Kandeh Yumkella, ein grandioser Energie-Botschafter

Kandeh Yumkella wirbt für die Vereinten Nationen für saubere Energien. Foto: Reuters

Kandeh Yumkella wird Chef der neuen UN-Initiative gegen Energiearmut (Energy for all) – und ist dafür genau die richtige Wahl. Wäre UN-Generalsekretär Ban Ki Moon auch nur ansatzweise so überzeugend wie Yumkella, dann wären die Zweifel an der Weltorganisation bestimmt kleiner.

Aktuell ist Yumkella noch Chef der UN-Organisation für industrielle Entwicklung (Unido) und Chef von UN Energie. Letzteres ist ein Netzwerk, das sich bemüht, die energierelevanten Beiträge des unüberschaubaren Kosmos der Vereinten Nationen zu erfassen und zu sammeln.

Zukünftig soll Yumkella für erneuerbare Energien werben. Die neue UN-Initiative Sustainable Energy for all ist der erste globale Masterplan, der nicht nur Entwicklungsländer zu etwas verpflichtet, sondern auch Industriestaaten zu Veränderungen antreiben will. Bis 2030 sollen die aktuell 1,3 Milliarden Menschen, die keinen Strom haben und die 2,7 Milliarden Menschen, die mit Brennholz, Viehdung oder Holzkohle heizen, mit nachhaltiger Energie versorgt werden.

Gleichzeitig sollen aber auch die entwickelten Länder, die sich der Initiative angeschlossen haben, einschließlich der Europäischen Union, etwas tun. Sie sollen ihre Energieeffizienz jedes Jahr um 2,5 Prozent verbessern. Deutschland schafft knapp ein Prozent im Jahr – und liegt damit trotzdem noch im oberen Mittelfeld. Zudem soll der Anteil erneuerbarer Energien an der Versorgung der reichen Länder bis 2030 bei 30 Prozent liegen. Zumindest da wird Deutschland wohl weit voraus sein.

Kandeh Yumkella ist genau der richtige Moderator für die ambitionierten Pläne. Er ist in Sierra Leone geboren, einem westafrikanischen Kleinstaat, der nach einem der verheerendsten Bürgerkriege des Kontinents noch immer zu den ärmsten Ländern der Welt gehört. Dabei ist Sierra Leone reich an Ressourcen. Neben den berühmt gewordenen „Blut-Diamanten“, die dank des Registrierungsverfahrens mit dem Namen Kimberly-Prozess inzwischen legal gehandelt werden, verfügt das Land über Kupfer und neuerdings Erdöl vor der Küste. Nur Energie gibt es in Sierra Leone, wie in den meisten afrikanischen Ländern, immer zu wenig.

Wenn Yumkella über seine neueste Aufgabe spricht, gerät er sofort ins Erzählen. Er hat das Elend selbst erlebt. Er spricht von „Krankenhäusern, in denen es kein Licht gibt, wenn nachts einem Kind auf die Welt geholfen werden soll“. Oder von dem drei Kilometer langen Weg, den er gehen musste, um sich zu waschen. Die Hausaufgaben, die er nicht machen konnte, weil es kein Licht gab und Kerzen zu teuer waren.

Vor allem aber spricht er über die rund zwei Millionen Menschen, die wegen der verpesteten Innenluft in den Hütten jährlich sterben, weil mit Feuerholz oder Holzkohle gekocht werden muss – in einer Hütte ohne Kamin. Sie sind Yumkellas Motivation, an der Energiearmut etwas zu verändern. „Das ist schlimmer als Malaria“, sagt er.

Die Chancen, dass Yumkella Erfolg hat, stehen gar nicht schlecht. Und das, obwohl nach alter UN-Unsitte nun schon wieder eine neue Organisation aus dem Boden gestampft werden soll, die vor allem die unzähligen bereits existierenden UN-Organisationen koordinieren soll.

Aber seit September 2011 haben unzählige Staaten beträchtliche Finanzmittel für die Initiative zugesagt. Alleine die EU hat versprochen, 500 Millionen Menschen mit nachhaltiger Energie zu versorgen. Daran ist vor allem Kandeh Yumkella mit seinen mitreißenden Vorträgen schuld.

Zudem bietet der UN-Plan einen Rahmen für unzählige kleinere Initiativen, die längst arbeiten. Die Stiftung des früheren amerikanischen Präsidenten Bill Clinton beispielsweise fördert den Kauf von effizienten Kochherden oder solchen, die mit Biogas betrieben werden können.

Zudem gibt es inzwischen mehrere ähnliche Projekte in ganz Afrika, die auf diese Weise Kohlendioxid-Emissionen einsparen, und die Zertifikate an Unternehmen in Europa verkaufen, die über den Emissionshandel zu einer Verminderung ihrer CO2-Emissionen verpflichtet sind. Der sogenannte Clean-Development Mechanism (CDM) hat etwa ein halbes Dutzend vergleichbarer Projekte zertifiziert.

Eines davon ist im Norden Nigerias. Dort bietet übrigens ein ehemaliger Redakteur des Deutschlandfunks, Yahaya Ahmed, mit seiner Initiative Dare Familien energieeffiziente Kochherde an, die nur noch 20 Prozent des zuvor benötigten Feuerholzes verbrauchen.

 

Solare Pioniere

Foto: Fraunhofer ISE

Auf der Rappenecker Hütte hat die Energiewende bereits vor 25 Jahren begonnen. Die auf der Scheune installierten Solarzellen liefern seit 1987 Strom. Das Gasthaus auf etwas mehr als 1000 Meter Höhe zwischen dem Freiburger Hausberg und der Gemeinde Oberried ist ein Experimentierfeld für das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg. „Die Module auf der Rappenecker Hütte weisen nach 25 Jahren noch deutlich über 80 Prozent ihrer ursprünglichen Leistung auf“, sagt ISE-Chef Professor Eike Weber. Bislang gibt es nach Angaben der ISE nur eine Schwachstelle: Langsam dringt Feuchtigkeit in die Module ein.

