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Für die Mafia ist der Regenwald ein Milliardengeschäft

 

Green carbon nennen Klimaschützer Regenwälder und Waldgebiete. Schließlich sind sie die Lunge der Welt, sie speichern das Klimagas Kohlendioxid. Nebenbei verhindern sie auch noch Erosion und bewahren die Artenvielfalt. Multitalent Wald, möchte man sagen.

© UNEP
© UNEP

Für die organisierte Kriminalität sind Regenwälder dagegen vor allem eine Geldgrube. Wie der neue Report der Vereinten Nationen, Green Carbon – Black Trade, jetzt zeigt, scheffelt die internationale Holzmafia jedes Jahr zwischen geschätzten 30 bis 100 Milliarden US-Dollar mit illegal geschlagenem Holz. In den wichtigsten Urwäldern im Amazonas, in Zentralafrika und Südostasien macht der illegale Holzeinschlag inzwischen bis zu 90 Prozent aus.

Der Report nennt einige besonders drastische Fälle:

– In Brasilien verschafften sich 2008 Hacker Zugang zu Einschlag- und Transportgenehmigungen und konnten so 1,7 Millionen Kubikmeter Wald einschlagen. Ein ganzes Netzwerk war involviert. 107 Unternehmen wurden danach verklagt, sie mussten Strafen in Höhe von 1,1 Milliarden US-Dollar zahlen.

– In der Demokratischen Republik Kongo starben allein in den vergangenen zehn Jahren 200 Ranger des Virunga National Parks, der ja vor allem für seine Gorillas bekannt ist. Sie hatten versucht, den Park gegen die Holzkohle-Mafia zu verteidigen, die jährlich rund 28 Millionen US-Dollar einnimmt.

Die Holzmafia geht bei Weitem nicht mehr zimperlich vor. Schmiergelder, würde ich sagen, fallen da noch unter die harmlosen Methoden. Dazu kommen gefälschte Papiere für den Holzeinschlag oder einfach gar keine Papiere. Selbst staatliche Datenbanken werden inzwischen gehackt und manipuliert. Illegal geschlagenes Holz wird legalen Lieferungen untergejubelt und so „sauber gewaschen“.

Das ganze nimmt fast schon Dimensionen an wie im Drogen- und Diamanthandel. Auch die Holzmafia wechselt inzwischen ihre Firmensitze zwischen den Staaten und erschwert die Strafverfolgung. Mehr als 30 verschiedene Methoden der Holzmafia kann das Unep, das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, inzwischen auflisten.

Wie sollen Behörden gegen einen solchen Gegner vorgehen? Inzwischen arbeiten Unep und Interpol eng zusammen, es gibt einen Aktionsplan der EU gegen den Import von illegal geschlagenem Holz (leider nur auf freiwilliger Grundlage). Im Juni gründete Interpol sogar eine eigene Task Force für die Holzmafia, um die polizeilichen Maßnahmen weltweit besser zu koordinieren. Unep schreibt zu Recht:

The three most important law enforcement efforts would be to:

1. Reduce profits in illegal logging
2. Increase the probability of apprehending and convicting criminals at all levels involved including international networks
3. Reduce the attractiveness of investing in any part of production
involving high proportions of wood with illegal origin.

Die Lage ist einfach. Solange sich mit Holz Geld verdienen lässt, wird es eine Holzmafia geben. Es sei denn, die staatlichen Strukturen in den Staaten sind so robust und effizient, dass sie illegalen Einschlag verhindern können.

Der norwegische Weg scheint indes wenig erfolgreich zu sein. Vor ein paar Jahren hatte das Land dem kleinen südamerikanischen Staat Guyana 250 Millionen US-Dollar zugesagt. Im Gegenzug sollte Guyana die Abholzung seiner Regenwälder verhindern. Mit offenbar mäßigem Erfolg, das Projekt stockt seit Jahren, wie der Ecologist schreibt.

21 Kommentare


  1. Ich habe den Eindruck, fast die gesamte Wirtschaft, zumindest aber einer bestimmten Größe und wenn es sich um international agierende Konzerne handelt, ist längst von mafiösen Strukturen durchsetzt. In Europa nennt man das Lobbyismus, aber letztlich ist es auch nix anderes. Menschenrechte, Klimaschutz, Naturschutz, Tierschutz (ganz zu schweigen von Tierrechten) interessieren nie, wenn es um Profit geht!


  2. Eine wirklich traurige Entwicklung und ein sehr wichtiger Artikel. Hier müsste deutlich mehr investiert werden, um dem Treiben Einhalt zu gebieten.


  3. Hallo Bekassine
    ganz herzlichen Dank für Ihren Kommentar. Ich würde aber einwenden, dass es schon noch einen Unterschied zwischen Lobbyisten und kriminellen Strukturen gibt – auch wenn ich auf jeden Fall das intransparente Arbeiten von Lobbyisten kritisiere.
    Viele Grüße
    Marlies Uken

  4.   Wolf

    Seit Jahren lebe ich mitten im Amazonaswald. Jahrelang habe ich auf die illegalen Holzeinschläge, vor allem die tausendjährigen Zendern am Río Atacuari aufmerksam gemacht. In Flössen von hunderten von Metern triften die Stämme den Amazonas hinunter und werden am Ende der Reise umdeklariert. Meist als Malaisiastämme. Das Holz geht vor allem nach Mexiko un d von dort in die USA und auch Europa. Unsere Verhütungsmassnahmen waren wegen Geldmangel unzureichend. Wir konnten lediglich mehrere Indiovölker dazu gewinnen ihr „Heimat“ zu schützen. Das Militär, die Polizei, alle bekommen Schmiergelder, um die Augen zu schließen. Die Holzfäller kommen meist aus Kolumbien und sind über die Illegalität n icht unterrichtet. Hauptsache sie bekommen Schnaps und Geld für die Familien.
    Auch unser Aufzuchtprojekt in Caballococha-Peru scheiterte an Geldmangel, da sich die offiziellen Stellen unserer europäischen Regierungen überhaupt nicht interessieren.

