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Rohstoffhunger: Land Grabbing nimmt weltweit zu

 
Kohlemine in Jharia/Indien, Februar 2012. Copyright: Daniel Berehulak /Getty Images
Kohlemine in Jharia/Indien, Februar 2012. Mehr als 2300 Familien wurde für die Mine umgesiedelt. Ihnen seien Schulen und Krankenhäusern zugesagt worden, bislang sei aber nichts passiert, sagen die Anwohner. Copyright: Daniel Berehulak /Getty Images

Wenn ich das Thema Land Grabbing höre (was sich wohl am besten mit unerlaubter Landnahme übersetzen lässt), denke ich ja erst einmal an südamerikanische Bauern, die für riesige Sojaplantagen weichen mussten. Oder an Afrika, wo Menschen für neue Kohleminen vertrieben werden. Im kolumbianischen Amazonasgebiet wird nach Gold geschürft, in Indien nach Kohle und Bauxit. Alles weit weg. Heute morgen kam mir nun ein Report von Umwelt- und Menschenrechtsgruppen unter: Opening Pandoras Box – The New Wave of Land Grabbing by the Extractive Industries and the Devasting Impact on Earth.

Die Gaia Foundation, eine NGO aus London, die unter anderem von der indischen Menschenrechtlerin Vandana Shiva unterstützt wird, macht darin deutlich, dass Land Grabbing schon lange nicht mehr ein Phänomen nur in ärmeren Staaten ist. Ob Mountain Top Removal in den USA, die riesigen Mondlandschaften des Teersand-Abbaus in Kanada, das Fracking in Europa: Die Suche nach Rohstoffen findet inzwischen direkt vor unserer Haustür statt – mit dramatischen Folgen für die betroffenen Menschen, für Umwelt, Wasser und Klima.

„We are no longer talking about isolated pockets of destruction and pollution. Nowadays, chances are that, no matter where you live on Earth, land acquisitions for mining, oil and gas might soon be at your door. This trend is now a major driver of land grabbing globally, and poses a significant threat to the world’s indigenous communities, farmers and local food production systems, as well as to precious water, forests, biodiversity, critical ecosystems and climate change.“

Es sind vor allem die steigenden Rohstoffpreise, die diese Entwicklung befeuern. Dahinter steckt einfach die steigende Nachfrage nach entsprechenden Produkten. Das zeigen vor allem auch die zahlreichen, auch deutschen Initiativen zur Sicherung von Rohstoffen, die Regierungen weltweit auflegen. Erst gestern stellte die Bundesregierung ja auch ein Ressourceneffizienzprogramm vor, um effizienter mit Rohstoffen umzugehen.

Der weltweite Trend allerdings geht zurzeit noch in eine andere Richtung. Die weltweite Eisenerz-Produktion wurde, so die Studie, in den vergangenen zehn Jahren um 180 Prozent gesteigert. Gerade die Nachfrage nach den Seltenen Erden –  die ja auch für die grünen Technologien wie Solarzellen und Windräder so wichtig sind – hat zugenommen (spannend das Kapitel Green Energy dazu in der Studie ab Seite 45).

Ganz einmal abgesehen von den Menschenrechtsverletzungen, die durch den Rohstoffabbau stattfinden: Die weltweite Branche hat ein riesiges Abfallproblem. Jährlich würden, so das Mining Journal, rund 50 Milliarden Tonnen Erde beim Abbau von Eisenerz, Kohle, Industriemetallen und anderen Rohstoffen bewegt (Seite 34). 21 Milliarden Tonnen, also knapp die Hälfte, fallen einfach als Abraum an – ungenutzt.

Was also tun? Die Studienmacher fordern ein Globales Moratorium für neue Abbauprojekte. Minen, die bereits in Betrieb sind, sollten auf ihre Umweltauswirkungen untersucht werden. Es sollte No-Go-Areas geben, wo der Rohstoffabbau tabu ist, darunter etwa alle UNESCO-Schutzgebiete. Und es sollte ein Veto-Recht für die lokale Bevölkerung bei Abbauplänen geben.