Auf der Rappenecker Hütte ist es nicht bei einem Solarkraftwerk mit einer Leistung von 3,8 Kilowatt – gefördert von der Europäischen Union – geblieben. 1990 kam ein Windrad mit einer Leistung von 1,8 Kilowatt hinzu. Dafür hatte das Bundesforschungsministerium Geld gegeben. Und 2003 ist eine Brennstoffzelle installiert worden. Eine Investition, die der Innovationsfonds des südbadischen Energieversorgers Badenova mitfinanziert hatte. Mit der Brennstoffzelle ist auf der Hütte dann ein paar Jahre lang so viel Strom produziert worden, dass der Dieselgenerator (Leistung: zwölf Kilowatt) gar nicht mehr gebraucht wurde. Allerdings war die Brennstoffzelle den Ansprüchen des Pächters der Hütte nicht gewachsen. Sie ging schnell kaputt und auch die zwei Nachfolge-Modelle hielten nicht allzu lange.

Erst in diesem Jahr zum 350-jährigen Bestehen der bei Wanderern beliebten Gaststätte, und zum 25-jährigen Bestehen des Solarkraftwerks, ist nun eine neue Brennstoffzelle installiert worden. Die Firma FuturE stellte die Vier-Kilowatt-Brennstoffzelle kostenlos zur Verfügung, um zu zeigen, dass sich auch diese Technik weiter entwickelt hat. Der Jahresstromverbrauch von 4.000 Kilowattstunden – zwischen November und März bleibt die Küche in der Hütte kalt – wird zu 65 Prozent von der Photovoltaik gedeckt. Der Windkraftanteil beträgt zehn Prozent. Die Brennstoffzelle deckt etwa 25 Prozent des Bedarfs.

Geheizt wird allerdings nicht mit der Brennstoffzelle, obwohl deren Abwärme über einen Wärmetauscher genutzt werden könnte. Das allerdings wäre technisch etwas aufwendiger, und als Finanzier hat sich offenbar auch keiner dafür gefunden. Deshalb wird das Gasthaus mit einer Zentralheizung gewärmt, in der große Holzscheite verbrannt werden. Für die Warmwasserbereitung gibt es aber seit dem Jahr 2000 eine Solarthermieanlage.

Das Experiment des ISE hat viele Nachahmer gefunden. „20 bis 25 Hütten des Alpenvereins sind mit ähnlichen Systemen ausgestattet worden“, sagt Projektleiter Georg Bopp. In Schwellen- und Entwicklungsländern ist diese Insellösung inzwischen ebenfalls häufig im Einsatz.

Die Solarpioniere von heute arbeiten an ganz ähnlichen Themen. Zum Beispiel die zwei jungen Erfinder Alex Hornstein und Shawn Frayne. Sie wollen über sogenanntes Crowdfunding eine Fabrik für die Produktion von Mikrosolarpaneln aufbauen. Die Panele werden genutzt, um Handys oder Batterien aufzuladen. Der Amerikaner Alex Hornstein lebt in der Hauptstadt der Philippinen, Manila. Der Absolvent des Massachussets Instituts for Technology (MIT) nennt sich selbst einen unabhängigen Erfinder. Shawn Frayne lebt in Hong Kong und arbeitet für die Firma Haddock Invention, die unter anderem schon ein Kleinstwindrad erfunden hat. Hornstein und Frayne wollen Kleinstsolarpanels besser und billiger herstellen. Dafür haben sie eine Maschine erfunden, die die Solarzellen bricht, auf Glaspanele aufklebt und in haltbares Plastik einschweißt. Die beiden Erfinder wollen die Panele um 30 Prozent billiger und fünf Mal langlebiger machen.

Die Geldsammelaktion der beiden Erfinder dauert noch bis zum 15. September und ihr erstes Ziel, 50.000 Dollar einzusammeln, um ihre Maschine auf ein großtechnisches Niveau zu bringen, ist schon fast erreicht. Am Freitag lagen die Zusagen bei gut 47.000 Dollar. Sollten sogar 100.000 Dollar zusammenkommen, versprechen die beiden Erfinder, einen günstigeren Laser-Schneider für ihre „Solar Pocket Factory“ zu entwerfen und die Konstruktionsdaten offenzulegen, damit er überall nachgebaut werden kann. Sollten sogar 150.000 Dollar zusammenkommen, soll die Solar Pocket Factory auch komplett mit Solarenergie betrieben werden.

 

Solare Landschaften

Wer durch Süddeutschland fährt, sieht sie überall funkeln: Fotovoltaikanlagen, wohin das Auge schaut. In idyllischen Schwarzwaldtälern helfen sie Bauern, Sägereien oder sogar kleinen Industriebetrieben, ihre Energiekosten niedrig zu halten. In Bayern dagegen sind sie entlang der Autobahn in Richtung Osten vor allem als Freiflächenanlagen zu sehen. Und in den bayerischen Alpen sieht es nicht anders aus als im Schwarzwald oder den italienischen Alpen. Nur Österreich auf der Strecke Richtung Brenner ist abstinent. Dort ist kaum eine Solaranlage auf einem Dach zu erspähen.

Bisher bildet der reale Ausbaustand der Solarenergie vor allem die jeweilige staatliche Förderung in den Ländern ab. Aber das wird sich jedoch schnell ändern. In Deutschland ist die Solarförderung gerade unter den Preis für Haushaltskunden pro Kilowattstunde gesunken. In Italien, Spanien, Großbritannien wird sie ebenfalls zurückgefahren. Lediglich Japan, das noch ganz am Anfang des Ausbaus steht, hat gerade erst einen Einspeisetarif für erneuerbare Energien eingeführt. Dort werden zunächst 43 Cents (42 Yen) pro Kilowattstunde Solarstrom gezahlt, 20 Jahre lang.

Trotz der Kürzungen wird der Ausbau der Solarenergie nicht nur in Deutschland, sondern weltweit weitergehen. Warum? Weil die Solarenergie kurz davor ist, auch ohne Förderung wirtschaftlich zu sein. In Süd- und Mittelamerika werden sogenannte Net-Metering-Modelle erprobt. In Brasilien oder auch in Costa Rica bekommen Investoren Zähler eingebaut, die vorwärts und rückwärts zählen können. Je mehr Solarenergie jemand verbraucht, desto kleiner wird die Stromrechnung, und Überschüsse kann er oder sie ins Netz einspeisen und so die eigene Stromrechnung weiter reduzieren.

