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Afrikanischer Champion bei erneuerbaren Energien will Ölförderland werden

 
Ölsuche in Kenias Norden. Foto: Reuters
Ölsuche in Kenias Norden. Foto: Reuters

Eigentlich sind die Aussichten  in Kenia sonnig. Erst im vergangenen Herbst hat eine niederländische Tochterfirma von Ubbink in Naivasha, dem Zentrum der kenianischen Rosenproduktion, die erste Solarfabrik Ostafrikas eröffnet. 30.000 Solarpanele vor allem für Haushalte auf dem Land sollen dort pro Jahr produziert werden. Mehr als 90 Prozent der ländlichen Haushalte sind nach wie vor nicht ans Stromnetz des Landes angeschlossen.

Bisher deckt Kenia mehr als die Hälfte des Strombedarfs aus der Wasserkraft. Allerdings hat sich diese Energiequelle in den vergangenen Jahren als immer weniger zuverlässig gezeigt. Immer öfter liefern die Wasserkraftwerke in den saisonalen oder außerplanmäßigen Dürren nicht mehr genug oder gar keinen Strom mehr. Das Ergebnis: Stromausfälle und für viele Unternehmen vom Hotel bis zum Gewerbe die Notwendigkeit, einen teuren Dieselgenerator vorzuhalten. Dabei hat Kenia die allerbesten Chancen, seinen jährlich um rund acht Prozent wachsenden Strombedarf komplett aus erneuerbaren Energien zu beziehen. Denn Kenia hat ein riesiges geothermisches Potenzial. Nach Berechnungen der Geothermie-Fachleute in Kenia liegt das Potenzial zwischen 7.000 und 10.000 Megawatt. Am Netz hat Kenia derzeit Geothermie-Kraftwerke mit einer Kapazität von 200 Megawatt. Und erst vor wenigen Wochen ist das nächste Kraftwerk in Olkaria, etwa auf halbem Weg zwischen der Hauptstadt Nairobi und Naivasha gelegen, in Angriff genommen worden. Ein Finanzierungskonsortium unter neuseeländischer Leitung, an dem auch die japanische Entwicklungsagentur und die deutsche KfW-Bank beteiligt sind, baut nun ein Kraftwerk mit einer Kapazität von 280 Megawatt. Von April 2014 an soll es Strom liefern. Der kenianische staatliche Elektrizitätsversorger Ken-Gen hat Pläne für die Erschließung weiterer 1.200 Megawatt Geothermie-Kapazität in den Schubladen liegen.

Im vernachlässigten kenianischen Norden spielt sich derzeit ein ganz neuer Wettlauf um Energie ab: In diesen Tagen ist mit dem Bau der größten Windfarm Ostafrikas nahe dem Lake Turkana begonnen worden. 365 Windmühlen der dänischen Firma Vestas mit einer Leistung von je 850 Kilowatt sollten dort entstehen. Das Prozent kostet rund 620 Millionen Dollar und wird von einer dänischen Firma umgesetzt. Das Lake Turkana Wind Project (LTWP) ist seit gut drei Jahren in Vorbereitung. Das größte Problem war die Finanzierung der 428 Kilometer langen Hochspannungsleitung, mit der der Strom aus dem unerschlossenen Norden Kenias in die Hauptstadt befördert werden soll. Gebaut wird diese nun von Kenya Power, und finanziert über Darlehen der kenianischen und der spanischen Regierung. Kostenpunkt: 188 Millionen Dollar zusätzlich. Die ersten 50 Megawatt Leistung Turkana-Wind sollen schon im kommenden Jahr erzeugt werden – falls die Leitung bis dahin steht.

