Warum unterdrückt der Iran seine Frauen so brutal?

Von 18. Mai 2007 um 17:45 Uhr

Warum hat die Islamische Republik den Frauen den Krieg erklärt, die für ihre Rechte eintreten? Akbar Gandschi, der bekannteste iranische Dissident, hat eine brillante Erklärung (sein Essay hier): Die Geschlechtersegregation ist wichtig, um zu simulieren, dass der Iran eine Gesellschaft sei, in der die Scharia gelte.

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Zu simulieren! Denn wie Gandschi schreibt, die wesentlichen Bestimmungen der Scharia werden im Iran de facto gar nicht angewendet:
1 Dieben werden die Hände nicht abgeschnitten.
2 „Gegnern Gottes“ werden nich je ein gegenüberliegendes Bein und ein Arm amputiert.
3 Das Talionsgesetz – Auge um Auge, Zahn um Zahn – wird nicht angewendet.
4 Die Steinigung wird nicht angewendet.
5 Die Gesetze gegen Apostasie werden nicht angewendet.
6 Die Vorschrift über den Dschihad werden nicht angewandt.
7 Die Besteuerung von Nichtmuslimen wird nicht praktiziert.
8 Die Auspeitschung bei islamisch unkorrektem Verhalten wir nicht angewandt.
9 Das Zinsverbot wird nicht beachtet, sondern durch findige Weisen, Zinsen zu „Porfit“ zu erklären, umgangen.
10 Die Zahlung des Zehnten wird vernachlässigt.
Gandschis sarkastische Folgerung:

Only one thing remains that suggests that the system is Islamic: women’s hijab. The Islamic Republic’s regime makes women wear the hijab by force so that, one, the country is considered Islamic and, two, there can be a justification for continued rule by the vali-ye faqih [supreme Islamic jurist/cleric].

Die Unterdrückung der Frauen mit allerlei Vorschriften über islamische Kleidung, vor kurzem abermals heftig in Szene gesetzt, hätte also nicht die Funktion, die Scharia durchzusetzen, sondern sie wäre ein Versuch, die Nichtbeachtung der Scharia zu bemänteln und damit eine Schein-Legitimation der Theokratie zu liefern:

Today, the Islamic Republic stands naked and without a cover, because, based on to the criteria of the fuqaha (Rechtsgelehrte, J.L.), the country is not Islamic; because there is no justification for the continuation of the fiqh-based State; because it is brute force that has made the survival of rule by the fuqaha possible. There is no reason or logic for covering up the naked oppression and intimidation. So, they cover up women in order to put their Islamism on display. It is that simple.

Gandschi geht noch weiter: Er fragt, warum die Frauenfrage für das Regime eine so existentielle Frage geworden ist, dass es zu immer brutalerer Unterdrückung greift:

The State is opposing women’s demands because the only thing that justifies the authority and guardianship of the fuqaha is the implementation of the precepts of fiqh and the only precepts that remain are the precepts that rule out freedom and equality for women. So, the quarrel is essentially not over religiosity or irreligiosity. The quarrel is over democracy or dictatorship, since equality is the shared foundation of democracy and human rights. Anyone who is opposed to the equality of women and men, believers and unbelievers, clerics and non-clerics, etc. is opposed to democracy and human rights. And anyone who fights for equality in any arena is, knowingly or unknowingly, fighting for democracy and human rights.

Die Frauenfrage ist im Grunde die demokratische Frage. Am Ende zieht Gandschi eine interessante Parallele. Die Kemalisten mit ihrem Kopftuchbann und dien Mullahs mit ihrer Kopftuchvorschrifte werden von ihm als zwei verschiedene, beide zum Scheitern verurteilte, Wege des Umgangs mit der Frauenfrage bezeichnet:

Women’s liberation will be achieved when the plurality of women’s social identities is officially recognized and when the State – any State – stops imposing on women norms that suit the ruling elites and trying to create ‘a woman in line with the ideology’. Turkey’s Kemalists see women who observe the hijab as barbarous and Iran’s fundamentalists consider women who do not observe the hijab or who do so improperly as barbarous. But is barbarity anything other than a State that drives its citizens in a direction that they do not want to go by brute force and makes them wear clothes that they do not want to wear? We must accept human beings’ right to choose their own customs. Women must not be used as a means for achieving States and ideologies’ ends. Freedom and equality have to be accepted so that everyone can live their lives on the basis of their own understanding of the good. The modern individual is someone who creates him/herself as a work of art. Every work of art is different from every other work of art. Democracy means recognizing differences and the right to be different and to think differently.

