Richard Rorty ist tot

Richard Rorty, 1931-2007
Der grosse Philosoph Richard Rorty ist tot. (Hier ein Zitat, das zu den Diskussionen auf diesem Blog passt.)
Aus: Achieving our Country
“Nationalstolz ist für ein Land dasselbe wie Selbstachtung für den einzelnen: eine notwendige Bedingung der Selbstvervollkommnung. Zuviel Nationalstolz kann Aggressivität und Imperialismus erzeugen, genau wie übermäßiges Selbstgefühl zu Überheblichkeit führen kann. Doch zuwenig Selbstachtung kann den einzelnen daran hindern, moralischen Mut zu zeigen, und ebenso kann mangelnder Nationalstolz eine energische und wirkungsvolle Diskussion über die nationale Politik vereiteln.
Eine Gefühlsbindung an das eigene Land – daß Abschnitte seiner Geschichte und die heutige Politik intensive Gefühle der Scham oder glühenden Stolz hervorrufen – ist notwendig, wenn das politische Denken phantasievoll und fruchtbar sein soll. Und dazu kommt es wohl nur, wenn der Stolz die Scham überwiegt [...] Wer eine Nation dazu bringen möchte, sich anzustrengen, muß ihr vorhalten, worauf sie stolz sein kann und wessen sie sich schämen sollte. Er muß etwas Anfeuerndes über Episoden und Figuren aus ihrer Vergangenheit sagen, denen sie treu bleiben sollte. Einer Nation müssen Künstler und Intellektuelle Bilder und Geschichten über ihre Vergangenheit erschaffen. Der Wettbewerb um politische Führungspositionen ist zum Teil ein Wettbewerb zwischen verschiedenen Vorstellungen von der Identität der Nation und verschiedenen Symbolen ihrer Größe.”
Ich habe hier versucht, das mit unseren Leitkultur-Debatten zu verbinden.
@Christoph Leusch
Die meisten ehemaligen Linken der 1960/70er Jahre haben sich angepasst, ihre Ideen wenn überhaupt, dann höchstens in Ihrem unmittelbaren Umfeld verwirklicht.
Bildung für Alle gab es auch schon vor hundert Jahren; selbst ein Bauernjunge vom Lande wurde nicht übersehen wenn er herausragende Fähigkeiten besaß. Zudem war es zu jener Zeit auch durchaus möglich, Dinge zu bewegen ohne Abitur oder Diplom.
Das Maß an Bildung mündet nicht linear ansteigend in ein besseres Gesellschaftssystem. Bereits jenseits der Elementarbereiches Rechnen, Schreiben, Lesen als Kommunikationsträger kann man Art und Weise der Bildung hinterfragen. Was soll der Mensch lernen? Ab wann sollen spezielle Fähigkeiten individuell gefördert werde? Ab wann entscheidet man für sich selbst, ob man mehr sein Gehirn oder seine Extremitäten nutzt, um sich zu verwirklichen? Alle diese Fragen werden immer nur im Einklang mit der jeweiligen gesellschaftlichen Situation beantwortet werden können – und die ändert sich ständig. Daher sind Bildungsideale der 1960/70er Jahre veraltet, und die heutigen werden vielleicht schon in 10 Jahren veraltet sein.
Heute kann jeder, der etwas zu einem Thema wissen will, in windeseile Information aus dem web erhalten. Es wäre daher vernünftig, (Schul)Bildung zu vermitteln, die den Umgang mit einer riesenhaften Flut von Information lehrt. Daran hat vor 5 Jahren noch keiner gedacht, geschweige denn vor 40 Jahren.
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>>Der Verlust des Anspruchs „Kultur für Alle, Bildung für Alle“, einst Markenzeichen linker Politik, geht über den skandalösen Rückschnitt deutscher Auslandsinstitute weit hinaus.<< Leusch.
Zustimmung in diesem Punkt! Die Sozis tun zu wenig, obwohl sie immer Gelder für Bildung fordern.
