Martina John

"Lifestyles" im Westwerk

Lost in Translation, aber umgekehrt

Im Westwerk auf der Fleetinsel zeigen japanische Künstler, wie sie Hamburg wahrnehmen – und suchen mit den Besuchern nach kulturellen Parallelen.

Nur wenige Schritte vom Fleetinsel-Weihnachtsmarkt entfernt gelangt man durch ein großes Holztor in eine geheimnisvolle Welt. Heraus aus dem Glühweindunst, hinein in den Kunstraum Westwerk in der Admiralitätsstraße. Nach einer freundlichen Begrüßung steht man in einem weiß gestrichenen Raum, ausgestattet mit mysteriösen Objekten wie einer Holzmaschine mit Wärmelampe oder einer Art Labor aus Glasfläschchen.

Eine Gruppe japanischer Künstler lädt zur Ausstellung Lifestyles ins Westwerk. Sie stammen aus der Hafenstadt Fukuoka im Süden Japans. Mit 1,6 Millionen Einwohnern ist die Metropole nicht nur fast so groß wie Hamburg, sie hat mit ihr eine weitere Eigenschaft gemeinsam: Ihre lebendige Kunstszene muss sich gegen die aus der Hauptstadt Tokio durchsetzen, ein Schicksal, das Hamburger Kunstschaffende mit Blick auf Berlin gut kennen. Dass die Organisatorin der Ausstellung, Naho Kawabe, das künstlerische Leben ihrer Heimatstadt mit dem in Hamburg verknüpfen möchte, erscheint daher nur folgerichtig. Weiter"Lost in Translation, aber umgekehrt"

 
Ana und Urs Willmann

FC St. Pauli - 1. FC Kaiserslautern

Da hilft nur das Phrasenschwein

Trotz reichlich Schwung hat gegen Kaiserslautern die beste Saisonleistung nicht zum Sieg gereicht. Und die Konkurrenz hat auch gewonnen. Deshalb wird's nun abgedroschen.

Es gibt auf vielen Konferenztischen ein Säugetier aus Porzellan. Sein Name ist Phrasenschwein. Gefüttert wird es normalerweise mit fünf Euro – immer dann, wenn einer in komplexen Diskussionen dem Niveau nicht gewachsen ist und daher zu einer abgedroschenen Phrase greift. Phrasen haben oft eine dümmliche, peinliche Note, deswegen die Geldstrafe. Aber es gibt Momente, da darf man um Nachsicht bitten. Wir würden gerne, ohne fünf Euro zahlen zu müssen, in unserer Analyse zum letzten Spiel von St. Pauli eine Phrase dreschen. Sie lautet so: "Nur ein Tor hat gefehlt."

Es war wirklich das einzige, woran es uns am Freitagabend elementar mangelte. Die Partie gegen den 1. FC Kaiserslautern endete 0:0. Wie nie zuvor trifft die Binse hier exakt den Punkt. Sie ist gerechtfertigter als bei früheren Gelegenheiten in der deutschen Fußballwelt, als zum Beispiel Martin Oslislo, der Trainer von SpVgg Osterhofen-Altenmarkt aus der Landesliga Mitte, nach dem 0:0 gegen Ettmannsdorf im November 2015 behauptet hatte: "Das einzige, was fehlte, war das Tor!" Oder als Fabian Lustenberger von Hertha BSC im Februar 2016 meinte: "Das zweite Tor hat gefehlt." Oder als Manuel Neuer kürzlich nach dem WM-Qualispiel gegen Tschechien reflektierte: "Da hat nur das dritte Tor gefehlt." Oder als Huub Stevens im November 2015 als Hoffenheim-Trainer verlautbarte: "Das vierte Tor hat gefehlt." Weiter"Da hilft nur das Phrasenschwein"

 
Andreas Grieß, Elbmelancholie

Droge K2

Grausige Droge, neue U-Bahn

Es gab bereits Frost und Schnee. Genauso überraschend kam die Droge K2 hierher. Währenddessen protestieren Barmbeker gegen die U5. Die Kolumne Unerwartet und Unbemerkt

Unerwartet

"Neue Droge mit grausigen Wirkungen erreicht Hamburg" war unlängst im Abendblatt zu lesen. Und "ist die Zombie-Droge in Hamburg angekommen?" fragte die Mopo Anfang November. Die Rede ist vom synthetischen Marihuana K2, das bislang vor allem in den USA und dort insbesondere in New York aufgefallen ist. In der Stadt musste seit 2015 bereits eine mittlere vierstellige Zahl an Konsumenten in Folge von K2-Konsum ins Krankenhaus.

Acht Drogen-Konsumenten fielen nun in Hamburg in der Nähe des Hauptbahnhofs auf. "Die Betroffenen hatten Ausfallerscheinungen, Krampfanfälle und sind bewusstlos geworden", zitiert das Abendblatt Polizeisprecherin Heike Uhde. Ob es wirklich K2 war, was die Betroffenen geraucht haben, ist nicht bekannt. Der Dealer – alle acht Personen hätten das Rauschmittel beim gleichen Händler erworben – weigert sich zu sagen, was er verkauft hat. Reste der Substanz konnten nicht sichergestellt werden.

