Ana und Urs Willmann

FC St. Pauli

Keine Überraschung mehr!

Vier Spiele vor Schluss auf Platz elf: Es sieht gut aus für den FC St. Pauli. Wären da nicht diese Wundertütenspiele wie zuletzt gegen Düsseldorf.

Wir haben es an dieser Stelle schon einmal thematisiert. Es gibt einen Verein, der ist zur Halbzeit normalerweise Meister in seiner 1. Liga. Entsprechend dröge gestaltet sich das Leben eines Fans dieses Clubs. Wir dagegen gewinnen zwar keine Blumentöpfe, aber die Überraschung ist unsere Konstante.

Das wäre positiv zu bewerten, übertriebe es der FC St. Pauli nicht manchmal. Die ablaufende Saison 2016/17 wünscht sich keiner zurück. Man sehnt sich weniger unerwarteten Zauber herbei. Der armen Nerven wegen.

Am vergangenen Freitagabend ging es kurz nach Anpfiff schon damit los, dass man sich in kurzer Taktfolge auf Neues einstellen musste. Nachdem Bernd Nehrig und Kevin Akpoguma beim Luftkampf in Minute sechs wuchtig ineinandergerasselt waren, mussten Heim- und Gasttrainer ihre Mannschaft ummodeln. Beide Spieler landeten in der Klinik – der Verteidiger von Fortuna Düsseldorf mit gebrochenem Halswirbel, unser Nehrig mit "Einblutung im Kreuzbein-Darmbein-Gelenk". Weniger akademisch-medizinisch ausgedrückt heißt das in etwa: Ihm tat der Arsch sehr weh. Weiter"Keine Überraschung mehr!"

 
Ana und Urs Willmann

St. Pauli - Würzburg

Abstiegskampf soll gefälligst Spaß machen

Mühsam und schleppend: St. Paulis Spiel gegen Würzburg war eines der räudigsten seit Langem. Erst in den letzten Minuten wachte der FC auf – gerade noch rechtzeitig.

Ostereier suchen war schon schwer genug am Sonntagmorgen. Noch besser versteckten sich die Punkte am Nachmittag. Die Folge: Da war er wieder, der Abstiegskampf. 80 Minuten lang mühsamer, ekelhaft schleppender Abstiegskampf.

Wenig gelang auf dem Rasen. Für die Stilmittel, auf die in der Not zurückgegriffen wurde, sind eher die unteren Ligen bekannt – hektisches Stochern und beim Aufbauversuch den Gegner mit dem Ball erschießen. Höhepunkte der ereignisarmen Partie: Außennetztreffer. Weiter"Abstiegskampf soll gefälligst Spaß machen"

 
Aimen Abdulaziz-Said

Der Jatta-Faktor

Im Nordderby gegen Bremen ist der HSV wieder in alte Muster zurückgefallen. Nur Stürmer Bakery Jatta machte auf sich aufmerksam und Hoffnung für den Abstiegskampf.

Es konnte einfach nicht gut gehen: Nachdem der HSV in der sechsten Spielminute durch ein Tor von Michael Gregoritsch etwas glücklich mit 1:0 in Führung gegangen war, fiel die Mannschaft von Trainer Markus Gisdol wieder in alte Muster zurück: Das Angriffsspiel wurde nach dem Führungstreffer fast vollständig eingestellt, und Werder Bremen erspielte sich eine große Torchance nach der anderen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis das Gegentor fallen würde. Weiter"Der Jatta-Faktor"

 
Matthias Strzoda

Bob Dylan

Stimme? Na ja. Gesang? Bestens

Bob Dylan live in Hamburg: kaum noch krächzende Rockmusik, dafür historische Jazzballaden und nostalgischer Mitternachtsblues. Grandios. Auch der Gesang.

Der Literaturbetrieb reagiert wie immer stoisch. Nobelpreis? Buchdruckmaschine an! Moment mal – was drucken wir eigentlich? Bei Thalia in der Hamburger Spitalerstraße stapelte sich im vergangenen Winter eine edel gebundene Neuauflage von Bob Dylans verschwurbeltem Prosaband Tarantel, verfasst 1965/66, Erstveröffentlichung 1971. Versehen mit dem Aufkleber "Nobelpreis 2016". Verkäuferinnen verwiesen auf "das neue Bob-Dylan-Buch". Rührend.