Ich würde dennoch einen Unterschied zwischen dem Kopftuchverbot der Kemalisten und dem Haarzeigeverbot der Mullahs sehen wollen: Denn das erste – wie auch immer autoritär – eröffnet den Frauen (jedenfalls der Tendenz nach) alle gesellschaftliche Möglichkeiten, das zweite verschließt ihnen ganze Welten. Das erste definiert die Frau als gleichrangig (jedenfalls ideell), das zweite definiert sie als das ganz andere, den Männern untergeordnete und zweitrangige Wesen.

Trotzdem: Gandschi hat wieder den Nerv getroffen.

Leser-Kommentare
  1. 9.

    @ Boccanegra

    Klar, liberalisieren wir alles!
    Schaffen wir das Alkoholverbot für unter 18jährige ab, damit sich 10jährige mit süssem Eierlikör oder Apfelschnaps besaufen können.
    Diskutieren wir nicht mehr über Werbeverbote für Nikotinverbote, damit 10jährige weiter den coolen Marlboro-Mann mimen können.
    Legalisieren wir Drogen, damit sich verhaltensgestörte Jugendliche ihre Psychopharmaka gleich selbst besorgen können (wer Geld hat für Klingeltöne, der hat auch Geld für Ecstasy, zumal wenn die Preise in den Keller fallen).

    Die Voraussetzung, die ein Mensch besitzen muss, um frei entscheiden zu können, ist das Kriterium der geistigen Reife.
    Unser Justizsystem entspricht dem in Form der altersgestaffelten Geschäfts- und Straffähigkeit.
    Solange das nicht gewährt ist, entscheiden die Eltern für das Kind.

    Es gibt aber einen Unterschied zwischen der Verpflichtung von Eltern, ihre Kinder wettergerecht anzuziehen und zu ernähren, und einem seitens der Eltern verordneten Kopftuchverbot.
    Die Möglichkeit, dass sich ein Mensch frei entfalten kann, lässt sich nämlich sehr gut verhindern, indem man Kinder frühzeitig indoktriniert.
    Wenn ein Kind frühzeitig unter´s Kopftuch gezwungen wird, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es dieses nach einiger Zeit als Teil des eigenen Körpers empfindet, und damit als kaum verzichtbaren Teil der eigenen Identität.
    Und dass das Kopftuch eine isolationistische oder distanzierene Funktion hat, das steht wohl ausser Frage – denn darin liegt ja sein Sinn.
    Und genau das gefällt mir nicht.

    Was Sie uns als ein Plus an Freiheit und multikultureller Vielfalt verkaufen wollen, ist etwas zutiefst Illiberales.
    Elterliche Indoktrinationen kann man kaum über Gesetze verhindern, und deshalb sind die Regelungen in den Schulen umso wichtiger.
    Bekopftuchte Lehrerinnen geben ein eindeutiges Bekenntnis zu einer sehr zweifelhaften religiösen Auslegung ab, und in einem deutschen Klassenraum hat so etwas nichts verloren, da ist Neutralität gefordert.

    P.S.
    Dass ein Kopftuch vor zuviel Fernsehkonsum schützt, ist mir neu.

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    • 19. Mai 2007 um 09:38 Uhr
    • iceman
  2. 10.

    @Boccanegra:

    Die Entscheidung zum Tragen des Kopftuches v.a. durch junge muslimische Frauen und Mädchen ist in europäischen Gesellschaften eher das Ergebnis sozialen Drucks als das Ergebnis freier Entscheidungen. Es gibt dazu Umfragen u.a. aus Frankreich, die das belegen.

    Islamisten propagieren das Tragen des Kopftuches, um eine Integration von Muslimen zu erschweren und sichtbare Zeichen des Dominanzanspruchs ihrer Weltanschauung über Muslime zu schaffen. Das Kopftuch negiert individuelle Verantwortung (die Frau ist für die sexuelle Selbstbeherrschung des Mannes verantwortlich) und negiert die Individualität der Frau (ihr werden individuelle Merkmale verweigert). Das Kopftuch steht somit für eine Weltanschuung, welche die Grundlagen der freiheitlich-säkularen Demokratie angreift.

    Um muslimischen Frauen zu helfen, dem von Islamisten ausgeübtem sozialen und teilweise auch gewalttätigen Druck zu widerstehen, und um die Ausbreitung von Symbolen zu verhindern, die für gegnerische Weltanschauungen stehen, ist Regulierung angebracht.