Der Vorfall beunruhigt auch die Politik. Die Bürgerschaftsabgeordneten Dennis Gladiator und Birgit Stöver, beide von der CDU, fragten in einer Kleinen Anfrage den Senat: "Wie gefährlich ist die 'Teufelsdroge' für Hamburg?" Genaue Erkenntnisse gibt es bislang jedoch nicht. Auf die Frage, wie die Droge nach Hamburg komme, antwortet der Senat: "Bisher kam es zu keinem Ermittlungsverfahren beziehungsweise zu keiner Sicherstellung von K2 im Zuständigkeitsbereich der speziell für die Verfolgung von Rauschgiftdelikten zuständigen Dienststelle LKA 6 im Landeskriminalamt Hamburg." Weiter"Grausige Droge, neue U-Bahn"

 
Aimen Abdulaziz-Said

HSV-Bremen

Bitte nicht schönreden

Die starke Offensivleistung des HSV am Samstag gegen Bremen lag auch daran, dass der Gegner das zuließ. Immerhin: Noch gibt es nach dem 2:2 keinen Grund zur Panik.

HSV-Trainer Markus Gisdol war nach dem 2:2-Unentschieden gegen Werder Bremen mal wieder sehr bemüht, das Positive an der Hamburger Leistung hervorzuheben. "Die Mannschaft hat in der gesamten ersten Halbzeit vielleicht einen der besten Auftritte gehabt", sagte Gisdol. Und: "Was wir offensiv angeboten haben: Da war nicht viel zu bemängeln."

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Martina John

Performance-Kunst

Intellektueller, Loser, Rassistin?

Performance ist körperbetont – und spannt auch gern die Zuschauer mit ein. Körperkunst mit viel Plastikfolie zeigte am Donnerstag die Hamburger Galerie Affenfaust.

Eine Frau wird in Frischhaltefolie eingewickelt, transparentes Plastik spannt sich bis über ihr Gesicht, droht ihr den Atem zu rauben – und um sie herum stehen lauter gut gekleidete Menschen und schauen zu. Es handelt sich um eine Performance von Anne Pretzsch, Anna Hubner, Christine Kristmann und Lionel Tomm in der Affenfaust Galerie.

Die Galerie auf St. Pauli, Hamburgs Anlaufstelle für alles, was sich im Dunstkreis von Urban Art abspielt, hat zur ersten Performance-Nacht geladen. Am Donnerstagabend verschmelzen hier die Grenzen zwischen Werk und Künstler.

Performance-Kunst, aus dem Geist der sechziger Jahre entstanden, macht den Körper zum Kunstwerk. Durch Aktionen, die für Uneingeweihte irgendwo zwischen Improvisationstheater und Pantomime verortbar scheinen, entstehen Kunstwerke, die sich nicht nur im Raum, sondern in der Zeit abspielen. Ist die Performance vorbei, verschwindet auch das Kunstwerk, denn im Gegensatz zum Theaterstück wird eine Performance in der Regel nicht wiederholt: Der Künstler durchlebt den Moment zum ersten Mal.

So ein Werk lässt sich schwer verkaufen – das hindert Performance-Künstler nicht daran, zu Stars zu werden: Bekanntes Beispiel ist die serbische Künstlerin Marina Abramović, die nicht nur ihren Körper künstlerisch malträtiert, sondern durch Kooperationen mit Lady Gaga oder Jay Z noch mit über 60 Popstarstatus erreichte.

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Frank Drieschner

Müllgebühr

Ist doch Müll

In Hamburg wird zunehmend Freizeit auf Straßen und Plätzen verbracht. Der Senat will deswegen eine "Straßenreinigungsgebühr" nehmen. Das könnte kompliziert werden.

Der Grundgedanke ist nachvollziehbar: Staatliche Leistungen kosten Geld, wer sie ausweitet, der muss für mehr Einnahmen sorgen. So gesehen ist die Idee nicht abwegig, auf die sich die Hamburger Regierungsparteien offenbar verständigt haben. Unsere Stadt soll sauberer werden, 400 neue Mitarbeiter der Stadtreinigung sollen dazu beitragen. Klar, dass die nicht umsonst arbeiten. Auf die Bürger kommt daher eine "Straßenreinigungsgebühr" zu.

Auf den zweiten Blick ist die Idee nicht mehr ganz so plausibel. "Das ausgeprägte städtische Leben geht mit einer stärkeren Nutzung öffentlicher Räume einher", heißt es in einem Sauberkeitsantrag der Grünen in der Bürgerschaft, weshalb zwischendurch auch mehr geputzt werden müsse. Aber wenn die öffentlichen Räume wirklich intensiver beansprucht werden als in der Vergangenheit, liegt es nahe, das für eine Folge von Wachstum und Verdichtung zu halten. Beides erhöht das Steueraufkommen, das aus diesem Grund eigentlich auch ohne zusätzliche Abgabe in der Lage sein sollte, seine Mülleimer zu leeren. Weiter"Ist doch Müll"

 
Justus Ledig

Alcest & Mono

Wenn der Post-Rock zweimal klingelt

Auf Co-Headliner-Tour verzaubern Alcest und Mono Europa mit intensiv-verträumtem Sound. Unser Autor ließ sich im Uebel & Gefährlich in Gitarrenwände einmauern.

