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Holland sucht das “nachhaltige Hähnchen”

Von 18. Februar 2013 um 14:57 Uhr
© Joern Pollex/Getty Images

© Joern Pollex/Getty Images

Was sich die Branche alles einfallen lässt: “Hähnchen von morgen” nennen Hollands Geflügelzüchter ihr aktuelles Projekt: Ihr Ziel: Bis zum Jahr 2020 sollen in den Niederlanden nur noch Hühner “aus nachhaltiger Erzeugung” erhältlich sein. Zurzeit sitzen Produzenten und Handel zusammen und versuchen, Nachhaltigkeitsstandards zu entwickeln. Was bedeutet es konkret, ein “nachhaltiges Hähnchen” zu produzieren?

Die Frage rückt die Geflügelwirtschaft in den Fokus, eine Branche, die schon seit Jahren immer wieder von Skandalen erschüttert wird. Was niederländische Geflügelzüchter treiben, ist auch für Deutschland relevant, denn am Ende landet die holländische Hühnchenbrust in vielen deutschen Supermarktkühltruhen. Wir sind der wichtigste Handelspartner für die Niederländer, rund 40 Prozent des holländischen Geflügelexports gehen nach Deutschland. Erst vergangenes Jahr übernahm die niederländische Plukon Food Group auch den deutschen Geflügelzüchter Stolle (“Friki”) und machte sich damit auf dem deutschen Markt breit. Deutschland schafft es inzwischen auf Platz zwei der europäischen Geflügelzüchter, die Niederlande auf Platz sieben. Allein in Deutschland wurden im vergangenen Jahr 1,8 Millionen Tonnen Hühner geschlachtet, in “Stückzahlen” waren das vor zwei Jahren mehr als 700 Millionen im Jahr.

Die Kriterien, welche Hollands Züchter für ihr futuristisches Hähnchen diskutieren, klingen noch ganz schön wischiwaschi. Die Branche sagt: “Die zu setzenden Nachhaltigkeitsstandards müssen weit über die Aspekte Tierwohlsein und Tiergesundheit hinausgehen. Eine besondere Herausforderung ist es in diesem Zusammenhang, die verschiedenen Nachhaltigkeitskriterien miteinander in Einklang zu bringen, um am Ende optimale Standards zu etablieren.”

Fragt man beim zuständigen Pressebüro nach, worüber denn die Züchter und die Supermärkte konkret verhandeln, bekommt man die Antwort, dass es eben nicht nur ums Tierwohl und die Tiergesundheit gehe (das betrifft natürlich auch den Antibiotika-Einsatz), sondern auch um Energie- und Umweltmanagement in der Produktion. Fragt man noch mal nach, dann geht es auch noch um Besatzdichten in den Käfigen, also wie viel Platz eigentlich das einzelne Huhn bekommt. Klar sei aber auch, dass auch wirtschaftliche Aspekte beachtet werden müssten und dass die Wettbewerbsfähigkeit gewährleistet sei, heißt es.

Wer bei nachhaltiger Züchtung nun an “bio” denkt, der wird wohl vom niederländischen Ansatz enttäuscht sein. Dafür liegen zwischen klassisch-konventioneller Zucht und Biostandards Welten, auch preisliche. Allein Biofleisch ist etwa dreimal so teuer wie das Industrieprodukt. Agrarexperte Alexander Hissting von der Beratungsfirma grüneköpfe schätzt, dass sich Hollands Züchter und Handel wohl auf irgendetwas in der Mitte einigen würden. “Aus Marketingsicht ist nur logisch, Ware anzubieten, die von den Anforderungen und dem Preis irgendwo zwischen bio und konventionell liegt.” Sicherlich werde aber das Programm tatsächlich “deutliche Fortschritte” gegenüber dem Status Quo bringen.

Zu einem weitaus radikaleren Urteil kommt dagegen Greenpeace. Hühnerzucht sei Industrieproduktion: In knapp einem Monat würde teilweise ein Küken bis zur Schlachtreife gemästet, ein Biohühnchen habe nicht viel mehr Zeit. Dass die Geflügelbranche Nachhaltigkeitsstandards definiere, sei ” völlig absurd”, sagt Landwirtschaftsfachmann Martin Hofstetter. Solche Produktionen hätten nichts mehr mit der Natur zu tun. Auch die Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen hält er für fatal, dort würden Arbeiter für Niedriglöhne malochen. “Aber alles, was die Situation am Ende verbessert, macht das Produkt am Ende auch teurer.”

