Wir können's besser: Das Blog für eine Wirtschaft, die Ressourcen und Klima schont

Belgien plant Mega-Insel als Stromspeicher

Von 24. Januar 2013 um 14:25 Uhr

Revolutionäres aus dem Nachbarland: Belgien will den Windstrom, der auf hoher See erzeugt wird, mithilfe einer künstlichen Insel vor der Küste speichern. Vor der Hafenstadt Zeebrugge plant der Vize-Premier und Nordsee-Minister (auch ein wunderbares Amt) Johan Vande Lanotte eine hufförmige Insel mit einem Wasserkraftwerk.

Wenn viel Wind weht – es aber an Nachfrage fehlt – soll Windstrom dazu genutzt werden, das Wasserreservoir in der Mitte der Insel leerzupumpen. Wenn die Nachfrage nach Strom wieder groß ist, werden die Schleusen geöffnet. Das Wasser strömt dann in das ausgebuddelte Inselinnere und treibt dabei Turbinen an, die Strom erzeugen.

Belgische Stromspeicher-Insel © Belgisches Wirtschaftsministerium

Belgische Stromspeicher-Insel © Belgisches Wirtschaftsministerium

Das Idee ist natürlich nicht neu, es handelt es sich um ein bewährtes Pumpspeicherkraftwerk. Nur diesmal wird kein Höhenunterschied genutzt, sondern das Prinzip auf die Ebene übertragen.

Vande Lanottes hat die Insel schon in einen Plan integriert, der die Nutzung der Nordsee ordnet. Die Küstenländer sind inzwischen verpflichtet, auszuweisen, welche Flächen sie wie nutzen, etwa zur Fischerei, für Seefahrtwege oder Windparks. Ausdrücklich hat nun Vande Lanotte eine Fläche für eine Stromspeicherinsel reserviert.

Seine Sprecherin betont allerdings, dass es nicht die belgische Regierung sei, die das Projekt am Ende realisieren würde. Das sollen Privatfirmen machen – und das Interesse sei groß. Namen will sie allerdings nicht nennen. Auch zu den Kosten mag sich die Regierung nicht äußern. Sie hängen natürlich stark von der Größe der Insel und der Kapazität des Kraftwerks ab. Zurzeit hat die Insel einen Durchmesser von rund 3,5 Kilometern. Die Regierung rechnet mit mindestens fünf Jahren Plan- und Bauzeit.

Belgien will die Doughnut-Insel zum Speichern seines Offshore-Windstroms nutzen. Klar ist aber auch: Die Pläne sind ambitioniert. Zurzeit drehen sich Offshore-Windräder mit 380 Megawatt Kapazität vor der Küste, das entspricht etwa einem kleinen Kohlekraftwerk. Sieben Windparks plant Belgien in den kommenden Jahren mit einer Leistung von mehr als 2.500 Megawatt. Das entspricht theoretisch der Kapazität von zwei großen Atomkraftwerken. Insgesamt machte die Windenergie im Jahr 2011 in Belgien knapp drei Prozent der Energienachfrage aus. Unser kleines Nachbarland plant ebenfalls den Atomausstieg. Im vergangenen Sommer entschied Belgien, bis zum Jahr 2025 die beiden Atomkraftwerke vom Netz zu nehmen. Sie liefern bislang noch den Großteil der Energie.

