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Europa im Plastikwahn

Von 27. September 2012 um 07:13 Uhr

Janez Potočnik ist der EU-Umweltkommissar  – und nein, Ihnen muss dieser Name nicht unbedingt etwas sagen. Die Themen des Herrn Potočnik konkurrieren schließlich mit der Euro-Krise und ziehen da leider in der Regel den Kürzeren.

Plastikmüll auf einem Recyclinghof in Berlin, © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Plastikmüll auf einem Recyclinghof in Berlin, © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Dabei sagt der Herr kluge Sachen, so kürzlich auf einem der Branchentreffs der Kunststoffhersteller. PolyTalk hieß die Veranstaltung (mit dem bemerkenswerten Untertitel “Plastics – an intriguing love story” – “Kunststoffe – eine fesselnde Liebesgeschichte”).

Auf dem Treffen hielt Potočnik eine Rede unter dem Titel “Hat die Kunststoffindustrie in Europa eine Zukunft“. Keine Sorge, ich werde sie jetzt hier nicht komplett nacherzählen, will aber einige interessante Punkte und Zahlen erwähnen:

Die Plastikindustrie hat demnach ein gigantisches Wachstum hingelegt: 1950 wurden weltweit 1,5 Millionen Tonnen Plastik jährlich hergestellt. 2008 waren 254 Millionen Tonnen im Jahr. Allein in Europa wächst die Branche jährlich um fünf Prozent.

Doch Produktion ist natürlich nur eine Seite der Geschichte. Wo bleibt bloß das ganze Zeug, das ja hauptsächlich auf Rohölbasis hergestellt wird? Ein Großteil landet, ganz am Ende, in den Ozeanen, Tiere verenden an ihm (das zeigt eindrücklich der Film Plastic Planet).

In Europa landet die Hälfte der Kunststoffe noch immer auf Mülldeponien, sagt Potočnik. Für ihn ist das eine enorme Verschwendung von wertvollen Ressourcen:

“Das wäre so, als ob wir jedes Jahr zwölf Millionen Tonnen Rohöl auf Mülldeponien kippen.”

Die anderen 50 Prozent landen zumindest in Müllöfen (wo, wenn es gut geht, die Abwärme genutzt wird). Nur ein kleiner Teil wird bislang recycelt. Im Schnitt sind das in Europa gerade einmal 24 Prozent, “viel zu wenig”, wie Potočnik sagt. Selbst wenn einige Staaten mehr recyceln möchten: Ihnen fehlt es offenbar teilweise an Rohmaterial, weil es günstiger ist, den Plastikmüll in Müllverbrennungsanlagen zu entsorgen.

“Eine Vorherrschaft der Müllverbrennung im Vergleich zum Recycling können wir mittelfristig nicht akzeptieren”, sagt der EU-Kommissar.

Dafür biete die Recyclingbranche auch einfach zu viele Arbeitsplätze. Würde man es schaffen, bis 2020 die durchschnittlichen Recyclingraten von den aktuellen 24 Prozent auf 70 Prozent zu steigern, könnte das 160.000 zusätzliche Jobs in der EU schaffen.

Tja, und wo will er nun hin, der gute Mann? Potočnik betont zwar, dass er denke, die Kunststoffindustrie habe eine Zukunft in Europa (das wird Unternehmen wie Bayer und BASF sicher ein wenig beruhigt haben).

Aber für die Branche findet er  klare Worte:

“Wir sollten nicht nur jeden Kunststoffmüll recyceln”, sagt er, “sondern wir sollten auch eine exzessive Produktion für Anwendungen vermeiden, die ganz offensichtlich nicht nützlich sind.”

Niemand dürfe sich dabei aus seiner Produktverantwortung stehlen. Und er meint es ernst. Für die kommenden Wochen hat er die Veröffentlichung eines green papers zum Thema Plastikmüll angekündigt, um das Thema öffentlich zu diskutieren. Nicht selten enden solche vagen Thesenpapiere ja am Ende in einer Gesetzesinitiative. Seit Monaten schon gibt es ja bereits Überlegungen in der EU, Plastiktüten zu verbieten. Mal schauen, was daraus wird.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Plastiktüten zu verbieten ist ja an sich nichts neues siehe Ruanda, Haiti…

    “The environmental impact of the plastic bag ban in Rwanda is huge,” she said. “Rwanda is today an extraordinarily clean country. Tourism is increasing, which is very good economically for our country.”

    Read more here: http://www.miamiherald.com/2012/09/24/3019489_p3/haiti-bans-plastic-bags-foam-containers.html#storylink=cpy

    • 27. September 2012 um 11:26 Uhr
    • Eruman
  2. 2.