Überall dort, wo der Haushaltsstrom relativ teuer ist, ist das bereits ein gutes Geschäft. Der deutschen Solarförderung sei Dank. In ihrem Bericht über grünes Wachstum (Green Growth) hat die Weltbank darauf hingewiesen, dass die deutsche Solarförderung für viele Entwicklungsländer mehr wert ist, als diverse Millionen Entwicklungshilfe. Denn dadurch wurde in die Solarenergie investiert und diese wird nach und nach überall erschwinglich. Noch verfügt Deutschland über etwa die Hälfte der weltweit installierten Solarkapazität. Doch jetzt beginnt der Ausbau auch überall sonst. Deutschland wird dann nur noch ein Markt unter vielen sein. Aber dennoch wird der Ausbau auch hierzulande weitergehen – mit immer weniger Förderung. Genau so war das vor Jahren auch einmal gedacht.

 

Was Ölpipelines und Biogemüse verbindet

Das städtische Gärtnern ist ja schon seit einigen Jahren Thema. Aber in einer so originellen Form wie in Rio de Janeiro dürfte es eher selten zu bewundern sein. Am Stadtrand der brasilianischen Sieben-Millionen-Einwohner-Stadt (das ist nur der Kernbereich von Rio) bewirtschaften 16 Familien Flächen, die der staatliche Ölkonzern Petrobras sonst mühsam von Büschen und Bäumen freihalten müsste. Da, wo im Untergrund Wasserrohre und Ölpipelines verlegt sind, bauen die Familien als Biolandbau-Kooperative Salat und Gemüse an.

Eine Nichtregierungsorganisation hatte diese Idee, die beiden Seiten hilft. Petrobras muss die Rohre nicht mehr vor Tiefwurzlern schützen. Und die Bauernfamilien verdienen sich einen bescheidenen Lebensunterhalt. Auf etwa die Höhe eines Mindestlohns, also 640 Real (knapp 250 Euro), kommt die Chefin der Kooperative Univerde, Alzeni da Silva Fausto. Petrobras hat mit der Kooperative einen ordentlichen Vertrag gemacht. Er garantiert den Familien die Nutzungsrechte für das Land, die sie sogar vererben dürfen, wenn sie sich an die Regeln halten. Sie dürfen also nur Pflanzen anbauen, deren Wurzeln nicht mehr als 30 Zentimeter in die Tiefe reichen, und Tiere dürfen auf diesem Land auch nicht gehalten werden. Dafür hat Petrobras den Bauern Brunnen zur Verfügung gestellt; die Bauern selbst bezahlen nur den Strom für die Pumpen.

In der Kooperative haben die Frauen das Sagen. Vier von fünf Führungspositionen bei Univerde sind in der Hand der Frauen. Mit einem klapprigen Kombi, „der mal fährt und mal nicht“, bringen sie im Monat rund eine Tonne Gemüse auf die Märkte der Umgebung, einmal die Woche auch in der Innenstadt von Rio. Dieser Markt ist allerdings den Mitarbeitern von Petrobras vorbehalten. Außerdem beliefern die Stadtgärtner Schulkantinen. Dabei hilft ihnen ein Gesetz, das vorschreibt, dass öffentliche Institutionen wie Schulen, Krankenhäuser oder Kindergärten 30 Prozent ihrer Waren von Kleinbauern beziehen müssen. Für Univerde ist das ein Segen, weil sie anderenfalls wohl kaum den Zuschlag dafür bekommen hätten.

Ob sie keine Angst haben, dass ihre mühsam gezogenen Bio-Salt- oder ihre Kohlköpfe womöglich im Öl versinken könnten? Nein, sagt Alzeni da Silva Fausto, in den Pipelines gebe es eine automatische Überwachung. Und in den genau sieben Jahren, in denen das Pilotprojekt nun existiert, hat es offenbar noch nie Probleme mit den Pipelines gegeben. Seit sie ihr Land bearbeitet, fühlt sich nicht nur Alzeni da Silva viel gesünder. Eine ihrer Mitstreiterinnen berichtet von Depressionen, die sich durch die Arbeit, die Vermarktung des Gemüses und das daraus gewonnene Selbstbewusstsein stark gebessert haben. Doch dass das harte Arbeit ist, daran lässt die Chefin der Kooperative auch keinen Zweifel. Sie arbeite sieben Tage die Woche auf ihrer Parzelle: „Die Landwirtschaft gibt keine Pause.“

Am anderen Ende der Stadt wird derweil auf der Vorkonferenz des dritten Weltgipfels Rio + 20 über das Konzept einer umweltverträglichen Wirtschaftsweise (Green Economy) verhandelt. Was das sein könnte, zeigen die Bio-Bäuerinnen von Univerde und ausgerechnet der staatliche Ölkonzern Petrobras mit ihrer bemerkenswerten Kooperation. Alle mal hersehen!

Warnschild
 

Die Solarbürste

Ridha Azaiz ist seit mehr als zehn Jahren im Geschäft. Nur mit seinem Studium ist er noch nicht fertig. Der Maschinenbaustudent kommt aus Stuttgart und hat schon als Schüler eine Geschäftsidee gehabt. Denn Fotovoltaikanlagen, die staubig und schmutzig sind, oder die vom Saharawind mit Sand bedeckt werden, haben nur noch eine geringe Energieausbeute. Ridha Azaiz hat deshalb einen Reinigungsroboter entwickelt. Genau genommen sind es zwei: Einer reinigt Solarpanele auf Flachdächern und einer reinigt solche mit einem Neigungswinkel bis zu 45 Grad. „Solarbrush“ heißt sein Produkt und seine  Firma. Doch bevor Azaiz richtig loslegen kann, muss er erst noch sein Studium beenden.