Doch nun ist Turkana auch ins Visier der Ölkonzerne geraten. Tullow Oil, eine britische Prospektionsfirma, hat gerade erst bekannt gegeben, dass in Turkana Erdöl gefunden worden ist. Ob sich die Ausbeutung lohnt, soll nun mit weiteren Probebohrungen ermittelt werden. Aber die Hoffnungen von Tullow und der Regierung sind groß. Präsident Mwai Kibaki sagte: „Das ist ein guter Tag für Kenia.“ Ob es auch ein guter Tag für Turkana im Nordwesten des Landes ist, wird sich zeigen. Bisher hat die Region von den Segnungen der Zivilisation jedenfalls nicht viel abbekommen. Die Region gehört zum semi-ariden Gürtel südlich der Sahara, quasi der Fortsetzung der Sahel-Zone nach Ostafrika. In guten Jahren regnet es zwischen 300 und 400 Milliliter im Jahr. In schlechten gar nicht. Und in Turkana gab es in den vergangenen zehn Jahren mehr schlechte als gute Jahre. Weder die Windfarm noch mögliche Öl-Installationen lassen sich bisher auf Teerstraßen erreichen, in der ganzen Provinz gibt es davon nämlich nur 319,2 Kilometer. Knapp eine Million Menschen leben in Turkana, davon sind 46 Prozent jünger als 14 Jahre. Gerade mal 116.816 Wähler sind in Turkana registriert. Der Anteil der Bevölkerung, die unterhalb der Armutsgrenze leben, liegt bei 95 Prozent. Ein Lehrer unterrichtet im Schnitt 51 Kinder, wenn er sie überhaupt unterrichtet, denn viele Menschen in Turkana sind Nomaden. Ein Arzt kommt auf 52.434 Menschen. Auf 1.000 Geburten kommen 60 Totgeburten und von 1.000 Kindern überleben 12 ihren fünften Geburtstag nicht. Der Grund: Die meisten Kinder sind unterernährt.

Vermutlich werden die Menschen in Turkana weder von der Windfarm noch von der abzusehenden Erdölförderung profitieren. Der Windstrom wird mit einer Hochspannungsleitung abtransportiert. Eine Versorgung der lokalen Bevölkerung durch ein Verteilnetz ist den Investoren zu teuer. Außerdem könnten sie kaum darauf zählen, dass die arme Bevölkerung ihre Stromrechnungen auch bezahlen könnten. Und für das Ölgeschäft ist hier niemand ausgebildet. Wenn es Jobs für die lokale Bevölkerung geben sollte, wären es Dienstleistungen für die Ölarbeiter. Sie könnten Rinder zum Schlachten verkaufen oder Schafe oder Ziegen. Aber angesichts des Wassermangels in der Region müsste vermutlich sogar ein Großteil der Nahrungsmittel von anderswo in die Region geschafft werden. Seit 2008 gibt es erstmals in der Geschichte Kenias ein Ministerium für den Norden Kenias und andere Trockenzonen des Landes. Dem Vernehmen nach fühlt sich der zuständige Minister Mohammed Ibrahim Elmi in Nairobi sehr wohl und hat sich in der Region noch nicht allzu häufig blicken lassen. Das dürfte sich mit dem Fortgang der Ölsuche aber zweifellos ändern.

10 Kommentare

  1.   pessimus

    Aha,

    na dann werde ich Kenia innerlich schonmal auf die Länderliste „bodenschatzbegründete-Spannungen-mit-angeschlossenem-USA-Befriedungseinsatz“ setzen…

    Und wars nicht auch Kenia, die noch mehr 3-stellige Milliardenkredite wollen, um ne zweite Industrialisierungsschneise ins Landesinnere zu schlagen??

    Grosse Pläne.


  2. Kenia ist nun wirklich, anders als in Deutschland, ein Land, in dem mit Solarthermie (nicht Photovoltaik) Strom ohne weiteres erzeugt werden kann.


  3. Wir sollten abwarten, wie grooß zum einen die Resourcen an Öl sind… die gesamtmenge die im Boden ist, und vor allem was davon Reserven sind.. also das , was bei heutigem Stand der technik und der Wirtschaft auch tatsächlich produziert werden kann.

    Meist sind die Gemeldeten Erfolgsjubeleine der Firmen weit weit übertrieben..

    so zb. in USA. Wo die Öffentlichkeit irrtümlich glaubt, mit Fracking 100 Jahre Öl zu haben, drei mal mehr als Saudiarabien, und wo es den menschen schwehr fällt, zwischen Shall – Oil (Öl im Shell) , und Oil-Shell (Einer Vorstuffe des Öls zu unterscheiden), womit dann am ende lediglich 10% der Reserven Saudiarabiens erreicht werden.

    Tatsächlich sind inzwischen alle leicht zugänglichen und gut erschließbaren sowie qualitativ hochwertigen Ölfelder erschlossen. Neufunde brechen den Trend dass wir drei mal mehr Öl verbrauchen als wir weltweit finden in keiner Weise.

    Es wäre dennoch wünschenswert, dass Kenias Wirtschaft dezentral der lokalen Bevölkerung eine Chance ermöglicht , und nicht multinationale Konzerne den Profit abziehen.