Ist nun die Speicherinsel eine Quatschidee? Schwer zu sagen. Für Deutschland und seine Mengen Ökostrom wäre das wohl nichts, für ein kleines Land mit knapp elf Millionen Einwohnern könnte es tatsächlich sinnvoll sein. Was dagegen spricht: Der Aufwand und die Kosten werden riesig sein. Schon jetzt sind ja die meisten Offshore-Projekte in der Nordsee, und erst recht vor Deutschland, in zeitlichem Verzug. Wenn die Insel fertig ist, sind wir vielleicht schon viel weiter darin gekommen, die aktuelle Stromnachfrage an das Angebot anzupassen – und brauchen am Ende gar keine Megaspeicher draußen auf See. Einmal davon abgesehen von dem enormen Eingriff in das Ökosystem Nordsee.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Tatsächlich handelt es sich um eine Variante der seit längerem bekannten “Ringwallspeicher”.

    http://www.heise.de/tp/artikel/34/34475/5.html

    Eine gewisse Gigantomie ist zwar unverkennbar… aber im Vergleich zu den weltweit bereits existierenden Wasserkraftwerken und den Kohleabbaugebieten und diversen Landgewinnungsprojekten wohl eher bescheidene Vorhaben.

    • 24. Januar 2013 um 17:33 Uhr
    • Fuji
  2. 2.

    Haben die Belgier auch bedacht, dass es mal längere Zeit regnen könnte und sie so um ihren schwer erarbeiteten Saft gebracht werden? Also muß da noch ein Dach drüber. Das Dach muß natürlich eine mögliche Schneelast 15 Metern Höhe halten können. Und, und, und …

  3. 3.

    Auch bei der Lösung der Energiefrage gibt es viel mehr als eine Option. Die Vielfalt ist auch hier entscheidend, je nach den örtlichen Gegebenheiten. Dann brauchen die Anlagen auch nicht so groß zu werden. So etwas wäre einem Bundes- oder Europapolitiker schwer zu vermitteln. Die haben mehr Freude daran, in großen Kategorien zu denken (und große Anlagen einzuweihen- als ob es ihre Leistung wäre oder ihr Geld gekostet hätte). Aber nach wie vor gilt “small is beautiful”. Wie F.E. Schumacher in den 70-ern sein Buch betitelte, welches dann eine ganze Dekade beeinflußt hat (leider nur eine) und zu einer Dezentralisierungswelle führte.

  4. 4.

    Sehr viel günstiger wäre es da,einfach an Land ein grosses loch zu buddeln

  5. 5.

    Wir Deutschen könnten stattdessen ja das Mittelmeer als Speicher nutzen. Sollte für unsere Mengen Ökostrom (oder Desertec) reichen.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Atlantropa

    • 24. Januar 2013 um 18:31 Uhr
    • MrWho
  6. 6.

    Wie Energie lässt sich darin am Ende speichern?
    3.5km Durchmesser steht im Artikel. Sagen wir, das Ding wird 100 Meter tief, dann gibt dies im Schnitt 50Meter Arbeitshöhe.

    E = mgh: 1750m^2*pi*100m * 9,81 * 50m = 471GJ;

    471000MJ / 3600s = 132MWh.

    Gemessen am Aufwand ist das nicht besonders viel. Ein mittleres deutsches Pumpspeicherkraftwerk kann mehr! Solche Physik101 Informationen fehlen mir bei solchen Artikeln immer … 10.Klasse Physik

    //Bitte um Korrektur bei Rechenfehlern.

  7. 7.

    Ich hätte da auch eine Idee für die Russen. Deren Aralsee ist ja eh schon durch Wasserentnahme geschrumpft, also hätte niemand etwas dagegen, wenn da eines Tages der Pegel deutlich schwankt. Wer sich den heutigen Aralsee ansieht, erkennt ein Gebilde wie zwei Lungenflügeln. Einfach einen Damm über die Mitte bauen, Wasser wieder heranschaffen, und los geht es. Dann lohnt sich eine stärkere Ökologisierung der Stromerzeugung auch dort.

    • 24. Januar 2013 um 18:48 Uhr
    • rjmaris
  8. 8.

    Dichte fehlt:

    E = mgh: 1750m^2*pi*100m * 9,81 * 50m * 1000kg/m^3 = 471 TJ;

    471TJ/3600s = 131,1GWh

    Also doch etwas mehr

    • 24. Januar 2013 um 18:51 Uhr
    • Dan Fries
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)