12 Kommentare

  1.   Crest

    Guten Tag, liebe Frau Uken,

    zum Aspekt illegaler Landnahme sollten wir uns unausgesprochen sofort einig sein. Auf eine Reduzierung der Rohstoffgewinnung sollten wir aber nicht hoffen.

    Vergessen wir bitte auch nicht, dass auch in Deutschland ganz selbstverständlich Menschen enteignet wurden/werden, wenn es um die Rohstoffgewinnung geht. Wo? Ich denke da z.B. an den Braunkohleabbau im Tagebau.

    Deshalb halte ich es für illusorisch, der lokalen Bevölkerung ein Vetorecht einzuräumen (was den Rechtsweg ja nicht ausschließt).

    In einem sollten wir uns klar sein: No-Go-Areas sind (politische) „Schönwetter“-Areas, will heißen, wenn der Bedarf gross genug ist, verlieren diese No-Go-Areas ihren Status sehr schnell. Was mich darin so sicher macht? Die Geschwindigkeit mit der es möglich wurde, in Naturschutzgebieten Windräder zu projektieren. :-)

    Um es auf den Punkt zu bringen, irgendwann werden die Bodenschätze der Antarktis gehoben werden – Greenpeace zum Trotz. Denn es wäre „politisch nicht zu vermitteln“, die Antarktis im Falle schmerzhafter Rohstoffengpässe nicht zu nutzen. Wer würde sich schon an der Unberührtheit der Antarktis erfreuen können. ;-)

    Herzlichst Crest


  2. […] http://blog.zeit.de/gruenegeschaefte/2012/03/01/rohstoffhunger-landgrabbing-nimmt-weltweit-zu/ Dieser Beitrag wurde unter DieZeit veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. ← Mobilfunk: In Nokias Folterkammer […]


  3. Die Opfer des Landgrabbing, zumindest die in der entwickelten Welt, haben nicht nur negative Folgen von landverbrauchenden / -transformierenden Prozessen zu erleiden.
    Ich frage mich, wie viele, die vor die Alternatibe „umziehen mit Entschädigung oder mangels Rohstoff kein Strom oder Benzin mehr“ gestellt würden, tatsächlich bleiben würden? Bleiben und die Konsequenzen persönlich tragen, statt ein wenig zu streiken, um die Entschädigung hochzutreiben.


  4. Wieso nicht einfach kreativ mit den hässlichen Hinterlassenschaften umgehen wie in Sachsen?

    Der Name, Halde 366, macht klar, dass noch jede Menge potentielles Kulturerbe auf explizite Auszeichnung im Erzgebirge wartet.

    Die Sanierung der Uran-Bergbauhinterlassenschaften wird, wenn alles planmäßig verläuft, auf rund 6 Mrd Euro geschätzt. Tja, billige Atomkraft.

    Wieso nicht einfach überall ein Messingschildchen dranflanschen und als Kulturgut deklarieren? Da könnten die Gemeinden an ihren Uran-Halden, Alt-Kernkraftwerken und lecken Lagerstätten noch Geld an Atom- und sonstigen Desaster-Touristen verdienen.

  5.   limeswart

    Das Endspiel um die letzten Ressourcen unseres Planeten scheint eingelaeutet zu sein. Am Ende wird sich niemand mehr um irgendwelches Recht oder ethische Masstaebe scheren, denn es geht nur um Eines – das Ueberleben ! Noch haben wir die Moeglichkeit, radikal und kontrolliert umzusteuern, aber die Zeit laeuft uns davon – in immer groesseren Schritten ! Die Menschheit hat sich mit ihrem Wachstums- und Konsum- Wahn in eine Sackgasse begeben und die Reise zurueck daraus wird bitterboese werden.

