Ein Blog über Religion und Politik

Untröstlich

Von 22. April 2007 um 13:54 Uhr

Eines meiner schrecklichsten Lieblingsgedichte:
Aubade
von Philip Larkin
larkin.jpeg

I work all day, and get half-drunk at night.
Waking at four to soundless dark, I stare.
In time the curtain-edges will grow light.
Till then I see what’s really always there:
Unresting death, a whole day nearer now,
Making all thought impossible but how
And where and when I shall myself die.
Arid interrogation: yet the dread
Of dying, and being dead,
Flashes afresh to hold and horrify.
The mind blanks at the glare. Not in remorse
– The good not done, the love not given, time
Torn off unused – nor wretchedly because
An only life can take so long to climb
Clear of its wrong beginnings, and may never;
But at the total emptiness for ever,
The sure extinction that we travel to
And shall be lost in always. Not to be here,
Not to be anywhere,
And soon; nothing more terrible, nothing more true.

This is a special way of being afraid
No trick dispels. Religion used to try,
That vast, moth-eaten musical brocade
Created to pretend we never die,
And specious stuff that says No rational being
Can fear a thing it will not feel, not seeing
That this is what we fear – no sight, no sound,
No touch or taste or smell, nothing to think with,
Nothing to love or link with,
The anasthetic from which none come round.

And so it stays just on the edge of vision,
A small, unfocused blur, a standing chill
That slows each impulse down to indecision.
Most things may never happen: this one will,
And realisation of it rages out
In furnace-fear when we are caught without
People or drink. Courage is no good:
It means not scaring others. Being brave
Lets no one off the grave.
Death is no different whined at than withstood.

Slowly light strengthens, and the room takes shape.
It stands plain as a wardrobe, what we know,
Have always known, know that we can’t escape,
Yet can’t accept. One side will have to go.
Meanwhile telephones crouch, getting ready to ring
In locked-up offices, and all the uncaring
Intricate rented world begins to rouse.
The sky is white as clay, with no sun.
Work has to be done.
Postmen like doctors go from house to house.

Kategorien: Dichtung
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Schlaflos sind die, deren Tag nicht ausreicht, Frieden zu finden, und vertraut sind sie mit dem Erwachen, dessen Grauen keinen Namen kennt.
    Es ist nicht die leere Betthälfte, das verspielte Vermögen, der Verlust eines Freundes, der erste Morgen in der Zelle – es ist nicht der Tag “danach”.
    Es ist das ganz banale Grauen, das ohne jeden Grund, das ohne Substanz, wenn einen die Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit mit voller Härte trifft, mitten in die Fresse, und genau dann, wenn man am verletzlichsten ist, weil noch die Deckung fehlt.
    Psyche und Körper müssen gewappnet sein, bevor man einer Attacke standhalten kann.
    Der Horror der Todesahnung dauert nur einen Augenblick, aber die Erinnerung daran bleibt haften.
    Absolute Einsamkeit. Ausgesetzt in den leeren Weltenraum. Mutterschiff zerstört. Lebendig begraben. Kein Gegner. Kein Schuldiger. Kein Kampf. Kein Trost. Keine Liebe. Kein Weg. Kein Ausweg. Keine Rettung. Keine Hoffnung.

    D. H. Lawrence, ein anderer englischer modern classic, hat die Ursache beschrieben, die zu dieser absoluten Finsternis führt, wie ich sie früher oft erlebt habe.
    In seinem Gedicht “Only Man” von 1928 zeigt er die Misere von Menschen, die von Gott abgefallen sind, und diesen Verlust nicht kompensieren konnten.

    “ONLY MAN

    Only man can fall from God
    Only man.
    No animal, no beast nor creeping thing
    no cobra nor hyaena nor scorpion nor hideous white ant
    can slip entirely through the fingers of the hands of god
    into the abyss of self-knowledge,
    knowledge of the self-apart-from-god.

    For the knowledge of the self-apart-from-God
    is an abyss down which the soul can slip
    writhing and twisting in all the revolutions
    of the unfinished plunge
    of self-awareness, now apart from God, falling
    fathomless, fathomless, self-consciousness wriggling
    writhing deeper and deeper in all the minutae of self-knowledge,
    downwards, exhaustive,
    yet never, never coming to the bottom, for there is no bottom;
    zigzagging down like the fizzle from a finished rocket
    the frizzling falling fire that cannot go out, dropping wearily,
    neither can it reach the depth
    for the depth is bottomless,
    so it wriggles its way even further down, further down
    at last in sheer horror of not being able to leave off
    knowing itself, knowing itself apart from God, falling.”

