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Der weltweite Dünger-Wahnsinn

Von 22. Mai 2013 um 13:49 Uhr

Als ich mir heute die aktuelle Studie Bodenlos – Negative Auswirkungen von Mineraldüngern in der Tropischen Landwirtschaft der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung und des WWF ansah, musste ich an meine Heimat Norddeutschland denken. Die Studie macht auf die weltweite Überdüngung der Böden aufmerksam: Noch nie wurde weltweit so viel Dünger ausgebracht (nun gut, das ist wenig überraschend, noch nie mussten ja auch so viele Menschen auf der Welt ernährt werden). Gerade in Asien und Afrika gilt Dünger als einzige Möglichkeit, um die Erträge in der Landwirtschaft zu steigern und sich von teuren Nahrungsmittelimporten unabhängiger zu machen.

Innerhalb von 50 Jahren hat sich die Düngemittelproduktion verfünffacht, so die Studie. Sie liegt inzwischen bei mehr als 160 Millionen Tonnen im Jahr. Vor allem China hat den Düngereinsatz radikal gesteigert, inzwischen verbraucht es ein Drittel der weltweiten Menge.

Welche Folgen ein exzessiver Düngereinsatz hat, weiß man in Landkreisen wie Vechta oder Cloppenburg, den Hochburgen deutscher Massentierhaltung. Dort schrammen die Nitratwerte im Grundwasser immer wieder an den Grenzwerten knapp vorbei, es wurde schlicht überdüngt. Inzwischen versuchen die Landwirte dort, das Problem in Griff zu bekommen. Denn mit eintönigen Monokulturen wie Mais, die man schlicht mit Gülle übergießen kann, ohne dass sie eingehen, ist niemandem langfristig geholfen.

Die neue Studie warnt nun vor den Düngerexzessen in Afrika und Asien, also in Regionen, wo die Landwirtschaft extrem anders aussieht, aber ähnliche Probleme drohen. Die Regierungen einiger afrikanischer Staaten geben teilweise bis zu 70 Prozent ihrer Agrarhaushalte für die Subvention von Düngern aus. Mit nur mäßigem Erfolg, so die Autoren der Studie: Die Erträge mit Dünger ließen sich nicht nachhaltig und langfristig steigern.

Stattdessen habe der Düngereinsatz fatale Folgen. Für die Natur, aber auch die lokalen Wirtschaftsstrukturen: Auf der einen Seite laugten die Dünger langfristig die Böden aus, Stickstoff lasse sie versauern und der Humus werde abgebaut. Auf der anderen Seite gerieten gerade die kleineren Bauern in die Schuldenfalle. In 40 Jahren hätten sich die Düngerpreise um mehr als 250 Prozent gegenüber Nahrungsmitteln verteuert. Solange die Preissteigerungen beim Dünger nicht im Verhältnis stehen zu den Preisen, die sie für ihre Agrarprodukte erzielen können, machen sie ein Minus. Die Bauern geben einen großen Teil ihres Budgets für Dünger aus, die Zwischenhändler bauen sich Oligopole auf, die Kleinhändler werden verdrängt.

Was tun? Die Böll-Stiftung und der WWF sind radikal: Sie fordern das komplette Aus für die Subventionierung von synthetischen Düngern und eine Stärkung biologischer Düngungsarten, also von Kompost, tierischem Dünger, Gründüngung. Das mag auf den ersten Blick unrealistisch und nach zäher, jahrelanger Aufklärungsarbeit klingen. Doch wenn am Ende wirklich die profitieren, die derzeit unter den hohen Mineraldüngerpreisen leiden, also die Kleinbauern, könnte das der richtige Weg sein.

Kategorien: Afrika, Agrar
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Wann kommt endlich eine Abgabe auf synthetischen Dünger?

    • 22. Mai 2013 um 15:55 Uhr
    • atom otto
  2. 2.

    Der Mensch ist eben ein sehr kurzsichtiges Wesen. In Kombination mit einem Wirtschaftssystem, das geradezu zum Selbstbetrug einlädt (Externalisierung von Kosten wie Umweltschäden) reicht der Blick oft nicht mal bis zum Tellerrand, gescheige denn darüber hinaus.

    Philosophisch gesehen wird die Menschheit stark darunter leiden, wenn nicht gar untergehen, weil sie nicht die gesamten Zusammenhänge auf diesem Planeten überblickt.

  3. 3.

    Wieso sollte biologischer Dünger etwas bringen, wenn nach den Aussagen der Studie mineralischer nichts bringt? Nährstoffe sind Nährstoffe.

    • 22. Mai 2013 um 16:16 Uhr
    • Schinkenjoe
  4. 4.