Dass es nach dem Studium richtig losgeht, könnte auch mit einer fast zufälligen Begegnung zu tun haben, die Ridha Azaiz in der vergangenen Woche im Garten des Bundespräsidenten hatte. Bei der „Woche der Umwelt“ im Garten von Schloss Bellevue hatte der frühere Umweltminister und spätere Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, Klaus Töpfer, zwischen zwei Podiumsdiskussion ein bisschen Zeit – und stolperte über Ridha Azaiz. Der junge Mann mit tunesischem Vater und deutscher Mutter nutzte die Gelegenheit zum gemeinsamen Foto.  Und Klaus Töpfer, der als Berater für das Desertec-Projekt arbeitet, nahm sich seine Visitenkarte mit. Denn „wer in der Wüste Solaranlagen bauen will, muss wissen, wie er sie vom Sand befreit“, meinte er.

Genau dafür, findet Ridha Azaiz, hat er die beste Lösung gefunden. Im Vergleich mit einer mechanischen Reinigung („Arbeitskosten“, argumentiert der Erfinder) oder einer Sprinkleranlage (teurer als seine Solarbürste) schneidet seine robotergesteuerte Bürste besser ab, findet er. Klaus Töpfer war von dem jungen Mann angetan. „Die Energiewende setzt Kreativität frei“, meinte er. Azaiz wiederum wird Töpfer nach seinen Prüfungen zweifellos daran erinnern, was er dem Wüstenstromprojekt Desertec zu bieten hat. In Kairo hat er sein System schon ausprobiert. Was noch fehlt, ist eine Produktion im großen Stil. Und die wird bestimmt auch nicht mehr lange dauern. Den deutschen Nachhaltigkeitsrat hat Ridha Azaiz schon überzeugt. Er zeichnete „Solarbrush“ im vergangenen Juni als Projekt der „Werkstatt N“ aus, was so viel heißen soll wie Werkstatt Nachhaltigkeit. Auch die Jury von „Deutschland, Land der Ideen“ hat den Maschinenbaustudenten bereits ausgezeichnet. Und auch einen Clean-Tech-Award kann Azaiz bereits vorweisen. Einer großen Karriere als Erfinder und Geschäftsmann sollte nichts im Wege stehen.

 

 

Die FDP als Bremser der Energiewende

Dass die FDP die Energiewende nicht will, ist keine Neuigkeit. Seit dem Wochenende bemühen sich Wirtschaftsminister Philipp Rösler, der zudem FDP-Parteichef ist, und der FDP-Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle auch aktiv um eine Abschaffung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes.

Die beiden Politiker wollen Ökostrom nicht mehr dadurch fördern, dass Wind- oder Sonnenstrom vorrangig ins Stromnetz eingespeist und die Vergütung dafür, nach Technologien gestaffelt, über 20 Jahre hinweg garantiert werden. Stattdessen schlagen sie eine Quotenregelung vor. Durch sie würden Energiekonzerne verpflichtet, einen bestimmten Anteil erneuerbar erzeugten Stroms aufzukaufen.

Das ist nichts anderes als eine Entschleunigung der Energiewende. Denn zum einen haben Quotenmodelle in der Praxis bisher nicht funktioniert. Es hat ja einen Grund, warum Großbritannien und Italien sie abgeschafft und einen Einspeisetarif nach deutschem Vorbild eingeführt haben. Zum anderen hat sich dort auch gezeigt, dass die Kosten höher waren als die des EEG.

Rösler und Brüderle finden die Quotenregelung trotzdem attraktiv. Denn damit lässt sich der Ausbau der erneuerbaren Energien, die zu einem echten Konkurrenten für die etablierten Konzerne geworden sind, wirksam ausbremsen. Ist die Quote erreicht, ist der Sack zu. Und einen Einspeisevorrang gibt es dann auch nicht mehr. Dann lohnen sich auch Kohlekraftwerke wieder. Und das ist Philipp Rösler ja ein besonderes Anliegen („Kraftwerke, ja bitte!“).

Wenn über die hohen Kosten für das EEG gejammert wird, sollte man sich dabei immer vor Augen führen, dass eine vierköpfige Familie derzeit im Monat nicht einmal den Gegenwert einer Packung Zigaretten für den Ausbau erneuerbarer Energien aufbringen muss. Billiger wäre der Strom auch dann nicht, wenn stattdessen neue Kohlekraftwerke gebaut würden. Denn auch diese Investitionen werden letztlich von den Stromkunden bezahlt. Und der deutsche Kraftwerkspark ist alt und hat eine Überholung ohnehin nötig. Dazu kommt, dass die EEG-Umlage höher ist, als nötig, weil die Industrie großzügig von der Umlage befreit worden ist. Am Wochenende hat Rösler sogar vorgeschlagen, auch den Mittelstand noch von den Kosten zu entlasten. Übrigens zahlt die Industrie auch keinen Cent für den Netzausbau, aber das nur nebenbei.

Zudem hat die schwarz-gelbe Koalition eine Marktprämie eingeführt, die angeblich die erneuerbaren Energien näher an den Markt heranführen soll, bisher aber vor allem höhere Kosten produziert und zwar rund eine Million Euro am Tag. Und zuletzt schadet es den erneuerbaren Energien sogar, dass ihre massenhafte Einspeisung bei Sonnenschein oder gutem Wind den Börsenpreis für die Industriekunden drückt. Denn dann wird der Abstand zur Einspeisevergütung wieder größer und die Umlage steigt. Die Entlastung der Industrie durch günstige Strompreise wird so den erneuerbaren Energien angelastet und von den Haushaltskunden bezahlt. Ein Konstruktionsfehler!

Dabei hat Rösler in einem Punkt sogar Recht. Der Ökostromanteil liegt inzwischen bei mehr als 20 Prozent. Das EEG hat keine allzu lange Zukunft mehr, weil es ja darum geht, dass die erneuerbaren Energien 80 bis 100 Prozent des Stroms liefern. Um das zu erreichen, braucht es ein neues Strommarktdesign. Und Wahlkampf hin oder Wahlkampf her, es ist Zeit darüber zu reden, wie ein Strommarkt aussehen kann, auf dem Wind- und Solarstrom den größten Anteil am Geschäft haben. Die reine Umwälzung, also der Verkauf des erneuerbar erzeugten Stroms an die Übertragungsnetzbetreiber, die den Strom dann an der Börse vermarkten, ist dafür kein geeignetes Mittel.