    Mit green papers zur und Verboten der Tüte recycelt man nichts.
    Plastiktüten sind ja wohl nicht des einzige Plastikerzeugnis.
    Aber das Schonverhalt beginnt ja schon bei ” exzessive Produktion für Anwendungen vermeiden, die ganz offensichtlich nicht nützlich sind.”
    Unnützes Zeug zu prodzieren und dafür Rohstoffe zu verschleudern ist ein Problem selbst wenn man es nicht exzessiv tut. Oder anders gesagt, um bei der Plastiktüte zu bleiben. Die Teile können auch ganz abgeschafft oder nur noch als stabile haltbare Variante zum doppelten Preis einer Stofftragetasche verkauft werden, das würde die Wegwerfware erledigen und die Stückzahlen zügigst in den Keller treiben.

  3. 3.

    Anscheinend ist das Öl immer noch zu billig. Die Supermarktregale sind voll von Käse- und Wurstpackungen in Plastikschalen, bei denen sich Inhalt und das was drum herum ist ungefähr so darbietet wie eine Einzelperson im SUV. Den Vogel abgeschossen hat eine österreichische Kette, die kürzlich geschälte Bananen(!) in Plastikverpackungen anbot, aufgrund massiver Proteste auf Facebook aber gelobte, die Bananen künftig wieder in ihrer natürlichen Verpackung – der Schale – anzubieten.

  4. 4.

    Ich kenne die Rede von Herrn Potočnik nur in den Auszügen, die Sie hier gerade vorgestellt haben. Ich will aber hoffen, dass er sich etwas differenzierter ausgedrückt hat.

    Kunststoffe werden aus guten Gründen gerne verwendet. Sie sind nicht nur billig sondern bieten in vielen Fällen Eigenschaftskombinationen, die anders schwer zu erreichen sind. In Hinblick auf den Transport möchte ich besonders das sehr geringe Gewicht hervorrufen (gerade im Vergleich zu Glas oder Metall).

    Meiner Meinung nach ist das Recycling von Plastik zumindest derzeit eher unwirtschaftlich und unnötig. Viel wäre gewonnen, wenn der Abfall größtenteils verbrannt und die Wärme genutzt würde. Die Energiedichte von Kunststoffen ist recht hoch. Solange Erölprodukte direkt verheizt werden, um Strom oder Wärme zu gewinnen, dürfte die Energiebilanz sehr positiv aussehen.

    Ein direktes Recycling von Plastikverpackungen z.B. im Lebensmittelbereich ist soweit ich weiss immer noch verboten. Die Abfallprodukte müssten aus hygienische Gründen soweit ich weiss erst wieder aufgespalten und neu polymerisiert werden.

    Natürlist ist Deponierung oder Verklappen von Plastikmüll ein echter Skandal. Ein Verbot von Plastiktüten hätte imo nur geringen Erfolg. Die Müllverwertung wäre ein lohnenderes Aufgabengebiet für die Gesetzgebung.

    • 27. September 2012 um 11:42 Uhr
    • Lutz Kleemann
  5. 5.

    Sehe ich genauso, wer sich offenen Verstandes al im Discounter umschaut wird ganz schnell entdecken, was das mittlerweile für ein verpackungswahnsinn ist. 3 Limetten beispielsweise in einer Pastikschale und darum dann noch Plastikfolie. Unglaublich…

  6. 6.

    Mal wieder ein Artikel, der ohne jede Sachkenntnis falsche Behauptungen verbreitet.

    Das die Verbrennung von Plastik sauberer ist als die Verbrennung von Holz oder Rohöl wird dem Leser ebenso unterschlagen, wie die Tatsache, dass das Recyling von Kunststoffen aus ökologischer Sicht häufig unsinniger ist als das direkte Verbrennen.

    Auch erweckt der Artikel den falschen Eindruck, dass bei der Verbrennung “wenn es gut geht, die Abwärme genutzt wird”, die Verennung von Plastik weniger effizient wäre als die Verbrennung von Holz etc.

    Vielleicht sollte eine Zeitung wie DIE ZEIT ihre Artikel besser von Fachleuten schreiben lassen, als von Journalisten, die zwar keine Ahnung haben, aber den Lesern ihre umwelthysterische Meinung aufzwingen wollen.

    • 27. September 2012 um 12:13 Uhr
    • Blablablub
  7. 7.

    Sicher kan man an vielen Enden Plastik einsparen, gerade im Bereich wegwerftüten. Im Bereich Lebensmittel ist die Diskussion jedoch nicht so trivial, da die Plastikverpackung häufig eine deutliche verlängerung der Haltbarkeit mit sich bringt, würde man sie dort abschaffen, schafft man wieder woanders Probleme.

    • 27. September 2012 um 12:29 Uhr
    • -emtz-
  8. 8.

    Alle Bemühungen, weltweite Verschwendung und Umweltschäden auch nur bei uns einzugrenzen, waren bislang zum Scheitern verurteilt. Im Schnitt bestimmt das vordergründige Sein auch weiterhin unser persönliches Bewusstsein und noch scheint uns der Rand des Chaos zu fern, um einen Blick in den drohenden Abgrund werfen zu müssen.

    Es könnte der Tag kommen, da man weltweit die arbeitslos gewordenen Fischereiflotten auf den Fang der Plasikresourcen in den Weltmeeren umrüstet.

    • 27. September 2012 um 12:30 Uhr
    • Hokan
  9. Kommentar zum Thema

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