    (D. H. Lawrence, 1885 – 1930, aus: Herrig/ Meller/ Sühnel: British and American Classical Poems, 1966, Seite 241)

    Die Frage ist, wie man die Lücke füllt, die ein göttlicher Übervater nach seinem Ableben hinterlässt.

    Wozu wurden wir in die Welt gesetzt?
    Was ist unsere Bestimmung im Leben?
    Welche Bedeutung hat der Tod?

    Die Antworten finden sich, wenn man das Pferd von hinten aufzäumt.
    Der Tod ist ein grandioser Motivator.
    Er macht fügsam, strebsam, arbeitsam und erfinderisch.
    Er begründet Rituale, Mythen und Legenden, und er fordert die Menschen dazu auf, ihm ein Schnippchen zu schlagen, ihm etwas “abzutrotzen”, und wenn es nur ein paar Jährchen höhere Lebenserwartung sind.
    Der Tod weckt unseren Sportsgeist, und unsere philosophische Neugier, und genau das unterscheidet den Menschen vom Tier, trennt die Lebenden von den Toten.
    Spinnen wir diesen Gedanken weiter, so kommen wir zu dem Schluss:
    Ein unendlich langes Leben müsste dem Menschen zwangsläufig seine Antriebskraft rauben, und ihn immer weiter abstumpfen lassen, bis er sich in intellektueller und emotionaler Hinsicht in einen Stein verwandelt hätte, gefühlskalt und gedankenlos, sich seiner selbst gar nicht mehr bewusst.
    Ohne die Aussicht auf den Tod wären wir also tot, oder würden langsam zu einer hirnlosen Amöbe mutieren.

    Das ewige Leben im Paradies kann es also nicht geben, und das klassische Gottesmodell mithin auch nicht.
    Im Buddhismus spricht man von der “bedingten Entstehung”, die der Grund dafür ist, warum es Leben nur um den Preis der Sterblichkeit geben kann.
    Keine grössere materielle Einheit bildet sich ohne eine Vielzahl beteiligter Faktoren und Substanzen.
    Verändert oder verflüchtigt sich eine der beteiligten Substanzen, so wird dadurch das Gesamtgefüge destabilisiert, mit der Folge, dass sich die Einheit allmählich ganz auflöst, und ihre Substanzen dann Verbindungen zu anderen Partikeln eingehen, wodurch die Transformation zu etwas Neuem erfolgt, das seinerseits den Gesetzmässigkeiten des bedingten Entstehens unterliegt.
    Eine unendliche Existenz wäre also nur denkbar, wenn das Universum – und zwar in allen seinen Teilen – ganz plötzlich und endgültig still stehen würde.
    Aber selbst wenn uns das Universum (Gott?) diesen “Gefallen” täte, so würden wir nur in unserer jeweiligen Position quasi “eingefroren” (ich hier vor dem PC, du dort auf dem WC, usw.).

    Vorstellungen von “Leben nach dem Tod” und “Garten Eden” sind also nur Illusionen, es kann sie aufgrund logischer Unmöglichkeit nicht geben.

    Ebenso unlogisch ist es, wenn jemand bedauert, sterben zu müssen.
    Denn wenn das Leben nur um den Preis der Sterblichkeit zu haben ist (wie oben beschrieben), dann wäre ein Bedauern der eigenen Sterblichkeit zwangsläufig verbunden mit einem Bedauern darüber, überhaupt geboren worden zu sein.
    Die meisten Menschen bedauern aber nur den Tod, nicht das Geborenwerden – und darin liegt ein Widerspruch auch dann, wenn die Menschen sich dessen gar nicht bewusst sind.
    Die Überlegung dabei ist, dass es nicht sinnvoll sein kann, Verhältnisse zu bedauern, die nicht einmal der Theorie nach und unter anderen Umständen anders sein könnten, als sie es tatsächlich sind!
    So kann man vielleicht bedauern, dass es regnet, weil an anderen Tagen die Sonne scheint, aber es wäre noch viel unsinniger, sich über die Abwesenheit der Sonne zu ärgern, wenn die Sonne noch nicht einmal als theoretische Erscheinung denkbar wäre (wenn es bspw. im Universum keine Sonnen gäbe).

    Unlogisch wäre es ebenfalls, Geburt UND Tod zu bedauern, denn wer die Geburt bedauert, der bedauert sie aufgrund ihrer Folgen (der Lebensverhältnisse), und müsste sich deshalb auf den Tod freuen.

    Logisch sinnvoll ist es hingegen, nur die Geburt zu bedauern, nicht aber den Tod, da die Geburt das leidvolle Leben bringt, der Tod dieses Leid aber beendet.
    Diese Logik ist auch praktisch sinnvoll, weil man dann das Leben durch den Freitod beenden kann, sofern man nicht an einen Kreislauf der Wiedergeburt glaubt.