Die erneuerbaren Energien sind kein Minderheitenprodukt mehr. Sie sollten ihre Wettbewerbsvorteile auch ausspielen können. Doch dazu braucht es ein neues Marktmodell. Die Diskussion darüber hat gerade erst begonnen.

 

Wenn erneuerbare Energien stören

Hochspannungsleitungen stehen im Mittelpunkt der Debatte über den Netzausbau. Foto: dpa

Am Mittwoch wollen die vier Stromnetzbetreiber in Deutschland ihren Ausbauplan vorlegen. Erste Details sind schon bekannt. Demnach müssen in Deutschland neue Leitungen mit einer Länge von rund 3.800 Kilometern gebaut werden. Wirklich neu ist diese Zahl nicht, die Dena-Netzstudie II kam bereits zu einem ähnlichen Ergebnis.

Der Plan der Netzbetreiber soll die Basis für einen bundesweiten Stromnetzentwicklungsplan bilden. Doch nun will der Chef der Deutschen Energieagentur (Dena), Stephan Kohler, den Ausbau der erneuerbaren Energien an den Ausbaufortschritt beim Stromnetz koppeln. Der Nachrichtenagentur dapd sagte er: „Wir raten dazu, den Ausbau von Windkraft- und Solaranlagen in Nord- und Ostdeutschland so zu steuern, dass er synchron verläuft mit dem Ausbau der Trassen.“

Und Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP), der schon im vergangenen Jahr mit der Plakatkampagne „Kraftwerke – ja bitte!“ aufgefallen ist, wird von der Nachrichtenagentur dpa so zitiert: „Unbedingte Voraussetzung für das Gelingen der Energiewende sind zusätzliche fossile Kraftwerke, der Bau neuer Stromleitungen und die Bezahlbarkeit von Energie. Nur wenn Strom für Verbraucher und Unternehmen bezahlbar bleibt, wird der Umbau der Energieversorgung akzeptiert.“ Und dann gibt es auch noch den neuen Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU), der den Ausbau der Solaranlagen mit dem Netzausbau in Einklang bringen will, weil sonst bei zu viel Sonne die Abschaltung von Solarparks drohe.

Da beginnt man sich doch zu fragen, ob die Energiewende bei diesen drei Herren wirklich in guten Händen ist. Wer, wie Stephan Kohler, den Ausbau erneuerbarer Energien an den Netzausbau koppeln will, will sie vor allem ausbremsen. Die Regierung hat beschlossen, die Stromversorgung bis 2050 mit mindestens 80 Prozent aus erneuerbaren Energien decken zu wollen. Das geht nach Kohlers Lesart aber nur, wenn nicht mehr so viele Erneuerbare-Energie-Anlagen gebaut werden. Aha. Der übermäßige Ausbau, wenn man ihn so sehen will, von Solaranlagen im Osten, dürften sich mit den jüngsten Solarstrom-Kürzungen für große Freiflächenanlagen ohnehin erledigt haben. Warum also warnt Köhler noch mal davor?

Mit den Windstromausbauplänen in den Ländern hat er zwar Recht. Aber geht der Netzausbau wirklich schneller, wenn erst das Netz und dann die Windräder gebaut werden? Im Süden wiederum, wo die meisten Solaranlagen gebaut werden, ist Altmaiers Forderung, ihren Ausbau an den Ausbau des Stromnetzes zu koppeln auch wenig zielführend. Denn der Solarstrom spielt in den großen Verteilnetzen kaum eine Rolle. Er bringt allerdings die lokalen und regionalen Stromnetze an ihre Grenzen. Dafür gibt es aber weder einen Netzentwicklungsplan noch überhaupt einen Plan. Die meisten lokalen und regionalen Netzbetreiber wissen nicht einmal, was in ihren Netzen los ist, seit diese keine reinen Verteilnetze mehr sind, sondern immer mehr Fotovoltaikanlagenbetreiber ihren Solarstrom einspeisen. Und das wirft Fragen auf für den Netzentwicklungsplan. Denn was ist von einem Höchstspannungsnetz zu halten, das unabhängig von den darunter liegenden Spannungsebenen gebaut wird? Da besteht zumindest das Risiko, sich eine Infrastruktur ans Bein zu binden, die schon in zwanzig Jahren niemand mehr braucht.

Besonders abwegig aber hat sich mal wieder der Bundeswirtschaftsminister geäußert. Es stimmt schon, es braucht Stromleitungen, aber keineswegs nur Hochspannungsleitungen, und womöglich auch gar nicht so viele, wie die Netzbetreiber sich das vorstellen können. Aber Rösler will fossile Kraftwerke. Er will sie vielleicht auch als Backup für Wind- und Solarstrom, die nicht immer in gleicher Menge verfügbar sind. Aber vor allem will Rösler sie als Ersatz für die Atomenergie, weil für ihn die Vokabel Energiewende offenbar nur bedeutet, dass die Kernkraftwerke bis 2022 stillgelegt werden. Warum neue fossile Kraftwerke, die nur noch stundenweise laufen, den Strompreis für die privaten und industriellen Verbraucher stabilisieren sollen, dafür hat er keine Antwort. Denn die müsste auch lauten: Das macht den Strom eher noch teurer. Die alternde Flotte deutscher Kohlekraftwerke müsste in den kommenden zehn Jahren ohnehin ersetzt werden. Auch das würde den Strompreis nach oben treiben. Der Ausbau erneuerbarer Energien ist für diese Kostensteigerungen nicht allein verantwortlich, und wüsste der Wirtschaftsminister, wovon er redet, dann wüsste er das auch.