Und so ist man am Ende bei einer ähnlichen Debatte wie beim Pferdefleisch. Entscheidend ist, was der Konsument zu zahlen bereit ist. Da helfen kaum strengere Gesetze oder zwischen Produzenten und Handel ausgehandelte Nachhaltigkeitskriterien. Es geht um einen Bewusstseinswandel bei uns Verbrauchern.

Und noch ein Gedankenanstoß: Zurzeit kostet ein ganzes, tiegefrorenes Suppenhuhn bei Rewe gerade einmal 2,59 Euro.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    man hat noch etwas vergessen.die ueberproduktion innerhalb der eu (insbesondere in den niederlanden)fuehrt dazu das man,mit eu-subvention, tiefgefrorene huehner in afrika und suedamerika unter dem dortigen marktpreis verkauft und so die dortigen kleinbauern aus dem markt draengt. diese koennen mit unseren preisen nicht konkurieren.damit das geschaeft hier in den niederlanden auch weiter so gut laeuft will man,ohne ruecksicht auf tierwohlsein,umwelt und gesundheit der anwohner,megastaelle bauen.wann hoert dieser irrsinn auf.

    • 18. Februar 2013 um 17:46 Uhr
    • rainer60
  2. 2.

    Die Menschen sollen einfach mal weniger Fressen…ja &ich sage extra Fressen, denn so viel wie gewissen Menschen konsumieren (& meinen es wäre ja notwendig jeden Tag Fleisch zu essen) gab’s noch nie !! Also wenn weniger Fleisch gegessen wird, müssen auch nicht mehr so viele Tiere gehalten & gequält werden!!!!

    • 18. Februar 2013 um 19:29 Uhr
    • malou
  3. 3.

    Wg: Allein in Deutschland wurden im vergangenen Jahr 1,8 Millionen Tonnen Hühner geschlachtet.

    Das dürften eher Milliarden sein.

    • 18. Februar 2013 um 20:22 Uhr
    • Irgendwer
  4. 4.

    Das Huhn = der Hahn, die Henne, das Küken; Huhn und Hahn ist im Artikel ganz schön durcheinander geraten: Meinen die Holländer wirklich das Hähnchen, das sie schon als eben geschlüpftes Küken aussortieren und lebend schreddern? – Es gibt keinen Gockel am Bratenspieß, es ist eine Henne. – Wenn die Holländer wirklich etwas lernen wollen, sollten sie zum Bauck-Hof gehen: Dort läuft eine Aktion für das Bruder-Küken, das Hähnchen, um es aufzuziehen zum Hahn und eben nicht lebendig gerade geschlüpft zu schreddern. – Solange wir dem Huhn, dem HühnerVOGEL, nicht seine Freiheit geben, werden wir kein qualitätsvolles Produkt von ihm bekommen, weder Ei noch Fleisch noch Knochenbrühe. – Das, was aus einem Rewe-Suppenhuhn für 2,59 € auf den Teller kommen würde, tue ich meinem Körper, meiner Bauspeicheldrüse, meinem Magen, meinem Darm, meinem Bindegewebe nicht an; ich muß mich doch nicht selbst foltern und dann ärztliche Hilfe brauchen. -

  5. 5.

    [...] viaHolland sucht das “nachhaltige Hähnchen” « Grüne Geschäfte. [...]

  6. 6.

    Geht es nach den Politikern und den Medien, hat der Verbraucher Schuld an den Lebensmittelskandalen. Der Gesetzgeber muss dafür sorgen, dass jedes Lebewesen, das dem Menschen als Nahrung dient, ein gutes, erträgliches Leben geführt hat, und nicht qualvoll geschlachtet wurde.Wenn das Hähnchen dann statt 2,59 Euro 4,59 Euro kostet, dann wird der Verbraucher diesen Preis akzeptieren. Wichtig ist, dass die 2,00 Euro mehr, dem Tier zugute kommt, und nicht dem Fleischproduzenten.

    • 19. Februar 2013 um 09:03 Uhr
    • Germany
  7. 7.

    [...] Holland sucht Definition für nachhaltige Hühner [...]

  8. 8.

    Grotesk- dass man den Leuten in dieser Situation auch noch vorlügt, sie würden ohne Fleischkonsum krank. Damit beugt eine wohl nicht gerade kleine Lobby wohl dem einzigen Umstand vor, der die Not der Nutz- bzw. Schlachttiere lindern oder beseitigen könnte: dem Rückgang des Fleischkonsums. Damit würde Mensch und Tier geholfen, denn Vegetarier oder Veganer sind meist sehr viel gesünder als Leute, die meinen, sie könnten ohne Fleisch nicht existieren.

    • 19. Februar 2013 um 16:14 Uhr
    • Silberrabe
  9. Kommentar zum Thema

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