    Da gab es gestern diesen interessanten Bericht in der “SZ”, dass Weltrekordernten auch ohne Kunstdünger durch spezielles Know-how und höheren Arbeitskräfteeinsatz möglich sind.
    http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/39959/Ein-Koernchen-Wahrheit

    Für Reis heißt die betreffende Technik “System of Rice Intensification”, SRI, und wurde bereits 1983 von einem Jesuiten auf Madagaskar entdeckt.
    http://de.wikipedia.org/wiki/System_of_Rice_Intensification

    Schon erstaunlich, dass über solche einfachen und nur wenig kapitalintensive Methoden kaum etwas zu hören ist, denn der massenhafte Einsatz könnte die obengenannten Probleme leicht umgehen.
    Bloss für die Agrarchemieriesen wäre das eine eher schlechte Nachricht, und deren Einfluss dürfte beträchtlich sein.

    • 22. Mai 2013 um 16:20 Uhr
    • Atan
  5. 5.

    Ein Problem, über das schon mehrfach zu lesen war, kommt noch obendrauf:
    Phosphor als wichtigster Bestandteil von Mineraldünger ist eine begrenzte Resource. Wenn er ausgeht, dann gucken alle aus der Röhre, und ein effizientes System, mit dem man Phosphor aus dem Nahrungsmittelkreislauf wieder zurückgewinnen kann, gibt es noch nicht…

  6. 6.

    SRI steht auch für system of root intensification und ist für fast alle Kulturpflanzen
    weltweit anwendbar wird aber kaum gelehrt, obwohl auch entsprechende Land-
    maschinen hergestellt werden! Agrokonzerne u. Agrolobby lassen grüßen! Die Seite farmlandgrab unbedingt besuchen!!

    • 22. Mai 2013 um 16:45 Uhr
    • atom otto
  7. 7.

    Ganz so einfach, wie die Grünen es sich machen, ist es nicht.

    Es stimmt natürlich, dass übermäßiger Düngereinsatz negative Folgen hat. Und nach dem Motto “Viel hilft Viel” wurde auch in Deutschland bis vor 20 Jahren gedüngt.
    Doch die deutschen Bauern zeigen nun, wie es besser geht.
    Durch genaue Kalkulation und bedarfsgerechte Düngung geht der Düngerverbrauch seit Jahren zurück und negative Folgen wie Grundwasserbelastungen wurden deutlich reduziert. Wenn man dann für den Erhalt des Humus im Boden sorgt (durch Einarbeiten der Ernterückstände, Zwischenfrüchte etc.) spricht nichts gegen diese bedarfsgerechte mineralische Düngung.

    Auf Dünger ganz zu verzichten bedeutet je nach Kultur Ernteeinbußen von bis zu 60 Prozent. So ist fehlende Stickstoffdüngung der Hauptgrund für die Mindererträge des Biolandbaus.

    Das tierische Dünger keine optimale Lösung sind, schreibt Frau Ulken ja selber. Gerade in Gebieten mit viel Gülle-Einsatz ist die Nitratbelastung des Grundwassers problematisch. Kompost ist kein Dünger, sondern ein Bodenverbesserer (Humus, Bodenleben), der die Düngerverfügbarkeit verbessert und Auswaschung reduziert, aber eben nur wenig Nährstoffe selber zuführt.

    Nichtsdestotrotz ist eine weitere Reduzierung des mineralischen Düngerbedarfs immer noch nötig. Schließlich ist Phosphor eine endliche Ressource und Stickstoffdünger sehr energieaufwendig in der Herstellung. Hier sind weiter Techniken wie Precision Farming und die Pflanzenzüchtung gefragt.

    Umso wichtiger ist deshalb auch, Bauern in Afrika und Asien mit Know how zum effizienten Einsatz von Düngern zu helfen und so die Probleme, die ein unsachgemäßer Einsatz mit sich bringt, zu verhindern.

    • 22. Mai 2013 um 16:59 Uhr
    • RoH
  8. 8.

    In übertriebenem Düngereinsatz sehe ich, insgesamt betrachtet, ein oft unterschätztes und gewaltiges Problem sowohl für die langfristige Gesundheit landwirtschaftlicher Böden als auch für den Naturschutz, auch in Deutschland!
    Hier in der Umgebung beobachte ich an zahlreichen Stellen, wie sich stickstoff-liebende Arten bis in Naturschutzgebiete ausbreiten, die eigentlich durch magerkeitsliebende, teils sehr seltene Arten geprägt sind. Der überschüssige Dünger und die verklappte Gülle sickert schlicht von allen Seiten in den Boden, breitet sich aus, und die Artenvielfalt bleibt auf der Strecke.
    Extensive, gut geplante Landwirtschaft produziert dagegen eine reiche, vielfältige und biologisch stabile Kulturlandschaft; da braucht man dann auch gar nicht so riesige Schutzräume für seltene Arten, denn die können sich vielfach von selbst halten! Außerdem: der Boden mag zwar kurzfristig nicht so hohe Erträge bieten, diese bleiben aber langfristig erhalten und erfordern auch nicht so viel kostenintensive, subventionierte chemische “Nachhilfe”, die können wir uns hier eigentlich auch nicht leisten.

  9. Kommentar zum Thema

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