 

Platz an der Sonne

Wenn Ana Mascarenhas nicht „so viel Lust, Euch zu kopieren“ gehabt hätte, würde die Solarenergie in Brasilien wohl noch lange kaum eine Rolle spielen. Aber vor drei Jahren war die Leiterin der Energieeffizienzabteilung des Energieversorgers Neoenergia, das in drei Bundesstaaten die Stromversorgung verantwortet, in Deutschland und der Schweiz und hat sich Soloarstadien angeschaut. Am Ende des Besuchs kündigte sie an: „Wir bauen das erste Solarstadion in Lateinamerika.“ Drei weitere Energiemanager nahmen die Herausforderung an, und auch sie werden Solarstadien bauen. „Aber wir haben gewonnen“, sagt Ana Mascarenhas und grinst. Sie sitzt im Stadion der Erstligamannschaft Bahia in Salvador.D ie 400-Kilowatt-Solaranlage des Pitacu-Stadions ist vor einem knappen Monat eingeweiht worden – und hat in Brasilien riesiges Interesse ausgelöst.

In Brasilien gibt es keine Einspeisevergütung für Solarstrom. Und lange fanden die Energieexperten auch, dass Solarenergie für Brasilien trotz der hohen Sonneneinstrahlung zu teuer sei. Doch Ana Mascarenhas hält so was nicht auf. Riardo da Silva David, Chef des deutsch-brasilianischen Joint Ventures Gehrlicher Ecoluz Solar, sagt: „Sie hat es immer sehr eilig.“ Und im übrigen „tanzen immer alle nach ihrer Pfeife“. Da grinst Ana Mascarenhas wieder und freut sich sichtlich. Sie hat sich für die Umsetzung von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) beraten lassen. Und das erste Solarstadion hat nun zweierlei bewirkt: Erstens hat die brasilianische Bundesnetzagentur Aneel

Das Solarstadion Pitacu in Salvador im Bundestaat Bahia.

die Regulierung verändert, um Solarstrom einen Einstieg in den Markt zu ermöglichen. Und zweitens hat Aneel 19 Solarprojekte mit einem Investitionsvolumen von 170 Millionen Euro aus der Energieeffizienzabgabe genehmigt, die alle Stromversorger in Brasilien in einer Höhe von 0,5 Prozent ihres Umsatzes aufbringen müssen. Ein weiteres halbes Prozent müssen sie in Energieforschung investieren.

Die neue Regulierung erlaubt eine Verrechnung der Stromerzeugung in Photovoltaikanlagen bis zu einer Leistung von einem Megawatt mit dem Stromverbrauch. Der Zähler läuft sozusagen rückwärts und gibt dem Solarstrom damit den Wert, den Haushaltskunden für ihren Strom bezahlen müssen. So erreicht Solarstrom gleich von Anfang an Netzparität. Im Falle des Stadions von Pitacu hätte das nicht funktioniert, weil dort gar nicht so viel Strom verbraucht wird, wie erzeugt wird. Doch Aneel hatte verlangt, dass bei einer Finanzierung aus den Effizienzmitteln auch der Bundesstaat Bahia ein Drittel der Investitionskosten tragen müsse. Um diese Investition zurückzuzahlen, wird der Stromverbrauch der umliegenden öffentlichen Gebäude wie das Stadion selbst mit der Stadionproduktion verrechnet. Auf diese Weise erhält der Bundesstaat Bahia innerhalb von zwölf Jahren seinen Investitionsanteil in Form von Strom zurück.

Klaus Gehrlicher, der mit Ricardo da Silva David gemeinsam eine neue Solarfirma zur Umsetzung von Photovoltaikanlagen gegründet hat, sieht im brasilianischen Markt ein großes Potenzial. Auch wenn es einstweilen noch Hürden gäbe, die den Solarstrom teurer machten als nötig. Beispielsweise hohe Importzölle auf Anlagenkomponenten einschließlich der Module und, sobald öffentliches Geld fließt, auch die Regel, dass ein Mindestanteil des Produkts in Brasilien erzeugt worden sein muss. Gehrlicher hofft, dass in Zukunft auch die Planungsleistungen und Wartungsleistungen, die vor Ort erbracht werden, als brasilianische Leistung gelten. Dann sieht er in Brasilien auch in Sachen Solarstrom ein „Land der Zukunft“.

 

Heilsamer Busch

Eine Pfückerin schneidet Jaborandi-Blätter ab.
Eine Pfückerin in Piauí schneidet Jaborandi-Blätter ab

In der Sprache der Indianer heißt Jaborandi, „was uns Sabbern macht“. Der Busch, der im Schatten der Wälder ausschließlich dreier brasilianischer Bundesstaaten wächst, hat kleine, dunkelgrüne, sehr feste Blättchen. Sie enthalten den Wirkstoff Pilocarpin, der zu Augentropfen gegen den Grünen Star verarbeitet wird. In Piauí wird der Busch höchstens hüfthoch, in Pará kann er bis zu zehn Meter hoch werden. In diesen beiden Bundesstaaten und in Maranhao organisiert die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Rahmen eines zweijährigen Projektes Jaborandi-Sammler zu Kooperativen. Diese Kooperativen verkaufen die Blätter an Centroflora, ein brasilianisches Unternehmen, das rund 400 verschiedene Pflanzenextrakte für die pharmazeutische und die Kosmetikindustrie herstellt. Centroflora verkauft das Pilocarbin dann an Boehringer-Ingelheim, das daraus ein Medikament herstellt.

Centroflora hat vor zehn Jahren die Pilocarpin-Fabrik gekauft, die das deutsche Pharmaunternehmen Merck 1972 in Parnáiba gebaut hatte. Merck produzierte die Jaborandi-Büsche auf einer Planatage selbst. Nach fünf Jahren endete die Lieferpflicht für die Fabrik, und Merck verlangte einen Einkaufspreis, der „zur Schließung der Fabrik geführt hätte“, sagt Werksleiter Michael Anderson. Also sah er sich nach neuen Bezugsquellen um. Dabei gab es zwei Probleme: Jaborandi wird auch noch von anderen Pharmaunternehmen in Brasilien für die Pilocarpin-Produktion genutzt. Es gab also eine relativ hohe Nachfrage. Deshalb wurden die Büsche immer stärker geplündert und oft mit Stumpf und Stiel ausgerissen. Jaborandi landete auf der Roten Liste der gefährdeten Pflanzenarten. Centroflora musste eine eigene Farm aufbauen. Es gibt sie inzwischen auch, und bei einem Ertrag von 3000 Kilogramm pro Jahr und Hektar ist sie auch erfolgreich. Aber die Firma hat einen Jahresbedarf von 250 Tonnen getrockneter Blätter, das sind 500 Tonnen frisch gepflückte. Michael Anderson sagt zudem: „In der Landwirtschaft beschäftigen wir nur wenige Leute.“ Inzwischen sammeln 1700 Sammlerfamilien die Blätter für das Unternehmen.

