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Hafen

Hamburg hat Glück gehabt

 

Brennende Schiffe können katastrophale Folgen haben. Beim Brand der "CCNI Arauco" zeigte sich, dass Feuerwehr und Hafenbetreiber schlecht vorbereitet waren.

Ist ja alles noch mal gut gegangen. Die gewaltige Rauchwolke hat sich verzogen, die verletzten Seeleute erholen sich, das Feuer auf der CCNI Arauco ist nach drei Tagen erstickt. Jetzt kann man im Hafen und bei der Feuerwehr wieder zur Tagesordnung übergehen, oder?

Das wäre töricht. Denn nicht erst die dramatischen Tage am Burchardkai zeigen: Bei Schiffsbränden ist Hamburg auf Glück angewiesen. Und es gibt keine Garantie dafür, dass der Vorrat an Glück nicht irgendwann aufgebraucht ist.

Im aktuellen Fall der CCNI Arauco hatte die Hamburger Feuerwehr gleich mehrmals Glück. Zum Beispiel, dass das Lösch- und Mehrzweckschiff Neuwerk des Bundes aus Cuxhaven gerade frei war – es eilte herbei und unterstützte die antiquierten Hamburger Löschboote, die längst zu klein sind für die immer gigantischeren Containerriesen. Erst 2018 soll die Stadt ein modernes Löschboot bekommen, warum die Behörden dafür so lange brauchen, ist ein Rätsel.

Glück hatten die Hamburger auch, dass die Werksfeuerwehren von Airbus und der Holborn-Raffinerie gerade Zeit hatten. Sie halfen der Hamburger Feuerwehr bei ihrem dritten Versuch, das Feuer endlich in den Griff zu bekommen. Flutungen des Laderaums mit CO₂ blieben erfolglos. Eine Flutung mit Wasser musste abgebrochen werden, als die Wände zu bersten drohten. Erst ein »massiver Schaumangriff« mit Löschschaum der freundlichen Firmenhelfer erstickte das Feuer.

Ja, es ist schön, dass Hamburg in diesem Fall so viel Hilfe bekam. Doch was, wenn die Helfer einmal keine Zeit haben?

Feuer auf Schiffen sind selten, aber nicht so selten, wie man denkt. Allein auf den europäischen Großfähren, die Autos transportieren, brannte es in den vergangenen fünf Jahren rund 130-mal, auch mitten in Hamburg. Die Atlantic Cartier geriet während des evangelischen Kirchentags im Mai 2013 am O’Swaldkai in Brand, nur 1000 Meter von den Besucherströmen entfernt. An Bord waren Gefahrgutcontainer mit Munition, Raketentreibstoff und radioaktivem Material. 33 dieser Container standen in der Nähe des Brandherds. Doch es dauerte acht Stunden, bis sie von Bord gehoben waren. Die Liste der Versäumnisse an diesem Abend ist lang, viel zu lang.

Drei Tage lang brannte es auf dem Containerschiff am Burchardkai
Drei Tage lang brannte es auf dem Containerschiff am Burchardkai (c) dpa

Die Hafenbetreiber hatten es versäumt, einen Feiertagsdienst einzurichten. So waren an diesem 1. Mai erst mal keine Hafenarbeiter verfügbar, um die gefährliche Ladung zu löschen.

Und die Feuerwehr? Die versuchte zunächst stundenlang, sich auf dem verqualmten Schiff zu orientieren – und den Brand mit Schläuchen zu löschen, anstatt gleich die CO₂-Löschanlage des Schiffes einzusetzen. War sie überfordert? »Von einem verschenkten Zeitraum« spricht der Bericht der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung, die in Hamburg sitzt. Sie stellt fest, dass es »über einen Zeitraum von Stunden keine wirksamen Abwehrmaßnahmen im betroffenen Deck gab. Das Feuer konnte sich somit ungehindert ausbreiten.«

Ist ja alles noch mal gut gegangen. Doch was, wenn die Stadt mal weniger Glück hat?