Aber Lau sieht das m.E. etwas gelassener und ironischer als Sie, meine ich jedenfalls. Gerade über den wagnerischen Liebesbrief aus der Seele eines koksenden Eichendorffs entsprungen musste ich lachen. Und so sagt er am Schluss mit dem Wink nach coolness: “Unser Selbstvervollkommnungspatriotismus muß Leit- mit Streitkultur verbinden und Selbstbewußtsein mit Ironie.”
Sic! Denn Ihre, Herr Leusch, hochintellektualisierte Analyse versteht keiner, der mit diesen Intellektualismen nicht vertraut ist. Aber Laus Ansatz, erst mal aufräumen, alles über Bord werfen und mit Witz und Charme, gewürzt mit einer guten Brise Ernst, dem Streit, an das Thema “Leitkultur neu rangehen, könnte die nationale Identität zu einer europäischen ausweiten und vielleicht auch noch weiter … bis zur Authentizität des einzelnen einerseits und zur selbstbewussten und autonomen Regierung andererseits. Autorisiert und sanktioniert vom Meister jenseits des Teichs.
Diesen Emanzipationsprozess hat Schröder, die Sozialdemokratie,
Prozess auch unter Merkel weiterführen kann.
Jedenfalls bekämen wir so – hoffentlich – keine neuen -ismen …
Wie wäre es denn, Herr Leusch, mal ohne neue Forderungen nach neuen Regeln und Grenzen schließlich doch zu neuen Denkansätzen und weniger zu neuer Identität mit Volk und Vaterland als vielmehr zum authentischen Menschen als Teil der Menschheit zu kommen?
Rorty bekam u.a. den Meister Eckehard-Preis. Und für Meister Eckehard war immer das Ganze im Vordergrund gestanden. Seine Erkenntnis “ohne mich wäre Gott nicht”, welche dem Energieerhaltungssatz Heisenbergs (oder Schröders?) entspricht – also wenn auch nur ein einziges Atomteilchen fehlte, bräche die gesamte Welt zusammen – verärgerte die Kirche und er wurde exkommuniziert.
Die Fähigkeit, global und rund und ganzheitlich zu denken, geht den meisten Intellektuellen leider ab. Etwas Mystik täte ihnen gut!
Jakob Böhmes Forderung, die Sprache müsse sinnlich sein, also sinnlich nachvollziebar sein für den anderen, versteht kaum einer heute. Die geistige Logik ist der intellektuellen Begrifflichkeitslogik gewichen. Die Sinnlichkeit möge zurückkehren ins Denken! Dann würde Identität auch wieder Spaß machen.
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Beim Streichen missraten, also: “Diesen Emanzipationsprozess hat Schröder, die Sozialdemokratie, begonnen und er scheint auch unter Merkel weitergeführt zu werden.”
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@tati, “Es wäre daher vernünftig, (Schul)Bildung zu vermitteln, die den Umgang mit einer riesenhaften Flut von Information lehrt. Daran hat vor 5 Jahren noch keiner gedacht, geschweige denn vor 40 Jahren.”
Genau das aber versteht man doch heute unter Bildung: lernen zu lernen. Vom Auswendiglernen hat man sich längst schon abgewendet. Und Bildung zu vernachlässigen, nur weil sich die Systeme wegen immer größer werdender Anforderungen ändern, scheint zwar logisch, aber nur auf der Begriffsebene. Auf der Sinnebene ist es – naja, jedenfalls nicht sinnvoll ..
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ad Kommentar von tati | 11.06.2007 | 7:59
Werte(r) Tati,
Ihre Bemerkungen zur Bildung sind nicht falsch. Tatsächlich konnte ein herausragend begabter Bauernjunge, seit dem Ende der Feudalzeit, unter Umständen von Pastoren, Landesherren und aufmerksamen Provinzialbeamten entdeckt und gefördert werden.