  6.   Volker Seitz

    Die Golfstaaten, China, Südkorea, Libyen, Russland und Indien sind die

    Wegbereiter es neuen Agrar-Kolonialismus zur Sicherung ihrer eigenen Nahrungsmittelversorgung. In den letzten Jahren haben Äthiopien, Sudan und Mali – wo es immer wieder Hungerkrisen gibt- mehrere Millionen Hektar Ackerland an andere Staaten verpachtet. Hinzu kommen Ghana, Tansania, Kenia. Allein 2009 sollen ausländische Firmen in Afrika insgesamt 45 Millionen Hektar Land unter Vertrag genommen haben – ein Gebiet viermal so groß wie die gesamte Waldfläche in Deutschland.

    Statt der ausreichenden Versorgung der eigenen Bevölkerung mit Nahrungsmitteln den höchsten Stellenwert beizumessen, laden die regierenden Eliten reiche Großinvestoren ein, Agrarflächen in ihren Staaten im großen Stil zu pachten. Afrikanische Bauern werden einfach vertrieben. So wird die Nahrungsmittelsicherung anderer Nationen zu Lasten eigener Agrarflächen zu Waren gemacht.

    Das Letzte was Afrika benötigt sind ausländische Investoren die afrikanisches Land bestellen und die lokale Bevölkerung -mit Hilfe einer korrupten Elite- übervorteilen.
    Volker Seitz, Autor „Afrika wird armregiert“


  7. […] Die steigenden Rohstoffpreise führen zu immer mehr unerlaubter Landnahme. Längst sind nicht mehr nur ärmere Länder betroffen, bloggt Marlies Uken. mehr lesen: Rohstoffpreise: Land Grabbing nimmt weltweit zu… […]


  8. @Volker Seitz

    Den afrikanischen Regenten wurde Jahrzehntelang von IWF und Weltbank eingebläut, wie man volksschädliche Verträge abschließt. Als dann alle Handelsbarrikaden für die westlichen Firmen aus dem Weg geräumt waren, stand der groß angelegten Korrumpierung der Regierungen durch die Firmen und der industriell angelegten Verarmung der Bevölkerung nichts mehr im Weg.

    Die Strukturen sind heute in Afrika häufig so zerrüttet, dass die Einwohner in der Nachbarschaft der neuen Agrarbetriebe aus dem Ausland sagen: Es wäre egal, wenn die Ausländer den Boden bewirtschaften, denn sie selbst hätten weder das Wissen noch die Gerätschaft, das selber zu machen.

    Außerdem, wenn Inder in Kenia oder Somalien Land pachten, bauen sie dort häufig Blumen an, die per Flugzeug zu uns kommen, und dann für wenig Geld im Blumenfachgeschäft zu kaufen sind. Fair gehandelte (erzeugte) Importblumen gibt’s da so gut wie gar nicht.

    Es waren die Europäer, die die letzten 200 Jahre den Boden in Afrika bereitet haben.

  9.   Volker Seitz

    M;eine Erfahrungen sind da anders. Afrikanische Regierungen sind nicht hilflos Weltbank und IMF ausgeliefert. Malawi hat sein Hungerproblem gelöst. Wenn eine Regierung will kann sie sich auch gegen Weltbank und IWF seine Vorstellungen durchsetzen. Statt der von den internationalen Ökonomen empfohlenen Privatisierung hat Malawi seit 2005 die Kleinbauern mit Saatgut und Düngemitteln subventioniert, Ausbildung der Bauern und Infrastruktur gefördert. Heute exportiert das Land Nahrungsmittel in die Nachbarländer. Malawis Erfolgsgeschichte (wie die Schüsse auf regierungskritische Demonstranten im Juli 2011 zeigten,leider nur in diesem Bereich) könnte ein Vorbild für andere Länder sein.
    Volker Seitz, http://www.Bonner-Aufruf.eu

  10.   Erz815

    Da scheint es mir, Mentalität der Afrikanischen Herrscher hat sich in den letzten 2000 Jahren nicht geändert. Früher hatten sie mit der gleichen Denke ihre Landeskinder als Sklaven an die Römer, Araber, Westeuropäer verkauft