Schiffsbrände können schnell außer Kontrolle geraten. Wie schnell, zeigt der Fall MSC Flaminia. Das Containerschiff war vor vier Jahren auf dem Weg nach Europa, als auf dem Atlantik der Feueralarm losging. Womöglich reagierte eine empfindliche Chemikalie durch die Wärme im Laderaum, genau wird man es nie mehr herausfinden. Schon nach kurzer Zeit kam es zu einer gewaltigen Explosion, drei Seeleute starben, Container fielen über Bord. Die Überlebenden verließen das Schiff, es trieb tagelang unkontrolliert brennend und eine giftige Rauchwolke ausspeiend übers Meer. Erst nach zwei Monaten wurden die letzten Brandnester gelöscht, als das zerstörte Schiff in Wilhelmshaven ankam. Auf Fotos sieht es aus, als wäre es von Außerirdischen angegriffen worden.

Hamburg muss auf solche Fälle besser vorbereitet sein: mit moderner Ausrüstung, aber auch mit besserer Ausbildung der Feuerwehr. Wenn sich die Stadt weiter auf ihr Glück verließe, wäre das ein unverantwortliches Spiel.

 

3 Kommentare

  1.   Kasha Rubini

    Und was war mit der Besatzung?
    Wenn’s an Bord kokelt, muss sich die Landfeuerwehr auf das technische Personal an Bord verlassen – die müssen ja auch alleine mit der Brandbekämpfung beginnen, wenn das Schiff nicht im Hafen liegt.
    Und dazu gehört auch die Entscheidung, ob und wann die bordeigenen CO2-Löschanlage eingesetzt wird.

    Sehr merkwürdige Beschreibung.

  2. Marc Widmann  Marc Widmann

    Die Besatzung hat in allen geschilderten Fällen zuerst versucht, das Feuer selbst zu löschen, ohne Erfolg. Es sind regelmäßige Brandschutzübungen auf Schiffen vorgeschrieben, aber mit größeren Bränden sind die Seeleute schnell überfordert.

  3.   Goodman

    Man könnte noch eine weitere Tatsache nennen, die ich als fetten Skandal bezeichnen würde: Vor drei Jahren, nach dem oben erwähnten Brand der „Atlantic Carrier“ mit 20 Tonnen radioaktivem Material und 3,8 Tonnen Munition, hatte die Bürgerschaft die Anschaffung von drei modernen Löschbooten beschlossen. Tatsächlich – das meldeten dieser Tage die Kollegen der „Mopo“ – endete erst jetzt, im August, die europaweite Ausschreibung für ein (!) Löschboot. Auftragsvolumen: 15 Millionen Euro.

    Nach dem normalen, bürokratischen Gang der Dinge würde dies erst 2018 einsatzbereit sein. Frank Reschreiter, Sprecher der Innenbehörde, rechtfertigt den langen Dienstweg mit der Übergabe des Flottenmanagements and die Hamburg Port Authority. Aber jetzt würde man ja handeln: „Damit optimieren wir die Hafensicherheit“, so Reschreiter. (Siehe: http://www.mopo.de/hamburg/politik/heftige-kritik-nach-frachter-brand–knapp-an-der-katastrophe-vorbei–24697744)

    Zynischer kann man die behäbige Sorglosigkeit der Verantwortlichen kaum zum Ausdrcuk bringen! Der zweit- bis drittgrößte Hafen Europas liegt nicht offshore, sondern inmitten eines Ballungsgbietes mit zwei Millionen Einwohnern. Und es sind riesige Mengen an Gefahrgütern, die hier her- bzw. von hier wegtransportiert werden – zum Beispiel mehrere Dutzend Atomtransporte.

    Will man nicht weiterhin die Sicherheit der Bevölkerung und der Feuerwehrleute aufs Spiel setzen, gibt es eigentlich nur zwei verantwortbare Alternativen: Entweder man nimmt schnellstens etwas Geld in die Hand, kauft, mietet oder least kurzfristig mindestens zwei moderne (!) Löschboote – oder man lässt große, mit Gefahrgut beladene Schiffe nicht mehr nach Hamburg hinein. Außerhalb von Wilhelmshaven gibt es den modernen Jade-Weser-Port, wo solche Transporte mühelos ankern können. Er hat noch viele freie Kapazitäten.