  4. Mit dem Öl werden sich in Kenia Korruption und Umweltzerstörung wie eine Krebsgeschwulst ausbreiten – siehe Nigeria.

  5.   Felix

    Es lautet eigentlich „Totgeburt“, nicht „Todgeburt“. Denn das Kind wird tot geboren, nicht der Gevatter mit der Sense, oder?

    Ansonsten lesenswerter Artikel. Mehr davon!


  6. Hallo Felix
    danke für den Hinweis, ich hab´s korrigiert. Grüße M.Uken

  7.   Sebastian

    Man sollte sich viel lieber ein Beispiel an Norwegen nehmen.
    Die erzeugen Unmengen Strom aus erneuerbaren Energien (in diesem Fall Wasserkraft), statt das Erdgas/Erdöl selber zu verheizen.
    Das Gas und Öl exportiert man lieber in die EU und wird steinreich damit.


  8. […] http://blog.zeit.de/gruenegeschaefte/2012/04/16/afrikanischer-champion-bei-erneuerbaren-energien-wil… Dieser Beitrag wurde unter DieZeit veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. ← Offene Immobilienfonds: Kleinanleger und das große Geld […]

  9.   Dagmar Dehmer

    Sehr geehrter Herr Schülke, Sie haben natürlich recht, dass noch unklar ist, wie der Ölfund in Kenia genau zu bewerten ist. Aber die geologischen Verhältnisse sind ähnlich wie im Lake Albert in Uganda, wo ebenfalls Tullow Oil mit im Geschäft ist, und dort beginnt die Förderung in diesem Jahr. Klar ist, dass der hohe Ölpreis Vorkommen wirtschaftlich interessant macht, die bisher wegen der politischen Risiken nicht angefasst worden sind. Außerdem werden Ölvorkommen lukrativ, deren Qualität nicht allzu hoch ist, oder die nur mit hohem technischem Aufwand zu erschließen sind. Afrika ist jedenfalls die neue „Frontier“ im Ölgeschäft. Mauretanien hat offshore gerade mit der Förderung begonnen, vor Sierra Leone und Libera werden Vorkommen erschlossen, und Tansania und Mosambik werden ganz groß in die Gasförderung einsteigen. So lange die Preise hoch sind, werden in Afrika neue Vorkommen gefunden und letzlich auch ausgebeutet werden.
    Dagmar Dehmer


  10. Liebe Frau Dehmer,

    ich verstehe die Kernaussage im Artikel nicht richtig. Ich sehe keine großen Konflikte.

    „Dabei hat Kenia die allerbesten Chancen, seinen jährlich um rund acht Prozent wachsenden Strombedarf komplett aus erneuerbaren Energien zu beziehen. Denn Kenia hat ein riesiges geothermisches Potenzial.“

    Das ist doch schön für Kenia, damit hätten die ein ähnlich komfortable Ausgangslage wie Norwegen (siehe Sebastian #7), die erzeugen ihren Strom mit Wasserkraftwerken und verkaufen ihr Öl. Wenn Geothermie preislich konkurrieren kann, wird man das dort ebenso machen.

    Mit den Windrädern könnte es Konflikte geben, da hier die benötigten Flächen entsprechend groß sind, und wenn man ausgerechnet dort wo Öl gefunden wurde, einen Windpark hinstellen wollte, dann würde ich sagen: „Schilda ist in Afrika.“ Das trifft noch mehr auf Photovoltaik zu. Da das Gebiet aber relativ dünn besiedelt ist, ist kaum vorstellbar, dass man diese Konflikte nicht lösen könnte.

    Die Wirtschaftlichkeit der verschiedenen Energie- und Rohstoffgewinnungsarten können wir hier nicht besprechen, da entsprechend aussagefähige Informationen fehlen. Über das „Lake Turkana Wind Power project“ glaube ich gelesen zu haben, dass es ohne Subventionen auskommt. Dann wäre auch von meiner Seite nichts dagegen einzuwenden, wenn nicht die üblichen Nachteile, die aus der Unstetigkeit und mangelnder Verlässlichkeit entstehen, wären. Aber das müssen die schon selbst entscheiden was sie wollen.

    Ein Problem in diesem Szenario können eigentlich nur diejenigen sehen, die mit der Förderung von Öl generell ein Problem haben. Aber das ist wieder ein ganz anderes Thema.

    PS.
    Das Prozent kostet rund 620 Millionen Dollar, soll wahrscheinlich „Das Projekt kostet rund 620 Millionen Dollar“ heißen?