  5.   wolfi-baerli

    Was soll das Jammern? Wir sind doch selbst schuld.

    Wenn man sieht,
    – wie der deutsche Wohlstandsschnösel bei jedem Sperrmültermin nahezu intakte Möbelstücke entsorgen lässt,
    – dass (wie ich mal gelesen habe) in der EU täglich 60 Mio. Klopapierrollen runtergespült werden,
    – dass baby’s Po natürlich stündlich neue Pampers braucht,
    – dass jeder Mist wegen unserer aufgeblähten Bürokratie 10 Kopien erfordert,
    – die kleinste Billigware in ansprechende Riesenkartons verpackt werden muss,
    – zig tausende Tonnen Palmöl u.a. zur Pflege der ach so wichtigen Haut von durch TV und Internet entarteten Dumpf-Tussen (keine Sorge, auch die männlichen Gegenstücke sind gemeint) importiert wird, usw.

    dann wird klar: WIR sind die Ferkel, WIR finanzieren die mafiösen Strukturen, WIR runieren den Regenwald, WIR sind die Mörder der dortigen Einwohner. Es ist wie bei Kokain: Wenn keiner das Zeug konsumiert, verschwinden die „Vertriebsstrukturen“ von selbst.


  6. Oh, ich bin überrascht, Frau Uken, danke für die Antwort.
    Wenn ein Vertreter einer bestimmten Industrie sagt, die Lobbyarbeit sei nicht öffentlichkeitsFÄHIG, dann muss ich vermuten, dass die Grenzen der Legalität schon weit überschritten ist.
    Wenn Politiker unmittelbar nach ihrer politischen Arbeit auf lukrative Posten wechseln bei Unternehmen, deren Interessen zuvor von ebenjenen Politikern bedient wurden, dann muss man das doch schon als Korruption begreifen. Die Intransparenz herrscht doch um den massiven Einfluss und gewiss auch die Methoden zu verschleiern.
    http://www.dokumentarfilm24.de/2010/11/16/lobbyismus-in-deutschland-und-der-eu-noch-legal-oder-schon-korruption/

    http://www.transparency.de/Internationale-Kritik.1600.0.html
    Vielleicht gibt es hier noch nicht die Schlägertrupps und Mordaktionen, wie sie offenbar in dem Falle der Holzmafia aktiv sind, aber ich bin relativ sicher, dass auch hiesige Konzerne profitieren von der Drecksarbeit der dortigen Mafia.


  7. Bedenklich ist bei dem Thema auch, dass Aufforstungsmaßnahmen und eventuell sogar dei Reduktion der Abholzungsraten (also Waldschutz) eventuell in den Internationalen Emissionshandel aufgenommen werden sollen.
    Das ist problematisch, weil
    – durch Bäume gebundenes atmosphärisches CO2 wieder freigesetzt wird, wenn es beispielsweise zu einem Waldbrand kommt.
    – es sehr schwierig ist, die Verdrängungseffekte zu erfassen: wenn an einem Ort aufgeforstet wird, wird etwa eine Nutzung durch Rinderhaltung woanders stattfinden müssen. Möglicherweise wird dafür an anderer Stelle durch Abholzung Platz gemacht. Das Resultat: ein Klimaschutzprojekt ohne CO2-Einsparung für das trotzdem Zertifikate ausgestellt werden.
    – die teilnehmenden Staaten davon profitieren, wenn sie möglichst „rabiate“ Entwaldungsraten anerkannt bekommen. Das führt schon im Vorfeld der Diskussionen dazu, dass man den Waldschutz – etwa in Brasilien – nicht mehr allzu ernst nimmt in der Hoffnung, dass man später deshalb mehr Geld verdienen kann.

    Aus diesen Gründen sind die meisten Umweltverbände strikt gegen die Einbeziehung von waldbezogenen Aktivitäten in den Emissionshandel. Sicherlich werden sich leider die wirtschaftlichen Interessen als relevanter erweisen…

  8.   bubblez

    Da kann es nur eines geben …

    Holz muss verboten werden!


  9. Man kann nur hoffen, dass die – wenn wohl auch späte – Offenlegung und Veröffentlichung dieser Tatsachen die Politik unter Handlungsdruck setzt.

    Allerdings war einst im sowjetischen Sputnik zur Zeit des Aufkommens der russischen Mafia-Kriminalität eine kurze und einleuchtende Definition des Begriffes „Mafia“ zu lesen, sinngemäß:

    Mafia ist die Verquickung von organisierter Kriminalität und Politik/Staat.

    In diesem Sinne verdüstern sich bereits wieder meine Hoffnungen …