    Logisch sinnvoll ist auch die Anschauung, Geburt und Tod NICHT zu bedauern, weil man einerseits gerne lebt, andererseits aber um die unauflösliche Verbindung von Leben und Tod weiss.

    Halten wir also die beiden logisch schlüssigen Ergebnisse fest:

    Erstens:
    Wir bedauern, jemals geboren worden zu sein, und suchen den schnellstmöglichen Ausstieg aus dem leidvollen Leben.

    Zweitens:
    Wir sehen Geburt und Tod als Einheit an, und akzeptieren den Tod deshalb ohne das geringste Bedauern.

    Für die Frage, nach welchen philosophischen oder ethischen Prinzipien wir unser Leben gestalten sollen, ist natürlich nur die zweite Variante interessant, also verbleiben wir hier.
    Nehmen wir nun an, dass jemand den Tod ALS SOLCHES zwar schon akzeptiert hat – und das sogar aus ganzem Herzen -, aber dennoch das Gefühl hat, sein Leben (oder das eines Angehörigen) könnte vielleicht etwas zu kurz sein.
    Jemand wünscht sich also vor dem Ableben einfach ein paar Ringe mehr am Stamm des Lebensbaumes.
    Wie “legitim” oder “einleuchtend” oder “angemessen” ist dieser Wunsch?
    Nun, auch dieses “Feilschen” um etwas mehr Lebenszeit ist voller logischer Brüche und Widersprüche, und ich nenne hier nur die wichtigsten:

    1. Ein Durchschnittsleben ist sehr lang, und wir gehen i.d.R. sehr unbedacht mit unserer Lebenszeit um. Es gibt also keinen Grund, NOCH länger zu leben, wenn wir JETZT SCHON den grössten Teil unserer Zeit sinnlos verschwenden (z.Bsp. durch unnötige Aufregung).

    2. Was wir erleben, besteht ab einem recht frühen Zeitpunkt meist nur aus Wiederholungen. Der grösste Teil des Lebens besteht aus Variationen von bereits Erlebtem, und irgendwann merken wir, dass alles im Leben irgendwie nach den gleichen Prinzipien funktioniert (Autoverkehr und Stromkreisläufe, Komposition und Baustatik, Völkerwanderungen und Immunreaktionen).

    3. Selbst völlig neue Erfahrungen erlebt ein Zwanzigjähriger nicht mehr so intensiv wie ein Zehnjähriger, oder gar ein Fünfjähriger.
    Die “Blüte des Lebens” endet sehr früh, mit zunehmender Dauer verliert das Leben seine Farbe, die Empfindungen stumpfen ab, der Zauber des Daseins geht verloren wie ein flüchtiges Parfüm, und mit diesem Verlustgefühl verbindet sich viel Schmerz oder Ermüdung.
    Ausnahme von der Regel: Die Ekstase, das sich Verlieren in Beschäftigungen, die – ohne auszulaugen – positive Emotionen hervorrufen (Musik, Meditation). In solchen Fällen gibt es anstelle der geistigen Abnutzung eine Vertiefung, eine Einschleifung.
    Umgekehrt ist auch eine negative Einschleifung möglich (Hass).

    4. “Allein in unserer Galaxis gibt es 400 Milliarden Sterne. Wenn von einer Million dieser Sterne bloss einer dieser Sterne einen Planeten hat, und wenn von einer Million dieser Planeten wiederum nur einer Leben hat, und wenn von einer Million DIESER Planeten nur ein Planet intelligentes Leben hat, dann gibt es draussen im All Millionen von Zivilisationen.”
    (Ellie Arroway in “Contact”)

    Die Erde selber ist vier Milliarden Jahre alt, und es gibt etwa sechs Milliarden Menschen auf der Erde.
    Angesichts solcher Zahlen und Zeitachsen wird schnell deutlich, dass es relativ egal ist, ob ein Mensch bloss ein Jahr alt wird, oder fünfzig Jahre, oder neunzig Jahre.

    Erstaunlich ist aber, wie wenig die Menschheit sich in den letzten Jahrhunderten entwickelt hat, wie gering der geistige Reifegrad geblieben ist, wenn sich erwachsene Menschen aus religiösen Gründen Narrenhauben aufsetzen, oder – auf westlicher Seite -Jugendlichkeit vortäuschen mittels Botox und Hydroderm, wenn Speckröllchen abgesaugt werden, oder wenn die spirituelle Heilserleuchtung gesucht wird bei den Hohepriestern der chrirurgischen Lid- und Halshautstraffung.
    Wahrlich, es gibt kein elenderes Schauspiel an Denaturierung als den eingeölten, angemalten, gegelten, deodorierten, gezupften, tätowierten, gepierceten und gebrandeten menschlichen Körper.