Jedoch ist Intelligenz und kognitive Fähigkeit weiter unter Menschen verbreitet, als dass wir uns erlauben könnten, aus dem Bauernstande nur Einen von Hundert, oder bis nach dem letzten Kriege, 4 von 100 zu einer höheren Bildung zu bringen.
Die Öffnung der Bildungseinrichtungen in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts brachte dann eine Ausweitung der Bildungschancen, parallel mit den Erfordernissen der Technik- und Dienstleistungsgesellschaft. In diesem Bereich haben mittlerweile andere europäische Länder die Führung übernommen.
Auch die Inhalte der Bildung sollten damals genau in ihrem Sinne
reformiert und weiterentwickelt werden. Stichpunkte und Schlagworte: Soziales Lernen (Gesprächskreis,Diskussion, Gemeinschaftsreferate, musische und künstlerische Betätigung, Theater, Schülerzeitungen, Praktika in Betrieben und Werksbesichtigungen,…), selber Machen, anstatt zu Konsumieren,
das Lernen lernen, wissen, wo Wissen zu finden ist, Kultur für Alle (die Jugend- und Kulturzentren der Bundesrepublik hatten hier ihre
Gründungsphase, der Museumsboom begann, mit freiem Eintritt, erstmals gab es Museumspädagogik, Volkshochschulen wurden ausgebaut.), Kritikfähigkeit, d.h. mediale Angebote auf Sachinhalte und Glaubwürdigkeit hin untersuchen, um eben nicht im Riesenangebot an Informationen unterzugehen. – Ein Vorwurf der bisher allerdings nicht hinreichend entkräftet werden konnte: Wer so viel Methoden-und Verfahrenswissen ansammelt, dessen Kopf bleibt vom Material, auf das er es anwenden könnte vielleicht zu sehr verschont. Also sollten wir das Auswendiglernen nicht verteufeln.
Um wieviel mehr gilt das für unsere Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Die Grundforderung muss also
lauten, so bald wie möglich, die Bildungschancen dort zu verbessern und ganz allgemein, die Zahl der Schüler in weiterführenden Bildungseinrichtungen zu steigern.
Die OECD und die UNO rügen an unserem Schulsystem die frühe Selektion, die Dreigliedrigkeit und die mangelnde soziale Durchlässigkeit, sie loben ausdrücklich unsere dualen Ausbildungsangebote.
Übrigens bieten fortschrittliche Modellschulen, schon heute, neben der allgemeinbildenden Schule, eine Lehre oder zumindest eine grundpraktische Ausbildung in verschiedenen Gewerken.
Grüße
C. Leusch
ad Kommentar von Lebeding | 11.06.2007 | 8:04
Lieber Lebeding,
Wie wäre es mit einer “durch Sinnlichkeit affizierten Vernunft” als Grundmaß für Bildung und Erziehung. Ich habe mich mit dieser
Formel aus Weimar und Jena immer wohl gefühlt.
Ansonsten gebe ich ihnen Recht, denn Herrn Wagners Herzensergießungen im Geiste der Romantik sind wahrlich drollig.
Mit meiner Sprache hadere ich selbst und nehme auch gerne an, wenn Sie das als zu sehr “Intellektualismen” verhaftet kritisieren.
- Ich werde weiter üben.
Vor einer “Leitkultur”, sei sie auch noch so neu und vorgeblich vorurteilsfrei, hätte ich gehörig Manschetten. Erlauben Sie mir, im Zusammenhang mit dem hier vorgestellten “Neuen Patriotismus”, auf des Deutschen Vorliebe für Verwaltung, Aktenordner und
folierte, witterungs- und kaffeeresistente Verordnungen hinzuweisen.
Vielleicht findet Herr Lau ja noch Gelegenheit, im Zusammenhang
mit einem ausführlicheren Nachdenken zur Person und dem Werk
Rortys, zu dieser Frage mehr zu sagen, als im o.g. Link.
Grüße und guten Nachmittag
C. Leusch
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Lieber Herr Leusch, was Sie zu Bildung sagen, ist auf den Punkt gebracht.