Centroflora ist mit seinen Produkten täglich mit der strengen aber nach Einschätzung selbst der Regierung wenig praktikablen Gesetzgebung zur Nutzung der genetischen Vielfalt und des traditionellen Wissens konfrontiert. Dabei geht es darum, die Vereinbarungen zum Zugang und gerechten  Vorteilsausgleich (ABS, Access and Benefit Sharing) unter der UN-Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt umzusetzen. Für Jaborandi hat Centroflora mit der Regierung eine Vereinbarung über die Nutzung der genetischen Ressourcen geschlossen. Und weil Jaborandi zwar seit Jahrhunderten als Heilpflanze bekannt war, die Anwendung gegen den Grünen Star aber von einem brasilianischen Arzt in Paris 1870 erst entdeckt worden ist, muss Centroflora keine Kompensation für die Nutzung traditionellen Wissens leisten. Doch weil diese Genehmigungen so schwer zu bekommen sind, ist es für Centroflora von Vorteil, die anderen politschen Ziele der brasilianischen Regierung zu beherzigen und zu versuchen, möglichst viele Menschen zu beschäftigen. Auch deshalb wollte Centroflora mit den Sammlergemeinschaften zusammenarbeiten.

Weil die Pflanze aber auf der Roten Liste steht, ist das Wildsammeln der Blätter verboten. Die  brasilianische Umweltbehörde muss jede Ernte genehmigen. Durch Vermittliung der GIZ hat sie das nun getan und damit die Sammler legalisiert. Die haben nun eine Schnitttechnik gelernt, die eine rasche Erholung der Pflanze ermöglicht. Zuvor war das Sammeln nicht nur deshalb illegal, weil die Pflanze unter Schutz steht. Eine Sammlergemeinde in Piauí hat dies auch auf Land getan, das ihr nicht gehörte. Das Dorf Cutias in der Region Territorio dos Cocais hatten die Landlosen irgendwann besetzt. Durch die Registrierung als nun offizielle Sammler ist seit zwei Jahren aus dem illegalen ein legales Dorf geworden, in das die Agrarreformbehörde INCRA, die damals 18 Familien nun offiziell angesiedelt hat.

Die Gesamtkosten des Projekts liegen bei rund 700 000 Euro, von denen das deutsche  Entwicklungsministerium 25 Prozent trägt. Den Rest der Kosten bringen die Unternehmen auf. Boehringer-Ingelheim zahlt 100 000 Euro, Centroflora trägt 450 000 Euro. Wenn die Kooperation mit der GIZ endet, müssen die Sammlerkooperativen auch weiterhin jedes Jahr Managementpläne für die  Bestandserhaltung von Jaborandi vorlegen, damit die Umweltbehörde ihre Ernte genehmigt. Dabei wird sie wohl auch in Zukunft eine Nichtregierungsorganisation unterstützen, die zu 40 Prozent von  Centroflora finanziert wird.

Michael Anderson strahlt, als er die selbstbewussten Frauen von der Sammlergemeinde über ihre Erfolge reden hört. Und auch Adrian von Treuenfels von Boehringer-Ingelheim ist sichtlich gerührt. Margarida Silva Oliveira, die Generalsekretärin der Sammlergemeinschaft, sagt: „Wir haben keine Angst. Wir sind mutig.“ Sie hätten erkannt, dass die Pflanze für sie weit wertvoller ist, als sie erwartet hätten, und „dass wir besser auf unsere Natur aufpassen müssen“. Denn die Zwischenhändler der Vergangenheit haben ihnen nicht nur verschwiegen, wofür die Pflanze gebraucht wird, sondern auch noch einen hohen Illegalitätszuschlag verlangt. Wenn die Sammler 3,50 Reais pro Kilo Jaborandi bekamen, blieben ihnen am Ende 60 Cent, der Zwischenhändler kassierte den Rest. Seit sie direkt an Centroflora verkaufen, verdient der zertifizierte Aufkäufer einen Reais und 3,50 Reais bleiben bei den Sammlern. Centroflora muss zehn Reais pro Kilogramm aufbringen, um die Ware der Sammler einzulagern. Von der Farm kostet die Ware nur zwei Reais.

Da die Pflanze nur drei Monate im Jahr geerntet werden darf, um ihren Bestand nicht zu gefährden, sammeln die Leute von Cutias in der restlichen Zeit Babassu-Nüsse. Diese Frucht einer Palmenart enthält einen ölreichen Kern, der sich zur Ölerzeugung nutzen und verkaufen lässt. Die Schicht direkt darüber wird zu einem Mehl verarbeitet, aus dem Babynahrung, Kuchen oder sogar Eiscreme werden kann. (Sie schmeckt süß aber nicht zu süß und hat eine sahnig-sämige Konsistenz.) Die Schalen wiederum haben einen hohen Brennwert und werden bisher zu Holzkohle gebrannt. Michael Anderson hat aber schon das nächste Projekt im Kopf: Er will in der Nähe von Cutias eine Fabrik aufbauen, die die Schalen zerkleinert und sie dann zu Bricketts verpresst. Denn noch muss dort täglich für drei Stunden ein Dieselgenerator angeworfen werden, um wichtige Produktionsprozesse am Laufen zu halten, wenn die Fabrik von fünf Uhr nachmittags bis zehn Uhr Abends abgeschaltet wird. Der Generator schluckt 30 Liter Diesel pro Stunde. Anderson würde den Diesel gerne durch die Babassu-Brickets ersetzen. Die Boiler für die Trocknungsanlage werden bereits mit Ölabfällen aus der Paranuss-Produktion betrieben.