    In öffentlichen Schulen und im öffentlichen Dienst ist das Tragen dieses politischen Symbols so zu verbieten wie das Tragen anderer Sybole extremistischer Ideologien. Auf Passphotos, vor Gericht etc. ebenfalls. Im privaten Berich würde eine gesetzliche Regulierung jedoch nicht greifen.

    Hier kann die Zivilgesellschaft ansetzen: So wie rechtsradikale Symbole gesellschaftlich geächtet werden, muß das Kopftuch als Symbol für eine gegnerische und rückständige Weltsicht geächtet werden. Das Kopftuch steht für Ignoranz, Unfreiheit, Leugnung von Individualität und die Moral des Mittelalters.

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    • 19. Mai 2007 um 10:13 Uhr
    • Wachtmeister
  3. 11.

    @ iceman

    Ob Sie wollen oder nicht, es wird die Kombination Kopftuch und muslimische Lehrerin an Schulen in Deutschland geben.

    Wenn der Staat weiterhin das Koptuch als politisches Symbol ansieht ist das nicht so tragisch. Wir Muslime eröffnen unsere eigenen Schulen. Basta!

    Es lebe die Parallelgesellschaft. Der Staat will es ja nicht anders. Österreich, die Niederlande und auch GB zeigen, dass es auch anders gehen kann.

    Wettern Sie nur gegen das Kopftuch. Es wird Ihnen nichts nützen.

    Schönes Wochenende

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    • 19. Mai 2007 um 10:15 Uhr
    • mc
  4. 12.

    @wachtmeister

    Bla Bla Bla oder auf arabisch: kalaam fadii, leeres Gerede.
    Gottseidank hört auf Ihre wirren Ideen niemand. Verbieten als Lösung, na toll.
    Dann müsste man aber auch gleich das Kreuz aus deutschen Schulzimmern entfernen. Man könnte es auch als Symbol des blutigen christlichen Terrors bei der Eroberung Südamerikas ansehen.

    Was wollen Sie denn als nächstes verbieten? Das Tragen eines Bartes, das Verwenden muslimiscer Namen, das Bauen von Moscheen?

    Antworten

    • 19. Mai 2007 um 10:21 Uhr
    • mc
  5. 13.

    @mc
    “Ob Sie wollen oder nicht, es wird die Kombination Kopftuch und muslimische Lehrerin an Schulen in Deutschland geben.”

    Die Mehrheit der Muslime sind Gäste und Deutschland und sollten etwas mehr Respekt vor dieser Gesellschaft zeigen, wenn sie selbst respektiert werden wollen. Was sie beschreiben, klingt nach Kolonialismus und nicht nach Integrationswillen. Muslime sind als Bürger willkommen, nicht jedoch als Siedler.

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    • 19. Mai 2007 um 10:23 Uhr
    • Wachtmeister
  6. 14.

    @ mc
    Wenn der Staat weiterhin das Koptuch als politisches Symbol ansieht ist das nicht so tragisch. Wir Muslime eröffnen unsere eigenen Schulen. Basta!

    Diese Bemerkung macht ironischerweise klar, dass das Kopftuch auch für Sie ein politisches Symbol ist. Und sie zeigt sehr deutlich, dass Sie die Gesetze des Staates in dem Sie leben weder kennen noch anerkennen.

    Gut, dass Sie endlich Farbe bekennen. Besser hätte ich selbst es nicht sagen können, warum ich Leute wie Sie in meinem Land (sic!) nicht haben möchte.

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    • 19. Mai 2007 um 10:26 Uhr
    • pluckerwanck
  7. 15.

    Das ist auch mwein Land. Ich komme zwar aus der Deutschen Demokratischen Republik, aber der ganze Laden wurde ja von den arroganten Wessis mehr schlecht als recht übernommen. Das Grundgesetz der BRD garantiert religiöse Rechte.
    Wo sind Ihre Forderungen an die Muslime, doch endlich die Menschenrechte anzuerkennen, vor dem Hintergrund der freien Ausübung einer Religion zu verorten.

    Aber für Sie ist der ISLAM ja eh keine Religion, sondern eine Ideologie. Von daher macht es ja eh keinen Sinn mit Ihnen zu debattieren.

    Das was im IRAN mit dem Kopftuch gemacht wird, wollen Sie hier auch. Nur umgekehrt. Daher sitzen Sie, könnte man meinen, mit den MULLAHS im Boot. Nur eben entgegengesetzt.

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    • 19. Mai 2007 um 10:39 Uhr
    • mc
  8. 16.

    Lieber Parallelgesellschaft als Diktatur und Terror gegen Muslime!

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    • 19. Mai 2007 um 10:42 Uhr
    • mc
  9. Kommentar zum Thema

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