Der Terminus “(mit einer durch)durch Sinnlichkeit affizierten Vernunft”, klingt gut. Aber “affiziert” bedeutet neben “reizen” auch “krankhaft verändert”. Und so gesehen habe ich wieder ein Problem, weil ich mich mit dem Hintergrund dieser Begrifflichkeit innerhalb der Soziologie oder Philosophie erst befassen müsste. Somit würde ich lieber sagen: eine mit Hilfe der Sinnlichkeit zu verändernde, zu beeinflussende Vernunft, so sie affiziert, also stockend oder sich selbst beschränkend ist.
D.h., wenn eine Vernunftsregelung auf der Begrifflichkeitsebene nichts fruchtet, muss man die Sinnlichkeit einsetzen, um weiter zu kommen mit dem Erkenntnis- und Kommunikationsprozess.
Wenn man einem also vom Apfel redet, den er nie geschmacket, so muss man ihn daran beißen lassen. Erst nachdem beide den Apfel geschmeckt haben, können sie über Sinnlichkeit und Erfahrung auch umfassend den Apfel besprechen, also das Objekt beschreiben. Wobei Böhme soweit geht, dass auch die Beschreibung des Objektes dann wieder dergestalt sinnlich sein solle, dass der andere gerade meinen könnte, er beiße selbst in den Apfel. Also: das ist schwierig umzusetzen.
Beispiel das Gespräch auf dem Ev. Kirchentag zwischen Merkel, Yunus u.a.
Merkel hatte Herrn Yunus sehr rational gefragt, ob man eher so oder eher so oder gar doch lieber besser so mit der 3. Welt/Afrika verfahren solle. Yunus antwortete, die Fragestellung an sich sei falsch, weil man mit der Entweder-oder-Strategie heute global nichts mehr bewirken könne. Nicht so oder so sei richtig, sondern das “so und was noch bezogen auf die Gegebenheiten”. Hinzu zu einem Konzept müsse kommen der Ansatz, am Ort selbst und an/mit den dortigen Menschen zu arbeiten. Also nach durch den Ort und die Fähigkeiten der Menschen gegebenen Fakten fragen, sie analysieren und daraus nach den möglichen Lösungen zu suchen. Vorgefasste Konzepte mögen in sich logisch sein, doch die Welt sieht viel zu komplex aus ….
Und das ist genau der Ansatz des Denkens. Man könnte auch sagen, die Europäer sind eher vom Logismus des Aristoteles “verführt” worden, denn von der Seins-Vision des Platon. Beide Prinzipien müssten miteinander heute denkend geeint werden.
Auf dieser Folie also müsste auch der Begriff “Leitkultur” untersucht werden. Da ich selbst aber mich frei fühlen möchte von jeglichem Patriotismus und Leitkultur-Definition, und es mir keinen Sinn macht, von was auch immer außer dem Sein geleitet zu werden, könnte mir selbst also nur eine solche Definition gefallen, die den Menschen als ganzes Wesen incl. seiner Herkunft sieht und ihm lediglich eine Richtung angibt, in die es gehen könnte, wenn man friedlich miteinander leben möchte. Wobei der Wille auf Zusammenleben maßgeblich wäre.
Aber mir würde es ausreichen, wenn jemand herginge und das Grundgesetz so (poetisch) umschreiben würde, dass es den Gedanken des Böhmeschen Postulats berücksichtigt, so dass auch ein Kenianer nach dem Lesen sagen kann: wow! das gefällt mir! Denn eine z.B. eine bayrische Oktoberfestmentalität oder der Geist einer Frohnleichnamsprozession ist auch mir unzugänglich und wäre gar eine Zumutung für mein Wesen heute; denn früher liebte ich allerdings beides mal….
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[...] und Zeitungen bereits erschienen, in der NYT, auf Marginal Revolution, Manfred Geier in der SZ, Jörg Lau in seinem Weblog, besonders informativ bei Marc von der Wissenswerkstatt, Christian Schlüter in [...]
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