Anderson weiß, dass das größte Risiko für seine Firma und die Sammlerfamilien „der Markt ist“. Er befürchtet einen Kostenwettbewerb um die Blätter und denkt ernsthaft darüber nach, mehr Blätter aus Sammlergemeinschaften aufzukaufen, als die Firma braucht, um die Ware dann als zertifizierte und legale Ware an die eigene Konkurrenz weiterzuverkaufen. Dabei erhofft sich Centroflora noch einmal Hilfe von der GIZ und der deutschen Regierung. Außerdem forscht das Unternehmen gemeinsam mit der Universität Piauí an neuen Einsatzfeldern für Pilocarpin. Und gegen zwei hässliche Tropenkrankheiten scheint der Wirkstoff auch zu helfen: gegen Leishmania (Elefantenfuß) und gegen Schistosomiasis. Beide Krankheiten werden durch Parasiten ausgelöst. Wenn die Tests gut verlaufen, will Centroflora sich um eine Medikamentenzulassung bemühen. Und warum der ganze Aufwand? Michael Anderson sagt: „Wir leben von der Natur – seit 50 Jahren.“ Reich wird man mit einer solchen Wirtschaftsweise übrigens nicht. „Das ist keine Cash-cow“, stellt Anderson klar. Aber wirtschaftlich betreiben, lässt sich eine Fabrik so schon. Ein grünes Geschäft eben.

 

Kernfusion: Die Geldvernichtungsmaschine Iter

Seit der Eurokrise können die Zahlen ja gar nicht mehr groß genug sein. Aber 16 Milliarden Euro sind immer noch eine unvorstellbar große Zahl. So viel Geld wollen die Europäische Union, Japan, die USA, China, Indien, Südkorea und Russland für eine Idee ausgeben: den Traum von der unerschöpflichen Energie, dem Sonnenfeuer auf Erden – für den Internationalen Thermonuklearen Experimentalreaktor (Iter) im südfranzösischen Cadarache.

Seit den 1950er Jahren wird an der Kernfusion geforscht. In unkontrollierter und überwältigend zerstörerischer Form hatten die Physiker das Problem schon bald im Griff. Die Wasserstoffbombe fusioniert während ihrer Explosion Wasserstoffatome zu Helium und setzt unerhört hohe Mengen Energie frei. Doch die „kontrollierte“ Fusion von Tritium und Deuterium, zwei verschieden konfigurierten Wasserstoffatomen, zu Helium ist bisher nur einmal für 15 Sekunden geglückt. Trotzdem sind die Wissenschaftler seit Jahrzehnten überaus optimistisch, dass die Atomfusion „in etwa 50 Jahren“ einen großen Beitrag zur weltweiten Energieversorgung leisten könnte. Das aktuelle Zieldatum liegt irgendwo jenseits von 2050.

Wenn die Atomspaltung, um mit Bertholt Brecht zu sprechen, so etwas ist wie ein Banküberfall ist, dann ist die Kernfusion mit der Gründung einer Bank gleichzusetzen. Kein Rückschlag hat die gläubige Fusionsgemeinde je irre machen können. Und selbst die unkontrollierte Kostenexplosion bei Iter hat bisher nicht zur Besinnung geführt.

Erst vor wenigen Tagen  hat das Europäische Parlament erneut mit 403 gegen 61 Stimmen beschlossen, die jüngsten Kostensteigerungen in Cadarache ungeachtet aller Sparappelle wieder einmal auszugleichen. Allein 2012 fließen deshalb weitere 650 Millionen Euro aus dem Etat der Europäischen Union in den Iter. Allein davon ließen sich mindestens zwei Offshore-Windparks vom Kaliber Alpha Ventus bauen, dem deutschen Experimental-Offshore-Windpark, bei dem die Kosten ebenfalls aus dem Ruder gelaufen waren. Alpha Ventus hat 250 Millionen Euro gekostet.

Helga Trüpel, haushaltspolitische Sprecherin der grünen Europafraktion, sagt:

„Wir halten zusätzliche 650 Millionen Euro für eine dramatische Fehlinvestition in eine atomare Risikotechnologie, die im Fusionsprozess radioaktives Tritium verwendet, und die wir daher grundsätzlich ablehnen.“

Die Bundesregierung dagegen hält weiter Fusionskurs. 2011 hat das Forschungsministerium 144 Millionen für die Fusionsforschung ausgegeben, 2012 werden es sogar 158 Millionen Euro sein. Das ist ein Fünftel der staatlichen Energieforschungsmittel. Für die weitere Erforschung der erneuerbaren Energien wird lediglich ein Zehntel der Mittel verwendet, obwohl davon im Gegensatz zur Fusion schon heute reale Beiträge zur Energieversorgung geleistet werden. Im Reaktor Wendelstein 7-X in Greifswald werden aktuell über das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik rund 500 Millionen Euro dafür ausgegeben, herauszufinden, ob ein Magnetfeld die Fusionsreaktion unter Kontrolle halten könnte.

Wenn der Experimentalreaktor Iter einmal fertig ist, wird allein die EU 7,5 Milliarden Euro in das Projekt investiert haben, 45 Prozent der Gesamtkosten. Alle anderen beteiligten Nationen tragen je neun Prozent der Kosten. Dass die Fusionsenergie tatsächlich einmal ein kontrolliertes Sonnenfeuer entfachen und „alle Energieprobleme“ lösen könnte, ist eher unwahrscheinlich. Warum die EU und die anderen Partner dennoch weiterhin unbeirrt ihre Haushalte plündern, dafür hat Helga Trüpel nur eine Erklärung:

„Weder der französische Weg (mit Atomenergie in die Zukunft) noch der deutsche Weg (ohne Atomenergie in die Zukunft) können einen europäischen Energiekonsens stiften, sodass einzig Iter für die Sehnsucht steht, in der diese gemeinsamen Fortschrittsvisionen der europäischen Industrienationen aus dem 20. Jahrhundert wie zur Selbstvergewisserung bewahrt und verdichtet werden.“