    Anstatt EWIG oder IMMER LÄNGER oder IMMER AUFFÄLLIGER leben zu wollen, sollten wir uns darauf konzentrieren, RICHTIGER, das heisst WÜRDEVOLLER, EHRLICHER und BESSER zu leben.
    Als erstes gehören die alten Götter und falschen Hoffnungen auf ein besseres Jenseits entsorgt, denn nur auf der Basis einer realistischen Weltanschauung kann Tragfähiges entwickelt werden (kein Kuppelbau ohne Statik, keine Statik ohne Mathematik).

    Dann sollten wir unseren Umgang mit dem Tod grundlegend verändern.
    Den Verlust von Angehörigen zu beklagen ist sinnlos und schädlich.
    Nicht Gleichgültigkeit sollte das Ziel sein, sondern Dankbarkeit dafür, eine gewisse Zeitspanne mit einem geliebten Menschen verbracht haben zu können.
    Umgekehrte Vorzeichen also bei der Anschauung, und solche Geisteshaltungen kann man – für den Fall der Fälle – präventiv einüben.
    Geradezu grotesk ist der Widerspruch zwischen der privaten Tabuisierung des Todes einerseits, und der medialen Hysterisierung andererseits.
    Im privaten Kreis spricht man ungern über den Tod, aber im Fernsehen inflationieren die Morde.
    Das ist sehr seltsam, und Verzerrungen dieser Art führen den Menschen ins Abseits, erzeugen chronische seelische Irritationen, führen zu Lüge und Selbstbetrug, zu Wahn und Zerstörungswut.

    Die Menschen des westlichen Kulturkreises haben die Weisheit keineswegs gepachtet, nur weil es im islamischen Kulturkreis noch ärger aussieht, wo libanesische Halbmongos mit Granatwerfern demonstrieren gehen.
    “Gewaltkultur” gehört auch zu unserem (westlichen) kulturellen Erbe, auch wenn die grossen epischen Konflikte vorerst vorbei sind.
    Der Lunte brennt weiter, in unseren Köpfen, in unzähligen Egoismen, gegenseitigen Übervorteilungen, und kleinkarierten Ängsten.
    Die Würde des Menschen ist unser höchstes Gut, aber mit unserer Todeskultur erniedrigen wir uns selbst.
    Hinter dem modernen Menschen steht bedrohlich das grosse Schwarze, und macht aus einem einstmals freien Wesen einen Sklaven.
    Aus Homers furchtlosen und zornigen Helden (Sloterdijk, Zorn und Zeit) sind pingelige und wehleidige Hosenscheisser geworden.
    Der moderne Mensch ist wie ein an seinen Amboss geketteter Schmied, der ohne Unterlass hämmert, schwitzt, leidet und vergeht – und das alles nur, um “beschäftigt” zu sein, um abgelenkt zu sein, um sich nicht umdrehen und dem Tod in die Augen blicken zu müssen.
    Die Erzeugnisse, die er dort – in seinem Stahlbad der Angst – schmiedet, sind oft von erster Qualität, aber sie haben einen zu hohen Preis, und sind von höherem Wert ohnehin nur für den, der dem äusseren Schein anhaftet.
    Ein Zeichen der Hoffnung mag aber sein, dass die werthaltigsten und innovativsten Produkte vermehrt in freudvollen und angstfreien Zonen kreiert werden, von Menschen mit hoher Eigenmotivation.

    In Zeiten der Globalisierung müssen sich alle Glaubenssysteme dem Wettbewerb stellen, und die spirituellen Sinnsucher sollten das Recht haben das zu finden, was am ehesten ihrem Wesen entspricht, ob mit Schöpfergott oder ohne, ob mit Heilsversprechen oder ohne.
    In islamischen Ländern sind 99% der Menschen Muslime.
    Wie wahrscheinlich wäre es wohl, dass sich die selbe Quote für den Islam entscheiden würde, wenn die Menschen eine freie Auswahl hätten?
    Im Glauben darf es keinen Zwang geben, aber ein Mangel an angebotenen Alternativen ist ebenfalls eine Form von Gewalt.
    Welchen Wert hat ein Glaubenssystem, das seine Gläubigen nur durch überlieferte Traditionen einerseits, und Austrittsverbote andererseits an sich bindet?
    Der Sinn eines Glaubens liegt im geglaubt werden vom Gläubigen, und das bedingt eine natürliche Affinität zwischen dem Charakter eines Menschen und einer Lehre.
    Das Passende für sich zu finden, kann für jeden Menschen eine ungeheuere Bereicherung sein – kann seine Rettung sein.

    • 25. April 2007 um 02:09 Uhr
    • iceman
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