Bekanntlich ist die Stockholmer Preisvergabe kein Wunschprogramm, Philip Roth und Cormac McCarthy warten schließlich auch schon länger. Stattdessen als Interimslösung: Textdichtung im Rock. Wer käme noch in Betracht: Joni Mitchell oder Ray Davies? Paddy McAloon von Prefab Sprout oder Mark E. Smith von The Fall? Geht es um die Qualität und Innovation von Songtexten, hätte man freilich zuallererst an Chuck Berry denken müssen, als er noch lebte – genial komprimierter und gereimter Jive-Talk voller Witz und Anspielungen. Natürlich nicht so lang ausformuliert wie Desolation Row, dessen zehn wortreiche Strophen Dylan in der Bahrenfelder Barclaycard Arena am Flügel mühelos rezitiert (mächtige Americana-Bandversion!). Weiter"Stimme? Na ja. Gesang? Bestens"

 
Ana und Urs Willmann

FC St. Pauli

Doppelte Rettung

Ende der Flaute: Wenn Aziz Bouhaddouz den FC St. Pauli in Nürnberg mit überlebenswichtigen Toren zum Sieg schießt, muss für einen Moment sogar die Weltpolitik ruhen.

Zum Glück gab es am frühen Freitagabend im Fanladen noch Zeit, um etwas anderes zu tun, als "nur" ein Auswärtsspiel anzuschauen. Wir hatten Zeit für Politik. Die gehört zum Verein wie das Salz zum Meerwasser. St. Pauli ohne Politik: Das ist ähnlich unvorstellbar wie Trump ohne geföhnte Dünnhaarwelle. Oder wie G20 ohne Stunk.

Solange also am frühen Freitagabend in Nürnberg keine Tore fielen, galt die Aufmerksamkeit erst einmal Deniz Naki, vor und noch während des Spiels. Unser Ex-Kicker und Held von Rostock ist in der Türkei gerade zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Wegen angeblicher Terrorpropaganda. Solche ist in der Türkei erstaunlich leicht zu produzieren. Es reicht, den Sieg der eigenen Mannschaft den Opfern militärischer Auseinandersetzungen zu widmen. Weiter"Doppelte Rettung"

 
Justus Ledig

Docks

Teufelsanbetung kann so harmonisch klingen

Weihrauchgeruch und ein Sänger in päpstlichem Gewand: Die schwedische Hardrock-Band Ghost verbreitet im Docks sakrale Stimmung und höllisch guten Sound.

Es ist schwierig, eine gute Erklärung für den derzeitigen Erfolg von Ghost zu finden. Ihr gefälliger, nicht zu wilder Hardrock mit Siebziger-Jahre-Einschlag klingt nicht bahnbrechend. Auch hat es im harten Rockbereich schon andere Bands gegeben, die sich mit einer satanischen Aura schmückten. Aber dennoch feiern die maskiert auftretenden Schweden seit ein paar Jahren mit diesem Rezept gewaltige Erfolge, von ausverkauften Tourneen bis hin zum Grammy-Gewinn 2016. Es ist sogar so weit gekommen, dass eine kleine EP namens "Popestar" ausreicht, um erneut durch die USA und Europa zu touren.

Obwohl das letzte Ghost-Konzert in Hamburg keine anderthalb Jahre zurückliegt, ist das Docks am vergangenen Samstag seit Langem ausverkauft. Metal-Fans, Gothics und ganz normale Leute wollen sich von Sänger Papa Emeritus III. und seinen Instrumentalisten, den Nameless Ghouls, verhexen lassen. Bei vielen geht die Faszination so weit, dass sie sich Tourshirts für 30 Euro leisten. Weiter"Teufelsanbetung kann so harmonisch klingen"

 
Aimen Abdulaziz-Said

Der nächste Schritt zum Klassenerhalt ist getan

Bisher war Aaron Hunt beim HSV eher unauffällig, gegen Hoffenheim entschied er das Spiel. Der Sieg zeigt, dass die Mannschaft auch gegen Spitzenteams gewinnen kann.

Als sich Nicolai Müller vor einer Woche im Spiel gegen den 1. FC Köln verletzte, schrieb ich in dieser Kolumne, dass der HSV durchaus in der Lage sei, den Ausfall seines Topscorers zu kompensieren. Um diese Aussage zu belegen, nannte ich vier Namen: Bobby Wood, Filip Kostić, Michael Gregoritsch und Luca Waldschmidt. Zwei Namen fehlten allerdings: Pierre-Michel Lasogga ließ ich bewusst weg – Aaron Hunt habe ich dagegen schlichtweg vergessen.

