

    Egal wie ausgereicht eine Techhnik auch sein mag, sie nützt wenig, wenn LKW`s plötzlich und unangekündigt zum Überholen ansetzen und erst dann blinken. Ich erlebe es als Autofahrer leider viel zu oft, dass LKW´s den Überholvorgang förmlich erzwingen, indem sie einfach ausscheren, ohne dies vorher anzukündigen. Die Rücksichtslosigkeit vieler LKW-Fahrer ist oft abenteuerlich und lebensbedrohend. Kein Wunder, dass bei vielen Unfällen auf Autobahnen immer auch LKW´s beteiligt sind. Für mich die Pest des 21. Jahrhunderts. Ich habe keinen Respekt vor diesen Zeitgenossen, weil ihr Verhalten leider viel zu oft asozialen Charakter hat.

  6.   simie

    In dem Video sieht man schön, dass solche Radwege und Radstreifen Todesfallen sind. Traurig ist es schon, dass diese Radwege dann auch noch viel zu häufig mit der Pflicht sie zu befahren versehen sind. Wenn die Radfahrer auf der Straße fahren, passieren solche Unfälle einfach nicht. Gegen rücksichtslose Autofahrer ist man dort zwar auch nicht sicher, jedoch ist die Gefahr dieser Abbiegeunfälle gebannt. Man wird gesehen.
    Unverschämt und entlarvend an dem Video ist dann der Schluss: Man soll sich also als Radfahrer auch noch bedanken, wenn der Autofahrer nichts als seine Pflicht erfüllt und die Vorfahrt gewährt?

  7.   Berthel

    Richtig ist natürlich, dass ein Radfahrer gefährliche Situationen rein aus Eigenschutz bedenken soll. Aber für Spediteure und Trucker ist das keine Entschuldigung: Wenn ich nichts sehen kann, darf ich nicht abbiegen – Punkt.

    Zwei HD Cams mit Monitor kosten inclusive Einbau keine 1500 Euro – gewölbte zusätzliche Spiegelflächen verzerren zwar, lassen aber keinen Toten-Winkel zu.

    Sorry – das liegt klar an den laschen Strafen in Deutschland. Bei einer Million Strafschadensersatz wären durch den Druck der Versicherungen bei jedem Truck in drei Monaten Kameras und Warner installiert.

    Außerdem kommen Pkw und Lkw Fahrer strafrechtlich sehr sehr viel günstiger weg, als etwa ein Kranführer der einen tödlichen Unfall verschuldet

    Das Gleiche gilt fürs Rückwärtsrangieren im Blindflug oder die Überholmanöver der Trucks bei Radlern, die fast immer rüberziehen, bevor sie komplett überholt haben

    Bin übrigens Autofahrer


  8. Natürlich stehen die abbiegenden Kraftfahrer in der Pflicht, das Vorfahrtrecht und damit das Leben und die Gesundheit des Radfahrers zu respektieren.

    Aber darauf verlasse ich mich im Straßenverkehr lieber nicht.

    Monatelange Krankenhausaufenthalte, mehrfache Operationen, bleibende körperliche und geistige Schäden, Gebundensein an einen Rollstuhl oder sogar Verlust des Lebens sind Folgen eines solchen Unfalles. Das kann ich mir wirklich ersparen, indem ich sehr aufmerksam fahre und mich im Zweifelsfall eher passiv verhalte.
    Was verliere ich denn, wenn bremse und den LKW vorbei lasse? Doch nur ein paar Sekunden oder Minuten.

  9.   NKB

    Es ist einfach nur lächerlich, diesen Schutzbehauptungen der Industrie und des sogenannten Verkehrssicherheitsrates schön verpackt in der Zeit zuhören zu müssen.
    Es ist kein rechter Wille da, das Problem zu lösen. Ganz einfach.
    Für ein Land im 21. Jahrhundert, was zwar Einparkhilfen und fahrerlose LKWs propagiert, aber das Problem eines toten Winkels nicht lösen kann, kann man doch nur Hohn empfinden. 200 tote Radfahrer sind ein Teil des jährlichen Kollateralschadens unseres aufgeblasenen LKW Verkehrs, der einfach hingenommen wird, so sollte man es ehrlicherweise benennen.
    Aber so lange ein toter Radfahrer mit einer Bewährungsstrafe und vielleicht insgesamt 20T€ abgegolten wird, ist nichts zu erwarten. Läge die zivilrechtliche Strafe bei etwa 2 Mio.€ pro Toten, sähe die Sache schon ganz anders aus und es würden Lösungen gefunden. Ein Gesetz würde ausreichen…


  10. Als Radfahrerin erschrecke ich jeden Tag über die Gefahren des Radfahrens in einer Großstadt zu Stoßzeiten. Autos, die in zweiter Reihe/auf dem Radweg parken und somit die Radfahrer zwingen, auf die Straße auszuweichen. Auto- bzw. LKW-Fahrer, die rücksichtlos abbiegen, Radfahrer einengen oder die Tür aufreißen, ohne zu gucken. Leider weichen viele Radfahrer auf den Bürgersteig aus, und gefährden damit Fußgänger. Es müsste viel mehr Polizei/Ordnungsamt unterwegs sein und endlich anfangen, diejenigen zu bestrafen, die in zweiter Reihe parken und abbiegen, ohne zu schauen. Ohne deftige Geldstrafen und Führerscheinentzug wird sich nichts ändern