"Post-" ist zwar ein inflationär gebrauchtes Präfix für Musik aus der Rock-Ecke, doch nicht selten steckt hohe Qualität dahinter. Wenn Künstler den (manchmal notwendigen) entscheidenden Schritt gehen und die ausgetretenen Pfade verlassen, gibt es immer was zu entdecken. So auch bei Alcest aus Frankreich und Mono aus Japan, die sich derzeit die Bühnen Europas teilen. In Hamburg macht man im Uebel & Gefährlich Halt – erfahrungsgemäß eine der ersten Adressen der Stadt für diesen Sound.

Gemotze gibt es gleich mal vorab: Gerade in Zeiten sozialer Netzwerke muss es wirklich nicht sein, dass ein Konzertbeginn für 21 Uhr angekündigt wird, obwohl die erste Band bereits deutlich früher beginnt. So bleibt uns von der Vorband PG Lost aus Schweden nur der Abklang. Das, was sich noch erkennen lässt, gefällt. Angesichts der bereits fortgeschrittenen Uhrzeit an diesem Montagabend sind wir allerdings etwas dankbar, dass es zügig vorangeht. Der Saal ist jedenfalls schon sehr gut gefüllt, das Publikum besteht aus einem erweiterten Kreis Metal-affiner Menschen verschiedenster Altersschichten und leichtem Hipster-Faktor.
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Ana und Urs Willmann

FC St. Pauli

Tollpatschig in die Misere gestiefelt

Auf dem Weg nach unten sind wir beim FC im Moment tatsächlich ziemlich unstoppable. Mit anderen Worten: Wir sind im freien Fall.

In der Halbzeitpause wurde trotz Personalmangels gewechselt. Den von Erfahrung und Kampf gezeichneten alten Hasen ersetzten zwei vielversprechende Talente. Sie zeichneten sich durch jugendliche Kreativität aus, waren Oberkante Unterlippe voll mit Motivation, sprühten vor Ehrgeiz. Unermüdlich strapazierten sie ihre Stimmbänder und sorgten mit einer abwechslungsreichen Playlist für ein ordentliches Aufbäumen. Auf der Tribüne. Als Vorsänger gaben die frischen Kräfte auf dem Zaun den Ton an, die Südkurve lärmte.

Auf dem Rasen jedoch blieb es still. Der berühmte Funke sprang nicht auf die Fußball spielende Mannschaft über. Das Spiel endete mit einem rumpeligen Gekicke, das zeitweise fast im Minutentakt vom Unparteiischen unterbrochen wurde (offensichtlich hatten die Gegner aus Düsseldorf Schwierigkeiten, sich in Zweikämpfen auf den Beinen zu halten).

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Aimen Abdulaziz-Said

Hoffenheim-HSV

Endlich mal nicht kollabiert

Der HSV scheint ja doch noch in der Bundesliga bestehen zu können. Nur bringt der eine Punkt gegen Hoffenheim leider nichts.

"Es war ein gutes Fußballspiel." Dieser Satz fällt im Zusammenhang mit dem HSV eigentlich nicht oder zumindest nicht mehr. Nach dem 2:2-Unentschieden gegen die TSG Hoffenheim kann man sicher darüber streiten, was dieser Punkt nun wert ist. Auf eines werden sich die meisten aber einigen können: Es war ein gutes Fußballspiel. Und das ist doch zumindest mal ein Anfang.

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Oliver Hollenstein

Mit Haushaltszahlen blenden

SPD und Grüne zeigen sich spendabel. Ist das der Anfang vom Ende der Sparpolitik?

Wer wollte da noch meckern? Sanierung öffentlicher Toiletten und Spielplätze. Kostenlose Ferienbetreuung für Kinder von Hartz-IV-Empfängern. Mehr Mitarbeiter für den Datenschutzbeauftragten. Einstellung neuer Verfassungsschützer zur Überwachung des Internets. Zusätzliche Verwaltungsrichter und Staatsanwälte. Die Feuerwehr bekommt neue Schutzanzüge, die Privattheater erhalten mehr Geld. Am Hauptbahnhof soll eine neue Obdachlosenbetreuung entstehen, und sogar die Bezirke dürfen sich über mehr Unterstützung freuen.“

„Wir investieren in ein sicheres, solidarisches und lebenswertes Hamburg“, verkündeten die Regierungsfraktionen SPD und Grüne am Montag. Nach Trumps Wahlsieg in Amerika sei nun auch in Hamburg Bürgernähe gefragt. Bürgernähe in Form eines Präsentkorbs im Wert von 42 Millionen Euro. Das überrascht einigermaßen. In den vergangenen Jahren hieß es immer, die Stadt müsse wegen der bald drohenden Schuldenbremse eisern sparen. Weiter"Mit Haushaltszahlen blenden"