Ich kann mich noch genau erinnern, wie sehr ich mich über den Neuzugang Hunt freute, als dieser zur Saison 15/16 vom VfL Wolfsburg zum HSV wechselte. An seine starken Bremer Zeiten konnte Hunt im HSV-Dress aber nie wirklich anknüpfen, und so wich die Freude schnell der Enttäuschung.

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Ana und Urs Willmann

FC St. Pauli

Die Serie ist zurück

Die Nullnummer gegen den SV Sandhausen offenbart: Der FC St. Pauli hat ein Problem, das er vor Kurzem noch für gelöst hielt. Wer findet die Ausrede?

Wir sind wieder mittendrin in diesem vermaledeiten Abstiegskampf. Vor einer Woche noch dachten wir, das lästige Problem seien wir los. Nie wieder 3. Liga, nie wieder Faschismus, nie wieder Abstiegskampf! Denn davor war ja nur die Niederlage gegen Union. So was kann immer mal passieren, schließlich hat Poldi ja einst gesagt: "So ist Fußball. Manchmal gewinnt der Bessere."

Auch das Unentschieden gegen Hannover 96 war kein Beinbruch. Dachten wir.

Aber nun das: Die Nullnummer gegen die Niedersachsen entpuppt sich langsam, aber sicher als der Start in eine neue grauenhafte Serie, respektive als die Rückkehr einer solchen. Denn mittlerweile haben wir seit drei Spielen nicht ins Tor getroffen. So wie zuletzt im November und Dezember. Für die Pleite in Aue am vergangenen Wochenende konnte man mit ausschweifenden Gedanken immerhin ein paar Argumente zusammenkratzen, die halbwegs das Zeug zu einer Ausrede hatten: Aziz Bouhaddouz fehlte, Cenk Şahin fehlte. Außerdem ist Aue unser traditioneller Angstgegner; keine andere Mannschaft lässt uns immer wieder so humorlos alt aussehen. Weiter"Die Serie ist zurück"

 
Aimen Abdulaziz-Said

Ein folgenschwerer Sieg

Der HSV hat den 1. FC Köln durch einen Treffer in der Nachspielzeit mit 2:1 geschlagen. Doch der Ausfall des Topscorers Nicolai Müller trübt die Freude über den Sieg.

Ich hatte mich eigentlich schon mit dem 1:1-Unentschieden abgefunden. Es lief bereits die 86. Spielminute und weder der HSV noch die Kölner wirkten so, als würden sie noch einmal zur großen Schlussoffensive ansetzen. Doch dann tauchte Lewis Holtby plötzlich frei vor dem Kölner Tor auf und erzielte den vermeintlichen Siegtreffer. Holtby stand allerdings im Abseits, das Tor zählte nicht. Doch der HSV schien nun wieder an den Sieg zu glauben. Und ein paar Minuten waren ja noch zu spielen.

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Sebastian Kempkens

Die Linke

Widdewidde wie sie mir gefällt

Ein Linken-Abgeordneter hat ein gestörtes Verhältnis zur Wahrheit. Ärgerlich, dass seine Partei ihn trotzdem in den Bundestag schicken will.

Die Zeiten sind angespannt, wenige Worte reichen oft, um die Lage eskalieren zu lassen. Im Großen hat das der türkische Außenminister kürzlich bewiesen, als er im Konsulat an der Alster über angebliche Demokratiedefizite Deutschlands herzog und seine Zuhörer damit innerhalb kürzester Zeit aufwiegelte. Und Martin Dolzer, Bürgerschaftsabgeordneter der Linken, demonstrierte die verheerende Wirkung falscher Worte kürzlich im Kleinen.

In St. Georg hatte ein Zivilpolizist auf einen Ghanaer geschossen, der ihn zuvor offenbar mit einem Messer attackiert hatte. Eine undurchsichtige Situation, widersprüchliche Zeugenaussagen. Aber schon wenige Tage nach dem Vorfall ließ sich Dolzer dazu hinreißen, in der taz von einem »rassistisch motivierten Hinrichtungsversuch« zu sprechen. Beweise für den krassen Vorwurf blieb er schuldig, einen Effekt hatte seine Äußerung dennoch: Die Debatte überschlug sich fast vor Hysterie, und in St. Georg kam es zu Tumulten. In einer ohnehin brisanten Situation hat Dolzer mit einer einzigen Äußerung gleich mehrere Eskalationsstufen auf einmal genommen. Weiter"Widdewidde wie sie mir gefällt"